2. Prozesstag am Di., 21.09.2010 - Neumann (Winnenden/Wendlingen/Tim)

Rechtlicher Hinweis:

Anonymisierungsangebot:


Jede der in diesem Artikel mit vollem Namen genannte Person, die eine Anonymisierung wünscht, möge sich bitte auf dem kurzen Dienstweg mit den Seitenbetreibern in Verbindung setzen.

Es handelt sich hierbei um Mitschriften eines öffentlichen Prozesses und einem entsprechenden öffentlichen Interesse an der Sache an sich.
Mit dem Anonymisierungsangebot erkennen wir jedoch an, dass wir evtl. Persönlichkeitsrechte als vorrangig behandeln und uns auch keinesfalls die im Prozess benannten Abläufe und Zitate zu eigen machen, sondern gerade eben die mögliche Unzulänglichkeit der dort getroffenen Aussagen ausstellen wollen.


Formalitäten


Es war ein Marathon-Tag von 09:30 bis 16:00 und es gibt sehr viel Material, daher lasse ich das Unwichtigere erstmal weg.

2 neue Nebenkläger kamen hinzu:

Frau Jessica Strobel mit RA Steinard (Schwester von Kristina)
und
Herr Marco Schill mit RA Heinz (Bruder von Chantal)


Tatjana Hahn verliest Erklärung an den Angeklagten


Zunächst bat Frau Tatjana Hahn ums Wort, da diese eine etwa 1,5 seitige Erklärung abgeben wollte, die sie an den Angeklagten richtete.

Zur Abkürzung ein Auszug aus einem Artikel, der genau den Inhalt widerspiegelt:


Zitat: Nur einer verfolgte alles äußerlich regungslos, mal mit geöffneten, mal mit geschlossenen Augen: der Angeklagte. K. reagierte nicht einmal sichtbar, als Tatjana H., die 19-jährige Schwester einer Getöteten, zum Auftakt des Prozesstags ihre bewegenden Worte sprach. Darin ging sie den Angeklagten direkt an: „Ich fühle mich überhaupt nicht ernst genommen.“ In den Erklärungen, die K.s Anwälte vorige Woche verlasen, sei er „als Opfer, nicht als Täter dargestellt“ worden. Sie warf ihm vor, auf „Mitleidstour“ zu machen. K.s Verteidiger hatten ausgeführt, er sei sehr krank und suizidgefährdet; K. äußerte sich nicht. „Das ist jedesmal ein Schlag ins Gesicht für uns“, sagte sie.

Die junge Frau hielt K. vor, „ein Massenmord in dieser Größe“ wäre nicht möglich gewesen, hätte er seine Waffe ordnungsgemäß aufbewahrt. „Ich spreche hier bewusst von Massenmord. Innerhalb von drei Minuten zwölf Menschen kaltblütig von hinten zu erschießen, zählt für mich nicht mehr als Totschlag oder Mord. Es gleicht einer Hinrichtung.“


Quelle:
fr-online.de


Zeuge KOK Neumann über die Ereignisse in Winnenden - ARS


Ab ca. 10 Uhr wurde dann der erste und für heute einzige Zeuge eingeführt:

Es handelte sich dabei um den 42jährigen KOK Thomas Neumann von der Polizeidirektion Waiblingen. Neumann war als Hauptsachbearbeiter für den 400seitigen Ermittlungsbericht verantwortlich, den er zusammen mit einem KOK Adrian Mann von der Landespolizeidirektion Baden-Württemberg erstellt hatte. Auf dem Schreibtisch von Neumann waren somit alle Erkenntnisse und Ergebnisse zusammengelaufen, die von der Polizei ermittelt worden waren.

Mein persönlicher Eindruck von dem Zeugen:

Herr Neumann wirkte von Beginn an äußerst ermattet, teilweise abwesend und desillusioniert. Ich hatte manchmal den Eindruck er sei verzweifelt.
Ein scharfes Kreuzverhör von den richtigen Leuten mit den richtigen Fragen hätte er m.E. nicht überstanden. Zu unsicher wirkte er bei vielen Fragen, die er erst nach langem Studium der Akten (die vor ihm lagen) oder auf Vorhalt des Richters beantworten konnte.

Der Ermittlungsbericht ist offenbar sehr umfassend, so dass der Zeuge heute nur zu Teilaspekten befragt wurde.

Die Kammer ließ ihn seinen Vortrag teils selbst strukturieren, teils fragte sie einige Themengebiete ab.

Am 11.03. befand sich der Zeuge auf einer Dienstversammlung, als um 9:45 die Meldung des Amoklaufs ihn erreichte. Zunächst hatte er dann Koordinierungsarbeiten im Büro verrichtet und gegen 11 Uhr den Tatort aufgesucht, später war er wieder auf der Dienststelle.
Sein Ermittlungsbericht wurde Ende 2008/2009 abgeschlossen und ist 400 Seiten stark.

Zunächst gab der Zeuge einen Überblick über die Geschehnisse in Winnenden an der ARS.

Meine Zusammenfassung:

Zitat:

Die erste polizeiliche Meldung erhielten wir um 09:33:57 (Notruf) von einem Schüler der Klasse 9c namens Robin Kalb.
Er gab an, ein Mann würde mit einer Pistole im Klassenzimmer um sich schiessen und es gäbe 2 Verletzte.
Die Meldung ging sofort über Funk nach Winnenden aufs Revier. Von dort wurde sofort ein Interventionsteam losgeschickt, bestehend aus den 3 Beamten Obermüller, Wolf und Schnepf.
Wir gehen davon aus, dass die Streifenbeamten gegen 09:38 zügig den Eingang betraten, wobei von den Beamten noch Schüsse wahrgenommen wurden. An der Treppe zum OG sahen sie kurz Kopf und Oberkörper des Täters, der sofort einmal auf die Beamten feuerte.
Das Geschoss durchschlug das Glas der Eingangstüre.
Die Beamten gingen sofort ins OG, konnten dort jedoch keine Person antreffen, die als Täter in Frage kam. Die Beamten hörten noch 2 weitere Schüsse und fanden anschließend 2 Personen tot im Flur des OG vor Raum 305. Daraufhin hatten die Beamten noch in mehrere Zimmer geschaut, hatten aber keinen Täterkontakt mehr.

Dann kam eine Funkmeldung: Schüsse im ZfP. Daraufhin haben die Beamten das Gebäude verlassen. Inzwischen war ein 2. Streifenwagen eingetroffen, ca. 09.44, der sofort dorthin verlegt wurde.

Es wurden zwischen 09:34 und 09:41 13 weitere Notrufe aufgezeichnet, auf denen teilweise Schüsse, Schreie, Panik oder nur Hintergrundgeräusche zu hören waren. Die Rettungsleitstelle erhielt 8 Notrufe.

Das 2. Streifenteam ging sofort ins ZfP. Es waren bereits mehrere Personen am Ententeich versammelt, die erste Hilfe leisteten. Zeugen sagten aus, der Täter sei Richtung Haupteingang/Pforte geflüchtet.
Dort war jedoch keine Spur von diesem mehr zu finden. Das dürfte um 09:50 gewesen sein. Diese erste Einsatzphase war eine chaotische Phase.

Die ersten Maßnahmen wurden von der Revierleitung Winnenden geleitet.
Es kamen schnell sehr viele Kräfte, Rettungshelfer, Rettungskräfte hinzu.
Die PD Waiblingen richtete eine Aufbauorganisation unter Leitung des Herrn Michelfelder ein. Sodann wurden verschiedene Einsatzabschnitte eingeteilt……insgesamt waren über 800 Beamte im Einsatz.
Die ARS wurde mehrfach durchsucht, da nicht bekannt war, ob sich noch ein weiterer Täter im Gebäude aufhalten könnte. Schließlich wurde sie evakuiert und nochmals durchsucht.
Auch für die weiteren Bildungszentren wurden Massnahmen getroffen.
Diese wurden umstellt.
Im Gelände des ZfP wurden Sicherungs-/Durchsuchungsmassnahmen durch das SEK durchgeführt.
Der Täter war flüchtig vermutlich Richtung Innenstadt. Es wurde eine Fahndung ausgelöst und über Funk an alle Dienststellen im Großraum Stuttgart ausgegeben.

Uns lagen viele verschiedene Täterbeschreibungen vor, jedoch war der Täter unmaskiert. Er hat also nichts unternommen, um seine Identität zu verbergen.
Zu den verschiedenen Beschreibungen:
Dies betraf hauptsächlich die unterschiedliche Kleidung:
graues Oberteil, Jeans, 175-180, normale Figur, dunkelblond. Brille, graue Jacke, helle Jeans, jugendlicher Schüler, khaki Cordhose, dunkelgrauer Pulli,
190 cm, Kinnbart - das waren alles sehr unterschiedliche Beschreibungen…

Im Zuge der Fahndung wurden gegen 10:00 flüchtende Schüler befragt
Hier bekamen wir die ersten Hinweise, dass Tim K. der Täter war.
Um 10:06 wurde der Name des Täters dann das 1. Mal polizeilich genannt.

KOK Neumann gab leider nicht an, von wem, wo und aufgrund welcher Umstände und Merkmale der Täter als Tim K. identifiziert worden wäre.

Weiter mit dem Zeugen KOK Neumann um 11:15:

Zitat :

Die Betreuungsmassnahmen erfolgten eigenständig getrennt von den Ermittlungen, um objektiv weiter ermitteln zu können.
Die Sporthalle wurde als Sammelstelle eingesetzt und alle Schüler dorthin evakuiert.
Es wurde eine Befehlsstelle in der Hermann-Schwab-Halle eingerichtet als zentrale Anlaufstelle.
Dort waren 70 Psychologen eingesetzt.
Die Betreuung des Igor Wolf erfolgte zunächst durch die PD Esslingen. Herr Wolf wünschte jedoch dann von dort keine weitere Betreuung mehr und wendete sich an den weißen Ring.
Für die Schüler standen LKA-Einsatzpsychologen zur Verfügung.
Die Betreuung der Fam. Kretschmer erfolgte durch das DRK.
Es sind auch Polizeibeamte und die Opferangehörigen durch den Betreuungsdienst betreut worden.


Richter :

Zitat : In dieser Hermann-Schwab-Halle waren dann also unterschiedliche Kräfte eingesetzt?


Zeuge :

Zitat : Ja.

Noch am 11.03.09 wurde eine gemeinsame Ermittlungsgruppe Stuttgart/Waiblingen/Esslingen eingesetzt unter der Leitung von Herrn Kriminalrat Ulrich Gruber.
Der Abschnitt Wendlingen wurde eigenständig durch die PD Esslingen bearbeitet.
Als Hauptsachbearbeiter wurden KOK Mann und KOK Neumann eingesetzt für die Bereiche:
Ermittlungen zur Tat, Motiv, Tatplanung, Rekonstruktion, Herkunft Tatmaterial, Täter, Mittäter, Mitwisser, Ankündigung, Umfeld
Es sind viele Hinweise eingegangen und wurden alle abgearbeitet.
Diese Nebenakte ist bei der Polizei verblieben.


Zeuge KOK Neumann über die Ereignisse in Wendlingen


Der Zeuge führt nun zum Tatkomplex Wendlingen aus:

Zitat :

Im Rahmen der überregionalen Fahndung hatte die PD Esslingen eine Kontrollstelle an der Auffahrt BAB 8 Ri. Karlsruhe bei Wendlingen eingerichtet.
Kurz nach 12 wurde von dort von einer Geiselnahme berichtet, ein Autofahrer sei aus einem rollenden Fahrzeug geflüchtet.
Das Fahrzeug wurde mit eingegrabenen Rädern aufgefunden, vom Täter fehlte jede Spur.
Dieser war offensichtlich zu Fuß geflüchtet.
Es wurde sofort eine gezielte Fahndung eingeleitet.
Gegen 12:12 hatte eine Streife im dortigen Industriegebiet den ersten Täterkontakt.
PHK Rehm und PHK Schäfer entdeckten vor dem Haupteingang des Autohauses Hahn eine Person, auf die die Täterbeschreibung zutraf.
Sie stellten ihr Fahrzeug in einer Einmündung ab.
Beim Verlassen ihres Fahrzeuges wurden die Beamten sofort von dieser Person beschossen.
Der Kollege Schäfer konnte hinter einen Busch bei einer Hausecke flüchten.
PHK Rehm ging hinter dem Streifenwagen in Deckung und hat das Feuer erwidert.
PHK Rehm muss Tim K. dann durch Schüsse an den Beinen verletzt haben.
Der Täter war daraufhin zusammengesackt und hat sich hingesetzt.
Der Täter war ca. 70 m vom Streifenwagen entfernt.
Der Täter legte die Waffe ab.
Als Herr Rehm sich dem Täter näherte, griff dieser wieder zur Pistole und feuerte erneut auf den Beamten.
PHK Rehm konnte wieder hinter seinen Dienstwagen flüchten und gab dabei erneut Schüsse auf den Täter ab.
Es herrschte zu dieser Zeit ein reger Fahrzeug- und Passantenverkehr, so dass eine Gefährdung anderer Verkehrsbeteiligter vorlag.
Der Schusswechsel wurde von einer dort befindlichen Gebäudekamera aufgezeichnet.
Es ist darauf jedoch nur PHK Rehm zu sehen.
Es wurden sofort Kräfte und Spezialeinheiten nach Wendlingen verlegt.
Der 2. Täterkontakt fand dann im Autohaus statt, durch den dort angestellten Herrn Daniel Merz.
Der Täter verlangte von diesem Autoschlüssel und forderte jemanden, der ein Fahrzeug fahren kann.


R:
Zitat : Jemanden der ein Fahrzeug fahren kann?


Z :
Zitat : Ja.
Danach gab er sofort mehrere Schüsse auf einen Kundenberater und dessen Kunden ab.
Weiteren Beratern und Kunden gelang während eines Magazinwechsels die Flucht aus dem Hinterausgang.
Dann muss ein Streifenfahrzeug vor dem Haupteingang vorgefahren sein.
Der Täter gab sofort 12 Schüsse auf dieses Fahrzeug ab. Die Beamten flüchteten hinter das Fahrzeug.
Der Täter flüchtete durch den Hinterausgang und ging dann auf dem dortigen Hof umher.
Danach begab er sich auf den angrenzenden Hof der Fa. Aluminium Ritter und feuerte dort auf Personen, die dort die Türen verschlossen.
Inzwischen trafen weitere Kräfte ein u.a. ein Zivilfahrzeug, besetzt mit den Beamten B. und Geiger, sowie Metz auf dem Rücksitz.
Der Täter verletzte die Beamten B. und Geiger mit einem Schuss schwer.
Danach beging der Täter auf dem Parkplatz der Fa. Ritter Selbstmord.
Dies wurde von Zeugen beobachtet und sogar gefilmt.


Fragen an den Zeugen


R:
Machen wir hier eine Zäsur. Fragen?


RA Krächel:
Woher wußten Sie, dass der Vater, Jörg K., im Besitz von Waffen ist?


Z:
Wir haben die Fam. K. bei der zuständigen Behörde des Rems-Murr-Kreises überprüft.


RA Krächel:
Haben Sie bei der Haussuchung dem Jörg K. vorgehalten, dass die Beretta die Tatwaffe war?


Z:
Zu diesem Zeitpunkt war noch keine Tatwaffe bekannt.


RA Krächel:
Was wurde vor Ort von Jörg K. bezüglich der Waffe gesagt?
Jörg K. hatte den 1. Beamten vor Ort ja mitgeteilt, dass Tim die Kombination des Tresors nicht bekannt gewesen sei.


An dieser Stelle melden die Verteidiger von Jörg K. Bedenken gegen die Verwertbarkeit jener Äußerungen an und es beginnt eine Kontroverse darüber.
Der R. beschließt, dies zurückzustellen und den originalen Vernehmungsbeamten Stimpfle abzuwarten.


RA Rabe:
Haben Sie Erkenntnisse darüber, was vor Ort geäußert wurde, die nicht in Vernehmungen von Jörg K. gewonnen wurden?


Z:
Da muss ich nachsehen.


Der Zeuge KOK Neumann schaute lange in seine Akten.


RA Rabe:
Welche Beamte könnten Kenntnisse darüber haben?


Z:
Es gibt hier einen MEK-Beamten mit Nummer.


R:
Ist diese Person namentlich bezeichnet?


Z:
Da bin ich mir nicht sicher.


R. weißt daraufhin, dass es durchaus möglich wäre, die Beamten, die vor Ort waren, laden zu lassen und zu Spontanäußerungen des Jörg K. zu vernehmen.


RA Gorka:
Es waren also 2 Beamte beim 1. Täterkontakt?


Z:
Ja.


RA Gorka:
Und der Täter wurde bei diesem Schusswechsel verletzt?


Z:
Wir gehen momentan davon aus, weil entsprechende Wunden beim Täter vorgefunden wurden.


RA Gorka:
Wurde der Täter später nochmals getroffen?


Z:
Durch die Polizei wurde der Täter danach nicht mehr verletzt.


RA Gorka:
Es gibt da diesen Videoclip, wo man sieht, dass der Täter später niedergeschossen wird.


R:
Haben Sie dieses Video gesehen?


Z:
Ich habe es kurz gesehen, aber ich habe das vollständige Video gesehen, wo man den Suizid sieht.


NK Just sen., vorwurfsvoll:
Warum konnte ich erst am Freitag durch ein Bestattungsunternehmen erfahren, wo die Leiche meines Bruders ist?
Ich habe mehrmals angerufen, auch bei Ihnen, bekam jedoch keine Auskunft.


Z:
Am 11/3/ ging es bei uns in Waiblingen drunter und drüber, es herrschte Chaos.
Ich habe ihre Anfrage an das Betreuungsteam weitergegeben, doch offensichtlich war dieses auch an der Belastungsgrenze angelangt.


Just:
Wurde Ihnen im ZfP erzählt, mein Bruder habe keine Angehörigen?
Bestand darin der Grund für die Verzögerung?


Z:
Das kann ich nicht beantworten. Dazu müsste man den Beamten fragen, der die Ermittlungen hierzu geführt hat.


NK Tatjana Hahn:
Weshalb haben wir als Angehörige am 11.3. erst zwischen 16.30 und 17 Uhr die Todesnachricht erhalten? Wieso hat das so lange gedauert?


Z:
Das kann ich nicht beantworten, denn die Betreuung war ein selbständiger Abschnitt.
Jedoch mussten auch in den Krankenhäusern erst eindeutig die Identitäten der Opfer festgestellt werden. Man wollte sicher gehen. Das dauert eben seine Zeit.


Verteidigung:
Wer hatte die Betreuung der Fam. K. organisiert?


Z:
Moment. Ich muss nachsehen.
Zunächst wurde eine polizeiliche Betreuung angefordert, doch das Team war überlastet mit der Betreuung der Opferangehörigen. Die Betreuung wurde dann durch das DRK durchgeführt.


Verteidigung:
Wer hat das abgesprochen?


Z:
Das kam von der Führung.


R:
Zu finden auf Blatt 69 – gegen 19 Uhr, eine Frau Kull.


Z:
Richtig.


Gorka:
Nochmal zu Wendlingen:
Der Täter hat also die Waffe abgelegt. Gibt es dazu nähere Erkenntnisse? Wie lange? Wie weit weg lag die Waffe? Wurde eine Sicherung der Waffe durchgeführt?


Z:
Die Entfernung zum Täter betrug ca. 70 m.


Gorka:
Das haben Sie falsch verstanden, ich fragte, wie weit die Waffe vom Täter weg lag?


Z:
Das kann ich nicht beantworten. Dazu müsste man den Herrn Rehm befragen.


Gorka:
Ist Ihnen etwas von Sicherungsmaßnahmen bekannt?
Waren da weitere Beamte vor Ort oder nur der Herr Rehm?


Z:
Zu diesem Zeitpunkt konnte ja keine Sicherstellung der Waffe erfolgen, weil der Täter damit ins Autohaus ist. Später gab es natürlich eine Tatortsicherung.


Gorka:
Tim legte also die Pistole zunächst ab?


Z:
So geht es aus den Akten hervor, das ist meine Kenntnis.


Gorka:
Also keine Sicherungsmaßnahme der Waffe?


Z:
Uns nicht bekannt. Herr Rehm machte sich auf den Weg als die Waffe auf dem Boden lag, dann hat der Täter die Waffe wieder ergriffen. Herr Rehm musste sich dann wieder in Sicherheit bringen.


Gorka:
Wer hat die Waffe asserviert?


Z:
Dazu müsste man die Kriminaltechnik befragen. Der Kollege Lottmann hat das bearbeitet.


(Zeuge kommt am 07.10. um 14 Uhr)


Gorka:
Die Zeugen für den Suizid, sind das Polizeizeugen oder auch andere Personen?


Z:
Das sind Arbeiter der Fa. und eingesetzte Kräfte, ein Arbeiter hat ein Handyvideo gemacht.


Gorka:
Dann hätten wir jetzt gerne die Namen dieser Zeugen.


Zeuge KOK Neumann wirkt verunsichert. Er schaut in den Akten nach, lange, man kann eine Stecknadel fallen hören im Saal.
Ca. 2 Minuten Suche – nichts.


Der R. befreit ihn aus der unangenehmen Situation und stellt fest, dass der Ermittlungsbeamte Lottmann, der ja noch geladen ist, diese Fragen besser beantworten kann.
Er verweist dazu auch auf Fr. Peterhans vom LKA mit ihrer 3D-Videorekonstruktion und dass man jetzt nicht alle Handlungsabläufe in allen Einzelheiten darstellen muss.


RA Gorka:
Um 12:51 kam also die Meldung, der Täter sei tot. Kam das über Funk? Und wie gesichert war diese Meldung?


Z:
Das kam über Funk und war nicht gesichert. Das wird wohl der Notarzt später festgestellt haben.


RA Gorka:
Ist die angesprochene DPD-Kamera mit Ton?


Z:
Nein, nur Video.


RA Gorka:
Haben Sie dieses Video gesehen?


Z:
Nur teilweise, aber wegen Sichthindernissen sieht man dort nur die Handlungen des Herrn Rehm.


RA Gorka:
Wie lang ist dieses Video?


Z:
Da muss ich nachsehen.


Der Zeuge gibt sekundiös die Aufzeichnungen der Kamera wieder, die auch Schattauer auf S.98/99 seines Buches angibt.


RA Gorka:
Nochmals zu Herrn Rehm: Dieser hat auf den Täter geschossen und der Täter legte die Waffe danach ab. Wo findet sich dessen Zeugenvernehmung?


Z:
In der Akte der Polizei Esslingen, Vernehmung Rehm.


RA Gorka:
Gibt es dazu einen Abschlussbericht?


Z:
Ja, von Herrn Lottmann.


RA Gorka:
Schildern Sie bitte die Beschreibung der Situation im Detail.


Irgendwer (STA?) erhebt hier Einspruch und verweist darauf, dann doch den Zeugen Rehm selbst zu laden.


RA Gorka:
Herr Neumann, erinnern Sie sich an die Aussage des Herrn Rehm bezügl. Entwaffnung, erhobene Hände?


Der Zeuge Neumann zitiert aus Bd. 5, Blatt 173:
Der Täter legte die Waffe direkt neben sich, rechts von sich, Richtung Strasse und nahm die Hände über den Kopf, dann kam ich aus meiner Deckung.

RA Gorka:
Befindet sich der Bericht des SEK bezügl. Hausdurchsuchung in der Akte?


Z:
Da ist ein Aktenvermerk in Bd. 8 dienstliche Äußerungen und Einsatz Wohnhaus Kretschmer.


R:
Es findet sich auch eine Abfrage des KK Siebold vom 11.03. um 11.25 an das Landratsamt Rems-Murr-Kreis bezügl. Waffenbesitz Kretschmer.


Rechtsanwältin ?:
(es ist schwierig die Fragenden zu identifizieren, da nicht immer deren Namen genannt werden).
Liegen Ihnen Erkenntnisse über den Gesundheitszustand des Herrn Wilhelm Otto Kretschmer vor?


R. weist auf das Zeugnisverweigerungrecht des Großvaters K. hin.
Der Großvater Tims soll an Demenz erkrankt sein. Die Frage ist, ob er heutzutage noch selbst entscheidungsfähig ist?


R:
Wir können in Betracht ziehen, den Großvater laden zu lassen.


Z:
Bei der Vernehmung waren uns keine gesundheitlichen Probleme bekannt.


RAin:
Fiel Ihnen eine Demenz auf?


Z:
Nichts bekannt.


RA Lang:
Welche Erkenntnisse erlangten Sie über die Strecke vom ZfP nach Wendlingen?
Welche Wegstrecke, Transportmittel, Umstände?
Welche Rolle spielte die Beretta?


Z:
Ich habe die Fahrtroute in einer Übersicht, müsste dazu aber meinen Laptop aufbauen und anschließen.


R.
Welcher Komplex folgt nun, Herr Neumann?

Der Richter weist darauf hin, dass der Zeuge Neumann noch 3 Tage geladen ist und alles abgehandelt werden wird.


Z:
Die Ermittlungen zur Amoktat gem. Ermittlungsgruppe und STA.


R:
Seit wann wird Jörg K. als Beschuldigter geführt?


Z:
Seit 13. März, da wurde ein Verfahren gegen ihn eingeleitet.


R:
Weswegen?


Z:
Wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung.


R:
Aber die Ermittlungen gegen ihn hatten schon vorher begonnen?


Z:
Ja. Es war jedoch zuerst eine chaotische Phase.


Zeuge KOK Neumann über die Ereignisse in der ARS: Tatablauf, Ziel: Motiv, Mittäter-/-wisser, Täterumfeld


Zitat: Das Personal der ARS am 11.03.09:

39 Lehrkräfte, 2 Sekretärinnen, 1 Hausmeister, 1 Sozialarbeiterin wurde größtenteils vernommen.

Es gab damals 577 Schüler, die 5. und 10. Kl. bestand aus 4 Schulklassen, alle anderen aus 3 Schulklassen.

Belegung der Klassenzimmer am 11/03/09 im OG der ARS:

Raum
301: Kl. 10d Lehrer Jochen Wilhelm
302-304 unbelegt
305: Kl. 9c Lehrerin Marie-Luise Braun
306-308 nicht belegt
311: Kl. 7b Lehrerin Frau Marion Bauer
312 nicht belegt
313: Kl. 7c Lehrerin Gabriele Mahler
317: Kl. 9b Herr Karl Schober/Referendarin Sabrina Schüle im Chemie-/Biologieraum

Die Klasse 9a wurde normalerweise im Raum 302 unterrichtet, an diesem Tag aber zufällig im UG im Computerraum.

Es wurde immer von einem Alarm berichtet. Unsere Ermittlungen ergaben, dass die Brandmeldeanlage an einer Feuerschutztür bei Raum 311 ausgelöst wurde. Dies geschah durch Staubablagerungen aufgrund der Schüsse auf Fr. Bauer.
Ausgelöst wurde der Alarm zwischen 09:34:09 und 09:35:08.
Der Alarm wurde vom Hausmeister deaktiviert zwischen 09:36 und 09:37.
Genaue Zeitangaben waren hier nicht möglich, da die Uhr der Meldeanlage von der Echtzeit abweicht.


Befragung der Klasse 9c


Die Schüler der Klasse 9c wurden zum Tatablauf im Klassenzimmer befragt:

Es sei 09:30 gewesen, als die Türe aufging und Tim K. erschien, er blieb im Türrahmen stehen, das Zimmer wurde max. 1-2 Schritte betreten.

Er wurde sofort als ehemaliger Schüler erkannt, war unmaskiert, trug eine Brille und die gleiche Kleidung, mit der er auch in Wendlingen aufgefunden wurde.

Jedoch gab es unterschiedliche Wahrnehmungen zur Kleidung:
Der Täter soll auch schwarz gekleidet gewesen sein.

Wahrscheinlich hielt er die Waffe rechts, es soll sich um eine silberne Waffe gehandelt haben.

Der Täter sei wortlos geblieben, emotionslos und nicht hektisch.

Es sollen ca. 10 Schüsse gefallen sein.

Es sollen im vorderen Bereich Metallteile zu Boden gefallen sein.

Chantal und Kristina wurden getroffen.

Es entstand Panik: Die Schüler suchten Schutz auf dem Boden und in Ecken.

Der Täter schwenkte seine Waffe leicht nach links und traf hinten in der Mitte Jana, Elena, Jan und Janine und links vorne Sven und Patrick, wobei er die 2 Schüsse auf Sven verzögert abgegeben haben soll.

Der Täter soll seine Schüsse gezielt, jedoch nicht auf bestimmte Personen abgegeben haben.

Die Dauer des Aufenthalts wurde zwischen 30 sek. und 1 Minute angegeben.

Mit großer Wahrscheinlichkeit hat der Täter die Türe selbst geschlossen.

Die Lehrerin schloss die Türe ab.

Schüler suchten Schutz unter umgekippten Tischen.

Die Erstversorgung der Verletzten erfolgte durch Mitschüler.

Jana lag zitternd auf dem Boden, die anderen Opfer regungslos.

Mit Mobiltelefonen gaben Schüler Notrufe ab und kontaktierten Angehörige.
Ein Anrufversuch im Rektorat blieb erfolglos.

Es wurden weitere Schüsse wahrgenommen, die jedoch räumlich nicht zuzuordnen waren.

Der Lehrerin dauerte das Warten auf den Notarzt zu lange. Sie wollte Hilfe holen, schloss daher wieder auf und schaute auf den Flur.

Der Täter bemerkte dies und schoss erneut, wobei Fr. Braun und Janine Hering verletzt wurden.

Die Tür wurde wieder verschlossen.

Später klopfte es an der Tür. Es waren die Rettungskräfte.

Als die Schüler hinausgeführt wurden, nahmen sie 2 abgedeckte Personen wahr, die im Flur lagen.


Fragen an den Zeugen


Der R. leitet die Zäsur ein:


Der beisitzende Richter fragt:
Bei Janine Hering fielen mir widersprüchliche Darstellungen auf.
Einmal durch die Tür und einmal mit den anderen Schülern zusammen verletzt.
Was trifft hier zu?


Z:
Nach eigenen Angaben hielt sie sich im Bereich der Tafel auf.

(Mit dieser Antwort, welche mit der Frage nicht viel zu tun hatte, gab sich der Fragende offenbar zufrieden).


NK Tatjana Hahn:
Hatte der Täter versucht auch in andere Klassenzimmer zu kommen, in denen kein Unterricht war?


Z:
Das wissen wir nicht genau. Diese waren evtl. auch verschlossen.


NK Tatjana Hahn :
Haben Sie da keine Fingerabdrücke oder Ähnliches gefunden?


Z:
Da müssten wir die Kriminaltechnik befragen. Zeugen dafür gibt es nicht.


R:
Bei dem nicht belegten Zimmer 302 handelte es sich also um einen glücklichen Zufall?


Z:
Richtig.


RA Bagin:
Woher wissen Sie, dass der Täter zwar gezielt auf Personen schoss, aber nicht auf bestimmte?


Z:
Durch die Aussagen der Schüler.


RA Bagin:
Gibt es einen Zusammenhang mit der Sitzordnung?
Wurden die Opfer der Reihe nach getroffen oder befanden sich dazwischen auch Schüler auf die nicht geschossen wurde?


Z:
Die Opfer finden sich im unmittelbaren Bereich, wo sie laut Sitzplan gesessen sind.


Der Z. verweist nach dieser (nicht auf die Frage eingehenden) Antwort auf die noch ausstehende 3D-Rekonstruktion.


R weist auf die kommende 3D-Rekonstruktion hin in Bezug auf den Standort des Schützen und den Sitzplatz der Opfer.


R
Haben Sie Ermittlungen angestellt dahingehend, ob eine Verbindung der Opfer zu Tim bestand und er gezielt gegen diese Personen vorgegangen ist?


Z
Hier haben sich keine Bezugspunkte ergeben.


R
Also keine Verbindungen?


Z:
Die Schwester von Tim hatte mit einigen Opfern Kontakt, Tim jedoch nicht.


Beisitzender Richter:
Aber bei dem Klassenraum handelt es sich doch um den früheren Klassenraum des Tim K.?


Z
Ja.


Zeuge KOK Neumann über die Ereignisse in der ARS: Tatablauf, Ziel: Motiv, Mittäter-/-wisser, Täterumfeld - Teil II


Es wurde Mittagspause gemacht. Gegen 14 Uhr ging es dann weiter.
Mittlerweile hatte der Zeuge KOK Neumann seinen Laptop an die Großleinwand angeschlossen.


Der Zeuge Neumann rief als erstes Bild den Grundriss der ARS (OG) auf, das dem Ermittlungsbericht beigefügt ist.
Dieses Bild blieb zu sehen, als er mit den Ergebnissen der Befragung der Klasse 10d im Raum 301 fortsetzte:

Befragung der Klasse 10d


Zitat:

Hier wurden 20 Schüler und 8 Lehrer vernommen.
Zwischen 09:30 und 09:35 sollen unklare Knallgeräusche vernommen worden sein, man hätte gemeint, es handele sich um Reparaturarbeiten.
Ein Schüler machte noch einen Scherz:
„Da macht jemand einen Amoklauf!“
Die Anzahl der wahrgenommenen Geräusche blieb unklar.
Der Täter trat ein und blieb im Rahmen stehen.
Es gab abweichende Täterbeschreibungen, hauptsächlich jedoch:
Männlich, dunkelblond, Koteletten, Brille.


(Einschub des Verfassers:

Schattauer auf S. 13 in seinem Buch nach Polizeiangaben, Leichenschau:
Zitat: …Ins Protokoll kommt ebenfalls, dass der Tote keine Koteletten hat, aber einen Dreitagebart.


Schattauer S.51:
Zitat: Mitschülern fällt auf, dass Tim sich verändert hat…..die Koteletten sind abrasiert…..zwei Wochen vor der Tat kommt er mit einer rappelkurzen Frisur in die Schule….)


Weiter mit dem Zeugen KOK Neumann :

Zitat:

Es wurde eine silberfarbene Pistole berichtet.

Der Täter schoß wortlos und emotionslos mit ausgestrecktem Arm.

Die Schüler in der hinteren Reihe wurden zuerst getroffen.

Die Schülerin Anastasia Demertzi sagte aus, sie habe durch die geöffnete Tür keine weiteren Personen im Flur gesehen.

Es wurden unterschiedliche Angaben zur Schussanzahl gemacht:
Ein Teil der Schüler berichtete 5-20, ein anderer Teil von 5-10 Schüssen.

Als der Täter den Raum verlies, machte er die Türe zu.

Der Schüler Panagiotis Arampatzes wurde beim 3. Schuss an Nase und rechtem Wangenknochen verletzt.

Nach dem Verlassen suchten die Schüler Schutz im Bereich Lehrerpult/Tafel.

Die Schülerin Isabell Sophie Huber wollte einen Notruf per Handy absetzen, es kam jedoch keine Verbindung zustande.
Spätere Auswertungen ergaben einen Anrufversuch um 09:34:54 Uhr.

Der überwiegende Teil der Schüler sagt aus, der Täter hatte die Türe wieder geschlossen.

1 Schüler sagt aus, er habe draußen weitere Schüsse gehört.

Die Dauer der Abwesenheit wurde angegeben mit:
Einen kurzen Moment über 30 Sek. bis hin zu 1,5-2 Minuten.

Beim 2. Betreten des Täters tätigte Lehrer Wilhelm gerade einen Notruf.
Es sind dort Schreie und Schussabgaben zu hören.

Der überwiegende Teil der Schüler gibt an, der Täter habe wieder von der Türe aus geschossen.


R
Gab es irgendwelche Äußerungen des Täters?


Z
Davon ist nichts bekannt.


Es sollen hier 5-10 Schüsse gefallen sein.

Stefanie Kleisch wurde hierdurch tödlich verletzt.

Caroline Schneider hatte noch gerufen:
„Steffi ist getroffen!“

Die Dauer des Angriffs umfasste nur die Schussabgabe, dann ist der Täter wieder raus.

Daraufhin flüchteten die Schüler über die Feuerleiter, die fast bis ganz nach unten geht.
Die letzten Meter musste man springen.


R:
Wie hoch über dem Boden endet die Feuerleiter?


Z
Ca. 2 m über dem Boden.


R (entsetzt)
2 Meter???
Da fragt man sich, was der Sinn dieser Rettungsleiter ist, wenn man die letzten 2 Meter noch springen muss!!!


Z
Die Schülerin Isabell Sophie Huber hat sich bei diesem Sprung schwer verletzt.


R
Und dann war die Klasse ganz leer?
Kam der Täter nochmals zurück?


Z
Von einem 3. Angriff ist nichts bekannt.
Lediglich Caroline Schneider sagte aus, der Täter sei noch ein 3. Mal gekommen und hätte gesagt:
„Leben da immer noch welche?“
Diese einzelne Aussage ist jedoch wenig verlässlich.


R
Zäsur. Fragen?

Niemand hat Fragen.


Ereignisse im Chemie-/Biologiessal:


Es ging weiter mit Raum 317, Kl. 9b im Chemie-/Biologiessal:


Der Lehrer und die verletzten Schüler wurden hierzu vernommen:

Es wurden so etwas wie „Hammerschläge“ vernommen. Man dachte an Handwerksarbeiten.

Der Lehrer ging daraufhin nachsehen und machte einige Schritte in den Flur.

Er nahm eine Person im Bereich des Musiksaals wahr und sah, wie diese Person Schüsse abgab.

Er ist dann sofort zurück gerannt und die Türe wurde verschlossen.

Die Klasse flüchtete durch eine Verbindungstüre in den Nebenraum, wo sich die Klasse 7c befand.

Teilweise sind die Schüler auf dem Boden dorthin gekrochen.

Der Täter gab daraufhin 2 Schüsse durch die Türe ab und traf die Referendarin, derselbe Schuss verletzte die Schülerin Lisa Gerstenberger an der Körperflanke.

Der Lehrer Schober hatte dann am Fenster auf sich aufmerksam gemacht.

Die Lehrerin Fr. Mahler berichtete, es hätten sich alle auf den Boden gelegt, dann sei nichts mehr vorgefallen.

Frau Rektorin Hahn öffnete dann die Türe.


Ereignisse im Flur


Der Z schildert nun die Aussagen zum Flur:


Die Referendarin Nina Mayer und die Lehrerinnen Michaela Köhler sowie Nadja Schöller und Monika Blitz befanden sich im EG im Kopierraum.

Sie vernahmen unklare Geräusche und Lärm im OG.

Die Frauen Mayer, Köhler und Blitz wollten im OG nachschauen und gingen im Treppenhaus nach oben.

Die Frauen hörten an der Türe von Raum 305, ob der Lärm von dort komme.

Der Täter kam dann in deren Richtung und hat das Feuer eröffnet.

Frau Blitz konnte flüchten und wurde nur knapp verfehlt.

Hierbei verlor sie den Kontakt zu ihren Kolleginnen, die später dort tot aufgefunden wurden.


R
Haben Sie dazu auch Schüler befragt?


Z
Alle Schüler der ARS wurden von uns befragt, unterstützt wurden wir hierbei auch von Schulpsychologen.
Es ergaben sich dabei jedoch keine weiteren Erkenntnisse.


R
Eine Zäsur. Fragen hierzu?


Wieder hat niemand Fragen.


Informationen über die Opfer


Z
Ich komme nun zu den Informationen über die Opfer.
Normalerweise werden hierzu umfassendere Ermittlungen geführt, aber wenigstens haben wir die folgenden Informationen gesammelt.


Ich beschränke mich hier nur auf individuelle Informationen, denn alle Opfer werden natürlich mit den üblichen Attributen belegt: fröhlich, zuverlässig, humorvoll, ruhig, liebenswert und alles möglichst Positive, was man sich denken kann. Auffälligkeiten fett.


Raum 305:

Chantal Schill, 15 J., 2 Brüder: Kevin und Marco.
War mit Jasmin Kretschmer befreundet.
Die 2 besten Freundinnen von Chantal waren Jana Schober und Kristina Strobel.

Jana Schober, 15 J., hat eine Schwester Anabelle und sollte Verwaltungsfachangestellte bei der Stadt Winnenden werden.

Kristina Strobel, 16 J., ist ein Scheidungskind der Eltern Andrea Stoppel und Mike Strobel und lebte zunächst beim Vater. Erst zum Jahresbeginn wechselte sie in diese Schulklasse. Sie hat eine 25jährige Schwester Jessica.

Raum 301:

Jaqueline Hahn, 15 J., Scheidungskind, Tochter von Gudrun Hahn.
Die Mutter befand sich bereits vor dem Amoklauf stationär in der psychischen Klinik.
Sie hat 3 Geschwister: Tatjana, Alexander und Steffen.
Der Vater ist Herr Klaus Schilling aus Leutenbach.

Ibrahim Halilaj, 17 J., 3 Geschwister: Abenita, Arenuta(?), Artur,
Mutter: Belivia
Der Vater arbeitet als Krankenpfleger im ZfP.
Ibrahim spielte Fussball in der Jugendmannschaft und er betrieb Karate.
Er hatte bereits einen Praktikumsplatz im Krankenhaus Winnenden.

Stefanie Kleisch, 16 J., Bruder Tim aus Weiler/Stein war in der Schülermitverwaltung der ARS engagiert.
Sie war im Musikverein, spielte Tennis und war Turnerin.
Als Berufswunsch gab sie Grundschullehrerin an.

Selina Marx, 15 J., Scheidungskind, Stiefvater Schweitzer, hat eine Schwester Daniela.
Der Vater ist Herr Jürgen Marx aus Weiler/Stein. Sie spielte Damenfußball.

Viktorija Minasenko, 16 J., die Familie ist 1995 immigriert, die Mutter Lena ist gelernte Krankenschwester und war zunächst in der Psychiatrie tätig, hat dann als Pharmareferentin gearbeitet und ist seit 2007 arbeitslos.
Der Vater Juri war Offizier in der russischen Armee. Er betrieb zunächst eine Psychologische Praxis in Stuttgart, die jedoch vor 1,5 Jahren geschlossen wurde. Seitdem ist er arbeitslos.
Viktorija wollte einen Beruf in der Touristikbranche erlernen.

Nicole Nalepa, 16 J., 2 Brüder: Michelle und Sebastian, sie war Ministrantin und wollte Zahnärztin werden.

Raum 317, Chemie-/Biologiesaal:

Sabrina Schüle:
Elternhaus in Backnang, hatte seit Jahren einen festen Freund und war in der DLRG tätig.
Sie war erst seit wenigen Wochen an dieser Schule eingesetzt.

Flur:

Michaela Köhler, 26 J, seit kurzem verheiratet mit dem Polizisten Mario Köhler, war in der Kolping-Jugend tätig sowie im Musikverein.
Mario Köhler war vor Ort an der ARS im Einsatz und hatte dort vom Tod seiner Frau erfahren.


Nina Mayer, 24 J., hat eine 14jährige Schwester und lebte mit ihrem Freund in Backnang. Sie gab kostenlose Nachhilfe und betreute eine integrative Gruppe. Ausserdem war sie in einem Chor.

ZfP:

Franz Just:
57 J., alleinstehend, hat 2 Schwestern und 2 Brüder, wurde im ZfP als Arbeiter in vielen Bereichen eingesetzt, u.a. für Reparaturarbeiten. Sein ganzer Stolz war der von ihm selbst angelegte und gepflegte Teich im Garten des ZfP.
Sein Neffe Günther Just jun. befand sich in der ARS im Raum 301 und konnte fliehen.

Wendlingen:


Denis Puljic:
36 J., seit 1991 in Deutschland, heiratete im Dez. 2002 in Kroatien seine Frau Sanja.
Er hat eine Tochter Vanessa, geb. am 05.06.2007 und eine herzkranke Mutter.
Sein Hobby war der Fußball.

Sigurt Wilk:
46 J., Tochter Nathalie (8) und Sohn Nikolas (11), lebte in Kirchheim, und war im Aussendienst für die Fa. Kalfass in Nürtingen tätig. Seine Hobbies waren Marathon, Radfahren, Joggen.


R:
Sie haben dem Igor Wolf in Ihrem Bericht einen eigenen Abschnitt zugeteilt.
Gibt es hierfür einen Grund?
Irgendwelche Auffälligkeiten, Belastungen?


Z. schaute lange in die Akten, sagte aber nichts.


R:
Gibt es da vielleicht Belastungen im Hinblick auf die Medien?


Z. verweist darauf, dass diesen Abschnitt die Polizei Esslingen bearbeitet hatte.


R:
Also lt. einer Stellungnahme sieht sich der Herr Wolf nicht nur durch die Geiselnahme belastet, sondern auch durch den Medien- und Presserummel. Er leide unter posttraumatischen Belastungsstörungen.


Der R. führt aus, dass man wegen der Eigenschaft des Igor als NK herausfinden müsse, was die Folgen der Tat und was andere Einflüsse zur Schädigung beigetragen hätten. Eine Folgenbeurteilung würde sich hier als schwierig gestalten. Der Zeuge Wolf sei aber geladen.


Ereignisse im Park des ZfP



Ra ?
Können Sie uns etwas zum Auffindeort und –zeitraum des Franz Just sagen?


Z:
Wir gehen momentan davon aus, dass der Täter durch den Hinterausgang geflohen ist.


Der Z. ruft ein Bild der bekannten rekonstruierten Fluchtstrecke auf und erläutert den bekannten und vermuteten Fluchtweg und das bekannte Zusammentreffen mit Just am Teich. (Nichts Neues).

Ra ?
Auf Blatt 95, Zeugenaussage Frau Blitz lese ich:

„Der Täter stand auf Höhe einer Glastüre.“

Können Sie das Bild von der ARS nochmal zeigen? Wo befindet sich diese Glastüre?
Sie ist dort nicht eingezeichnet.


Der Z. deutet auf einen Bereich zwischen dem nördlichen linken Ende des Atriums und den rechts davon befindlichen Klassenzimmern.


NK Günther Just sen. mit einer sehr wichtigen Frage:

Können Sie uns etwas zu Einschüssen in der Tafel sagen?
Handelt es sich da um direkte Schüsse oder um Abpraller?


Der R. verweist Herrn Just auf die noch ausstehende 3D-Rekonstruktion.
Es ist nun ca. 15 Uhr und der Zeuge bittet um eine Pause.


Es geht um 15:15 weiter:

Der Z. beschreibt nochmals mit einer Übersichts-Luftbildkarte den vermuteten Fluchtweg.


Z
Wir gehen davon aus, dass der Täter zwischen der Haselstein-Schule und dem Lessing-Gymnasium hindurch lief und dort einen Zaun zum ZfP überstiegen hat. Kurz vor dem Ententeich muss er dann auf den Herrn Just getroffen sein. Danach floh er durch einen Torbogen, dem Haupteingang, auf die Strasse. Dort befinden sich Parkplätze, wo dann der Herr Wolf gekidnappt wurde.


R
Gibt es denn auch objektivere Dinge, die hierfür sprechen?


Z
Ja, wir haben in der Nähe des Ententeichs ein Messer gefunden und bei der Leiche Patronenhülsen sichergestellt. Es gibt auch Zeugen für diese Wegstrecke.


R:
Das Messer stammt aus dem Besitz des Herrn Kretschmer. Der Täter muss es also verloren haben?


Z
Ja.


R
Gibt es auch Zeugen für den Mord an Franz Just?


Z
Ja, ein Arbeitskollege von ihm stand 50 m entfernt, er hat die Tat beobachtet und ist dann geflüchtet.


R
Konnten Sie einen Grund ermitteln, wieso Herr Just erschossen wurde?


Z
Das wissen wir nicht.


Ra Hafner:
Könnten Sie uns bitte den konkreten Tatablauf schildern?


Z
Also es gab 2 Bereiche der Schussabgaben.
Beim 1. Zusammentreffen ist Herr Just gestanden.
Es wurden zunächst 4 Schüsse auf ihn abgegeben.
Als er dann am Boden lag, wurden weitere 5 Schüsse auf ihn abgegeben.


R (entsetzt) :
5 Schüsse???
Aus welcher Entfernung?


Z
Aus unmittelbarer Nähe.


NK Günther Just sen. entschuldigte sich zunächst beim Zeugen wegen des angestrengten Tonfalls bei seiner Frage nach dem Verbleib der Leiche seines Bruders.
Zitat: Es gibt dort am Tatort etwa 15 m entfernt einen Patientenraum.
Sind diese Personen zum Tathergang vernommen worden?


Der Zeuge Neumann verwies auf einen Aktenvermerk.

Z
Laut dessen gab es mehrere Tatzeugen. Es ist von Personen am Fenster die Rede. Ob diese Personen aus diesem Raum waren, weiß ich nicht.


R
Aber es sind dazu Personen vernommen worden?


Z
Ja.


RA ?:
Was können Sie zu dem Messer sagen? Wie groß war das?


Während der Zeuge ein Bild des Messers am Fundort, bezeichnet mit der Spurennummer 11, zeigt, liest der R. die Aussage des (unbekannt bleibenden) Finders vor.


Das Bild zeigt ein großes Jagdmesser, im Bild liegend von NO mit der Klinge nach SW, befindlich auf Gras und mit dem Griff bei NO teilweise auf einer leichten Erhöhung hin zu einer Blumenrabatte oder Ähnlichem liegend.

(Auf mich (den Verfasser und Protokollanten) machte es keinen „verlorenen“, sondern einen dort abgelegten bzw. für das Bild zurecht gelegten Eindruck).

Die verlesene Aussage:

Zitat: „Ca. 21 m nordwestlich der Leiche fand ich ein 29 cm langes Jagdmesser mit lederumwobenem Griff“

Auf wen sich „ich fand“ bezieht, wurde nicht offenbart.


Ereignisse um Igor Wolf


R:
Kommen wir nun zur Geiselnahme.
Welche Erhebungen konnten Sie denn hierzu machen?
Wie lange dauerte das? Welche Strecke wurde gefahren usw.?


Der Z. legt ein Bild mit der bekannten Fahrtstrecke auf.

Z:
Also gegen 09:50 wurde Igor Wolf vom Täter mit der Waffe bedroht und gezwungen loszufahren.
Wir haben die Fahrtstrecke rekonstruiert. Unser Routenplaner gab uns eine Strecke von 129,6 km bei einer Dauer von 2 Std. 16 Minuten an, was auch mit Herrn Wolfs Eintreffen in Wendlingen übereinstimmt.


Der Zeuge schildert die bekannte Fahrtroute.

R:
Konnten Sie ermitteln, ob diese Strecke absichtlich gewählt wurde? Hatte der Täter ein Ziel?


Z
Der Täter hatte kein bestimmtes Ziel. Herr Wolf hat einfach fahren müssen.


Der Richter macht hier eine Zäsur.

Wieder hat niemand auch nur eine Frage.


Der Zeuge KOK Neumann über Tim


Nun kam der Zeuge zu einem großen Themenkomplex, namentlich Tim.
Dieser Komplex zog sich auch noch über den folgenden 3. Prozesstag hin.

Z
Hier wurden sehr intensive Ermittlungen geführt und sehr viele Zeugen befragt.
Sogar in der Grundschule wurden der Rektor und die Klassenlehrer vernommen.

R.
Also durchaus auch Personen außerhalb der Familie K.?

Z
Ja.
Der Rektor der Grundschule, Herr Eberhard Schied, hatte Tim in der 3. und 4. Klasse in Mathe und Sport unterrichtet und beschreibt Tim als: angenehm, ruhig, unauffällig, recht gut in Mathe, nicht isoliert.

Frau Sigrun Kröger beschreibt ihn als:
unauffällig, ruhig, nicht aggressiv, durchschnittlicher bis mäßiger Schüler, der montags im Erzählkreis immer von seinen TT-Erfolgen berichtete.


Die Schulakte an der ARS ist recht dünn. Es gab Gespräche mit der Frau Kretschmer wegen einer gefährdeten Versetzung. Wir haben die Notenblätter erhoben.

Das Abschlusszeugnis des Tim K. am 18.07.2008 sah folgendermaßen aus:
Religion 3
Deutsch 3
Englisch 4
Mathe 4
Geschichte 4
Musik 4
Sport 2
Technisches Werken 4
Erdkunde 4
Wirtschaftslehre 4
Naturwissenschaften 4
Durchschnitt: 4


Wir haben auch die Abschlussklasse vernommen:
Es wurde übereinstimmend angegeben, Tim sei in der Klasse anerkannt und integriert gewesen.
Er soll ruhig und introvertiert, aber fröhlich gewesen sein.
Mobbing soll nicht stattgefunden haben.
Als bester Freund wird der Dennis Röhrich angegeben.
Von einer Freundin war dort nichts bekannt, Tim habe sich nichts aus Mädchen gemacht und umgekehrt. Mädchen seien nie ein Thema gewesen.
Im Rahmen von Prüfungsvorbereitungen der 10. Kl. seien einige Schüler auch im Hause K. gewesen.
Dort gab es dann auch hin und wieder Pokerrunden. Tim soll ein sehr guter Spieler gewesen sein, er habe selten verloren und wenn, dann gab es bei ihm keine Gefühlsausbrüche.
Es war bekannt, dass Tim TT spielt, Armwrestling betreibt, Poker spielt und Softairwaffen sammelte.
Jörg K. habe im Beisein von Schülern im Hause den Tresor geöffnet und seine Waffen gezeigt.


R:
Der Tresor wurde vom Vater geöffnet?
Wie sind die Namen dieser Schüler?


Z
Marco Kretschmar, Marc Wagner und Matia Scovic.


R
Die haben wir im November geladen.
Was haben Sie zu den sportlichen Aktivitäten ermittelt?


Z
Wir haben bei den verschiedenen Vereinen ermittelt.
Zunächst zum Tischtennis:
Dort gab es im letzten Verein eine Zurücksetzung.
Tim hatte gewechselt, weil ihm eine gute Position im Verein zugesagt wurde.
Schließlich hatte man ihn aber doch nicht an dieser Position spielen lassen.


R
Sonst etwas Auffälliges? Irgendwelche Demütigungen oder auffälliges Verhalten nach Niederlagen?


Z
Davon ist nichts bekannt.


R.
Es gibt da einige Themenkomplexe:
Kaufm. Schule, Ausbildung, Schützenverein usw.
In welcher Reihenfolge möchten Sie das abarbeiten?


RA ?
Bezüglich TT-Verein und diesem Vereinswechsel: Gab es da auch Probleme durch oder mit den Eltern?
Gab es da einen Knick in der Karriere des Tim?


RA Gorka monierte in dieser Frage einen unzulässigen Vorhalt und es kam zu einer kurzen Kontroverse.

Der Z. wies hier auf sehr ausführliche Ausführungen hin, die er dazu noch zu machen gedachte und regte eine Pause an.

Der R. beschloß, da es auf 16 Uhr zuging, die Verhandlung für diesen Tag zu schließen.



Rechtlicher Hinweis:

Anonymisierungsangebot:


Jede der in diesem Artikel mit vollem Namen genannte Person, die eine Anonymisierung wünscht, möge sich bitte auf dem kurzen Dienstweg mit den Seitenbetreibern in Verbindung setzen.

Es handelt sich hierbei um Mitschriften eines öffentlichen Prozesses und einem entsprechenden öffentlichen Interesse an der Sache an sich.
Mit dem Anonymisierungsangebot erkennen wir jedoch an, dass wir evtl. Persönlichkeitsrechte als vorrangig behandeln und uns auch keinesfalls die im Prozess benannten Abläufe und Zitate zu eigen machen, sondern gerade eben die mögliche Unzulänglichkeit der dort getroffenen Aussagen ausstellen wollen.

Zuletzt geändert: 30/11/2017 03:07