Teil 5.0 - Die Desinformationskampagne

(Autor: Rüdiger Rohde)

Den Täter erkannt?


Am 10. Juli veröffentlichte der STERN den Artikel: „Winnenden nach dem Amoklauf: Träume einer verwundeten Stadt.“

Dieser Artikel beinhaltete eine Aussage der 16-jährigen Anastasia, Schülerin der Klasse 10d aus dem Raum 301:

Die 16-jährige Anastasia saß im Raum 301, als Tim K. hereinstürmte und sechs von ihnen erschoss, darunter auch Anastasias Freunde Selina und Ibrahim. „Wenn ich an diesen Tag denke, sehe ich vor allem die leeren Augen von Tim“, sagt Anastasia und berührt das kleine Kreuz, das an einer Kette um ihren Hals baumelt. „Wie er da mit seiner Pistole stand, nachdem er gerade Ibrahim erschossen hatte. Man konnte durch ihn durchsehen, wie bei einem Blinden.“ Anastasia, ein hübsches Mädchen mit langen dunkelbraunen Haaren, sitzt auf dem Ledersofa im Wohnzimmer ihrer Eltern. Sie berichtet ruhig, wirkt fast gelassen. „Es geht mir gut“, sagt sie mit fester Stimme. „Ich habe sehr schnell gelernt, damit fertig zu werden.“

Was ist von diesem Artikel bzw. von der Aussage von Anastasia zu halten?

Tim Kretschmer war der Täter, das geht klar hervor. Zumindest für Anastasia. Sie hat ihn gesehen.

Aber was hat sie tatsächlich gesehen?

Die leeren Augen, die sie gesehen haben will, erinnern sehr an die Aussage der Selina. Ansonsten erfährt man aber leider nichts.

Eines steht jedenfalls fest: erkannt hat sie ihn nicht.

Somit wird weder das frühe Erscheinen der Kripo bei den Kretschmers vor 10.20/10.30 Uhr erklärt noch die Unkenntnis der gesamten in Winnenden eingesetzten Polizei über die Identität des Täters.

Von den vielen übrigen Punkten und Unwahrheiten abgesehen.

Am 23. September 2009 strahlte RTL die Sendung „STERN-TV“ aus.

Zu Gast bei Günther Jauch waren neben Gisela Mayer und Hardy Schober auch die Schülerin Elena Altmann. Sie war eines der überlebenden Opfer aus der Klasse 9c, die diese Tat aber nur schwer verletzt überstanden hat. Sie soll von 5 Kugeln getroffen worden sein, in die Schulter, in den Oberarm, in den Unterarm, einen Streifschuß am Hals.

Elena Altmann.

In der Sendung behauptete sie, dass sie „Tim“ in die Klasse kommen und auch schießen gesehen habe. Im vergangenen März, 2009, hatte sie allerdings noch nicht gewusst, wer Tim Kretschmer überhaupt gewesen war.

So hatte es zumindest die Frankfurter Rundschau am 1. Mai 2009 berichtet.

Dies lässt natürlich die Möglichkeit offen, dass sie den Täter gesehen haben könnte. Die Identifizierung dieses Täters als Tim Kretschmer durch Elena Altmann kann dann aber auch erst einige Zeit später erfolgt sein, anhand ihrer Beschreibung vielleicht, eher noch durch Fotos, welche ihr die Polizei gezeigt haben sollte.

Zu einer sofortigen Indentifizierung durch Elena kann es aber nicht gekommen sein.

NACHTRAG:


Da von der Polizei auch in der nachfolgenden Zeit - bis zum heutigen Tag - keine Information über die Identifizierung (wann, wo und durch wen) veröffentlicht wurde, schien dafür

die Sendung „Der Amoklauf von Winnenden“, ausgestrahlt am 10. März 2010 durch den SWR,

diese nach wie vor drängende Frage zu beantworten. Oberflächlich gesehen.

In dieser Sendung kam der damalige leitende Notarzt, Heiner Lange, zu Wort.

Heiner Lange.

Zitat:

„Die Elena ist ein ganz tapferes Mädchen. Elena war die erste Patientin aus Winnenden, die ich gesehen habe. Sie kam mir quasi entgegen gelaufen und war in dem Rettungswagen, wo ich dann auch zur Premierversorgung mitherangezogen wurde.“

Schnitt.

„Sie konnte alles genau beschreiben, damals schon. Sie wusste, wer der Schütze war, sie wusste, dass es Tote gegeben hatte.“

Schnitt.

„Also, über das, was in ihrem Klassenzimmer vorgefallen war, da hatte sie den absoluten Überblick.“

Soweit Dr. Heiner Lange.

Und doch gibt es auch hier Schwierigkeiten.

Zwar haben wir hier die Information erhalten, dass Elena gewusst haben soll, wer der Schütze gewesen sei, aber mehr auch nicht. Der Rest fußt auf der Annahme, dass dies ohnehin jeder weiß.

Die Sache ist nun aber auch die, dass Elena Schülerin der Klasse 9c gewesen war und sich somit in jenem Raum 305 befunden hatte, welcher aus uns unbekannten Gründen erst kurz vor 10.00 Uhr durch Polizei und Sanitäter geöffnet worden war.

In dem Beitrag erfährt der Zuschauer nicht, um welche Uhrzeit der Notarzt, Herr Lange, vor der Schule eingetroffen war. Da die Elena aber seine erste Patientin gewesen sei, kann er kaum viel eher selbst vor Ort eingetroffen sein. Denn wir wollen ihm ja nicht unterstellen, dass er sonst seine Zeit zuvor mit Nichtstun verbracht haben müsste.

Nun ist aber leider die Frage vollkommen ungeklärt, wann genau Elena aus der Schule gekommen war. Man sollte annehmen, dass das Mädchen geschockt gewesen sein müsste. Noch dazu die zahlreichen Schussverletzungen. Ist dies ein Zustand, in welchem die gerade in ihrem Klassenzimmer eingetroffenen Polizisten und Sanitäter das Mädchen sofort und einfach so gehen lassen?

Wann also kam es genau zu der Begegnung zwischen der Schülerin Elena Altmann und dem Notarzt Heiner Lange?

Davon einmal abgesehen ist die Aussage, zu wissen, wer geschossen habe, gegenüber dem Notarzt ebenfalls kein Argument für eine besonders schnelle Identifizierung.

Somit bleibt nach wie vor die Frage offen, durch wen und wann genau die Identifizierung des Täters als Tim Kretschmer bei der Polizei erfolgt sein soll. Eine ganz schnelle Identifizierung, sei hier nochmals angemerkt, um den ebenso schnellen Polizeieinsatz beim Elternhaus der Kretschmers erklären zu können.


A. Eine Kampagne. Teil 1.


Besonders jene Menschen, welche die bisherigen Berichte von Polizei und Staatsanwaltschaft kritisch verfolgt hatten, warteten mit Spannung auf das Ende der Ermittlungen im Fall Winnenden/Wendlingen.

Ende August 2009 schien es soweit. Die Polizeidirektion Waiblingen gab bekannt, dass sie die Ermittlungen abgeschlossen hätte. Dargelegt auf rund 16.000 Seiten Aktenmaterial. Aus diesem wurde für die Staatsanwaltschaft Stuttgart ein Ermittlungsbericht mit einem Umfang von etwa 400 Seiten gebildet.

Die Stuttgarter Nachrichten (z.B.) berichteten am 24. August

über das Einlangen dieses Berichts bei der Staatsanwaltschaft. Allerdings sollte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Claudia Krauth , mitteilen, dass es sich dabei – wieder einmal – nur um einen vorläufigen Abschlussbericht handeln würde.

Veröffentlicht wurde dieser vorläufige Abschlußbericht – bislang – noch nicht.

Die Anwälte der Amokopfer erhalten in den nächsten Tagen Einsicht in die Ermittlungsakten. Ein Angehörigen-Anwalt hatte kritisiert, dass den Hinterbliebenen seit Monaten Akteneinsicht verwehrt werde, so die Stuttgarter Nachrichten.

Diese Akteneinsicht geschah bis heute nicht. Genau so wenig wie die Veröffentlichung des ballistischen Gutachtens.

Stattdessen geschah etwas ganz anderes.

Der „vorläufige“ Abschlußbericht wurde – bislang – also nicht veröffentlicht. Und dennoch berichteten plötzlich die Medien von einigen Details aus diesem Bericht.

Was nichts anderes heißt, dass wieder einmal etwas „durchgesickert“ war, wie die Informationen nun einmal so durchsickern bei der Polizei und Staatsanwaltschaft. Und dies nicht zu knapp.

Wir nennen das die absichtliche Weitergabe von vermeintlichen Informationen über die Medien, um damit eine bestimmte Wirkung bei deren Konsumenten zu erreichen.

Das Ziel dieser Kampagne wurde schnell deutlich. Statt der Öffentlichkeit diesen Abschlußbericht zu präsentieren, wurde versucht, mit der Lancierung angeblicher Informationen das Bild des Tim Kretschmer als einen durchgedrehten Amoktäter zu festigen. Oder die eigene Darstellung der Ereignisse zu unterstützen.

Erst einmal wurde ab dem 8. September 2009 via Medien (STERN, WELT, FOCUS usw.) über das psychologische Gutachten des Tim Kretschmer , welches von Professor Reinmar du Bois, dem Leiter des Stuttgarter Olgahospitals , verfasst worden ist, berichtet. Dieser soll sich bei seiner Analyse auf die Ermittlungsakten sowie auf einen Bericht des Klinikums am Weissenhof in Weinsberg gestützt haben. Auftraggeber war die Staatsanwaltschaft Stuttgart. Zwar hatte du Bois Tim Kretschmer nie gesehen geschweige denn kennen gelernt, doch kam er – natürlich – zu der Diagnose, dass Tim Kretschmer richtig krank im Kopf gewesen sein muss.

Der Leser erfuhr aus den Medien aber auch neues.

Tim Kretschmer habe im Frühjahr 2008 geahnt, dass mit ihm etwas nicht stimmen würde, habe im Internet recherchiert und sei schließlich zu der Selbstdiagnose „bipolare Störung“ gekommen. Wegen dieser angeblichen manischen Depression habe er sich an seine Mutter gewandt und wäre dann über den Hausarzt schließlich in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie gekommen. Gleich bei seinem ersten Termin habe Tim seiner Therapeutin von mörderischen Gewaltphantasien erzählt; in den nachfolgenden vier Sitzungen allerdings nicht mehr. Die Therapeutin habe attestiert, dass ihr Patient weder eigen- noch fremdaggressiv sei.

Ein Gegengutachten , erstellt durch den Gerichtsgutachter Peter Winckler , in Auftrag gegeben von fünf Opferfamilien und veröffentlicht am 9. November (u. a. SPIEGEL, STERN) , kritisierte den zum Teil spekulativen Charakter des Gutachtens des du Bois, hielt einige Behauptungen für „aus der Luft gegriffen“ und ohne Beweis sowie dessen „Perversionstheorie“ für abenteuerlich und unseriös.

Für unsere Recherchen ist es interessant zu erkennen, dass der mögliche Zusammenhang zwischen psychischen Problemen und dem Einberufungsbescheid der Bundeswehr nicht einmal erwähnt wird. Stattdessen werden wieder in dumpfer, stereotyper Manier durchschnittliche und allseits bekannte Gewaltfilme sowie Computer-Spiele ins Rennen geworfen, welche in ermüdender Weise abermals Tims angebliche Flucht in eine Scheinwelt demonstrieren sollen.

Ein exzessiver Computer-Spieler war Tim aber nachweislich gar nicht gewesen. Und seine manischen Depressionen waren zuvor auch niemanden aufgefallen, auch nicht nach der Polizei-Untersuchung. Selbst der angeblich entführte Igor Wolf hatte keine Depressionen bei seinem angeblichen Entführer feststellen können, soll dieser doch eine Menge Spaß empfunden haben.

Spaß muss Tim auch beim Sammeln von Pornobildern gehabt haben, wie jeder andere auch. Spaß, Interesse und Lust.

Professor du Bois, welcher der Staatsanwaltschaft Stuttgart so gerne und bezahlt behilflich sein möchte, hatte in seinem Gutachten bei Tim Kretschmer schwere Probleme mit dessen Sex-Phantasien ausgemacht, welche sich in einer „masochistischen Persönlichkeitsstörung“ manifestiert hätten. Dafür gibt es zwar keinen Beweis, nicht einmal ein Indiz, doch hatte dies dieser „Experte“ kurzerhand unterstellt, da die Polizei auf dem PC von Tim Kretschmer eine Reihe von Bondage-Szenen bzw. –Bildern vorgefunden hatte. Völlig ungeachtet des Umstands, dass eine masochistische Neigung genau das Gegenteil des Tatvorwurfs beinhaltet. Es war also ein reines Phantasieprodukt dieses Professors. Es war eine Auftragsarbeit.

Eine Überraschung für die nicht ganz so vergesslichen Menschen war aber noch etwas ganz anderes. Bei diesen Bondage-Szenen soll es sich um Bilder mit gefesselten Männern gehandelt haben. Und von Männern, die von Frauen dominiert oder gar gequält werden.

Moment mal, wie bitte?

Die Polizei und Staatsanwaltschaft hatten Monate vorher und nur zu gerne immer wieder von den Pornobildern des Tim Kretschmer berichtet. Rund 200 an der Zahl und davon immerhin ganze 120 mit Aufnahmen von gefesselten Frauen. Frauen!

Monatelang.

Und nun, urplötzlich, sind daraus gefesselte Männer geworden. Der „STERN“ gab deren Anzahl gar mit 150 an.

Da wir auch bei bestem Willen niemandem bei der Polizei und selbst dem gefälligen Professor nicht unterstellen wollen, dass sie Frauen von Männern nicht unterscheiden können , bleibt nur die Feststellung übrig, dass die Polizei/Staatsanwaltschaft offenbar Inhalte und Zahlen ganz nach Belieben erfindet.

Die Polizei und Staatsanwaltschaft baut bei ihren Lügen natürlich auf das Kurzzeitgedächtnis ihrer Klientel. Zumeist mit Erfolg. Zwar weiß niemand in Wirklichkeit etwas, aber sie glauben. So soll es bei den bundesdeutschen Schafen auch sein.

Dagegen hilft die eigene Recherche und das Sammeln und Speichern von Informationen, die längere Zeit zuvor als Wahrheit bekannt gegeben worden sind.

Gleichzeitig mit dem haarsträubenden „Gutachten“ und den Frauen, die zu Männern wurden, wurde auch noch das Auftauchen eines angeblichen Abschiedsbriefes von Tim Kretschmer bekannt, d.h. an die Medien weitergereicht.

Von diesem war vorher ja nichts bekannt gewesen, doch plötzlich sei er aufgetaucht. Aus den unendlichen Weiten des Tresors des Tim Kretschmer.

Zum Glück haben wir die Aussage des leitenden Staatsanwalts, Mahler, von März 2009 aufgehoben, gesammelt, gespeichert. Wir haben sie schwarz auf weiß:

„Es wurde kein Abschiedsbrief gefunden.“

Die dämlichen Redakteure der Konzernmedien bekamen leider keine Kopie dieses angeblichen Abschiedsbriefes. Sie bekamen alle den gleichen Satz, der diesen Abschied offenbar – quasi – vertreten sollte oder zitierten den STERN:

„Die Wahrheit ist, diejenigen haben es schon von Geburt an in sich, es kommt jedoch nur raus, wenn das Gemachte hinzukommt.“

(STERN, 8. September 2009).

Wissen die STERN-Redakteure, in welchem Kontext sich dieser Satz befindet, der so isoliert abgedruckt wird? Und wo haben sie hier den Abschied gefunden?

Weil man es ihnen gesagt hat?

Die FAZ hatte am 9. September 2009

ein klein wenig mehr zu bieten und auch einen intelligenteren Umgang. Deren Redakteur schrieb immerhin etwas vorsichtiger, dass es sich um einen Abschiedsbrief handeln könnte und lieferte immerhin drei Sätze:

„Es gibt zwei Behauptungen, warum es solche Menschen gibt. Die einen sagen, man wird so geboren, die anderen sagen, man wird zu dem gemacht. Die Wahrheit ist, diejenigen haben es schon von Geburt an in sich, es kommt jedoch nur raus, wenn das Gemachte hinzukommt.“

Das ist schon ein wenig mehr. Aber bei weitem nicht genug.

Die Krone setzte aber die BILD-Zeitung auf, indem sie eine Abbildung dieses angeblichen Abschiedsbriefes, der keiner ist, publizierte. Wir wissen nicht, ob BILD diese Abbildung von der Polizei/Staatsanwaltschaft zugespielt bekommen oder den Zettel selbst gemalt hat. Zu sehen sind die oben genannten Sätze, die zufällig genau eine Seite füllten und keine Zeile mehr. Zu sehen ist die fast gemalte Schrift eines zehn- bis 12-jährigen.

Fazit:


Wir sehen hier den ersten Teil einer Kampagne , in welcher nochmals versucht wurde, Tim Kretschmer in der Öffentlichkeit als kranken Täter darzustellen. Dies bei gleichzeitiger Vorenthaltung der Beweise für dessen Täterschaft. Ein Umstand, von dem abgelenkt werden soll.

Eine nachgereichte Posse wurde gleich einen Tag später veröffentlicht. So berichteten beispielsweise die Stuttgarter Nachrichten am 10. September 2009 davon, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart eine interne Ermittlung wegen Geheimnisverrats angestrengt habe. Es ging um die im April 2009 zugespielten „Informationen“ an den FOCUS, der ja so gerne aus den „Ermittlungsakten“ zitiert hatte. Und die wären ja geheim gewesen. (Viele waren es nicht gewesen).

Kein Thema waren merkwürdigerweise offenbar die erst an den Vortagen „durchgesickerten Informationen“ aus dem noch nicht veröffentlichten Ermittlungsbericht. Und offenbar sind auch die veröffentlichten internen Ermittlungen gegen Unbekannt wegen Geheimnisverrats nicht Gegenstand dieser Ermittlung.

Oh, pardon, das hatte die Staatsanwaltschaft ja selbst herausposaunt.

Wir vermuten, dass es sich hierbei um ein Manöver der Staatsanwaltschaft handelt, um mit Hilfe der Aufdeckung angeblicher Polizeipannen und der angeblichen internen Ermittlungen diesen den Anstrich real geschehener Ereignisses zu verleihen.

Oder um es mit anderen Worten auszudrücken: den verlogenen, „durchgesickerten“ und angeblichen Geschehnissen eine Glaubwürdigkeit zu verleihen, in dem die Information bekannt gegeben wurde, eine interne Ermittlung wegen „Geheimnisverrats“ anzustrengen.


B. Eine Kampagne. Teil 2.


Die Kampagne setzte sich am folgenden Tag fort.

Am 11. September 2009, exakt ein halbes Jahr nach den Verbrechen von Winnenden/Wendlingen, veröffentlichte BILD erstaunlicherweise aus diesem nicht veröffentlichten Abschlussbericht der Polizei einige Zeugenaussagen. BILD schien demnach über äußerst gute und aufklärungsfreudige Kontakte zu verfügen.

Wir wollen hier diese Zeugenaussagen zitieren und darauf eingehen. Die Namen wurden alle von der BILD-Redaktion geändert, wie es heißt.

Frederic L. (16), Schüler in der 9c:

„Es war in der dritten Stunde. Wir hatten Deutschunterricht bei Frau B. Es wurde an die Türe geklopft und geöffnet.

Der Tim K. stand im Rahmen und hatte eine silberne kurze Waffe in der Hand. Er hat sich die Leute wahllos herausgepickt und auf sie geschossen. Circa siebenmal, dann ging er wieder weg. XX, XX und XX wurden am Kopf getroffen.

Ein Mädchen in den Rücken. Die XX lag mit dem Kopf auf dem Tisch, die XX lag auf dem Boden und die XX war an XX gelehnt. Frau B. hat die Türe abgeschlossen.

Nach drei Minuten hat sie die Tür wieder geöffnet, sich in den Flur gebeugt. Es fiel ein Schuss und sie wurde am Arm getroffen. Ich bin über das Fenster auf das angrenzende Dach der alten Sonderschule geflüchtet. Ich wurde nicht verletzt.“

Wir möchten noch einmal festhalten, dass es sich bei BILD um abgedruckte Zitate handelt und nicht um eine inhaltliche Zusammenfassung.

Was fällt auf?

Diese Aussage suggeriert , dass der Schüler demnach Tim Kretschmer erkannt hatte. Dies kann aber nicht der Fall gewesen sein, wie wir mittlerweile wissen. Also hat man diesem Schüler gesagt, dass der Täter Tim Kretschmer war, und somit manipuliert oder diese Zeugenaussage ist ohnehin eine Erfindung.

Tatsächlich gibt es Hinweise, dass es sich um eine Erfindung handelt.

Warum nennt der Schüler die Waffe nicht einfach „Pistole“ oder „Wumme“, sondern stellt deren kurzen Lauf und die silberne Farbe heraus, was in diesem Fall extrem nebensächlich erscheint. Weil die Medien vor Monaten ein Foto der vermeintlichen Tatwaffe in Wendlingen publiziert hatten?

Welcher Schüler nennt seine Mitschüler, und das auch noch unter diesen Umständen, derartig unpersönlich „Leute“, anstatt sie als das zu bezeichnen, was sie waren: Freunde, Mitschüler, Schulkameraden, Kumpels, Mädels usw.?

Und warum soll die Lehrerin, Frau Braun, nach nur drei Minuten, in welchen die Bedrohung auch akustisch aufrecht bestand, vor die Tür geschaut haben? Im März hatte es noch geheißen, dass sie durch Schüsse durch die Tür am Arm verletzt worden war. Keine Rede mehr davon, dass der Täter versucht hatte, ein zweites Mal in den Klassenraum einzudringen.

Somit steht dieser Teil der angeblichen Zeugenaussage im glatten Widerspruch zu jenen aus dem Monat März.

Dass der Junge und andere schlussendlich aus dem Fenster geflüchtet waren, kann vielleicht stimmen. Vielleicht sogar auf das zur rechten Hand und eine Etage tiefer befindliche Flachdach, auch wenn dies sehr schwer zu bewältigen scheint. Aber was ist in einer Panik nicht alles möglich?

Das Fenster muss später aber wieder geschlossen worden sein.

Auf die Anzahl der Schüsse soll nicht eingegangen werden, da die genannte Wahrnehmung nicht mit der tatsächlichen Anzahl übereinstimmen muss.

Kommen wir zur zweiten von BILD publizierten Zeugenaussage:

Meike J. (16), Schülerin der 10d:

„Irgendwann in der Mitte der dritten Stunde ist es losgegangen. Ich habe Knallgeräusche gehört. Irgendeiner riss einen Witz, dass dies ein Amoklauf wäre. Ungefähr eine Minute später ging die Tür auf. Diese Person schoss los. Etwa 20 Schuss.

In der letzten Reihe am Eingang der Klasse lagen Klassenkameraden auf dem Boden. Eine Mitschülerin, die an der Wand saß, wurde am Kopf getroffen und blieb sitzen.

Meine Freundin XX hatte es auch getroffen. Ich legte meine Hand auf ihre Wunde, damit die Blutung etwas nachließ.

Der Mann ging dann aus dem Raum, kam nach einer Minute wieder zurück. Er schoss noch zehnmal. Ich habe mich mit meinen blutverschmierten Händen so hingelegt, als ob ich tot bin. Dann ging er raus. Alle noch Lebenden sind dann über eine Feuerleiter in den Hof. Ich war die letzte, die raus ist.“

Dieser Bericht steht sehr im Kontrast zu dem Vorherigen. Die Menschen in der Umgebung sind persönlicher, der grobe Ablauf der Ereignisse entspricht den bisherigen Erkenntnissen, der Täter bleibt als „diese Person“ anonym und wird an anderer Stelle gar als „Mann“ bezeichnet.

Diese Aussage erscheint glaubwürdig.

Thomas R. (17), Schüler der 10d:

„Die Person hat zuerst geradeaus ins Klassenzimmer geschossen. Ich meine, dass ein Mädchen gleich getötet wurde. Ich habe den XX gepackt und wir sind auf der anderen Seite des Schrankes hinaus gesprungen. Der XX kam hinterher, er hat sich erst festgehalten und dann ist er gesprungen. Als ich draußen war, fielen weitere Schüsse und ich bin losgerannt.“

Auch diese Aussage erscheint glaubwürdig, trotz der wenigen Details.

Walter F. (58), Lehrer:

„Frau XX, unsere Referendarin, lag neben dem Experimentiertisch am Boden. Ich habe gesehen, dass sie am Arm und Hals blutete und habe den Arm abgebunden. Danach haben wir Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet. Sie hat mich angeschaut und hatte den Mund offen. Ich sagte, sie solle durchhalten. XX sagte mir, dass sie tot wäre, wenn XX sich nicht vor sie gestellt hätte.“

Hierbei handelt es sich um eine Situation aus dem Chemieraum, nachdem die kurz darauf verstorbene Frau Sabrina S. aufgrund der durch die Tür abgegebenen Schüsse getroffen worden war.

Als nächstes präsentierte BILD eine Zeugenaussage aus dem Park des Klinikums.

Frau L., Zeugin des Mordes an Hausmeister XX (56).

„In der Raucherecke hörte ich zwei Schüsse. Ich begab mich zum Fenster und blickte in den Park. Dort sah ich dann eine leblose Person am Boden liegen. Auf dem Fußweg sah ich eine weitere Person. Die Person rannte zu dem am Boden Liegenden und gab zwei weitere Schüsse auf diese ab. Er stand vor ihm und schaute ihn an. Dann streckte er den Arm aus und gab weitere Schüsse ab. Es war schrecklich. Wie es weiterging, weiß ich nicht. Ich habe mich vom Fenster abgewandt.“

Davon abgesehen, dass eine aufrechte und sich bewegende Person sicherlich zuerst wahrgenommen wird als eine leblose Person am Boden, kann diese Aussage nicht weiter bewertet werden.

Möglicherweise kann es sich so abgespielt haben. Der Täter bleibt anonym und suchte nach dieser Schilderung sein Opfer geradezu auf. Und er schien eigenartig ruhig gewesen zu sein.

Und zum Schluss zitierte BILD eine Zeugenaussage aus Wendlingen.

Frieda K. (51), Zeugin des Selbstmordes von Tim K.:

„Als ich aus dem Fenster schaute, stand der Mann vorne bei unserem Fahrradständer. Der hat mit der Waffe gefuchtelt und hat auch in Richtung der Polizisten geschossen. Weitere Schüsse gab er in Richtung unseres Gebäudes ab. Hinter dem Auto schoss er noch mal auf die Polizisten. Dann richtete er seine Waffe nach oben und schoss in den Himmel. Bis sein Magazin leer war. Dann hat er sich auf den Boden gesetzt und nachgeladen. Er nimmt seine Pistole, hielt sie sich an die Stirn und drückt ab. Wo er nach hinten umgefallen ist, bin auch ich umgekippt. Da ist mir der Kreislauf zusammengesackt.“

So, was haben wir hier vorliegen?

Eine Zeugenaussage, die den Selbstmord des Tim Kretschmer belegt. Oder vielmehr: belegen soll.

Die Verschiebung der Zeiten in diesem Text ist zu verzeihen. Auch den Satz „Weitere Schüsse gab er in Richtung unseres Gebäudes ab“ im besten Amtsstuben-Deutsch soll hier keine besondere Bedeutung beikommen.

Was will „Frieda K.“ hier mitteilen?

Als erstes gibt sie sich als Mitarbeiterin der Firma „Ritter-Aluminium“ zu erkennen. Es gibt nur einen Ort, aus welchem sie das Geschehen von dort beobachtet haben könnte. Es handelt sich dabei um das Büro oberhalb jenes Vorbaus, in welchem sich der Handy-Filmer befunden haben muss.

Sie berichtet, dass der Täter mit der Waffe herumgefuchtelt und auch in Richtung der Polizisten geschossen haben soll.

Dort, beim Fahrradständer, hat die Spurensicherung der Polizei allerdings keine Hülsen markiert, sondern die Bluttropfen-Spur. Doch schreiben wir dies einmal einer ungenauen Wahrnehmung der werten Zeugin zu.

Wie lange soll der Täter dort herumgestanden und gefuchtelt haben? 8 Minuten? 5 Minuten? Das erfahren wir nicht. Die Spurensicherung hatte allerdings die eben genannte Bluttropfenspur markiert, nach welcher der angebliche Täter kein einziges Mal beim bzw. nahe dem Fahrradständer gestanden sein kann. Er ist daran vorbeigegangen, denn sonst hätte er einen großen Fleck hinterlassen, wie noch kurz zuvor.

Dann erst, laut „Frieda K.“, soll der Täter in Richtung des Vorbaus geschossen haben, aus dem kurz darauf der wagemutige Handy-Mann seinen Handy-Film drehen sollte. Dies müsste der „Frieda K.“ einen Heidenschreck eingejagt haben, denn es war in ihre Richtung gewesen.

Lassen wir das mal so stehen und akzeptieren es, dass der Täter recht unplatziert und unkonzentriert in diese Richtung geschossen haben könnte, um jemanden von dort zu vertreiben. Denn es gibt ansonsten keinen Beweis dafür.

Danach soll der Täter „hinter dem Auto“ noch mal auf die Polizisten geschossen haben.

Die Benennung „hinter dem Auto“ bei einer Reihe von Fahrzeugen auf einem Parkplatz ist amüsant. Das kann man aber so stehen lassen, weil das Handy-Video eine derartige Situation darzustellen scheint. Und wir ignorieren hier auch die völlig offene Seite Richtung Autohaus.

Aber dann wird es ein wenig grotesk.

Denn nun soll der vermeintliche Täter unmotiviert die restlichen Patronen im Magazin einfach in den Himmel verfeuert haben. Nur, warum? Es würde nämlich bedeuten: Patronenhülsen auf dem Boden, aber keine Schusswirkung. Und vor allem: zuerst die Pistole leer schießen, um sich dann hinzusetzen und nachzuladen? Für die eine Patrone für sich selbst?

Das klingt irre. Aber irre soll der Täter ja gewesen sein.

Und doch gibt es ein Problem mit dieser Erzählung. Denn das Handy-Video zeigt etwas anderes. Bei jener unglaublich schnellen Schussfolge, bei welcher der Filmer sein Handy verriss, ist leider nichts Genaues auszumachen. Allerdings spazierte danach die gezeigte Person noch ein Weilchen aufrecht herum, redend, gestikulierend. Er sprach sogar in Richtung des Handy-Filmers, was umso erstaunlicher ist, weil er doch zuvor laut „Frieda K.“ in diese Richtung geschossen haben soll. Hatte sich der angebliche Täter wieder beruhigt und die Leute dort nun auf einmal doch ganz umgänglich gefunden? Ist dies der „Frieda K.“ gar nicht aufgefallen, dass der angebliche Täter kommunizierte?

Mit wem denn eigentlich?

Der vermeintliche Täter lief also noch herum und kommunizierte. Demnach mit einem leeren Magazin in der Waffe, würde man der Aussage von „Frieda K.“ glauben. Das ist interessant. Und dann überprüfte er offensichtlich in aller Seelenruhe das Magazin seiner Waffe. Um festzustellen, ob es auch wirklich leer ist? Weil der Schlitten der Pistole nicht zurückgezogen war? Weil er ein Idiot war?

Die Pistole war nicht leer geschossen, kann es nicht gewesen sein.

Und schließlich setzte sich die Person nicht, sondern erhielt hier den Schuss in den linken Knöchel, weswegen er sichtlich überraschend über seine linke Seite zu Boden ging und in eine sitzende Position kam. Unsere „Frieda K.“ muss dies also als ganz normales Hinsetzen empfunden haben, so wie ein spontanes „es sich mal gemütlich machen“. Und dann folgte auch schon der Schnitt.

Da das Handy-Video nicht vollständig gezeigt wurde, bleibt dieses somit den visuellen Nachweis des angeblichen Ladevorgangs und angeblichen Selbstmordes schuldig. Immerhin will „Frieda K.“ genau gesehen haben, dass der vermeintliche Täter sich die Pistole an die Stirn gesetzt habe, nicht etwa an den Kopf. Nein, an die Stirn, schließlich war dort danach, laut Polizei, auch das Loch gewesen. Das hat sie genau gesehen, obwohl seine Leiche nach den etwas später aufgenommenen Fotos ihr etwas abgewandt auf dem Parkplatz lag.

Was ist nun falsch? Die Aussage der „Frieda K.“ oder das Handy-Video?

Darf man es sich aussuchen?

Aber mittlerweile wurde ja einiges richtig, was vorher falsch gewesen ist, nachdem es als richtig verkauft worden war und dennoch falsch bleibt.

Fazit:


Zwei dieser zuvor geschilderten angeblichen Zeugenaussagen sind eine Erfindung. Zum einen jene des angeblichen „Frederic. L.“, welcher eine Identifizierung des Täters erzählen („beweisen“) soll. Und sie wurde auch ganz bewusst an den Anfang des Artikels gestellt.

Zum anderen die Erzählung der „Frieda K.“, welche einen weiteren Schwachpunkt in der Polizei-Geschichte auszuräumen versucht: den angeblichen Selbstmord des Tim Kretschmer, der keiner war.

Wenn man sich diese angebliche Aussage als Negativ vor Augen führt, wird schnell deutlich, um was es dabei ging.

Zwischen den beiden falschen Aussagen handelt es sich möglicherweise um echte Zeugenaussagen ohne großartigen Informationsgehalt, aber mit einer emotionalen Komponente.

Es versteht sich von selbst, dass alle publizierten Zeugenaussagen nur einen Teil von vollständigen Aussagen darstellen können.


C. Eine Kampagne. Teil 3.


Am darauf folgenden Tag, am 12. September 2009, publizierten Polizei/Staatsanwaltschaft die zweite Staffel der angeblichen Zeugenaussagen über die mediale Sickergrube BILD.

Iris F. (31), Notärztin:

„Als wir durch den Haupteingang in die Schule traten, fiel mir gleich der Rauch auf. Es roch nach abgeschossenen Patronen und Blut. Im Raum 301 lag eine Schülerin im Bereich der mittleren Tischreihe. Eine andere saß auf ihrem Stuhl. Sie war augenscheinlich tot. Unmittelbar daneben am Boden, etwas zusammen gekauert, lag eine weitere Schülerin. Auch sie war offensichtlich tot. Es sah ein wenig aus, als lägen sie sich in den Armen. Wir haben geschaut, ob noch Lebenszeichen vorhanden waren. Jedoch waren beide bereits tot.“

Dieser Aussage nach soll bereits im Eingangsbereich Rauch in der Luft gelegen sein. Aber wo soll dieser hergekommen sein? Etwa durch die abgeschossenen Patronen im Obergeschoß, wie impliziert wird? Deren Anzahl außerhalb der Klassenräume die 15 nicht übersteigen dürfte?

Was von diesem Phänomen, dass sich der Pulverdampf von rund 15 Patronen offenbar gemeinschaftlich nach unten zum Haupteingang bewegt und sich dort partout nicht aufgelöst hatte, zu halten ist, wird im selben Satz deutlich.

Diese Frau will sogar schon das Blut der Opfer dort gerochen haben, und dies sogar mitten im Rauch.

Wir empfehlen dieser Spürnase dringend eine Bewerbung bei „Wetten, dass…“

Heiner L. (39), Rettungsassistent:

„Im Eingangsbereich waren sehr viele getroffene Schüler vorzufinden. Bei einem Schüler lagen Krücken mit am Platz. Eine andere Person hatte sogar noch den Stift in der Hand. Dahinter saß noch eine weitere Schülerin. Mir ist noch in Erinnerung, dass der Assistent der Hubschrauberbesatzung uns darauf hingewiesen hat, dass wir uns nicht umschauen sollen, da es sehr schrecklich aussieht. Wir sollten uns auf unsere Arbeit konzentrieren.“

Dieser Beitrag ist für unsere Recherche unwichtig. Ganz anders die folgende angebliche Zeugenaussage:

Werner S. (28), Polizist:

„Vor der Eingangstür der Schule sind wir schon beschossen worden. Ich habe definitiv einen Schuss wahrgenommen, der mich knapp verfehlte. Ich habe am Kopf einen Druck verspürt. Hinter mir hörte ich einen Einschlag.“

Hier soll bereits ein Kommentar eingeschoben werden. Diese Geschichte war bereits in den ersten Tagen nach dem Massaker im Umlauf gewesen, wurde aber später von der Polizei insofern abgeschwächt, dass es sich um einen einzelnen und ungezielten Schuss gehandelt haben soll. Nun wird hier der Zeuge aus der Polizei präsentiert, der sehr wohl die ursprüngliche Geschichte von einem gezielten Schuss darstellt. Er muss demnach zu jenen drei Polizisten gehören, die sich als erste am Tatort eingefunden hatten. Der Schuss selbst wird gar nicht erwähnt, stattdessen die Wahrnehmung von einem Druck am Kopf und das Geräusch eines Einschlages.

Dies ist um so erstaunlicher, weil nun plötzlich dank dieser Aussage dieses Ereignis zum ersten Mal vor den Haupteingang der Schule verlegt wird, das Geschoß demnach erst die Glasscheibe der Tür hätte durchschlagen müssen. Hier von einem „Druck am Kopf“ zu sprechen, aber das Loch vor sich im Glas nicht zu sehen und Glaspartikel im Gesicht zu haben, ist geradezu kurios. Er will auch noch den Einschlag gehört haben, aber wo soll dieser stattgefunden haben? Unmittelbar hinter ihm hatte sich jedenfalls nichts befunden.

Und weiter im Zitat:

„Wir sind dann rein, man hat sich natürlich zuerst orientieren müssen, wo man ist. In dem Moment habe ich den Täter kurz oben gesehen, von der Schulter aufwärts, wo er gefeuert hat. Dann ist er sofort abgetaucht und ist nach hinten weg. Ich sah, dass er etwas in der Hand hatte. Ob es eine Pistole oder ein Revolver war, war aus dieser Distanz nicht zu erkennen.“

Auch in diesem Absatz wird deutlich, dass es sich bei dem Verfasser um einen sehr amateurhaften Erzähler handeln muss. Eine einzige Stümperei aus zusammengeklebten Sätzen für den durchschnittlichen BILD-Leser.

Zuerst einmal will dieser Polizist mit seinen Kollegen in die Schule eingedrungen sein, obwohl er gerade eben genau von dort beschossen worden war. Das ist unglaubhaft, weil selbstmörderisch. Dann will der Polizeibeamte den Täter oben an der Treppe auch noch gesehen haben, wo im März maximal von einem Schatten die Rede gewesen war. Demzufolge müsste dieser Täter das Eindringen der Polizei nun auch noch ohne weitere Schüsse bis zum Sichtkontakt abgewartet haben, anstatt sofort zu flüchten oder auf diese angeblichen Trottel nacheinander in der Tür wie auf Zielscheiben zu schießen. Nein, stattdessen soll der Täter gewartet und gar nichts gemacht haben.

Dann will dieser Zeuge nicht nur den Täter von der Schulter aufwärts gesehen haben, sondern gar die Waffe in seiner Hand. Wie das, sind doch Hände normalerweise Schulter abwärts angebracht. Es sei denn, er hätte gerade auf den Polizisten gezielt…

Gleichzeitig will der Polizist nicht erkannt haben, um welche Art der Waffe es sich gehandelt habe, wegen der Distanz. Das ist ebenfalls extrem unglaubwürdig. Denn die Distanz war viel zu gering für ein Nichterkennen. Eher würde ein unglücklicher Winkel in Frage kommen.

Wir tippen aber eher um einen frei erfundenen zugestellten Satz für die Atmosphäre.

Diese Stümperei geht sogar noch weiter, indem hier ein Geschichte fortgesetzt wird, die allen bisherigen Mitteilungen der Polizei über den Hergang widerspricht.

„Wir sind dann sofort die Treppe hoch, gestürmt eigentlich, also nicht langsam, sondern schnell hoch. Als wir die Treppe oben waren, hat man ein oder zwei dumpfe Schüsse gehört, die aus westlicher Richtung, also von der Treppe aus gesehen rechts kamen. Wir sind der Person sofort hinterher. An der Ecke haben wir kurz innegehalten und nachgeschaut, wo der Täter steht.“

Damit wird deutlich, dass die beiden Interventionsteams der Polizei in dieser Geschichte keine Rolle mehr spielen. Das haben nun die drei ersten Polizisten alles erledigt. Sie wären also sofort die Treppe hinaufgestürmt, wo ja eben der Täter noch zu sehen gewesen war. Sie müssen ihm also dicht auf den Fersen gewesen sein. Umso erstaunlicher, dass auf einmal die gehörten Schüsse „dumpf“ gewesen waren und somit recht weit entfernt innerhalb des Gebäudes.

Wie konnte das nur passierenn trotz des nicht langsamen, sondern schnellen Hinaufstürmens…?

Und weiter:

„Wir liefen weiter in Richtung zweites Treppenhaus, also Richtung Westen. Dort lagen zwei Personen auf dem Boden. In dem Moment hatten wir wieder Funkkontakt und haben gemeldet, dass im Flur zwei Personen liegen, die vermutlich tot sind. Nach meiner Einschätzung lagen die beiden dort schon länger, da sie bleich waren und wie Wachspuppen aussahen.“

Wir wissen nicht, wie die beiden Lehrerinnen ausgesehen haben. Nicht einmal, ob die wahrgenommenen „ein, zwei dumpfen Schüsse“ ihnen gegolten hatten. Ein Schuss kann es jedenfalls kaum gewesen sein. Wir wissen aber um die Aussage des Polizeipräsidenten Hetger, der berichtet hatte, dass diese beiden Lehrerinnen von mehreren Schüssen getroffen wurden. Aber auch das heißt nichts, bei einem Hetger sogar weniger als das.

„Wir hatten dann den Kontakt zum Täter verloren. Wir wussten nicht, wo er ist und ob er sich möglicherweise in einem der Zimmer versteckt hat. Deshalb haben wir ab dem Bereich, wo wir bei den beiden Leichen waren, angefangen, an den Zimmertüren zu gucken, ob er da irgendwo rein ist…“

Ganz klar: wenn man nur zu dritt ist und der bewaffnete Täter nicht sichtbar, dann bleibt man besser zusammen, erst recht in einem etwas unübersichtlichen Areal. Das ist durchaus nachzuvollziehen und Verstärkung dringend nötig. Aber die Aussage, dass sie – zu diesem Zeitpunkt – in dem angegebenen Bereich, nämlich unmittelbar beim Raum 305 der Klasse 9c, die Türen überprüft hätten, ist schlichtweg eine Lüge. Davon abgesehen, dass die mehrfach durchschossene Tür des Raumes 305 sicherlich aufgefallen wäre, wurde dieser Raum erst gegen 10.00 Uhr geöffnet. Hier erzählt uns der angebliche Zeuge aus den Reihen der Polizei, dass er noch vor den Interventionsteams genau vor dieser Tür herumgestanden und diese überprüft haben will.

Wann soll das überhaupt gewesen sein? Doch wohl nur wenige Minuten nach ihrem Sturm in die Schule ab 9.37 Uhr.

Oder?

Als letzte Aussage publizierte BILD an diesem Tag folgende, von der hier nur die erste Hälfte wiedergegeben werden soll:

Carsten W. (46), Rettungsassistent im Hubschrauber:

„Wir betraten durch den Haupteingang die Schule. Auf der Treppe kam uns eine offensichtliche Schülerin entgegen, die im Gesicht stark blutverschmiert war. Ich weiß noch, wie sie wörtlich schrie: Dieses Arschloch, der kann doch nicht alle erschießen…

Jedenfalls entschlossen wir uns dann, die Tür zu öffnen. Sie war unverschlossen. Dann eröffnete sich uns die Katastrophe. Viele Tische waren umgeworfen, wahrscheinlich hat man versucht, Deckungen aufzubauen.“

(Die Vernehmung wird kurz für eine Minute unterbrochen, weil dem Zeugen die Tränen kommen).

„Wir waren eigentlich fast wieder im Begriff, den Raum zu verlassen, da hörten wir ein Geräusch. Wir blieben stehen, versuchten das Geräusch auszumachen. Ich meinte dann, eine Atmung zu hören. Sie war ganz leicht, mehr ein Seufzen…“

Es wird keine Uhrzeit genannt und dennoch muss dieser Mann zu den ersten Einsatzkräften gehört haben, denn es geht aus dieser Aussage hervor, dass er mit seinen Kollegen offenbar noch vor der Polizei den Raum 301 der Klasse 10d betreten hat. Und es kann nur die 10d gewesen sein, weil von verängstigten Schülern, von anwesenden (lebenden) Personen keine Rede ist, andererseits der Raum 305 erst später gemeinschaftlich mit der Polizei und der Rektorin Hahn geöffnet worden ist.

Allerdings stellt sich nun die Frage, woher auf der Schultreppe die blutverschmierte Schülerin gekommen sein soll. Unmöglich aus der 9c/Raum 305. Bleibt nur die 10d/Raum 301. Aber waren die überlebenden Schüler nicht über die Feuertreppe geflohen? Oder etwa alle, bis auf eine vollkommen Verstörte, die den Weg zum Mörder eingeschlagen hat? Die allerdings dann noch einen vernünftigen Satz sagen konnte…

Warum nur wirkt diese Aussage so aufgesetzt, wenn nicht gar erfunden?

Warum fehlt in dieser Aussage jegliches Ereignis drum herum? Warum sehen wir in diesem angeblichen Zitat eine Lücke zwischen dem Mädchen im Treppenhaus und einer nicht benannten Tür, vor der sie plötzlich gestanden wären? Warum werden die Polizisten nicht erwähnt, die sich – laut Polizist „Werner“ – ein Stück weiter in Sichtweite befunden haben müssten?

Warum fehlt so vieles innerhalb eines angeblichen Zitats, wenn gleichzeitig sogar erwähnt wird, dass die Vernehmung wegen Tränen beim Zeugen für eine ganz erhebliche Minute unterbrochen werden musste? Weinten die anderen Zeugen bei der Vernehmung nicht?

Welche Botschaft wird hier an die Leser vermittelt?

Denn interessant ist ja auch – wohlgemerkt innerhalb eines angeblichen Zitates – dass der weinerliche Rettungsassistent die umgeworfenen Tische erwähnte, nicht aber die toten oder schwer verletzten Schüler. Ein Möbelfetischist? Die Schüler können ihn wie auch seinen Kollegen nicht interessiert haben, denn sie wollten ja wieder gehen, wie aus dieser Aussage ganz klar hervorgeht. Erst ein „Geräusch“ habe sie ja aktiv werden lassen, nicht eine Untersuchung.

Welcher phantasielose Autor wurde hier beschäftigt? Der Text, die angebliche Aussage, ist an Stümperei nicht zu überbieten.

Und sie ist unglaublich menschenverachtend! Ekelhaft.


D. Eine Kampagne. Teil 4.


BILD, offensichtlich mit einem ganzen Informationspaket versorgt, legte am 13. September 2009 online nach. Nun ging es um „Die letzten Stunden von Tim K.“

Nach vorweg gestellten bedeutungslosen „Informationen“ wurde es mit dem 11. März 2009, 8.50 Uhr, richtig interessant. Zu diesem Zeitpunkt soll Tim das Elternhaus verlassen haben, um zur Bushaltestelle zu gehen. Seine Mutter wird mit den Worten zitiert, dass sie ihn dabei nicht gesehen, wohl aber die Haustür gehört habe. Und dass dies kurz vor 9.00 Uhr gewesen wäre.

Aber dann:

11. März 2009, 9.15 Uhr.

An der Bushaltestelle in Winnenden trifft er eine Passantin (46). Die Zeugin: „Er stand relativ ruhig da und schaute etwas beeindruckt umher. Ich fragte ihn: „Fährst Du auch mit dem Bus?“. Worauf er antwortete: „Nein, ich muss da runter.“ Er zeigte in Richtung des Parkplatzes vor dem Lessing Gymnasium und ist in diese Richtung gegangen.“

Am 22. Mai 2009 hatte es in der gemeinsamen Pressemitteilung und gleichzeitig vorläufiger „Abschlussmeldung“ noch geheißen, dass trotz umfangreicher Befragungen die Anfahrt des Tim Kretschmer nicht bewiesen werden konnte. Es hatte ihn also niemand gesehen.

Und nun plötzlich wurde eine angebliche Zeugin aus dem Hut gezaubert, die Tim Kretschmer an der Bushaltestelle in Winnenden gesehen haben will. Nicht etwa der Busfahrer, nicht etwa Fahrgäste, nein, ein Passantin an der Bushaltestelle soll es gewesen sein, die offenbar vorher nicht zur Verfügung gestanden hatte.

Vermutlich wird sich an diese Passantin auch niemand erinnern können.

Und was für ein Zufall auch, dass diese Zeugin nicht nur Tim Kretschmer gesehen haben will, ja, sie habe sogar Kontakt zu ihm aufgenommen, sie habe ihn etwas gefragt. Dies einen an der Bushaltestelle Stehenden sogar besonders geistreich.

„Fährst Du auch mit dem Bus?“

Dieser Geistesblitz muss bei der angeblichen Passantin ein besonderes Ereignis gewesen sein, soll sie doch noch Monate später gegenüber der Polizei diese Worte zitiert haben können.

Offenbar waren die Urheber dieser „Informationen“ darauf gekommen, dass in ihrer publizierten Zeugenreihe jemand vergessen worden war, welcher eine weitere Lücke in der Geschichte zu schließen hatte. Zum Glück wurde dies hiermit nachgeholt.

Allerdings wurde nicht nur nachgereicht, es wurde auch fleißig umgeändert. Der FOCUS präsentierte wie BILD am 13. September 2009 ebenfalls plötzlich eine Nachhilfelehrerin, welche in einem Schreiben an die Eltern Kretschmer von „schweren Mobbing-Attacken“ gegen deren Sohn berichtete. Tim Kretschmer wäre häufig von Mädchen gehänselt worden.

Offenbar hatte die Polizei diese Nachhilfelehrerin zuvor nicht ausfindig machen können, hatte sie doch Mobbing nicht feststellen können. Demnach scheint diese Nachhilfelehrerin auch die einzige zu sein, die dies behauptet.

Auch der SPIEGEL zitierte nun aus den angeblichen „Ermittlungsakten“, BILD ohnehin. Es wurden noch einmal die Bondage-Szenen mit devoten Männern präsentiert, die sich Tim Kretschmer am Vorabend der Morde angeschaut haben soll. Als „Nachweis“ wurde gleich die entsprechende Internet-Seite schleichwerbeartig eingeschoben, wie peinlich.

Tim Kretschmer wurde im Verlauf der Artikel wieder zu einem „schüchternen Einzelgänger“. War er zuvor noch wenigstens ein durchschnittlicher Schüler gewesen, soll er nun angeblich in der Realschule nur unter „größten Mühen“ mitgekommen sein. Gezittert haben soll er, wenn man ihn etwas gefragt hatte.

Nachdem es bislang auch ganz offiziell geheißen hatte, dass nicht nachgewiesen werden konnte, wie sich Tim Kretschmer die Munition beschafft haben soll, hieß es nun plötzlich, dass er angeblich versucht habe, Munition zu kaufen, er aber in einem Geschäft „abgewiesen“ worden wäre.

Angeknüpft wurde daran die Information, dass Tim Kretschmer auf seine Rechnung sieben Wochen vor der Tat zusammen mit seinem Vater 1.000 Schuss Munition gekauft haben soll – als verspätetes Weihnachtsgeschenk für seinen Vater.

Was allerdings nicht die Herkunft der bei der Tat verwendeten Munition erklärt.

Auch soll der Junge laut BILD – plötzlich – „immer mehr Zeit“ auf dem Schießstand des Schützenvereines verbracht haben. Dort soll er immer besser geschossen und dann auch schneller beim Nachladen als sein Vater gewesen sein.

Also auch hier eine erstaunliche Wendung aller bisherigen Erkenntnisse, war doch Tim Kretschmer nachweislich nur passives Mitglied des Schützenvereines gewesen, von drei Schussübungen abgesehen.

Einen Monat später, am 15. Oktober 2009, legte BILD zu diesem Kapitel mit einigen Details nach. Natürlich unter Berufung auf vorliegende „Unterlagen“ und „Vernehmungsprotokolle“.

So erfuhr der Leser, dass Tim Kretschmer schon beim zweiten (!) Schießtraining „gut“ gewesen soll. Und dass er sogar schneller geschossen habe als der Vater.

Was allerdings nichts über die Zielgenauigkeit aussagt. Und von anderen Trainingseinheiten war weiter nicht die Rede, woher auch.

Stattdessen soll Tim drei Wochen vor dem 11. März gefragt haben, wann er wieder schießen gehe…

Das klingt dramatisch, ja, das klingt gut, das klingt aggressiv. „Wieder“ klingt nach einer permanenten Wiederholung. Dem war aber nicht so. Und? – ging er noch einmal schießen?

Alleine die Frage wird als Großereignis herausgekehrt, nicht etwa die mögliche Antwort.

In diesen Artikeln wird suggeriert, dass Tim Kretschmer nun ganz wild auf das Schiessen gewesen sein soll, hatte aber nachweislich wohl doch nicht so recht gewollt. Er wollte angeblich total aktiv sein, war dann aber doch passiv im Schützenverein gewesen.

Nette Konstruktion der Suggestion.

In diese Kerbe schlägt auch die Angabe, dass Tim am Karnevals-Dienstag in eineinhalb Stunden 50 Patronen verfeuert haben soll.

Ganze 50 Patronen. 90 Minuten lang. So schnell war er offenbar doch nicht gewesen, wie behauptet. Ein weiter Weg, um auf 60 Schuss in 5 Minuten zu kommen.

Offenbar wurden den Lesern erhebliche mathematische Schwächen unterstellt.

Eher am Rande befand sich eine kleine Information, die viel interessanter war. Denn nach den Angaben des Vaters soll das Magazin seiner Beretta in einem Handschuh versteckt gewesen sein.

Das Magazin.

Also eines. Ein einziges. Mit 15 Patronen in demselben.

Ein Missgeschick in der Informationskette?

Woher stammten nun die übrigen Magazine?

Offenbar gibt es da auch noch ein Problem.


E. Eine Kampagne. Teil 5.


Ab dem 14. September 2009 veröffentlichte der FOCUS gleich eine ganze Serie: „Was in Winnenden wirklich geschah“.

Davon einmal abgesehen, dass sich der zweite Akt dieses Dramas in Wendlingen abgespielt hatte, wird diese Serie als eine FOCUS-Reportage bezeichnet. Diese Serie beinhaltete ebenfalls keine eigenen Recherchen, um es vorwegzunehmen. Vom FOCUS als Überbringer der Behördennachrichten stammen maximal die Einleitung und das Layout.

Es sollen wieder die Artikel zitiert werden.

„Der gesamte Winnenden-Komplex, Aktenzeichen 112 Js 21916/09, umfasst mehr als 15.000 Seiten. Gesammelt hat die Stuttgarter Staatsanwaltschaft Aussagen von 632 Zeugen, ärztliche Dossiers, Waffen-, Faser- und DNA-Gutachten sowie ballistische Berechnungen. Hinzu kommen Daten aus Telefon- und Computerspeichern, Observationsberichten, Funkprotokollen sowie Fotodokumentationen. Erst in der Gesamtschau erschließt sich die wahre Dimension der Tat. Hochbrisante und bislang unveröffentlichte Details lassen den Amoklauf unheimlicher erscheinen denn je.“

Keine Frage, die Öffentlichkeit hat diesen Einblick nicht. Und sie hat auch noch nichts von dem Endergebnis erfahren, geschweige denn Kenntnis von Observationen (!).

„So verschweigen die Behörden bis heute eine weitere Polizeipanne, die nur durch glückliche Umstände keine weiteren Opfer forderte: Ein bewaffneter Beamter hätte das Feuer des Amokschützen auf ein Zivilfahrzeug der Polizei unmittelbar erwidern können. Eine Kindersicherung hinderte ihn daran, aus dem Auto zu springen.“

Jetzt muss man sich aber erst einmal fragen, warum die Polizei eine derartige Peinlichkeit durchsickern lässt. Eine kleine und peinliche Anekdote von einem Polizisten, der zuvor nie erwähnt worden ist.

Diese kleine Geschichte steht also in Zusammenhang mit dem beiden schwer verletzten Polizisten. Wir wissen nicht, wann genau dieses Fahrzeug dort vorgefahren war. Und warum deren Besatzung so sorglos gewesen war – was zu denken geben könnte. Und wir wissen außerdem nicht, wer diesen beinahe tödlichen Schuss tatsächlich abgegeben hatte.

Wie es sich auch abgespielt haben mag, es wird hier der Anschein erweckt, als wenn dieser Polizist, sogar bewaffnet, auf dem Rücksitz, hätte etwas Entscheidendes vollbringen können. Ja, wenn nicht diese verflixte Kindersicherung gewesen wäre.

Tatsache ist aber, dass sich seine Kollegen vor Ort befunden hatten. Tatsache ist auch, dass er dennoch aus dem Auto hätte steigen können, nur eben 5 Sekunden später. Denn behindert dürfte der Mann wohl nicht gewesen sein. Er hätte demnach sehr wohl noch „eingreifen“ können. Hat er aber offenbar nicht.

Tatsache ist, dass seine Anwesenheit völlig bedeutungslos ist.

Seine nachgereichte Person bekommt in dieser Geschichte ausschließlich Bedeutung durch eine angebliche „Panne“, durch eine Dummheit, durch ein Versehen.

Zurück zur Frage, warum dieses „Versehen“ innerhalb einer Tragödie an den „FOCUS“ weitergereicht worden ist.

Um etwa mit einer lancierten peinlichen Polizeigeschichte die übrigen brandneuen Informationen glaubwürdig erscheinen zu lassen?

Wir wissen es nicht, aber wir vermuten es ganz stark. Es steht auch gleich am Anfang.

„Das psychiatrische Gutachten beschreibt in noch nie da gewesener Klarheit, wie krank der Täter wirklich war – und wie lange die Eltern die Labilität ihres Sohnes und die Gefahr, die von ihm ausging, offenbar ignorierten.

Die Einschätzung des Gutachters zu Tim K. könnte vor allem für dessen Vater fatale Konsequenzen haben. In den nächsten Tagen wird der Staatsanwalt entscheiden, ob er einen Prozess gegen Jörg K. anstrengt – oder es bei einem Strafbefehl lässt. Auch wenn also über Schuld und Verantwortung noch nicht geurteilt ist – der Ablauf der Tat steht fest.“

Auf das besonders klare Gutachten soll hier nicht eingegangen werden. Und ein Verfahren gegen Jörg K. wurde erstaunlicherweise auf die lange Bank geschoben.

„Am Morgen des 11. März setzt sich Tim K. zu seiner Mutter an den Frühstückstisch. Er ist ein Stück Rührkuchen und trinkt Kakao. Während Ute K. anschließend in den Keller geht, läuft er nach oben, ins Schlafzimmer der Eltern. Aus zwei Schränken kramt er eine Pistole und Munition hervor. Kurz vor neun Uhr verlässt er das Haus und nimmt den Bus, Linie 334, nach Winnenden.“

Dramatik pur. Zuerst Rührkuchen und Kakao, dann Pistole und Munition. Gesehen hat es aber niemand, weil sich Ute K. ja im Keller befand. Es wird also vermutet bzw. unterstellt. Was wäre gewesen, wenn Ute K. nicht in den Keller gegangen wäre. Nichts?

Und wo kam die viele Munition nun her? Und die weiteren Magazine?

Zu angeblichen Busfahrt nach Winnenden: siehe oben.

„Er trägt ein blaues T-Shirt, darüber ein längsgestreiftes Hemd, eine olivgrüne Jacke der Marke Tom Tailor, Jeans und braune Schuhe. Beim Anziehen seiner Socken muss Tim gepennt haben. Beide sind schwarz, aber eine ist von Adidas, die andere von Nike.“

Und wo befindet sich der Kampfanzug?

„Um acht fällt erstmals jemanden auf, dass Tim K. nicht da ist, wo er sein müsste – in der kaufmännischen Privatschule Donner & Kern in Waiblingen. Mit Beginn der ersten Stunde, Thema „Optimale Losgröße“, stellt der Lehrer für Betriebswirtschaft fest, dass Tim unentschuldigt fehlt. Weil die Eltern ihre Kinder meistens erst im Laufe des Vormittags krankmelden, verzichtet der Lehrer auf einen Anruf bei der Familie. Er vermerkt das Fernbleiben im Klassentagebuch.“

Wir wissen nicht, wie Tim seinen späteren Aufbruch von zu Hause gegenüber seinen Eltern begründet hat.

„Gegen neun Uhr nimmt die Sekretärin der Albertville-Realschule ein Paket in Empfang. Es handelt sich um eine Büchersendung. Der Postbote verlässt, ohne dass er Verdächtiges bemerkt, das Schulhaus durch den Haupteingang.“

Völlig überflüssig. Was soll verdächtig um 9.00 Uhr gewesen sein? Vielleicht war um 8.51 Uhr auch jemand auf der Toilette.

„Kurz darauf betritt Tim K. die Schule. Er strebt zur Jungentoilette im Untergeschoss und stellt seinen schwarzen „4you“-Rucksack ab. Er öffnet ihn, nimmt die Pistole heraus, stopft Hosen- und Jackentaschen voll Munition. Eine Schülerin sieht ihn wenig später die Haupttreppe hinauflaufen.“

Tim K. soll also alles in seinem Rucksack verstaut haben. Den er dann leer mit seinem Ausweis zurückgelassen haben soll. Keine weiteren Details. Auch jene Schülerin, die ihn gesehen haben soll, wurde bislang nicht erwähnt. War diese zu ihrem Unterricht zu spät gekommen? Oder zu früh? Oder einfach nur neu?

„Zwischen 9.30 und 9.33 Uhr gelangt Tim K. ins Obergeschoss. Er geht zum Raum 305, seinem früheren Klassenzimmer. Wortlos öffnet er die Tür. Mindestens achtmal feuert er auf die mit dem Rücken zu ihm sitzenden Schüler.“

Es verwundert die unpräzise Angabe der Schüsse, die natürlich eindeutig festgestellt worden sind.

„Die Knallgeräusche schrecken eine Lehrerin auf, die im Raum 311 unterrichtet. Sie geht auf den Gang. Tim K. verfehlt sie mit zwei Schüssen knapp. Ein Projektil schlägt in die Wand ein. Durch den aufgewirbelten Betonstaub löst ein Rauchmelder Alarm aus. Unmittelbar danach feuert Tim K. zweimal Richtung Eingangsbereich Erdgeschoss. Womöglich gelten die Schüsse dem Hausmeister, der wegen des Alarms aus seinem Büro geeilt war.“

Raum 311 befindet sich ein Stockwerk tiefer. Interessant ist hier, dass der Täter nach den ersten Morden im Raum 305 bereits außerhalb eines Klassenzimmers geschossen haben soll. Es kann also in der gesamten Schule nicht zu überhören gewesen sein. Und wurde dennoch zumeist nicht entsprechend wahrgenommen. Auch nicht vom Hausmeister, denn der soll ja, laut Text, wegen dem Feueralarm aus seinem Büro geeilt sein.

Ein Geschoß soll in eine Wand geschlagen sein. Und das zweite Geschoß?

Vor allem aber gab es keinen Feueralarm, das ist nachweislich falsch. Es gab keinen Alarm bei der Feuerwehr in Winnenden. Außerdem hätte augenblicklich die Schule evakuiert werden müssen, was ebenfalls nicht geschah. Davon einmal abgesehen, dass ein bisschen Betonstaub ohnehin keinen Alarm auslösen kann. Hier wird Blödsinn verzapft.

„Der Schütze betritt Raum 301. Er schießt in die Klasse, verlässt kurz den Raum, kehrt zurück und feuert mindestens sechs weitere Schüsse ab.“

Hier fällt das Ereignis, dass der Täter zur Klassentür des Raumes 305 zurückgegangen war, unter den Tisch. Die Schussanzahl wird nun noch weniger konkret genannt.

„Im Flur, unmittelbar vor Raum 305, sieht er drei Frauen. Er geht auf sie zu und schießt mehr als zehnmal. Eine Referendarin und eine Lehrerin sterben, die dritte Frau flüchtet.“

Mehr als 10 Schüsse auf drei wehrlose Frauen. Da haben wir wieder dieses Amok-Verhalten. Und abermals eine unpräzise Anzahl der Schüsse. Die genauen Zahlen sollten offenbar nicht veröffentlicht werden.

„Die Schussgeräusche sind auch im Raum 317, dem Chemiesaal, zu hören. Der Lehrer geht auf den Flur, sieht den Täter und läuft zurück in die Klasse. Er weist die Schüler an, in einen Nebenraum zu flüchten. Tim K. kommt tatsächlich vor die 317. Zweimal feuert er durch die geschlossene Tür. Eine Referendarin hat keine Chance. Die Einschusslöcher im Holz befinden sich 135 und 178 Zentimeter über dem Boden.

Wo auch immer der Todesschütze auftaucht, stiftet er Chaos, Verwüstung und Furcht. Die Schüler der 9c werfen sich nach den ersten Schüssen schreiend zu Boden. Sie schmeißen Tische um und verstecken sich dahinter. In die angstvolle Stille platzt das Lachen eines Schülers. Die anderen schreien ihn an. Dann sehen sie, dass er Tränen in den Augen hat.

Eine am Hals verletzte 17-Jährige hockt neben einem Mitschüler. Er legt den Arm um sie. Noch vor ein paar Tagen hatten sie sich gestritten. Dafür entschuldigt sich das Mädchen jetzt. Vielleicht ist es die letzte Gelegenheit, sich zu versöhnen. Ihrem Großvater richtet sie am Telefon aus, dass sie ihn liebe.

Eine Schülerin der 10d wirft sich, nachdem Tim K. sechs ihrer Klassenkameraden ermordet hat, auf den Boden und legt sich einen Schal um den Kopf. Sie stellt sich tot. Im Raum 317 beginnen die Neuntklässler irgendwann zu singen: Der Herr behüte dich…

Der erste Schüler, der von seinem Mobiltelefon aus die Polizei alarmiert, ist Robert K. aus der 9c. Der Notruf trifft um 9.33 Uhr und 57 Sekunden in der Funkleitzentrale Waiblingen ein. Polizeihauptmeister Dieter W. informiert über Funk das Revier in Winnenden.“

Bei dem Schüler Robert K. handelt es sich um Stefan Seiler aus der Klasse 9c.

„Der Polizist Sebastian W. wäscht sich gerade die Hände. Er hört einen Kollegen etwas rufen, versteht ihn aber nicht. Er ruft zurück, was los sei, und hört das Wort „Amok“. Der 28 Jahre alte W. schnappt sich seine am Treppengeländer hängende Jacke. Mit einer Maschinenpistole in der Hand rennt er zum Streifenwagen. Zusammen mit zwei Kollegen rast er vor die Schule, springt hinaus und eilt zum Eingang.“

Bei Sebastian W. handelt es sich um jenen Polizisten, der bei BILD als Werner S. bezeichnet wurde. Hier erfährt der Leser, dass er eine Maschinenpistole mitgenommen haben soll.

„Kaum sind die Beamten im Haus, spürt W. am Kopf einen Druck und hört hinter sich einen Einschlag. Es ist eine Kugel, abgefeuert von Tim K. Er steht oben am Treppenaufgang. W. sieht ihn. In dem Moment dreht der Schütze nach hinten ab. Die Polizisten setzen nach. Kurz darauf hören sie per Funk, der Täter sei draußen.“

Die löchrige Langfassung dieser famosen Geschichte hatte bereits BILD geschildert. Hier nun wurde dieser angeführte Schuss wieder in die Schule verlegt. Der Schuss aber wird nach wie vor als Druck am Kopf wahrgenommen.

Der Täter selbst, soviel wird abermals deutlich, hatte es zuvor fertig gebracht, zahlreiche Schüsse auf Wehrlose abzugeben, aber nur einen einzigen auf die ihn bedrohende Polizei. Und dann war er verschwunden, trotz dem angeblichen „Nachsetzen“ der Beamten. Das große Loch in der Geschichte bleibt. Stattdessen nun die Neuigkeit mit der Information über Funk, dass der Täter draußen sei. Nur: wer soll wo diesen Funkspruch zu diesem Zeitpunkt abgegeben haben? Und warum zogen unsere Helden nicht die nötige Konsequenz: Täterverfolgung und Bergung der Schwerverletzten?

Und nur mal so nebenbei: auch hier keine Rede mehr von den heldenhaften Interventionsteams, die im März 2009 bei den polizeilichen Erklärungen so angesagt gewesen waren. Einfach verschwunden.

„Die ersten Sanitäter treffen gegen 9.40 Uhr vor der Schule ein. Sie sehen verängstigte Kinder hinter Fensterscheiben und im Obergeschoss einen um Hilfe schreienden Lehrer. Im Haupteingang riecht es nach abgefeuerten Patronen. Oben auf dem Gang liegen, dicht nebeneinander, zwei Frauen. Beide sind tot.

Die Nothelfer rütteln an der Türklinke des Raumes 305. Drinnen schreien Kinder. Sie fürchten, der Amoktäter kehre zurück. Es dauert Minuten, ehe die Klasse Vertrauen fasst. Zaghaft schließt die Lehrerin der 9c auf. Gleich hinter der Tür zwei erschossene Mädchen. Eines sitzt nach vorn gebeugt auf dem Stuhl. An sie gelehnt, kauert mit angezogenen Beinen ihre Banknachbarin.

Eine am Boden liegende Schülerin zittert. Mehrere Ärzte versuchen, das Mädchen am Leben zu halten. Führen einen Beatmungsschlauch in den Mund ein, legen Infusionen und einen Kopfverband an. In einem Tuch wird die Schwerverletzte abtransportiert.

Während der Fahrt ins Ludwigsburger Klinikum drücken Sanitäter mehrere Saugkompressen gegen den Kopf des Kindes. Nach zwei Minuten sind sie voll gesaugt. Im Krankenwagen schwimmt Blut. Klinikärzte erwarten die Patientin im Schockraum. Um 11.35 Uhr verstirbt die 15-Jährige.

Im Raum 301 kämpfen Ärzte um das Leben einer 16-Jährigen. Sie hat einen Schuss in den Oberkörper bekommen. Leber, Niere und Lunge sind verwundet, doch ihr Herz schlägt. Am Hals lässt sich ein leichter Puls fühlen. Rettungshubschrauber „Christoph 41“ bringt sie ins Katharinenhospital nach Stuttgart. Beim Landeanflug verschlechtert sich ihr Zustand. Sie schafft es nicht.

Eine tote Schülerin sitzt beim Eintreffen der Ärzte noch auf ihrem Stuhl. In der Hand hält sie einen Stift. Einen Jungen finden die Helfer auf dem Rücken liegend, über seinen Beinen zwei Krücken, die er nach einer Sportverletzung brauchte, um gehen zu können.“

Dieser Bericht nennt 9.40 Uhr als Ankunftszeit der ersten Sanitäter. Man bekommt den Eindruck, als wären sie sofort zum Raum 305, zur Klasse 9c gegangen. Diese wurde allerdings erst gegen 10.00 Uhr geöffnet.

„Zentrum für Psychiatrie, Ententeich im Park, gegen 9.41 Uhr. Der Klinikangestellte Jakob S. leert gerade Mülleimer. Er unterhält sich mit dem Handwerker Franz J. Beiden fällt ein junger Mann auf, der durchs Gelände hastet. Er kommt aus Richtung Schule. Franz J. wundert sich. Jakob S. läuft einen Hügel hoch. Als er sich noch einmal umschaut, steht der Unbekannte vor Franz J. und schießt ihn nieder. Der 56-Jährige verstirbt an den Folgen mehrerer Rumpf- und Kopftreffer.

Tim K. läuft davon, vorbei an einer Frau. Er lächelt sie an. Ihr fällt das scheppernde Geräusch auf, das bei jedem seiner Schritte zu hören ist. Es klingt für sie, als flögen Murmeln in einer Metallbox umher.“

Was will uns dieser Text sagen? Tim Kretschmer trug noch immer keinen Kampfanzug. Es gibt mit dem Müllmann einen Zeugen. Ein junger Mann wird gesehen, der durch den Park hastet und natürlich aus Richtung Schule kommt. Der Müllmann geht weg, kann aber beobachten, wie Franz J. erschossen wird. Der sich soeben noch gewundert haben soll, ohne davon berichten zu können. Er wird hier ein wenig anders erschossen als in der BILD, aber das ist ja nicht so wichtig. Zuerst hatte es der Täter eilig, dann wieder nicht, dann doch wieder. Und es soll noch eine Zeugin geben, die ihn gesehen hat. Lächelnd. Und mit Murmeln in einer Metallbox, akustisch gesehen, und nicht wie eingefasste 9mm-Patronen in 50er-Pappschachteln.

So viele Zeugen nun doch noch, schlussendlich. Und dennoch so viele Probleme bei der Polizei: die Leiche im Park erst eine halbe Stunde später gefunden, angeblich keine Spur zum nächsten Kandidaten.

Aber der ist wenigstens aus Fleisch und Blut: Igor.

„Parkplatz vor der Klinik, 9.50 Uhr. Igor W. stellt den Motor seines grünen VW-Sharan ab. Er wartet auf seine Frau. Statt ihrer steigt ein fremder Mann ein. Tim K. richtet seine Pistole auf W. und verlangt von ihm, schnell loszufahren.

Der in Kasachstan geborene W. startet. Er schnallt sich nicht an. Vielleicht werde er einer Streife auffallen, hofft er. Die Geisel ahnt nicht, dass die Fahrt erst nach 129,6 Kilometern enden wird.“

Igor Wolf, der seinen Beruf mit Gabelstaplerfahrer angibt, hatte seine Fahrt offenbar wie ein Taxifahrer angetreten.

„Um 10.10 Uhr liegen der Polizei erste Hinweise vor, bei dem Täter handele es sich um den ehemaligen Schüler Tim K. Zwar stimmt der Name. Im Vagen bleibt jedoch, wie der Mann aussieht. Mal ist er einsneunzig groß, dann einsfünfundsechzig. Mal trägt er einen schwarzen Vollbart, dann einen Flaum am Kinn. Sein Pulli ist hellgrau oder dunkelgrün. Zeugen sahen ihn im schwarzen Tarnanzug, in khakifarbener Cordhose und in hellen Jeans.

Die widersprüchlichen Beschreibungen machen den Fahndern, die mittlerweile in ganz Winnenden und Umgebung postiert sind, das Leben schwer. Vor einem Blumenladen überwältigt die Festnahmeeinheit 523 einen Verdächtigen. Mit einem Tritt gegen die Brust bringen sie ihn zu Fall. Zwei Beamte fixieren ihn. Ein Blick in seinen Ausweis zeigt: Er ist der Falsche. Bei dem Einsatz geht seine Jacke von C&A kaputt, auch sein Handy bekommt einen Kratzer ab. Die Polizei zahlt dem Mann später 169 Euro Schadensersatz.“

Damit ist die Polizei äußerst günstig davongekommen. Nur 169 Euro für einen Tritt (!) gegen die Brust.

Aber dies ist hier nicht das Thema.

Was für eine Passage haben wir nun vor uns? Da wird eine Uhrzeit angegeben, zu welcher die Identifizierung des vermeintlichen Täters vorgelegen haben soll: 10.10 Uhr. Nach wie vor wird nicht angegeben, wie diese erfolgt sein soll und durch wen. Dummerweise war sein Aussehen aber nicht bekannt, ja, so viele widersprüchliche Aussagen, was für ein Jammer. Und genau deswegen mussten noch so viele andere Leute bis rund 12.00 Uhr festgehalten werden.

Genau dies versucht eine minderbemittelte Behörde über minderbemittelte Redakteure an das minderbemittelte Volk zu vermitteln. Um eine Erklärung für die Identifizierung einerseits und dem Suchen nach einem Unbekannten andererseits zu bieten.

Aber es funktioniert nicht. In der Polizeifahndung war nur und ganz konkret von einem schwarzen Kampfanzug die Rede, da war nichts mit Cordhose und dergleichen. Niemand soll gewusst haben, wie der Täter genau ausgesehen habe, nicht einmal eine Mehrheit, aber der Name dagegen eindeutig belegt? Und soll dann etwa vergessen worden sein, über die Schulfotos, über das Einwohnermeldeamt etc. sein Aussehen zu eruieren? Und wo ist nun der Ausweis aus dem Klo geblieben? Oder hatte unser Timmi auf dem Foto einen Bart getragen? Und wie soll nun erklärt werden, dass nach der angeblichen Identifizierung um 10.10 Uhr das spezielle Polizeikommando aus Stuttgart bereits 10 Minuten später bei seinem Elternhaus in Weiler am Stein auf der Matte gestanden ist?

Die nicht vorhandene Pistole wurde dort „gefunden“, die Fotos von Tim Kretschmer nicht.

„Kurz nach zehn Uhr erhält Tims Mutter einen Anruf von ihrer Tochter Jasmin. Die Gymnasiastin erzählt, dass es in Winnenden einen Amoklauf mit zwei Toten gab. Es sei unklar, wann sie nach Hause komme.

Ute K. schaltet den Fernseher ein und fährt den Computer hoch. Sie will wissen, was passiert ist. An Tim denkt sie nicht. Gegen halb elf hört sie eine entfernte Polizeisirene. Sie schaut aus dem Fenster und weicht erschrocken zurück. Polizisten mit Gewehren nähern sich ihrem Haus. Das Radio meldet, der Amokläufer sei auf der Flucht.“

Das Polizeikommando befand sich bereits um 10.30 Uhr im Haus der Kretschmers. Die Ankunft dieser Einheit dürfte aber laut Aussagen der Nachbarn bereits gegen 10.20 Uhr gewesen sein.

Und wann sind sie nun alle losgefahren? Um 10.10 Uhr?

„Die Mutter ruft in Tims Schule an. Sie will ihm ausrichten, dass es Verzögerungen bei der S-Bahn-Heimfahrt geben könnte. Man erklärt ihr, dass der Junge heute gar nicht da gewesen sei. Immer mehr Polizisten rücken auf das Haus vor. Frau K. wählt die Büronummer ihres Mannes.“

Interessant: zuerst beobachtet sie, wie das Haus von schwer Bewaffneten umzingelt wird, dann will sie ihren Sohn wegen möglichen Verzögerungen bei der S-Bahn anrufen.

Da ist wohl etwas durcheinander gekommen.

„Jörg K. steigt sofort in seinen schwarzen Mercedes-CLS und fährt vom Parkplatz seines Unternehmens in Affalterbach. Er rast Richtung Leutenbach. Ein Polizeitrupp, der den Vater observiert, hängt sich dran. Im Ortsteil Weiler zum Stein, Kleiststraße 3, stoppt K. Er sagt den Polizisten, sein Sohn sei mit Sicherheit nicht daheim.“

Eine Neuigkeit: der Vater wurde observiert. Während das Polizeikommando in Weiler am Stein das Haus der Kretschmers umzingelte, musste demnach bereits Polizei vor der Firma des Vaters Posten bezogen haben. Da heißt, dass sie dort sogar noch ein wenig eher gewesen sein müssen.

„Gegen 11.05 Uhr fordert die Polizei Ute K. auf, das Haus zu verlassen. Eine Spezialeinheit stürmt hinein und sucht jeden Winkel ab. Tim ist nicht da. Anschließend begleiten Kripo-Beamte den Vater ins Haus.“

Was geschah eigentlich bis 11.05 Uhr? Soll hier weisgemacht werden, dass die Umzingelung so irre lange gedauert haben soll? Dass die Durchsuchung erst ab 11.05 Uhr begonnen hätte? Dass vorher noch lange diskutiert worden sei?

Ute Kretschmer musste das Haus bei der Durchsuchung verlassen? Das „Spezialkommando“ durchstöberte alles ohne Aufsicht der Eigentümer? Bedeutet dies nicht auch, dass es zumindest Raum für eine mögliche Manipulation gegeben hat?

Diesem Text folgend, soll Jörg Kretschmer erst nach dieser Durchsuchung ins Haus begleitet worden sein.

Wir wollen dies hier so stehen lassen, obwohl es nicht gut ausschaut.

„Er öffnet den Waffentresor – ein stählerner Panzerschrank der Firma Sistec – 160x75x51,5 Zentimeter, 240 Kilo schwer, Baujahr 1996, Sicherheitsstufe B. Alles scheint in Ordnung. Auch im zweiten, etwas kleineren Tresor der Marke Ostertag fehlt nichts.

Im Schlafzimmer wendet sich Jörg K. sofort nach links zum Kleiderschrank. Zielstrebig greift er in ein Regal, das sich in Kopfhöhe befindet. Er fingert hinter einem Stapel Pullover herum. Dann sagt er, die Pistole sei weg – eine Beretta, Modell 92 FS, Kaliber 9mm. Er läuft zum Nachttisch. Im oberen Schub, versteckt in einem Lederhandschuh, müsste ein zur Beretta gehöriges Magazin liegen. Der Handschuh ist leer. 13 Menschen hat Tim K. zu diesem Zeitpunkt ermordet. Und noch immer verfügt er über viel Munition.“

Hier wird nicht klar, ob sich im Handschuh das Magazin für die Pistole oder Reservemagazin befunden haben soll.

„Gegen zwölf Uhr, nach einer mehr als zweistündigen Irrfahrt durch halb Baden-Württemberg, lenkt die Geisel Igor W. seinen VW in eine Grünfläche an der A8, Ausfahrt Wendlingen. Er springt aus dem noch rollenden Wagen und rennt zu einem etwa 170 Meter entfernten Streifenwagen. Auch Tim K. steigt aus. Sein Weg führt in ein nahes Gewerbegebiet.

Polizeidirektion Waiblingen, dritter Stock, ein kleiner Besprechungsraum. Um 12.15 Uhr sitzt Ute K. vor einem Beamten und weint. Stockend erzählt die 47-Jährige, was sie über Tim weiß. Als der Vernehmer fragt, warum ihr Sohn Amok gelaufen sein könnte, antwortet die Mutter, sie wisse es nicht.

Zugleich wird in einem anderen Zimmer ihr Mann vernommen. Er behauptet, Tim habe nicht gewusst, dass die Beretta im Schlafzimmer versteckt war. Da sei er sicher. Genauso sicher sei er, dass Tim den achtstelligen Zahlencode für den Waffenschrank nicht kannte. Die Kombination setzt sich zusammen aus dem Geburtsdatum des Vaters und dem Geburtsmonat der Mutter.“

Und nach wie vor bleibt die Herkunft der Munition und der mutmaßlich weiteren Magazine ungeklärt.

„Mittlerweile jagen hunderte Polizisten den Mörder. In Wendlingen schafft es Tim K. mehrfach, sich dem Zugriff der Fahnder zu entziehen. Zunächst entwischt er dem Polizeihauptkommissar Wolfgang R. Der 52-Jährige hatte den Täter aus seinem Funkstreifenwagen 3-322 heraus gesehen.“

Siehe oben. Auch hier fehlt der Kollege. Dafür fehlt nicht die Nummer des Streifenwagens.

„Er steigt aus, da eröffnet der etwa 50 Meter entfernte Tim K. das Feuer. R. schießt mit seiner Pistole Heckler & Koch, Waffennummer 116-010780, zurück und trifft den Täter am Bein. Dieser sackt zusammen, legt seine Waffe ab und hebt die Hände.“

Siehe oben. Die offizielle Geschichte der zweiten Version grob in zwei Sätze gepackt. Wovon ein Drittel die Nennung der Waffennummer beinhaltet. Allerdings heißt es hier nur noch vorsichtig „trifft den Täter am Bein“.

„Der Polizist will auf ihn zugehen und ihn festnehmen. Blitzschnell greift Tim K. seine Pistole und schießt. R. schießt zurück, trifft jedoch nicht. Der bezwungen Geglaubte läuft ins Autohaus und tötet zwei weitere Menschen.“

Es bleibt der Eindruck, dass der Polizist alleine gewesen sein muss. Er will auf den angeblichen Täter zugehen, er macht es also noch nicht. Dann schießt er zurück, aber irgendwie müssen seine Hülsen dann zum Hänger gelangt sein…

Eine unglaublich verlogene Schmierenkomödie, siehe oben. Und null Information zur Situation im Autohaus.

„Wenig später verlässt Tim K. das Autohaus und trifft auf den Polizisten Volker H. Der Beamte, der etwa 20 Meter vom Täter entfernt steht, fragt: „Wer sind Sie?“ Schweigen. Der Polizist wiederholt die Frage und fordert den Mann auf, langsam auf ihn zuzukommen. Tim K. hebt den linken Arm und macht eine Scheibenwischer-Geste. Dann verschwindet er zwischen den Containern.“

Und spätestens jetzt müsste sich jeder minderbemittelte Redakteur fragen, was seine Behördenquelle ihm aufs Auge drücken will.

Die geschilderte Situation soll sich ja auf der Rückseite des Autohauses abgespielt haben. Und dort soll tatsächlich dieser Polizist herumgestanden sein, alleine womöglich, wie alle anderen immer alleine gewesen sein sollen. Zuvor soll es eine wilde Schießerei auf der anderen Seite des Autohauses gegeben haben, dazu die Western-Szene bei der Belagerung mit noch mehr Schüssen. Eben gerade erst sollen zwei Menschen mit 13 Schüssen hingerichtet worden sein, gleich daneben. Und unser Volker weiß nichts Besseres zu sagen als: Wer sind Sie? Kann Volker überhaupt lesen und schreiben? Darf er überhaupt eine Waffe tragen? Wir hoffen nicht.

Der andere, der Tim Kretschmer gewesen sein soll, hatte offensichtlich keine in der Hand. Denn dann wäre er sicherlich „irgendwie“ verdächtig gewesen, auch für unseren Stumpi-Volker.

Zudem hätte sich Stumpi-Volker wenigstens um die blutende Wunde des armen Jungen kümmern können. Volker? Hallo?

Der vermeintliche Tim Kretschmer soll dann ja – möglicherweise für unseren Volki – zwischen den Containern verschwunden sein. Also geradezu aufgelöst muss er sich haben. Allerdings ist das Areal abgegrenzt, es standen dort auch nur zwei Container. Man hätte darunter kriechen müssen, um dort zu verschwinden. Aber höher als eine Kellerassel sollte man nicht sein, denn dann tut es weh.

„Die Besatzung des Polizeihubschraubers „Bussard“ kreist über dem Autohaus und filmt die Szenerie. Um 12.21 Uhr erscheint auf dem Monitor ein Mann. Er steht neben dem Container, die Hände in den Hosentaschen. Er schaut auf zum Helikopter. Die Polizisten glauben nicht, dass sie den Täter auf dem Schirm haben.“

Wie wäre es denn mit der Theorie: er war es auch gar nicht. Er stand ja nur herum. Keine Waffe zu sehen. Hände in den Hosentaschen. Drumherum Polizei, die ihn nicht festgenommen hat und auch keine entsprechenden Anstalten machte. Sogar Volker muss wieder fort gegangen sein.

„Als der Unbekannte eine Minute später wieder auftaucht, zoomt die „Bussard“-Crew weg. Erst um 12.27 Uhr und 56 Sekunden erfasst die Kamera wieder ein Nahbild. Der Mann liegt am Boden, den Kopf im Blut.“

Wie konnte das nur passieren? So ein Pech aber auch! Die Hubschrauberbesatzung hat die entscheidenden Szenen verpasst, obwohl das Fluggerät in der Luft stehen kann. Schließlich hatte es sich über dem Tatort befunden. Und dann? Mal eben weggeschaut?

Fragt sich irgendjemand, warum das so gewesen sein soll?

„Wie Tim K. stirbt, bekommen die Piloten nicht mit. Orhan K. sieht alles. Mit seinem Handy filmt er durch eine Fensterscheibe. Er ist aufgewühlt. Ihm verwackeln die Aufnahmen. K. beobachtet die gespenstischen Szenen nicht allein. Auf dem zweieinhalbminütigen Mitschnitt sind mehrere Männer zu hören. Am Ende hebt ein Stimmengewirr an. Jemand schreit.“

Zum Handy-Video: siehe oben. Interessant ist hier, dass der angebliche Selbstmord erst gar nicht geschildert wird. Er findet nicht wirklich statt. Dafür wechselt dieser Bericht von der Polizeiquelle direkt auf das Handy-Video. Es waren nicht mehrere Männer dort, sie sind nur zu hören. Hier demnach null Polizeiinformation oder die Vorgabe der Polizei mit null Information. Ist ohnehin dasselbe.

„Leblos liegt er da. Die silberne Pistole schräg auf der Brust. Auf der Pistole eine Hand. Drei Polizisten, die noch nicht wissen, ob der Mann tatsächlich tot ist, nähern sich bis auf vier, fünf Meter. Einer schreit: „Waffe weg!“ Der Mann rührt sich nicht.“

Um sich eine Kugel durch die Stirn zu jagen, muss man die recht große Pistole in einem umständlich-komplizierten Winkel in der Hand halten. Kann man anschließend so friedlich und tot auf dem Boden liegen? Mit der Hand auf der Waffe und diese auf der Brust liegend? Oder wurde hier von einer Spielzeugpistole ohne den starken Rückstoß gesprochen?

Und warum zeigt das Handy-Video die Leiche mit zwei ausgestreckten Armen?

Ja, Fragen über Fragen… Und die Polizei scheint Probleme zu haben, sich auf eine Version zu einigen.

Wir wissen bereits zu Genüge: alles ist vorläufig bei den Behörden.

„Polizeikommissar Otto W. macht einen Schritt auf den Liegenden zu. Mit der Schuhspitze kickt er die Waffe weg. Der 52 Jahre alte Beamte streift sich die Handschuhe über und sucht die Kleidung des Toten nach Ausweispapieren ab. Aus seiner Brusttasche fischt der Polizist goldfarbene Patronen.“

Auch nicht schlecht: nach Ausweispapieren suchen, obwohl diese sich in dem in der Schule deponierten Rucksack befunden haben sollen. Ebenso wahnsinnig interessant das Auffinden von Patronen in der Brusttasche. Wie viele werden es gewesen sein, vier, fünf oder gar sechs?

Wo waren denn die vielen anderen? Und die Reservemagazine?

Lauschen wir einem Märchen oder verfolgen wir hier einen Bericht mit tatsächlichen und harten Fakten, die unsere Neugierde befriedigen können?

„Einen Tag später liegt der Leichnam des Amokläufers im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus. Um ihn herum versammeln sich acht Obduzenten und drei Präparatoren. Der Tote wird gewogen (86 Kilogramm) und vermessen (179 Zentimeter), seine inneren Organe untersucht. Sein Gehirn wird vorsichtig entfernt und für spätere Untersuchungen in Formalin eingelegt.

Die Gerichtsmediziner kommen zu dem Schluss, dass der Jugendliche sich durch einen aufgesetzten, absoluten Nahschuss in den Kopf das Leben genommen hat. Im Blut finden sich keine Rückstände von Alkohol. Die Analyse von 1,5 cm langen Haaren beweist, dass Medikamente oder Drogen ihn nicht beeinflusst hatten.“

Schön, dass hier wieder halbwegs genau berichtet wird. Leider ist es hier für unsere Ermittlungen unwichtig. So viele Spezialisten gleichzeitig, vielleicht jeder für einen eigenen Körperteil, und doch diese Panne, einen Wadenschuss mit einem Kniesteckschuss zu verwechseln. Und leider keine Auskunft darüber, wann es zu welchen Verletzungen insgesamt gekommen ist und welche Spuren ansonsten gefunden worden sind.

Stattdessen der angebliche Schluss dieser illustren Mediziner, dass sich der junge Mann durch einen „aufgesetzten absoluten Nahschuss“ selber umgebracht hätte.

Doch einmal davon abgesehen, dass aufgesetzt tatsächlich ziemlich nah sein muss, wird hier eine falsche Aussage untergeschoben. Die Obduzenten können zwar nachweisen, wie und wann und mit welcher Waffe der Tote ums Leben gekommen ist, aber sie können nicht feststellen und beweisen: durch wen!


F. Eine Kampgane. Teil 6.


Ebenfalls am 14. September 2009 erschien vom FOCUS-Redakteur Göran Schattauer der Report „Rücksitz als Falle.“

In diesem Bericht steht die Polizistin Sandra Geiger im Vordergrund, welche als Insassin des Opel Astra Kombi gegenüber der Firma „Ritter-Aluminium“ so schwer verletzt wurde.

Wir wissen nicht, ob Herr Schattauer die Frau Geiger jemals persönlich gesprochen hat, auch wenn es manchmal erscheinen mag. Oder ob es über die Pressestelle der Polizei und einem Insider gewisse Informationen gegeben haben könnte.

Wir zitieren und kommentieren abermals und beginnen hier mit dem Beginn der möglichen Informationen.

„Am 11. März beginnt sie ihren Dienst um 7.45 Uhr. Am Vormittag erhält sie einen Eilauftrag. Sie soll nach einem Jugendlichen fahnden, der in Winnenden mehrere Menschen erschossen hat.

In einem dunkelblauen Opel Astra Kombi machen sich Sandra G., 37, und ihr Kollege Karsten B., 39, auf den Weg. Zuvor ziehen sie Schutzwesten über.

Die beiden fahren zur S-Bahn-Haltestelle in Echterdingen und halten Ausschau nach verdächtigen Personen. Gegen 12.00 Uhr erfahren sie über Funk, dass der mutmassliche Täter nahe Wendlingen gesichtet wurde, später heißt es recht präzise, der Gesuchte halte sich im Gewerbegebiet Wert auf.“

Die Angabe der Uhrzeit mit „gegen 12.00 Uhr“ passt soweit mit der Angabe von Igor Wolf zusammen, der etwa „gegen 11.50 Uhr“ den Polizeiwagen bei Wendlingen erreicht haben will. Die präzise Angabe „IG Wert“ wird dagegen mit der unpräzisen Zeitangabe „später“ gekoppelt. Wann später?

„Über die Autobahn 8 fahren die Polizisten, nun mit aufgesetztem Blaulicht und Martinshorn nach Wendlingen. Das Gewerbegebiet ist unübersichtlich. Sie kennen sich in der Gegend nicht aus, parken schräg vor dem Autohaus Hahn. Mehrere Streifenwagen kommen an. Über dem Gelände kreist bereits ein Hubschrauber.“

Die Ankunftszeit wird nicht genannt. Von Echterdingen nach Wendlingen sind es etwa 15,5 Kilometer. Rund 10 Minuten sind als Fahrzeit anzunehmen. Demnach Abfahrt etwa 12.00 Uhr und Ankunft etwa 12.10 Uhr.

Den offiziellen Angaben folgend, soll es diesen Schusswechsel in der Wertstraße aber erst ab 12.12 Uhr gegeben haben. Polizeihubschrauber, eintreffende Streifenwagen und eine unbefangene Ruhe vor dem Autohaus stellen wir fest, denn sie sollen ja ihr Fahrzeug schräg davor abgestellt haben. Dort war also alles vorbei. Keine Erwähnung des Polizeiwagens vor der Tür, keine Schüsse durch die Scheibe, kein Belagerungsszenario.

„Sandra G. und Karsten B. steigen aus dem Auto und ziehen sich grüne Leibchen mit der Aufschrift „Polizei“ über. Vergeblich versuchen sie, Funkkontakt mit Kollegen aufzunehmen. Sie warten darauf, eingewiesen zu werden, wollen wissen, wer den Einsatz leitet. Jemand im Helikopter? Das analoge Funksystem ist überlastet. Stimmen überlagern sich, es kratzt und rauscht und pfeift, Durchsagen versacken, brechen ab.“

Dieser Absatz besteht aus einer einzigen Lüge. Die Behauptung, der Funkverkehr innerhalb der Polizei sei zusammengebrochen, ist schlichtweg falsch. Jede Polizeidirektion besitzt mehrere Kanäle, zudem wird der Funkverkehr bei so genannten Großlagen über zur Verfügung stehende Reservekanäle umgeleitet, um eine Überlastung zu vermeiden.

(Siehe unter anderem hier: http://www.medienanalyse-international.de/ergaenzendzuwinnenden.html - auf der Seite bis fast ganz nach unter scrollen, dort unter: „Hinweis eines Lesers: Funkverkehr war überlastet?“).

Wir sehen hier den Versuch vor uns, die angeblich fehlende Kommunikation zu erklären. Der Öffentlichkeit soll weisgemacht werden, dass dies die Ursache unter anderem für den kommenden tragischen Zwischenfall wäre.

Im Übrigens hätten die Polizisten auch mündlich kommunizieren können. Es müssen ja die Polizisten aus der Eingangsszene irgendwo abgeblieben sein. Und was war mit all jenen, die alle frisch eintrafen? Die Örtlichkeit, um die es hier geht, ist recht überschaubar.

„In dem Wirrwar fallen Schüsse. Sie hallen aus dem Hinterhof der Firma Hahn. Die beiden Polizisten beschließen spontan, in diese Richtung zu fahren. Ein dritter Beamter, der Polizeihauptmeister M., bittet sie zu warten. Er habe eine Maschinenpistole und wolle mitfahren. Er holt seine Waffe und steigt hinten rechts ein.“

Aha, Schüsse auf der Rückseite des Autohauses, während auf der Vorderseite angeblich noch gerätselt wurde. Anscheinend hat auch niemand die Idee gehabt, mal einen Blick ins Autohaus zu werfen. Ja, das Autohaus, das hätten wir fast vergessen, oder? Wo bleibt die Idee einer Geiselnahme, die Idee, dass Schwerverletzte auf dringende Hilfe warteten? Verdammt, warum spielt das Autohaus hier keine Rolle?

Nein, stattdessen die verwöhnte Idee, mal eben um die Ecke zu den Schüssen zu schauen und dafür das Auto zu benutzen. Ist ja viel zu weit. Und schön um das verglaste Autohaus herum - aus dem ja offensichtlich keine Gefahr drohte.

Und dann ist ja auch noch M., der MP-Mann, den es früher nicht gab und der sich zu einer Fahrgemeinschaft zusammenschließen möchte. Dieser M. muss seine Waffe aber erst noch holen. Aus seinem Auto?

„Der Wagen fährt knapp 50 Meter, in den Bereich der Firma Ritter Aluminium. Die Beamten suchen den Täter, nicht ahnend, dass er sie fixiert.“

Uns fällt dazu der Begriff „Fahrlässigkeit“ ein, gepaart mit Dummheit und Faulheit, würden wir dieser Geschichte einen Glauben schenken.

„Krachend zischt ein Geschoss durch die Scheibe der Fahrertür. Er trifft Karsten B. am Hals. Glassplitter bohren sich in seinen Arm. Sandra G. sitzt in dem Moment leicht nach vorn gebeugt auf dem Beifahrersitz. In der rechten Hand hält sie ihre Dienstwaffe, mit der linken streicht sie sich Haare aus dem Gesicht. Die Kugel zerstrümmert ihren Mittelfinger und durchschlägt ihren Unterkiefer.

Nach ein paar Metern kommt das Auto zum Stehen. Der Fahrer läuft um den Wagen und hilft seiner Kollegin heraus. Sie blutet. Der Finger ist verletzt. Mehrere Zähne liegen am Boden. Sie verspürt starke Schmerzen. Sie muss an ihre Mutter und den Sohn denken. Im Hintergrund fallen Schüsse.“

Uns hat es erstaunt, welchen fitten Eindruck Karsten B. auf uns machte, trotz Halsschuss. Bewundernswert.

(Update: Es hat uns später wiederum in gegenteiliger Hinsicht erstaunt, dass er nach einem Jahr noch immer dienstunfähig gemeldet war).

Leider erfahren wir nicht, wer wo im Hintergrund schoss.

„Während Karsten B. über Funk die Lage schildert und einen Notarzt alarmiert, fällt ihm auf, dass der dritte Polizist noch immer auf der Rückbank sitzt. Er gestikuliert und ruft verzweifelt, jemand solle ihn rauslassen.“

Zum Glück funktioniert nun das Funkgerät plötzlich wieder. Karsten B., der mit dem Halsschuss, redet und redet, während sein Mitfahrer M., der einzige ohne Wunde am Kopf, auf dem Rücksitz gestikuliert, auch wenn er gleichzeitig ruft. Vielleicht auch nur haucht, denn von Karsten B. wurde er ja anfangs nicht wahrgenommen.

„In diesem Moment wird B. schlagartig klar, dass sich die hinteren Türen von innen nicht öffnen lassen, weil die Kindersicherung aktiviert ist. Normalerweise verhindert die Verriegelung ein Flüchten aus dem Polizeiauto. Doch heute sitzt kein Krimineller dort hinten. Heute sitzt dort ein Mann, der aus dem Auto hätte springen können, um das Feuer des Amokschützen sofort zu erwidern.“

Wir sind froh, dass M., der sich unfähig gezeigt hatte, eine Lösung für sein Kindersicherungsproblem zu finden, keine Gelegenheit bekommen hatte, voreilig mit seiner Maschinenpistole herumzufummeln. Wer ist eigentich dafür verantwortlich, diesem geistigen Kind eine Waffe in die Hand zu drücken?

Wie bereits oben dargelegt, ist dieser M., dieser MP-Mann, ohnehin vollkommen überflüssig im Polizei-Plot. Hätte, könnte, würde… Es waren viele Kollegen von ihm vor Ort. Wir sind davon überzeugt, dass auch sie Ausreden parat haben. Ja, was sie nicht alles gekonnt hätten.

Haben sie aber nicht.

„Als ihm endlich die Tür geöffnet wird, steigt Polizist M. aus und geht mit der Waffe im Anschlag in Deckung. Der Täter ist längst verschwunden.“

Komisch. Laut der Polizei soll sich Tim Kretschmer aber noch auf dem Parkplatz aufgehalten haben. Laut dem Handy-Video aus dem Vorbau heraus sogar für alle Beteiligten gut sichtbar.

War Tim nun für M. verschwunden? Uns macht dieser MP-Mann große Angst. Oder war Tim nun auch für seine Vorgesetzten verschwunden?

Oder ist der MP-Mann M. nicht ohnehin eine Erfindung, den man für die Posse benötigt hatte, den man nun aber nicht einfach wieder verschwinden lassen konnte. Musste deswegen der vermeintliche Täter verschwinden oder unsichtbar werden?

Haben wir das alles richtig verstanden, Herr Schattauer? Haben es Ihre Auftraggeber Ihnen gegenüber genau so geschildert?


„Die schwer verwundete Polizisien kauert neben dem Auto. Mit letzter Kraft ruft sie ihrem Kollegen zu, sie könne nicht mehr. Jemand bringt eine Trage. Ein Notarztteam schafft die Verletzte ins Klinikum nach Tübingen.“

Interessant ist, dass der Tod des vermeintlichen Täters als ein Ereignis nicht in Erscheinung tritt. Da schien sich nichts mehr abgespielt zu haben, und plötzlich war die Trage da.

Leider haben wir keine Kenntnis von dem Geschoss, welches die beiden Polizisten verletzte. Es dürfte durch die andere Seitenscheibe wieder ausgetreten sein.

Die Fassade von „Festtool“ weist gegenüber dem Parkplatz von „Ritter-Aluminium“ insgesamt zwei Löcher auf, von denen eines größer als das andere ist. Es gibt allerdings keine Spur davon, dass auch nur eines dieser beiden Löcher von der Spurensicherung bearbeitet worden ist.

Nach der obigen Schilderung waren wir sicher, auf der Beifahrerseite des Opel Astra Kombi jede Menge Blutspuren zu finden.

Auf Fotos von Anfang April 2009 ist dokumentiert, dass es keine Blutspuren gab. Und auch keine gereinigte Stelle. Auch eine zweite Begehung erbrachte diesen negativen Befund.

Vielleicht kann uns dies Herr Schattauer erklären.


Fazit:


Interessant ist, dass zuerst versucht wurde, mit plötzlich aufgetauchten, nach wie vor der Öffentlichkeit unbekannten Zeugen und nicht bekannten Aussagen die großen Logik- und Beweislöcher zu stopfen. Dies teilweise auf Kosten der bisherigen hochoffiziellen und „wahren“ Darstellungen.

Die Auswahl der Publizierungen kann kein Zufall sein, berühren sie zumeist – mit etwas Beiwerk drum herum – eine Reihe der Kernfragen.

Gekoppelt mit der Auftragsarbeit eines psychologischen Gutachtens ins Spekulative wurde an diesen Veröffentlichungen die erneute Meinungsmache aufgehängt. Alle anfänglichen Behauptungen, die dummerweise nie bewiesen werden konnten, wurden neu eingefädelt, um den vermeintlichen Täter abermals seiner Rolle entsprechend darzustellen, untermalt mit einigen Details für die Suggestion.

Geradezu entlarvend ist die Tatsache, dass diese Veröffentlichungen in einem ganzen Bündel ausschließlich über die Medien erfolgten. Aus nicht-öffentlichen Ermittlungsakten und dem (bislang) immer noch nicht veröffentlichten vorläufig-endgültigen Abschlußbericht der Polizei.

Die Quelle ist die Polizei und die Staatsanwaltschaft selbst.

Das ist ein schlauer Schachzug. Den entsprechenden Behörden bleibt somit Raum, je nach Bedarf weitere Änderungen an diesen angeblichen Informationen vorzunehmen, ohne abermals dafür kritisiert zu werden.

War ja die Presse gewesen, mit deren vollkommen verblödeten Redakteuren. Leider haben sie damit nicht ganz unrecht.

Weiter zu: Teil 6.0 - Desinformationskampagne II

Zuletzt geändert: 03/05/2016 01:48