Teil 6.0 - Desinformationskampagne II

(Autor: Rüdiger Rohde)

Rund um den Jahrestag 2010.

1. Die gefälschte Amokandrohung


Wie bereits in Teil 1 dieser Abhandlung eingefügt, wurde Anfang März 2010 über die Medien bekannt gegeben, dass es sich bei der angekündigten Amoklaufandrohung tatsächlich um eine Fälschung gehandelt habe. Dies sei das Ergebnis der Ermittlungsbehörden nach Auswertung der Daten zweier Festplatten eines Web-Servers in den USA.

Diese Daten sollen erst im Februar 2010 vom US-Justizministerium übermittelt worden sein. Leider konnte der Urheber der Fälschung nicht mehr ausfindig gemacht werden, weil die Verbindungsdaten des Providers nicht gespeichert worden seien.

Die Ermittler des LKA und der Polizeidirektion Waiblingen sollen bei dieser Auswertung festgestellt haben, dass der gefälschte Beitrag erst um 16.57 Uhr am 11. März 2009 online gestellt worden sei.

Soweit die behördlichen Bekanntmachungen.

Ein Jahr später.

Natürlich ist nicht mehr die Rede von der Tatsache, dass der Innenminister zusammen mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft am 12. März 2009 behauptet hatte, die entsprechenden Daten für diesen Foreneintrag auf dem PC von Tim Kretschmer gefunden zu haben.

Das war damals kein Versehen gewesen, sondern eine glatte Lüge. Denn die Polizei hatte seinerzeit zwei jugendliche Zeugen aus Bayern und Baden-Württemberg präsentiert bzw. genannt, welche den Foreneintrag in der Nacht zum 11. März 2009 gesehen haben wollen. Nicht nur das, es habe unter den Jugendlichen sogar einen Chat-Verkehr gegeben.

Somit ist entweder die genannte Uhrzeit 16.57 Uhr eine bewußte Falschangabe der Polizei oder die damals genannten Zeugen sind falsch. Übrigens - wo sind sie geblieben?

Die Behörden haben somit ihre Lüge hinsichtlich angeblicher Daten auf dem PC von Tim Kretschmer durch eine weitere Lüge zu stützen versucht. Deswegen kann es auch kein Versehen gewesen sein.

Insofern ist es wahrlich keine Überraschung, dass der Urheber des Foreneintrages… angeblich… nicht mehr festgestellt werden konnte.


2."Verletzte Beamte noch immer dienstunfähig."

So lautet die Überschrift eines Artikels der Südwest Presse vom 6. März 2010.

„Die beiden vom Amokläufer Tim K. in Wendlingen schwer verletzten Polizisten sind ein Jahr nach der Tat noch immer dienstunfähig. Der Amokläufer hatte die 38-jährige Beamtin und ihren 39-jährigen Kollegen vom Revier Filderstadt am 11. März 2009 um die Mittagszeit im Wendlinger Gewerbegebiet Wert beschossen. Er war nach der Schussattacke im Autohaus Hahn, wo er einen 36-jährigen Verkäufer und dessen 46-jährigen Kunden tötete, von den alarmierten Einsatzkräften umstellt worden.

Dazu zählten auch die beiden Polizisten. Sie näherten sich in einem Zivilfahrzeug dem Tatort. Sofort eröffnete Tim K. das Feuer auf sie. Die Kugeln durchschlugen die Scheiben und das Blech des Autos und trafen die beiden Beamten. Die sieben weiteren, körperlich unversehrt gebliebenen Beamten vom Revier Nürtingen, die ebenfalls in Wendlingen direkt auf den Täter getroffen waren, sind alle wieder im Dienst. Sie hatten dem Amokläufer in die Beine geschossen. Einer der Beamten, die sich bei dem hochriskanten Einsatz in Lebensgefahr begaben, bedarf noch der psychologischen Betreuung…usw.“

Aus diesem Artikel erfahren wir, dass Karsten B., der in der Geschichte „Rücksitz als Falle“ des FOCUS-Schreibers Göran Schattauer trotz Halsdurchschuss anschließend einen recht munteren Eindruck gemacht hat, überraschenderweise immer noch dienstunfähig sein soll.

An anderer Stelle wird angeben, dass es „Kugeln“ gewesen sein sollen, die in das Fahrzeug geschlagen sind. Also mindestens zwei Kugeln und eine davon (irgendwo) ins Blech. Demnach kein einzelnes Geschoss.

Und wir erfahren zum ersten Mal konkret, dass, von den beiden Verletzten abgesehen, insgesamt 7 Polizisten mit dem Täter direkt Kontakt gehabt hätten.

Welche Polizisten könnten damit gemeint sein?

Da wäre einmal die zivile Streifenwagenbesatzung von der Ecke beim „Luxor“. Dann die bislang verschwundene Besatzung aus dem Streifenwagen vor dem Eingang des Autohauses Hahn. Außerdem jene Besatzung, die laut SPIEGEL-Videosequenz gerade nach hinten gefahren war. Und schlußendlich muss auch der verhinderte MP-Mann auf dem Rücksitz hinzugerechnet werden.

Da laut diesem Artikel alle anderen Polizisten keinen direkten Kontakt zum vermeintlichen Täter hatten, muss folglich vor deren Ankunft bereits alles vorbei gewesen sein. Und der Junge tot auf dem Parkplatz.

Das Polizeipersonal war also auch in der letzten Phase überschaubar gewesen. 2 plus 2 Mann vor und dann vielleicht im Autohaus sowie nur noch 2 Mann auf der Rückseite, die sich allerdings kurioserweise weit weg postiert hatten, nämlich zum Autohaus Käser hin. Weit weg vom Hinterausgang des Autohauses Hahn.

Das bedeutet aber auch, dass sich der MP-Mann vom Rücksitz neben seine beiden verletzten Kollegen sehr einsam gefühlt haben muss, muss er doch weit entfernt von seinen gesunden Kollegen in der Mitte gehockt sein.

Doch zum Glück war der vermeintliche Täter plötzlich verschwunden gewesen…(siehe oben). Einen Schuss hat dieser Mann nie abgegeben.


3.Drei Polizisten = Ein Interventionsteam

In der ersten März-Woche 2010 wurden auch die drei Polizisten geehrt, welche damals, am 11. März 2009, als erste in der Albertville-Realschule in Winnenden vor Ort gewesen waren.

„Man hat einfach nur funktioniert“, lautete die Überschrift eines Artikels von bkz-online am 4. März 2010. Der Reutlinger Generalanzeiger betitelte ihren Beitrag dazu mit „Der schlimmste Einsatz“.

Unserer Ansicht nach hätten die Artikel auch „Die Liquidierung der beiden Interventions-Teams aus der offiziellen Polizeiversion“ heißen können. (Auch wenn diese später in den Pressemitteilungen nicht mehr ausdrücklich genannt wurden).

Damit wurde jene angebliche Zeugenaussage des „Werner S.“ bestätigt, die im vergangenen September von den Behörden zur BILD weitergereicht worden war. Die beiden damals so hoch gelobten Interventionsteams spielten keine Rolle mehr, sie kamen nicht einmal ansatzweise mehr vor. Die drei ersten Polizisten des Reviers Winnenden - es handelt sich um die Beamten Tobias Obermüller, Sebastian Wolf und Thomas Schnepf - hatten nämlich bereits alles alleine erledigt. Sie waren nun zum alleinigen Interventionsteam geworden.

Das Loch in der Geschichte wird auch im Neuerzählten nicht gestopft. Ein Täter, der oben an der Treppe steht, einen Schuss auf die Polizisten abgibt und dann verschwindet. Sprichwörtlich sogar. Obwohl die Polizisten ihm ins Obergeschoß nachgesetzt haben wollen. Nur die Leichen der beiden erschossenen Lehrerinnen haben sie im Flur gefunden.

Diese drei Polizisten sollen laut Polizeiangaben bereits 9.36/9.37 Uhr die Schule erreicht haben. Ihren Schilderungen nach muss sich das folgende Geschehen sehr schnell abgespielt haben.

Doch was haben sie anschließend gemacht?

Das ist nämlich gar nicht klar. Der Täter soll ja plötzlich verschwunden gewesen sein, trotz eigener Eile. Also auch keine akustische Wahrnehmung des Weglaufens, der scheppernden Munition etc. Auf Zehenspitzen weggeschlichen haben wird sich der Täter wohl kaum.

Es kann festgestellt werden, dass die benannten drei Polizisten den Täter haben entkommen lassen, trotz einer anfänglich nahen Distanz. Sie haben ihn auch nicht verfolgt. Sie haben auch nicht den Raum 305 der verängstigten Klasse 9c geöffnet, denn das geschah erst gegen 10.00 Uhr.

Was haben die Beamten knappe 20 Minuten dort gemacht?

Im Reutlinger Generalanzeiger wird davon berichtet, dass die Beamten das Obergeschoß abgesucht hätten. Den Täter hätten sie dort nicht gefunden.

Ja, sie hatten ja nicht einmal die Schüler gefunden!

Weiter war in dem Blatt zu lesen, dass die Beamten deswegen anschließend das Untergeschoß durchsuchen wollten.

Mit anderen Worten: sich vom Tatort entfernen, die dortigen Schüler alleine lassen, die logische Hintertür unbeaufsichtigt lassen?

Nun, wir können ohnehin kaum etwas glauben, was in den Zeitungen zu lesen steht, selbst wenn immer wieder Polizeibeamte zitiert werden, zu denen das Vertrauen ebenfalls abhanden gekommen ist. Es wird einfach viel zu viel gelogen.

Immerhin hatte der Reutlinger Generalanzeiger in seinem halbwegs ausführlichen Artikel das Detail zu bieten, dass die Beamten nach ihrer Suche im Obergeschoß über Funk von den Schüssen auf dem Areal des Klinikums erfahren hätten.

Wir wissen nicht, von wem dieser Funkspruch gekommen war und warum die Polizisten keinen der 9 Schüsse im Park selbst wahrgenommen hatten. Wir wissen nicht, warum die Leiche im Park erst viel später gefunden wurde, ja, wissen auch nicht einmal, ob diese Angabe tatsächlich richtig ist.

Wir wissen herzlich wenig von den Vorgängen in und um die Schule herum.

Es wird uns aber auch nicht erzählt.


4. Der letzte Schultag - Die Amoktat von Winnenden.

Von Göran Schattauer.

Erschienen am 9. März 2010.

Göran Schattauer ist ein FOCUS-Journalist , welcher der Öffentlichkeit im vergangenen Jahr einige Reportagen und Artikel zu diesem Fall serviert hat. In seinem Buch präsentiert er reihenweise Informationen, von denen die Öffentlichkeit bislang keine Kenntnis hatte. Quelle dieser Informationen kann nur die Polizei sein, vorausgesetzt, dass der Autor alle Angaben über den angeblichen Tatablauf nicht frei erfunden hat. Das Buch weist - vorsichtshalber - keine einzige Quellenangabe aus. Allerdings gibt Schattauer selbst an, dass die Grundlage seines Buches auf den Ermittlungsakten der Polizei fußt.

Wir müssen uns dazu in Erinnerung rufen, dass weder die Ermittlungsakten der Polizei noch der Abschlußbericht für die Staatsanwaltschaft veröffentlicht worden sind. Und wir erinnern uns auch daran, wie die Sprecherin der Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr bekannt gegeben hatte, dass eine interne Ermittlung wegen „Geheimnisverrats“ angestrebt werden würde. Als Ursache wurde die Weitergabe von bestimmten Informationen („Polizeipannen“) an den FOCUS genannt.

Daher kann es wohl als eine Überraschung bezeichnet werden, dass zum Jahrestag des Massenmordes just ein FOCUS-Schreiber ein Buch herausgegeben hat, welches mit Polizeiinformationen vollgestopft ist.

Wir müssen nun annehmen, dass es einen Geheimnisverrat im ganz großen Stil gegeben haben muss. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart sollte ihre internen Ermittlungen intensivieren und vielleicht auch Herrn Schattauer nach seinen Informanten befragen.

Bislang gibt es aber noch nicht die Nachricht, dass in dieser Hinsicht tatsächlich etwas unternommen wurde.

Ansonsten müssten wir nämlich davon ausgehen, dass Herr Schattauer einen Exclusivvertrag von der Polizei und Statsanwaltschaft erhalten haben muss. Womit nebenbei die diesbezüglichen Behauptungen der Behörden falsch sein müssten.

Da sich der FOCUS für uns in der Vergangenheit eher als der Überbringer der Behördennachrichten erwiesen hat, gehen wir vom Letzteren aus.

Den Nachweis gibt uns glücklicherweise dieses Buch selbst.

Da unsere Aufarbeitung zu diesem grausamen Verbrechen mit Wendlingen, dem 2. Schauplatz, begonnen hatte, wollen wir abermals mit Wendlingen beginnen, dieses Mal aber einen Teil vom Ende der angeblichen Irrfahrt des Igor W. und seines Geiselnehmers voranstellen.

A. Wendlingen.


Im Kapitel über das Ende der angeblichen Fluchtfahrt erfährt der Leser erst einmal, dass sich das Polizeifahrzeug, welches Igor Wolf aufsuchte, unterhalb der Auffahrt zur A8 befunden habe. Diese Position wird als Kontrollpunkt „Esslingen 21“ bezeichnet und soll sich am Wendlinger Kreuz auf Höhe eines Salzlagers befunden haben.
Igor Wolf war demnach bereits an ihnen vorbeigefahren.

Außerdem erfährt der Leser, dass der Polizist um 12.02 Uhr die Informationen an seine Kollegen durchgegeben habe. Eine Verfolgung wird nicht unternommen, stattdessen die baldige Ankuft weiterer Streifenwagen abgewartet.

Ein Absatz hat aber unsere besondere Aufmerksamkeit erregt:

„Die Polizisten setzen ihre Befragung fort: „Was haben Sie für ein Auto?“. Igor sagt: „Einen grünen VW Sharan.“ „Kennzeichen?“ Die Praktikantin notiert das Kennzeichen. Eine Frage stellen die Beamten nicht. Obwohl sie so nahe liegt. Obwohl sie sehr wichtig ist. Sie fragen Igor nicht, wie der Täter eigentlich aussieht. Sie halten die Frage für verzichtbar. Die Polizisten verlassen sich auf die sehr markante Personenbeschreibung, die am Vormittag per Funk ausgegeben worden war: männliche Person mit Vollbart, Anfang 20, bekleidet mit einem dunklen Camouflage-Anzug. Igor hätte ihnen etwas anderes erzählt: junger Mann um die 17, kurze Haare, Brille, kein Vollbart, eine olivfarbene, von Munition ausgebeulte Jacke. Diese Beschreibung hätte der Polizist an alle Einheiten melden können…“

Da haben wir doch tatsächlich die Beschreibung des Täters, die bis rund 12.00 Uhr der Polizei vorgelegen sein soll.


Woher stammt diese Beschreibung? Sie kann nur von Augenzeugen stammen. Keine Ähnlichkeit mit Tim Kretschmer. Somit war es nicht Tim Kretschmer. Oder?


Andererseits: wie bereits erörtert, will die Polizei schon gegen 10.00 Uhr gewusst haben, wer der Täter gewesen sein soll. Ab 10.20 Uhr der Polizeieinsatz beim Elternhaus der Kretschmers, und nicht zu vergessen der „lustige“ Ausweis im Klo-Rucksack. Die Polizei wird demnach Zugriff auf eine ganze Reihe von Fotos des vermeintlichen Täters gehabt haben.

Wir haben abermals einen Nachweis, dass nicht direkt nach einem Tim Kretschmer gefahndet wurde. Die Masse der Polizei besaß die falsche Beschreibung und wurde nicht informiert. Das hat nichts mit Fahrlässigkeit zu tun, nichts mit einer „Polizeipanne“.
Es ist nicht auszuschließen, dass es sich bei der Beschreibung nicht wirklich um eine Zeugenaussage handelte, sondern um eine absichtlich gelegte „Ente“, um zu verhindern, dass Tim Kretschmer von anderen Polizeikräften gestellt werden würde.

Denn wir wollen nun wirklich nicht die einzig weitere Möglichkeit annehmen: dass die Polizei zu inkompetent war, um zu wissen, was zu tun ist. Und zu dumm, um Bilder zu übermitteln, Bilder zu vergleichen, Beschreibungen in Worte zu fassen, technische Hilfsmittel nicht zu verwenden usw. Im Folgenden werden wir abermals zitieren. Wiederholungen sind somit gegeben.

„Schüsse auf den Amokläufer.
Etwa zehn Minuten nach um zwölf rollt ein VW Passat, Kennzeichen BWL 41064, durch das Gewerbegebiet Wendlingen. Zwei Polizisten schauen konzentriert durch die Scheiben. In einiger Entfernung fällt ihnen ein junger Mann auf. Er steht an einem Maschendrahtzaun gegenüber der Firma Hahn Automobile. Der Mann trägt eine olivfarbene Jacke, ist schätzungsweise 1,75 Meter groß, von schlanker Gestalt, hat dunkle Haare. Vom Äußeren her passt er nicht zu der Person, die im Fahndungsaufruf beschrieben wird. Dennoch beschließt der Polizeihauptkommissar auf dem Beifahrersitz, den Mann zu kontrollieren. Sein Kollege, ein Polizeikommissar, lenkt den Wagen an den Straßenrand.“


Interessant ist hier, dass nun die idiotische Geschichte von der Straßenüberquerung, um gegenüber ungedeckt vor einem Zaun zu stehen, gestrichen worden ist. Wir erinnern uns aber daran, dass die Polizei angegeben hatte, dass der vermeintliche Täter während seiner angeblichen Straßenüberquerung bereits einen Schuss abgegeben habe. Die Spurensicherung sollte auch eine Patronenhülse sichergestellt haben, um dies zu belegen.
Jetzt scheint dem nicht mehr so zu sein. Das bedeutet, dass die Polizei zuvor eine vorsätzliche Falschangabe gemacht hat. Und tatsächlich, mittlerweile hat die Poizei klammheimlich diesen Satz aus ihren Pressemitteilungen entfernt, die uns allerdings noch im Original vorliegt.
Außerdem können wir feststellen, dass auch in diesem Text davon die Rede ist, dass der junge Mann an einem Zaun gestanden ist. Er war also gar nicht in Bewegung.

„Die Beamten öffnen die Türen. Während sie aussteigen, sehen sie, wie der Unbekannte, der etwa 25 Meter entfernt neben einem LKW-Anhänger steht, eine Waffe aus dem Hosenbund zieht und in ihre Richtung hält. Im nächsten Moment krachen drei Schüsse. Der Fahrer rennt nach links hinter eine Hausecke. Der Beifahrer, ein vollbärtiger Mann von 52 Jahren, springt hinter den Wagen, dessen Kühlergrill von einem Geschoß zerfetzt wird. Der Beamte zieht seine Pistole aus dem Holster, eine Heckler & Koch, Waffennummer 116010780. Er schaut kurz auf. Der Täter läuft weg, ist jetzt etwa 50 Meter entfernt. Der Polizist schießt fünf Mal.“

Die Entfernungsangabe ist natürlich sehr unvollständig, wenn man nicht erfährt, wie weit der Hänger von den Polizisten entfernt gewesen war. Die Entfernung von Polizeiwagen zum Hänger betrug etwa 22 Meter. Plus etwa 25 Meter vom Hänger entfernt ergibt rund 47 Meter.

Der Fahrer des Streifenwagens soll sich also nach links hinter eine Hausecke verdrückt haben. Die ist allerdings ein Stück entfernt. Somit soll er sich an der ganz flachen Mauer und der Hecke entlang nach hinten abgesetzt haben. Geflüchtet ist er in dieser Schilderung, seinen Kollegen in Stich gelassen hat er auch, das muss hier festgestellt werden. Er taucht tatsächlich auch in dieser Erzählung nicht mehr auf.

Der Täter soll also weggelaufen und dann etwa 50 Meter entfernt gewesen sein. Davon einmal abgesehen, dass die Distanz von 47 Metern zu rund 50 Metern keine Strecke für ein Weglaufen bedeutet, hat es ihn ja bereits gleich nach seinen letzten (beiden) Schüssen auch schon erwischt gehabt.

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Hier zur Erinnerung ein Foto mit den Spurenmarkierungen. Schussabgabe mit ausgestreckten Armen, Hülsenauswurf rechts. Den Treffer ins Bein muss der Schütze stehend bekommen haben. Sogar gleich nach seinem dritten Schuss.

Der auch hier im Buch dargestellte Ablauf ist falsch. Oder: immer noch falsch.

„Eine Kugel bleibt in der rechten Wade des Täters stecken, die andere im Sprunggelenk des linken Fußes. Tim sackt zusammen. Er setzt sich auf den asphaltierten Gehweg. Unter seinen Beinen bildet sich eine Lache. Er hört den Polizisten schreien: „Waffe weg!“ Er legt die Pistole neben sich. Er hebt die Hände über den Kopf. Der 52 Jahre alte Polizist verlässt seine Deckung und geht auf den Sitzenden zu.“

Auch in dieser Version bleibt es dabei, dass Tim Kretschmer von dem Meisterschützen mit nur fünf Schüssen in beide Beine jeweils einen Schuss bekommen haben soll und dennoch anschließend ohne merkbare Behinderung gehen und laufen konnte.

„Er will ihn festnehmen. Plötzlich lässt der Täter die Arme fallen, rappelt sich auf, greift die neben ihm liegende Pistole. Vier Patronen springen ihm dabei aus der Tasche. Er schießt.“

Bemerkenswert ist hier die Reihenfolge des Ablaufs. Der Griff zu Waffe soll erst zuletzt erfolgt sein. Dann muss sich der vermeintliche Täter mit seinen beiden schwer verletzten Beinen beim Bücken mächtig angestrengt haben.

Interessant auch das Verlieren von 4 Patronen, was erst einmal trotz Markierungen auf dem Gehweg die fehlende Schusswirkung erklären könnte - oder soll.

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Dummerweise gab es auf der anderen Seite der Blutlache nur 3 Markierungen (Nr. 19, 20, 21). Gab es da mal wieder ein Problem beim Rechnen?

Wenn diese Markierungen die beim Aufheben der Waffe verlorenen Patronen gekennzeichnet haben sollen, ja, muss der vermeintliche Täter nicht seinen Hintern dem Polizisten entgegengestreckt haben? War es vielleicht das gewesen, was den Polizisten gelähmt haben könnte?

Der Täter habe also Zeit gehabt, um nach seinem mühseligen Tun wieder zu schießen. Wenigstens einmal, wie man entnehmen kann. Dann müsste auch eine Patronenhülse auffindbar sein, irgendwo beim Kantstein. Da war aber keine, womit entweder diese Angabe allein völliger Unsinn ist oder die Vorherige mit den drei Schüssen am Anfang.

„Der Polizist weicht zurück und schießt ebenfalls. Er trifft nicht.“

Der Meisterschütze mutiert zum Versager, wie oben bereits ausführlich geschildert.

Aus dem Text erfährt der Leser nicht, wo sich der Polizist zu diesem Zeitpunkt befunden haben soll. Da nach Lage der Polizeihülsen 11, 12 und 13 der Mann bei seiner Schussabgabe unter dem Hänger gelegen sein muss, ist auch diese Angabe - gelinde gesagt - äußerst erklärungsbedürftig.

„Tim überquert die Straße und läuft Richtung Autohaus. Er hält sich die Pistole an die Schläfe.“

Eine geradezu absurde Situation und in mehrfacher Hinsicht völlig sinnlos. Das klingt so, als wenn man nicht gewusst hatte, wo man diese Anekdote einbauen sollte. Hatte ja ein Arbeiter gegenüber „Regio TV“ erzählt.

Offenbar hatte man ihm aber nicht richtig zugehört, denn dieser hatte erzählt, dass es zuerst zu dieser Suizidandrohung gekommen wäre. Und danach wäre der Junge ins Autohaus gegangen.

Oje, es passt doch tatsächlich mit der vorherigen Schilderung gar nicht zusammen! Davon einmal abgesehen, dass zu diesem Zeitpunkt der Junge gar nicht die Waffe auf den Polizisten, den Ex-Meisterschützen, gerichtet haben kann.

Die Verlängerung der Szene, die im Spurenfeld mit den Markierungen Nr. 22 und 23 an der Kreuzungsecke mündete, fällt auch hier komplett unter den Tisch.

„Der Polizist, der insgesamt acht Mal auf den Täter geschossen hat, rennt zurück zum Streifenwagen. Er angelt sich das Funkgerät und versucht, seine Kollegen über den Schusswechsel und die Flucht des Täters zu informieren. Es gelingt ihm nicht. Der Funkverkehr ist völlig überlastet. Eine Katastrophe.“

Der Polizist soll 8x geschossen haben, wovon bereits in der ersten Polizeiversion der Ereignisse von März 2009 die Rede gewesen war.

Die Zahl 8, so scheint es, muss sich dieser Angabe entsprechend aus den 5 Hülsen auf der Straße an der Kreuzung und jenen 3 Hülsen beim Hänger zusammengesetzt haben.

Die Schusswirkung soll sich wiederum aus zwei Beintreffern, einem Loch in der Fassade bei der Firma „Langer“ sowie zwei Löcher in einem Van zusammengesetzt haben.

Alles verursacht von einem Polizisten. Richtig, sein Kollege hatte ja das Weite gesucht.

Und fertig ist die Milchmännchen-Rechnung.

Aber sie geht nicht auf. Denn die Beschädigungen an der Fassade und am Van waren von seinem Standort aufgrund diverser Hindernisse und auch wegen der Schussbahn gar nicht möglich gewesen.

Gegen den geflohenen Polizisten sollte dringend ein Verfahren eingeleitet werden. Dem Text folgend hat er nicht nur den Kollegen, den Polizeihauptkommissar, in Stich gelassen, ihm keine Deckung gegeben und abgesichert, sondern sich auch der verpatzten Festnahme schuldig gemacht, die in weiterer Folge 2 Menschen das Leben gekostet hat. Der Polizeihautkommissar musste ja sogar zum Streifenwagen zurücklaufen, um zu funken, anstatt dem angeblichen Täter auf den Fersen zu bleiben. Er musste alles alleine machen.

Und dann noch dieses unglaubliche Pech, dass schon in der Anfangsphase des Szenarios Wendlingen der arme, arme Funkverkehr unter einer alles erdrückenden Last - durch wen oder was auch immer - mit seiner einzigen, armen Frequenz, mit seinem einsamen, armen Kanal gewaltig zusammengebrochen ist.

„Der Schusswechsel wird von einer Überwachungskamera gefilmt. Sie ist an der Vorderseite eines Firmengebäudes installiert. Die Kamera erfasst den Parkplatz der Firma Hahn und ein Stück der Straße. Sekundengenau dokumentiert der Film, was passiert. Er wird später zu einem der wichtigsten Beweisstücke bei der Aufklärung des Tatablaufs im Gewerbegebiet von Wendlingen.“

Wir wissen nicht, ob Herr Schattauer jemals dieses Überwachungsband zu Gesicht bekommen hat. Wir bezweifeln es. Es folgen nun die im Buch angegeben Sequenzen bei gleichzeitiger Benennung der einzelnen Zeitpunkte.

„12.12 Uhr, 17 Sekunden: Der Steifenwagen kommt ins Bild.

12.12 Uhr, 38 Sekunden: Der Streifenwagen parkt auf der linken Seite der Wertstraße (Blickrichtung Firma Hahn), der Beifahrer steigt aus.“

21 Sekunden vom Erscheinen des Streifenwagens bis zum Einparken sind viel zu lang für 10 Meter. Wie sich das Polizeifahrzeug bewegt haben soll, wird nicht geschildert. Man könnte nun annehmen, dass der Wagen tatsächlich zurückgesetzt hatte, um dann in die später markierte Position hart an der Ecke zu manövrieren.

Leider wird auch nicht erwähnt, aus welcher Richtung das Fahrzeug gekommen sein soll. Kam es gerade die Straße entlanggefahren? Dann wäre es ein sehr umständliches Herumgeparke gewesen. Oder kam es von der anderen Seite des „Luxor“? Dann muss der Streifenwagen das Areal umrundet - und den vermeintlichen Täter bereits vorher gesehen haben.

Ja, was nun?

„12.12 Uhr, 40 Sekunden: Schüsse. Der Beifahrer geht hinter dem Auto in Deckung, der Fahrer flüchtet hinter eine Hausecke.“

Wie die DPD-Kamera ohne Ton die Schüsse aufgezeichnet haben soll, ohne den vermeintlichen Täter zu sehen, kann sicherlich auch Herr Schattauer nicht erklären. Es soll aber die Flucht des Fahrer-Polizisten zu beobachten gewesen sein.

„12.12 Uhr, 49 Sekunden: Der Beifahrer schießt hinter der Deckung hervor.“

Der Polizist soll bei seiner Schussabgabe hinter dem Streifenwagen in Deckung gewesen sein. Und aus irgendeinem Grund müssen die Patronenhülsen sehr weit und sehr unkontrolliert durch die Gegend geflogen sein. Zur Erinnerung noch einmal die entsprechenden Fotos:

wertstr-patronen-streife-luxor.jpg

wertstr-spusi-ecke-luxor_1.jpg

Betrachten wir uns außerdem die Zeitangabe. Um 12.12 Uhr und 40 Sekunden soll der Täter geschossen haben. Und 9 Sekunden später, um 12.12 Uhr und 49 Sekunden, soll dieser Polizist zurückgeschossen haben. Da er sein Ziel auf dem Gehweg dann getroffen haben will, muss der vermeintliche Täter seine Zeit damit verbracht haben, in 9 Sekunden ganze 3 Meter zurückzuweichen. Denn da war schon Schluß für ihn gewesen, wie oben ausführlich dargestellt. Eine sehr eigenartige Situation.

„12.13 Uhr, 19 Sekunden: Der Polizist verlässt die Deckung und geht mit der Pistole im Anschlag rechts am Streifenwagen vorbei in Richtung Autohaus Hahn. Der Täter, der getroffen am Straßenrand sitzt, ist nicht zu sehen.

12.13 Uhr, 31 Sekunden: Der Beamte kehrt um, rennt zurück zum Streifenwagen und geht dahinter in Deckung. Der überwältigt geglaubte Täter hat ihn offenbar erneut unter Beschuß genommen.“

Der letzte Satz hat in dieser Schilderung nichts zu suchen, weil es nicht zu sehen ist und daher auf einer Annahme beruht. Die Sekundenangaben sind natürlich tückisch, weil sie zwar eine bestimmte Sekunde benennen, aber damit nicht einen Ablauf umschließen können. Es ist also nicht ganz klar, wie lange dieser Polizist und auch wohin genau unterwegs gewesen sein soll. Die angebliche Rückkehr zu seinem Wagen auf offener Straße unter Beschuß ist allerdings idiotisch genug. Der Hänger am rechten Fahrbahnrand hätte Deckung gegen können, doch vor allem hätte der Polizist sofort schießen und sich auch auf den Boden werfen können, und zwar noch vor einer Aktivität des angeblichen Täters.

Diese Situation kann es nicht gegeben haben, was im folgenden Zitat um so klarer wird.

„12.13 Uhr, 35 Sekunden: Der Polizist schießt hinter der Deckung hervor.“

So, Herr Schattauer. Spätestens jetzt haben wir Sie mit Ihrer Desinformation.


Denn diese Schilderung kann nicht aufgezeichnet worden sein. Wer etwas anderes behauptet: lügt. Denn nun müssten weitere Hülsen bei den obigen fünf in Fahrzeugnähe zu finden sein, es müssten alle acht Hülsen in etwa beieinander gelegen sein. Dem ist nicht so. Stattdessen hat die Spurensicherung die drei weiteren Hülsen unter dem Hänger und daneben auf dem Gehsteig gefunden. Das sind Beweise!

Somit wird deutlich, dass diese Angaben, die Herr Schattauer freundlicherweise von der Polizei zur Verfügung gestellt bekommen hat, eine Erfindung sind. Es lässt auch einen Rückschluß auf die Qualität der übrigen Angaben zu, wie auch auf die Funktion des Autors selbst.

„12.14 Uhr, 6 Sekunden: Der Beamte verlässt die Deckung und geht nach vorne.

12.14 Uhr, 14 Sekunden: Er öffnet die Beifahrertür und kniet dahinter.

12.15 Uhr, 42 Sekunden: Mehrere Menschen betreten den Parkplatz.“

Der Beamte geht also nach vorne, aber nur, um die Beifahrertür zu öffnen und sich dahinter zu knien. Doch welchen Sinn macht dieses Verhalten? Wenn wir den Polizeiangaben folgen, macht dies defintiv keinen Sinn, denn der Täter soll ja ins Autohaus „gerannt“ sein. Womöglich war er gar nicht mehr da. Vor wem hatte er sich - bei gleichzeitiger Inaktivität - mit der dünnen Beifahrertür schützen wollen?

wertstr-spusi-ecke-luxor-2.jpg

Dieses Foto demonstriert außerdem die Sinnlosigkeit eines derartigen Tuns in anderer Hinsicht. Deckung gibt bei einem Fahrzeug vor allem der Motorblock. Nun kommt es aber darauf an, aus welcher Richtung sich der Polizist gefährdet gesehen haben will. Das Verhalten des Polizisten kann nämlich in die Richtung interpretiert werden, dass der vermeintliche Täter nicht ins Autohaus gelaufen ist. Entweder das Vortäuschen einer aktiven Passivität oder der vermeintliche Täter zu diesem Zeitpunkt immer noch auf dem Gehweg - eines von beiden. Fakt bleibt allerdings, dass dieser Polizeihauptkommissar nichts weiter mehr unternommen hat, um dem angeblichen Täter auf den Fersen zu bleiben. Und leider endet die Schilderung hier bereits.

Erklärungsbedürftig ist auch die Lücke zwischen 12.14 Uhr 14 Sekunden und 12.15 Uhr 42 Sekunden. Denn das wäre von besonderem Interesse gewesen. Was hat der Polizist beim Fahrzeug gemacht? Hat er immer noch geschaut? Und wer waren die Leute auf dem Parkplatz gewesen? Es sollen wohl die flüchtenden Mitarbeiter des Autohauses Hahn gewesen sein, welche demnach durch die Werkstatt geflüchtet sein müssten. Doch: warum wird nicht erwähnt, wie der vermeintliche Täter in das Autohaus gelaufen sein soll? Müsste er nicht auch kurz im Bild gewesen sein?

Diese Fragen werden in dem Buch nicht beantwortet. Dafür wird ein Kapitel eingeschoben, welches zeitlich nicht an diese Stelle gehört, auch wenn es anders dargestellt wird. Das Weglassen dieses Abschnitts und die chronologische Fortsetzung mit den Vorgängen im Autohaus Hahn würde den extrem unglaubwürdigen Kontrast der Situation allzu deutlich machen.

Da dies in der Abhandlung, siehe oben, bereits zur Genüge geschehen ist, folgen wir dem Text von Schattauer wie im Buch abgedruckt.

„Ein skurriles Detail fängt die Kamera nicht ein: einen Mercedes-Benz 280 SLC in Silber-Metallic mit Esslinger Kennzeichen. Im Moment des Schusswechsels fährt der Wagen die Wertstraße entlang. Am Steuer sitzt ein 41 Jahre alter Kfz-Mechanikermeister. Er hat das Coupé - 185 PS, getönte Scheiben, Alufelgen - im Auftrag eines Kunden repariert. Nun will er eine Runde drehen und mit dem Oldtimer seine Tochter vom Kindergarten abholen. Drei Minuten lässt er den Wagen auf dem Hof seiner Werkstatt warmlaufen, dann fährt er los.“

Schattauer ordnet das folgene Ereignis um den Mechanikermeister mit „Im Moment des Schusswechsels fährt…“ ein, was hier herausgestellt werden soll.

„Etwa zehn Meter vor einer Kreuzung muss er anhalten. Ein Polizeiwagen steht am Rand. Zwei uniformierte Männer steigen aus. Schüsse fallen. Einer der Polizisten zieht seine Pistole. Gebannt verfolgt der Automechaniker das Geschehen, ohne zu registrieren, dass er sich in der Schussbahn des Täters befindet. Im nächsten Moment hört er einen Einschlag am Auto. Er duckt sich über den Beifahrersitz, legt den Rückwärtsgang ein, setzt 30 oder 40 Meter zurück. Er steigt aus. Eine Frau schaut aus dem Fenster eines Büros. Sie fragt, was da los sei, ob geschossen werde. Er antwortet: „Da ist ein Verrückter unterwegs. Sogar mein Auto wurde getroffen!“ Der Mechaniker betrachtet den Mercedes. Im hinteren linken Kotflügel findet er eine Delle.“

Es handelt sich hierbei um jene Episode, welche in der vom 12. März bis 3. April 2009 gültigen
1. Polizeiversion erwähnt wurde. Damals hatte es noch geheißen, dass der Täter aus dem Autohaus gekommen und auf die eintreffenden Polizisten geschossen habe, wobei auch ein Geschoß jenes Fahrzeug beschädigt haben soll. In der 2. Polizeiversion der Ereignisse wurde diese Episode nicht mehr erwähnt. Jetzt haben wir sie wieder. Und dieses mal sogar mit einer „Delle“ im Kotflügel.

Dabei fällt sofort auf, dass in der Schilderung die Räumlichkeiten merkwürdig unkonkret gehalten werden. Es kommen für dieses Ereignis nur zwei Kreuzungen in Betracht, jene beim Autohaus Hahn und jene beim Casino „Luxor“. Und da sollen doch tatsächlich zwei bislang nirgends erwähnte uniformierte Polizisten in ihrem Wagen gesessen sein. Zu diesem Zeitpunkt? Hatten sie schon die Straße sperren wollen, während ein einziger Kollege mit dem wahnsinnigen Killer fertig werden musste? Noch dazu innerhalb dessen Waffenwirkung?

Diese Geschichte hat sich tatsächlich ereignet, wie wir vor Ort erfahren haben. Allerdings anders als von der Polizei dargestellt und auch zu einem etwas späteren Zeitpunkt. (Siehe unten).

Nun weiter mit den angeblichen Ereignissen im Autohaus Hahn.

„Autohaus Hahn. Ein Serviceberater sitzt hinter seinem Schreibtisch in der Reparatur-Annahme. Er hört das Geräusch der sich öffnenden Eingangstür. Er sieht einen jungen Mann das Haus betreten. Er fragt sich, ob der Kunde vielleicht gleich zu ihm kommt, weil er ein Problem mit seinem Auto hat. Der Mann mit den kurzen Haaren und der Brille hat offenkundig kein Problem mit seinem Auto. Er biegt vor dem Empfangstresen mit der Blende aus gelochtem Metall nach rechts ab. Eine Mitarbeiterin an der Information grüßt ihn beiläufig. Eine Frau an der Kasse telefoniert. Sie spricht mit einer 43-jährigen Flugbegleiterin aus Nürtingen. Die Frau möchte ein Auto kaufen und erkundigt sich nach einem freien Termin.“

Dieser Quatsch wird auch mit dem unwichtigen Beiwerk nicht besser. Schattauer gibt die Angaben der Polizei unreflektiert wieder und tut so, als wäre die Situation schlüssig. Was macht man nicht alles für Geld…

Der Service-Miarbeiter hört zwar die Eingangstür, aber offensichtlich nicht die Schüsse davor auf der Straße. Niemand hört sie, niemand bemerkt irgendetwas. Außerdem überrascht es, dass sich in der Schilderung alle Mitarbeiter im Verkaufsbereich auf ihren Plätzen befinden. Denn es soll 12.15 Uhr gewesen sein - Mittagspause.

„Es ist 12.15 Uhr. Tim folgt dem Verlauf des breiten Streifens aus beige-roten Fliesen in den Verkaufsbereich. Er geht in Richtung eines Autoverkäufers, der erst seit zwei Monaten in der Firma arbeitet. Etwa vier Meter vor dessen buchefunierten Schreibtisch bleibt Tim stehen. Er sagt: „Auto her, wir gehen jetzt!“

„Der Verkäufer schaut kurz nach oben. Er weiß nicht, was der Mann von ihm will. Darauf Tim: „Hol einen Schlüssel, wir gehen jetzt!“ Dann schiebt er seine Jacke beiseite. Im Hosenbund steckt eine Pistole. Der Verkäufer erkennt, wie sein Gegenüber die Pistole mit der rechten Hand umschließt und sie ein paar Zentimeter herauszieht. Der junge Mann bleibt nicht vor dem Schreibtisch des Verkäufers stehen. Er läuft langsam weiter in den Verkaufsraum. Der Verkäufer ruft ihm hinterher, er müsse geschwind zu seinem Rollcontainer und den Schlüssel für das Auto holen. Der Mann mit der Waffe scheint nicht zu hören. Er geht weiter, läuft im kleinen Bogen um einen silberfarbenen VW Scirocco herum. Dreht sich nicht um.“

Wir können die Situation im Autohaus nicht beurteilen, weil uns dazu (noch) keine Informationen vorliegen. Wir wissen nicht, wie sich was und wann genau im Autohaus ereignet hat. Es erstaunt, dass der als Tim Kretschmer bezeichnete junge Mann Schwierigkeiten zu haben schien, sich halbwegs vernünftig zu artikulieren. Als wäre die deutsche Sprache nicht seine Stärke gewesen. Und was war mit der stark blutenden Beinwunde? Laut Polizei sogar an beiden Beinen? Wo ist die Blutspur, wo die blutige Hose? Keine Beeinträchtigung beim Gehen?

Sprechen wir hier von ein und derselben Person?

„Der Autoverkäufer steht von seinem Stuhl auf und läuft mit immer schneller werdenden Schritten aus dem Haus. Im Gehen ruft er den Namen des Kollegen, dessen Schreibtisch hinter dem Scirocco steht, und dann ruft er: „Hau' schnell ab!“ Draußen angekommen, fuchtelt er mit den Armen, bedeutet durch die Scheibe: Verschwindet, verschwindet! Die Frauen im Eingangsbereich entfernen sich von ihren Plätzen. Sie laufen ins Teilelager und von dort in die Werkstatt. 12.16 Uhr und 35 Sekunden alarmiert eine Hahn-Angestellte per Notruf die Polizei.

Der Kollege hinter dem Scirocco hat heute ein braunes Sakko an, eine braune Hose, einen schwarzen Pullover. Er unterhält sich mit einem Kunden, der es sich auf einem der frei schwingenden Stühle bequem gemacht hat. Im Gespräch nimmt der Verkäufer einen jungen Mann wahr. Er steht ziemlich nah am Tisch. Zwei, drei Meter entfernt. Sagt nichts. Steht da und sagt nichts.“

Während die Polizei auf sich warten und es geschehen lässt.

Bei dem hier nun genannten Autoverkäufer handelt es sich um Denis Puljic. Da er kurz darauf erschossen wurde, ist es grotesk von Schattauer, dessen Wahrnehmungen zu beschreiben. Den Schusswechsel auf der Straße scheint Puljic ebenfalls nicht mitbekommen zu haben. Und die Warnung seines Kollegen auch nicht? Und was war mit dem Mörder los? Hatte er zuvor Probleme offenbart, ganze Sätze zu bilden, schien es ihm anschließend die Sprache verschlagen zu haben. Übrigens - welcher Zeuge hatte diese Situation geschildert? Etwa jener Verkäufer, von dem nun die Rede sein wird?

„Der Mann mit der Waffe wird auch von einem anderen Mann wahrgenommen. Normalerweise ist er um diese Zeit beim Mittagessen. Vor einer Viertelstunde hat er ein Ehepaar mit einem VW Polo auf Probefahrt geschickt. In fünf Minuten müssten die beiden wieder da sein. In der Zwischenzeit plaudert er mit einem Bekannten, der ihn auf Arbeit besucht. Sie reden über einen verstorbenen italienischen Freund. Der Verkäufer blickt über das Sideboard und sieht den jungen Mann am Nachbartisch stehen. Schaut weg. Schaut wieder hin.“

Bei diesem Verkäufer handelt es sich um Leonardo Borazio, dem wir ein Interview im TV verdanken, welches ohne eine einzige Information ausgekommen ist.

„In diesem Moment fingert der Typ an der Innenseite seiner Jacke herum und zieht eine silbergraue Pistole hervor. Dann schieß er. Mehrere Hülsen springen auf die Fußbodenfliesen. Die Schussgeräusche hallen wie Donnerschläge durch das Autohaus. Der Service-Berater in der Reparatur-Annahme, der Tim am Eingang gesehen und dann aus den Augen verloren hatte, glaubt, jemand habe aus Spaß einen Böller gezündet. Es knallt ein zweites und ein drittes, ein elftes und ein zwölftes Mal. Bumm, Bumm, Bumm. Ohne Pause.“

Den Reparatur-Menschen hatten seine Kollegen offenbar vergessen. Davon einmal abgesehen, offenbart sich uns abermals diese grobe mathematische Schwäche bei den Behörden. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft hatten im März 2009 bekannt gegeben, dass Denis Puljic und dessen Kunde, Sigurt Wilk, von 13 Schüssen getroffen worden wären. Jetzt ist es einer weniger: zwölf.

„Acht Schüsse treffen den Verkäufer im Oberkörper und im Kopf. Der Kunde, der mit dem Rücken zum Schützen sitzt, wird durch vier Schüsse getötet. In den Polizeiakten werden die Männer später als „L 14“ und „L 15“ geführt, L steht für Leiche. Ein paar Sekunden bleibt es still. Der Verkäufer vom Nachbartisch, der sich zusammen mit seinem Freund hinter dem Möbel verschanzt, lugt über die Platte. Er beobachtet, wie der Schütze das Magazin wechselt. Mit einem Satz springen die Männer aus der Deckung und flüchten durch eine Hintertür.

Ein 43 Jahre alter Kraftfahrer belädt gerade seinen LKW, der gegenüber der Firma Hahn steht, mit Kisten. Zufällig sieht er die beiden flüchtenden Männer. Einer ist groß und schlank, der andere hat eine Glatze, trägt eine Brille, eine braune Lederjacke und Jeans. Dem Kraftfahrer kommt es so vor, als würden die Männer um ihr Leben rennen. Sie scheinen Angst zu haben, dass jemand sie verfolgt.“

Es muss ein unglaubliches Blutbad gewesen sein.

Und weiter geht es mit dem Polizeiwagen vor dem Haupteingang von Hahn.

„Ein weiterer Streifenwagen trifft am Autohaus ein. Er stoppt auf dem Parkplatz, etwas zehn Meter vor dem Haupteingang. In dem Auto sitzen zwei Polizisten. Einer kommt direkt vom Dienstsport. In einer Turnhalle hatte er am Morgen mit Kollegen Volleyball gespielt, dann traf die Amokmeldung ein. Ohne zu duschen, munitionierte der 50-jährige auf und setzt sich ans Steuer des Streifenwagens 3/312. Nun steigen die beiden Beamten aus, gehen hinter dem Heck in Deckung und beobachten bei laufendem Motor und angeschaltetem Blaulicht die Szenerie. Der Beifahrer hat eine Maschinenpistole dabei.“

Auf jener von SPIEGEL-TV ausgestrahlten Videosequenz ist der besagte Streifenwagen zwar sichtbar, nicht aber dessen Blaulicht. Allerdings kann die schlechte Bildqualität dafür verantwortlich sein. Die beiden mutigen Beamten hinter dem Fahrzeug sind auf diesem Band allerdings auch nicht zu erkennen.

„Tim bemerkt die Gefahr und kommt aus dem hinteren Teil der Filiale. Durch die gläserne Fassade feuert er zwölf Mal auf das Auto. Die Beamten hören, wie die Projektile an ihnen vorbeipfeifen. Eines sprengt die Seitenscheibe. Sie verschanzen sich hinter dem Streifenwagen und warten, bis der Kugelhagel aufhört. Vorsichtig kriecht einer der Beamten um das Auto herum. Die Fahrertür steht offen. Er greift nach dem Funkgerät und brüllt hinein, dass der Täter aus dem Autohaus Hahn herausschießt. Aufgrund massiver Funkstörungen gibt er die Meldung drei Mal hintereinander durch. Anschließend schaut er gemeinsam mit seinem Kollegen, der immer noch am Streifenwagen kniet, durch die gläserne Fassade. Sie können kaum etwas erkennen. Dann sehen sie schemenhaft eine dunkel gekleidete Person. Tim läuft, nachdem er im Autohaus 30 Schüsse abgefeuert, zwei Menschen ermordet und Sachschaden in Höhe von 85.000 Euro angerichtet hat, zu einer Hintertür.“

Die Beschädigung der hinteren Seitenscheibe rechts am Streifenwagen erfolgte nicht durch die Schüsse aus dem Autohaus, weil sich das Fahrzeug nicht in der entsprechenden Flugbahn der Geschosse befunden hatte. Die Scheibe wurde auch nicht „gesprengt“. Nur die Hälfte der 12 Durchschüsse im Glas lagen in Richtung des Standortes, die anderen nicht. Zudem mutet es wie ein Witz an, ein stehendes Fahrzeug - sogar mit geöffneter Fahrertür - nicht zu treffen, während von dem selben Schützen behauptet wird, in einer Schule auf sich bewegende, panische Menschen erstaunlich oft getroffen zu haben. Das passt auch nicht.

Dazu wird abermals die Story um den angeblich gestörten Funkverkehr gesponnen. Wir haben aber auch eine Neuigkeit vor uns liegen. Nach Schattauer bzw. dessen Auftraggeber sollen innerhalb des Autohauses 30 Schüsse abgegeben worden sein. 12 Schuss auf zwei Männer, 12 weitere durch die Glasfassade ergibt 24. Wohin gingen die weiteren 6 Schuss? Das wird hier nicht erzählt. 30 Schuß lassen außerdem 30 Hülsen zurück. Wie sind diese markiert worden? Einzeln oder gleich in Gruppen? Denn die Spurenziffern endeten mit der Nr. 29 vor dem Autohaus und setzten sich fort mit der Nr. 51 auf dem Parkplatz vor „Ritter Aluminium“.

Auch liesse sich die Munitionsmenge mal wieder neu durchrechnen. Laut Polizei soll der vermeintliche Täter in Wendlingen genau 46 Schuss abgegeben haben. Gestrichen ist die Kugel beim angeblichen Überqueren der Straße und auch jene drei auf dem Gehweg, die ja vier verlorene Patronen gewesen sein sollen. Demnach nur noch 3 plus mindestens 1, dann gleich 30 im Autohaus, 3 Richtung Vorbau von „Ritter Aluminium“, das 1 (Loch im Glas) von „Festtool“, 2 Richtung Zivilfahrzeug (in Verbindung mit dem Handy-Video), 7 in schneller Abfolge sonstwohin - angeblich in die Luft, sowie die letzte für sich selbst.

Macht 48. Wobei jene vier Patronenhülsen beim VW Touran abermals außen vor gelassen worden sind.

Die von SPIEGEL-TV gezeigte Videosequenz mit Belagerung des Autohauses passt unterdessen immer noch nicht zu den Schilderungen im Schattauer-Buch (siehe oben).

Ferner stellen wir fest, dass der vermeintliche Täter kaum auf die Polizisten geschossen zu haben scheint. Denn wir müssen davon ausgehen, dass sich zum Zeitpunkt dieser Schüsse kein Polizeiwagen davor befunden hat.

„Vorsichtig nähern sich die beiden Beamten dem Vordereingang. Auf dem Weg erhalten sie Verstärkung. Aus einem der Streifenwagen, die nach und nach das Gewerbegebiet erreichen, stößt ein Kollege mit einer Maschinenpistole hinzu. Zu dritt gehen sie in das Autohaus.“

Es fällt demnach kein Schuss mehr. Ganz anders im Spiegel-TV-Video mit den Schussgeräuschen von jeweils drei Schüssen aus zwei Waffen. Der verlassene Polizeihauptkommissar vom ersten Streifenwagen spielt in dieser Darstellung auch keine Rolle mehr. Wo ist er abgeblieben? Hockte er noch immer auf dem Gehweg? Stattdessen Verstärkung für das neue Beamten-Duo in Gestalt eines einzelnen Polizisten, aber dafür ebenfalls mit einer MP. Zu dritt sollen sie also ins Autohaus gegangen sein, obwohl die Sicht von außen nach innen schlecht war (und noch ist), umgekehrt die Sicht für den vermeintlichen Massenmörder um so besser. Hut ab! Allerdings wird nicht konkret gesagt, auf welchem Weg die Beamten ins Autohaus gegangen sind. Hatten sie vielleicht die Deckung ihres Fahrzeuges verlassen und hatten sich zum Werkstattbereich bewegt?

„Es ist still. Nur die Geräusche der eigenen Schritte sind zu hören. Eine Tür schwingt auf, und ein etwa 50 Jahre alter Mann in Werkstattkluft betritt schlendernd den Raum. Er lacht. Er steht unter Schock. Ein Polizist drückt ihn zu Boden. Schickt ihn raus. Die Beamten kommen an die Stelle, wo der silberfarbene VW Scirocco steht. Hinter dem Auto sehen sie zwei erschossene Männer. Einer sitzt auf dem Kundenstuhl, der andere liegt an der Wand hinter dem Schreibtisch.

Außer den beiden Toten fällt den Polizisten eine Bluspur auf. Sie besteht aus vielen Tropfen und zieht sich durch das gesamte Objekt. Sie beginnt außerhalb des Autohauses, führt vom Haupteingang quer durch den Verkaufsraum und zum Hintereingang hinaus. Ein Beamter ist sicher, dass die Spur vom Täter stammt. Sein Kollege schlußfolgert, dass der Täter bereits verwundet war, als er das Autohaus betreten hatte. Die auf den ersten Blick kleine, scheinbar unbedeutende Beobachtung wird bei der Rekonstruktion des Tatablaufs eine wichtige Rolle spielen - und die Staatsanwaltschaft in Erklärungsnot bringen.“

Der letzte Satz soll eine Spannung aufbauen, wo keine ist. Die Blutspur erhält hier einen Status, den sie nicht verdient. Schattauer kommt später in einem anderen Kapitel darauf zurück. Es geht um die falsche 1. Polizeiversion über den Hergang der Ereignisse und die angebliche Tatsache, dass Polizei und Staatsanwaltschaft weitaus eher von den vermeintlich tatsächlichen Ereignissen Kenntnis gehabt hätten.

Es handelt sich hierbei aber um nichts anderes als ein hohles Blendwerk, denn jeder interessierte Privatmann hätte - und hatte - diese 1. Polizeiversion anhand der Spuren vor Ort widerlegen können. Beachtung verdient dagegen die Ursache dieses Manövers, die Ursache für den Versuch, anfangs die Situation auf der Straße gar nicht in die offiziellen Bekanntmachungen einfließen zu lassen. (Siehe oben unter „Wendlingen“).

Wir sehen hier den abermaligen Versuch, eine angebliche Polizeipanne zu konstruieren, um der am 4. April 2009 veröffentlichten 2. Version des angeblichen Ablaufs der Geschehnisse das richtige Maß an Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Das Manko, dass diese Geschichte mit der Eingangssituation im Autohaus nicht zusammenpasst, konnte allerdings nicht behoben werden.

Schattauer behauptet außerdem, dass eine Blutspur in das Autohaus geführt habe. Diese Aussage ist falsch. Weder konnten Begehungen einen derartigen Nachweis erbringen, noch hatte am 11. März 2009 die Spurensicherung der Polizei derartige Spuren markiert. Einen einzigen Kringel, die Spur 22 vor der Glasfassade des Autohauses, hatte die Spurensicherung hinterlassen.

Von der Spurenlage innerhalb des Gebäudes haben wir keine Kenntnis. Schattauer gibt an, dass sich die Blutspur aus vielen Tropfen zusammengesetzt habe. Sie soll vom Haupteingang quer durch den Verkaufsraum zum Hinterausgang geführt haben. Er erwähnt nicht, dass sie zwischendurch wieder in den vorderen Verkaufsraum geführt haben müsste - wegen dieser 12 Schüsse durch das Glas.

„Tim ist durch die gläserne Hintertür verschwunden, über der ein Fluchtweg-Symbol leuchtet. Er biegt nach links ab, läuft auf grauem Knochenpflaster an der Fassade entlang. Ein Lagerarbeiter einer benachbarten Firma schaut zufällig in diese Richtung. Er macht Mittagspause, raucht eine Zigarette. Über Kopfhörer hört er Musik aus dem Handy. Seine Blicke folgen dem jungen Mann, der sich ganz normal zwischen den abgestellten Gebrauchtwagen bewegt. Für den Zuschauer sieht es so aus, als interessiere sich der Mann für Autos. Vielleicht sucht er ja ein bestimmtes Modell.

Nach ein paar Metern gelangt Tim in den mit Maschendraht umzäunten Außenbereich der Werkstatt. Am Zaun ist ein wetterfestes Werbebanner mit der Aufschrift „Top Gebrauchtwagen“ befestigt. Er geht an Reifenstapeln, Holzpaletten, Altölfässern vorbei und steuert auf eine Reihe Autos zu. Hinter den Autos markiert ein Zaun das Ende des Geländes. Rechts bilden Schiffscontainer, die bis unter die Decke mit Autoreifen gefüllt sind, eine stählerne Mauer. Der einzig offene Weg führt nach links auf den Parkplatz vor dem Haupteingang des Autohauses.“

Der vermeintliche Täter versucht demnach erst gar nicht, in Richtung der Firma „Ritter Aluminium zu entkommen. Stattdessen geht er an der Rückseite des Autohauses entlang. Es scheint so, als habe er es umrunden wollen. Das bedeutet natürlich, dass er sich wieder in Richtung der Polizei hinbewegt haben soll.

„Dort stehen mittlerweile mehrere Polizeiwagen. Ein Beamter wartet nebem seinem Fahrzeug und beobachtet die Schneise zum Hinterhof. Der 43-Jährige sieht jemanden an den Containern stehen. Er ist etwa 20 Meter weit weg. Der Polizist ruft: „Wer sind sie?“ Der junge Mann antwortet nicht. Er schaut desinteressiert in der Gegend herum. Der Uniformierte ruft ein zweites Mal: „Hallo, wer sind Sie? Geben Sie sich zu erkennen und kommen Sie langsam auf mich zu!“ Der junge Mann ehebt den linken Arm und macht eine Scheibenwischergeste. Dann verschwindet Tim um die Ecke. Der Polizist wird später sagen, er habe kurz davor gestanden, von seiner Schusswaffe Gebrauch zu machen. Er habe überlegt, ob er einen Warnschuss abgeben solle. Er habe es aber nicht getan.“

Diese Episode, im vergangenen September als Zeugenaussage des Polizisten „Volker“ in den Medien platziert, kommt nun nicht mehr ganz so dümmlich daher. Aber immer noch dumm genug.

In diesem Text erfährt der Leser, dass auf der anderen Seite des Autohauses mittlerweile mehrere Polizeiwagen eingetroffen gewesen wären. Aber was haben deren Besatzungen dort gemacht? Und warum soll niemand auf die andere Seite des Autohauses gefahren sein? Warum so viele Beamte angeblich auf der Vorderseite, aber nur ein einziger, welcher den Durchgang neben der Werkstatt im Auge behalten hat? Und wo ist die Besatzung des Streifenwagens an der Ecke des „Luxor“ abgeblieben? Warum hatte man unseren Polizisten „Volker“ mutterseelenallein gelassen und ihn auch noch dümmer gehalten, als er ohnehin gewesen zu sein scheint? Der Hauptkommissar vom Beginn der Straßenszene hätte den vermeintlichen Täter doch kurz mal beschreiben können. Aber warum hat er es nicht gemacht?

Was stimmt denn hier alles nicht? Und warum wird diese Geschichte hier nicht weitererzählt? Polizist Volker hat medial seine Rolle gespielt, worin eine Verfolgung nicht vorgesehen war. Dafür kommt nun die nächste Groteske.

„Bussard 803 steht über dem Autohaus. Die Kamera des Polizeihubschraubers vom Modell MD 902 Explorer fängt das Dach und die Umgebung ein.

12.21 Uhr, 8 Sekunden: Der Eingang des Autohauses befindet sich an der unteren Bildkante. Normaler Bildmodus. Ein Mann kommt ins Bild. Er geht links am Gebäude entlang und bleibt vor einem dunklen Kombi stehen, rechts befindet sich ein roter Container.

12.21 Uhr, 20 Sekunden: Die Besatzung sieht den Mann. Zoomt ihn heran. Er stützt die Hände in die Hüfte und schaut nach oben zum Hubschrauber. Die Polizisten unterhalten sich:

„Da schau mal, da steht einer.“

„Nein, das ist er nicht.“

„Ja, okay.“

Die Kamera zoomt weg.

12.21 Uhr, 31 Sekunden: Der Mann geht gemächlich in Richtung weißer Container an der Rückseite des Autohauses und verschwindet aus dem Blickfeld der Kamera.

12.22 Uhr, 1 Sekunde: Der Mann kommt wieder ins Bild. Er läuft an der Rückseite des Autohauses entlang, vorbei an geparkten Autos. Auf Höhe des Hinterausgangs bleibt er stehen.

12.22 Uhr, 16 Sekunden: Die Hubschrauber-Besatzung schaltet um auf Wärmebildmodus. Der Mann bewegt sich an der Rückseite des Autohauses Hahn entlang.

12.22 Uhr, 30 Sekunden: Die Polizisten vergrößern den Bildausschnitt.

„Da läuft einer am Gebäude, pass mal auf, da läuft einer am Gebäude hinten, da steht einer, aber…“

Jetzt schalten sie in den Normalmodus. Der Mann hat wieder die Hände in den Hüften und schaut nach oben.

„… ist das der Täter? Nee, das kann er nicht sein, oder?“

Die Kamera zoom weg.“

Sollte diese Schilderung der Realität entsprechen, sollte uns als ganz durchschnittliche Bürger nicht Angst und Bange werden?

Da scheint es erst einmal keine richtige Kommunikation mit der Hubschrauber-Besatzung gegeben zu haben. Die Situation wird auch gar nicht erfasst. Laut Schattauers Polizei-Darstellung soll sich auf der Vorderseite des Autohauses einiges an Polizei versammelt haben, aber auf der Rückseite idiotischerweise nicht, wo ein einzelner Mensch herumgegangen sein soll. Der Dialog-Darstellung nach zu urteilen wurde niemand weiteres erfasst, nicht einmal der Raucher „einer angrenzenden Firma“. Der vermeintliche Täter wird dennoch nicht erkannt, obwohl völlig allein auf weiter Flur. Ist er das, ist er das nicht? Es soll uns nun sogar noch weiß gemacht werden, dass die Hubschrauber-Besatzung rätselt und vor allem spekuliert, aber ihrer eigenen Frage gar nicht auf den Grund geht oder die Kollegen am Boden entsprechend anweist.

Man erfährt auch nicht, dass sich Polizei in dessen Richtung bewegt habe. Stattdessen ist dem Text zu entnehmen, dass der vermeintliche Täter zwar ein wenig herumirrte, aber gar nicht flüchtete! Er hatte nicht einmal eine Waffe in der Hand! Nicht nur das, Schattauers Polizeiangaben nach soll der vermeintliche Täter nach einer Weile wieder außen vor dem vollverglasten Hinterausgang herumgestanden sein. War nicht vorher erst von den todesmutigen Polizisten erzählt worden, die in das Autohaus eingedrungen waren? Hatten die sich etwa nur hineingetastet, weil sie vielleicht vollkommen blind waren?

Und warum erscheinen uns Grimm's Märchen glaubwürdiger?

„Mehrmals funken Polizisten vom Boden aus die Crew an. Geben Informationen über den vermuteten Fluchtweg des Täters durch. Die Helikopter-Besatzung muss passen:

„Haben bis jetzt nichts festgestellt. Wir schauen… Täterbeschreibung bitte.“

Schattauer und seine Auftraggeber müssen die Leser für vollkommen verblödet halten. Dieser verlogene Dreck ist auch an Phantasielosigkeit kaum noch zu überbieten.

Der Zusammenbruch des Funkverkehrs ist nun wieder aufgehoben. Oder soll er nur mit der Hubschrauberbesatzung funktioniert haben? Schade, dass man sich gar nichts zu sagen hatte.

Der vermutliche Fluchtweg ist zum Schreien komisch: wie wäre es mit dem Hinterausgang? Da wird geschaut und gesucht, aber nichts gefunden. Da erst wird nach der Täterbeschreibung gefragt?

Und was war das für ein Typ auf dem Parkplatz hinter dem Autohaus? Nichts festgestellt, nicht einmal eine unbekannte Person??? Und wenn es sich bei dieser Person um einen geschockten Angestellten gehandelt hätte, war der Mensch derartig gleichgültig, so dass dessen Rettung erst gar nicht in Betracht gezogen wurde?

Warum dreht sich uns bei einer derartigen Schilderung gleich der Magen um?

„12.23 Uhr, 1 Sekunde: Der Mann läuft vom Hinterausgang des Autohauses quer über den Parkplatz in Richtung der Firma Ritter-Aluminium und verschwindet vom Schirm.

Der Geschäftsführer der Firma Ritter-Aluminium blickt aus dem Fenster im ersten Obergeschoss Richtung Parkplatz. Er sieht einen Mann im Bereich der Fahrradständer. Der Mann macht ihm einen unentschlossenen Eindruck. Er hält eine Waffe in der Hand. Er beginnt, mit der Waffe herumzufuchteln, aber er schießt nicht. Der Geschäftsführer denkt, das muss ein Verrückter sein. Als der Mann mit der Pistole langsam auf den Verwaltungstrakt der Firma zusteuert, schwant dem Geschäftsführer, dass es gefährlich werden könnte. Er rennt ins Büro, um den Schlüssel zu holen. Er geht durchs Treppenhaus nach unten und verriegelt die Tür. Schüsse krachen. Tim trifft zwei blaue Blumenkübel und eine Scheibe neben der Tür. Der Manager bleibt unverletzt.“

Das ist nun die Geschichte, wie die Schusswirkung an dem Vorbau der Firma „Ritter Auluminium“ verursacht worden sein soll.

„Die Schüsse schrecken zwei Polizisten auf, die sich vor ein paar Minuten in der Nähe der Aluminiumforma postiert haben. Der Beamte des Polizeireviers Nürtingen und seine Kollegin haben Tim schon eine Weile beobachtet. Sie glauben zunächst, er arbeite im Unternehmen oder sei ein Schaulustiger. Daraufhin setzt sich der Beamte in den Streifenwagen und spricht den jungen Mann über Außenlautsprecher an. Er fordert ihn auf, das Gelände zu verlassen und in das Gebäude zurückzukehren. Der Mann reagiert nicht. Dann schießt er auf die Tür der Firma Ritter.“

Da haben wir nun die beiden Polizisten auf der anderen Seite des Schauplatzes. Es sind jene, die sich zwischen „Ritter Aluminium“ und dem „Autohaus Käser“ befunden hatten. Irgendein Umstand hatte sie sich außerhalb der Geschehnisse „postieren“ lassen. Dies ist um so befremdlicher (siehe oben), weil jene kurze Video-Sequenz bei SPIEGEL-TV einen Streifenwagen nach dort hinten fahrend zeigt. Während am Autohaus gleichzeitig geschossen wird. Somit ändert auch diese Schilderung nichts an der Situation, dass zwar Polizei nach hinten fuhr, aber aus der Gefahrenzone heraus und der Hinterausgang des Autohauses Hahn nicht gesperrt wurde. Grobe Fahrlässigkeit oder Absicht?

Dann heißt es weiter, dass die beiden hier beschriebenen Polizisten den vermeintlichen Täter schon eine Weile beobachtet haben wollen. Damit kann nur der Weg von der Rückseite von Hahn bis zum Parkplatz von Ritter gemeint sein. Das ist zwar weit weg, aber nicht unmöglich. In dieser Person dann aber einen Mitarbeiter von Ritter zu vermuten, ist allerdings unlogisch. Demnach können sie den vermeintlichen Täter erst auf dem Parkplatz entdeckt haben. Als „Täter“ erkannt haben auch sie diese Person nicht. Somit hätte man auch ihnen über Funk - angeblich - keine Informationen zukommen lassen.

„Der 40 Jahre alte Polizist, der Tim gerade noch für einen Unbeteiligten hielt, zielt mit seiner Maschinenpistole MP5 auf den Schützen. Keiner der fünf Schüsse trifft. Zwei Geschosse schlagen in der Fassade der Firma Ritter-Aluminium ein, drei Kugeln knallen in einen VW Touran, der am Straßenrand geparkt ist. Schaden: 3.000 Euro.“

Für die Summe des Schadens interessiert sich niemand, aber immerhin wird hier die Situation, die zu den 5 MP-Schüssen geführt haben soll, etwas konkretisiert.

Zur Erinnerung die Spuren an der Fassade von „Ritter Aluminium“, Nr. 71, 70 und 69 (von links nach rechts):

ritter-spur_71_1.jpg

ritter-spur_70.jpg

ritter-spur_69.jpg

Zwei Schüsse in die Fassade erklären natürlich nicht die Schusswirkung an drei Stellen. Noch dazu befindet sich der schräge Einschuss Nr. 69 viel weiter rechts.

ritter-luftbild-stern_2.jpg

Außerdem hätte der MP-Schütze von seinem vermutlichen Standort, siehe folgendes Foto, um die Ecke schießen müssen, um dieses Loch zu verursachen. Sollte er für die Spuren Nr. 71 und 70 verantwortlich sein, müsste das Geschoss für die 70er-Beschädigung durch die geparkten Fahrzeuge geschlagen sein. Es wurden dort allerdings keine Autos als beschädigt markiert. Es bleibt also nicht schlüssig.

Es wird auch deutlich, dass die Sicht auf den Parkplatz vor „Ritter-Aluminium“ stark eingeschränkt gewesen sein muss. Der VW-Touran befand sich damals an der Stelle vor dem roten Fahrzeug im Bild.

Die damals hinter dem VW-Touran aufgefundenen vier Patronenhülsen erwähnt Schattauer in seinem Buch nicht. Offenbar ist man sich über ein geeignetes Erklärungsmodell noch nicht einig geworden.

„Der Polizist sieht, wie der Täter über den Parkplatz Richtung Autohaus läuft und auf die Straße schaut. Dort fährt gerade ein Zivilfahrzeug mit aufgesetztem Blaulicht vor. Der Täter hebt den Arm und schießt aus etwa zehn Meter Entfernung auf das Auto.“

Wie der Polizist dies gesehen haben will, bleibt ein Rätsel. Hatte der Mann den Röntgenblick? Denn dichtes Strauchwerk und auch im Winter grünes Nadelholz verhindert die Sicht. Wir wissen nicht, was der Polizist jemals ausgesagt hat, aber das nicht.

Diese verlogene Angabe dient nur dazu, um einen Zeugen zu präsentieren, der bestätigt, dass es Tim Kretschmer gewesen sein soll, der auf das zivile Polizeifahrzeug geschossen hatte. Da hierfür eine offensichtliche Lüge präsentiert wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es garantiert anders gewesen war, mindestens genau so groß.

„In dem dunkelblauen Opel Astra Kombi, Kennzeichen ES-AP 5317, sitzen eine junge Polizistin und ihr Kollege. Der Tag, an dem sie beinahe ums Leben kommen, beginnt für sie wieder jeder andere…“

Wir verzichten hier auf einen Abschnitt der Erzählung, weil er nichts mit der Situation vor „Ritter Aluminium zu tun hat. Wir gehen zwar gleich noch einmal darauf ein, möchten hier aber noch aus einem anderen Grund unterbrechen.

Wir kommen nun zurück zu dem Kfz-Mechanikermeister und seinem Ausflug mit dem alten aufgemotzten Mercedes. Nachdem wir oben nachgewiesen haben, dass die zeitliche Darstellung falsch ist, wollen wir hier versuchen, dieses Ereignis richtig zuzuordnen. Dazu können wir feststellen, dass der Mechanikermeister die zuvor gefallenen Schüsse offenbar nicht als solche erkannt bzw. wahrgenommen hatte.

Wie wir vor Ort in Wendlingen erfahren haben, hat sich diese Geschichte tatsächlich ereignet - allerdings zu einem anderen Zeitpunkt. Der Mechanikermeister fuhr nämlich auf der Straße vor „Ritter-Aluminium“ in Richtung Autohaus Hahn.

Wobei erst einmal erstaunt, dass die beiden nahe dem „Autohaus Käser“ platzierten Polizisten ganz offensichtlich nichts unternommen hatten, den Mechanikermeister dort aus Sicherheitsgründen zu stoppen. Und was unserer Ansicht nach auch an dieser Stelle ein Verfahren wegen Fahrlässigkeit gegen diese Beamten nach sich ziehen müsste.

Es wird im Schattauer-Buch geschildert, dass der Mechanikermeister etwa zehn Meter vor einer Kreuzung anhalten musste. Die Ursache war ein dort „am Rand“ stehender Polizeiwagen, aus welchem zwei „uniformierte Männer“ ausgestiegen wären. Dann wären plötzlich Schüsse gefallen. Der Mechanikermeister habe einen Schlag gegen das Fahrzeug vernommen und wäre mit dem Rückwärtsgang die Straße eilig wieder zurückgefahren.

Es handelt sich bei der Kreuzung um jene beim Autohaus Hahn. Der alte Mercedes kam auf der Seite des Autohauses zum Stehen. (Unten auf dem Foto ein wenig durch das Dach verdeckt). Uns gegenüber konnte der Schlag gegen das Fahrzeug bestätigt werden wie auch die wilde Rückwärtsfahrt. Der Mechanikermeister hätte einfach weiterfahren können und wäre sofort aus der Gefahrenzone gewesen, doch hatte er nicht gewusst, aus welcher Richtung der Schuss (die Schüsse?) abgegeben worden war(en).

Dieses Ereignis ist eindeutig nach den Ereignissen im Autohaus und vor dem Schuss auf die beiden Polizisten im zivilen Fahrzeug anzusetzen. Denn dieses hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht am Fahrbahnrand vor „Ritter Aluminium“ befunden.

Amoklauf an Schule in Winnenden

Uns interessiert hier, dass sich dort, neben dem Autohaus Hahn, ebenfalls ein Streifenwagen befand. Es zeigt uns, dass die Situation im Autohaus „gesichert“ war, denn sonst würde niemand sein Fahrzeug daneben abstellen - durch die Glasfassade so hervorragend sichtbar. Das bedeutet, dass sich Polizei im Autohaus befand. Die beiden Beamten im Fahrzeug daneben fühlten sich sicher, denn sie saßen einfach nur in ihrem Fahrzeug herum. Sie stiegen erst aus, als der Mercedes auf sie zukam und sie diesen zu stoppen gedachten.

Deutlich ist nun auch, warum diese Episode um den Mechanikermeister an falscher Stelle eingeschoben worden und die Örtlichkeit unkonkret gehalten worden ist. Denn diese Situation allein ist erschreckend entlarvend genug.

Noch einmal: Polizei befand sich im Autohaus, es war gesichert. Neben dem Autohaus saßen zwei Beamte in ihrem Fahrzeug. Hinter dem Autohaus - in Sichtweite! - irrte der vermeintliche Killer herum, denn von einer Flucht kann gar nicht die Rede sein. Es wird auch hier deutlich, auch wenn es dem Leser gar nicht mitgeteilt werden soll, dass die anwesenden Polizisten nichts unternahmen. Und was unsere beiden Beamten neben dem Autohaus betrifft, sie lagen nicht einmal auf der Lauer oder hatten sich in Deckung begeben! Der Schuss oder die Schüsse schienen ja zudem ein sehr überraschendes Ereignis gewesen zu sein. Und als besonders fahrlässig ist es auch anzusehen, einen Passanten innerhalb einer (angeblichen) Gefahrenzone anzuhalten! Haben wir abermals eine grobe Fahrlässgkeit vorliegen, sollten nicht auch noch diese beiden Beamten angezeigt werden? Wer eigentlich nicht innerhalb dieser Polizei-Geschichte?

Wir steigen nun wieder bei den beiden unglücklichen Polizeibeamten im Opel Astra Kombi ein, wobei ab jener Stelle zitiert werden soll, die für uns interessant ist. Der Text variiert nur ein wenig von jener Darstellung im FOCUS aus dem vergangenen September, soll aber der Vollständigkeit halber angeführt werden.

„… Das Gewerbegebiet ist unübersichtlich. Sie kennen sich nicht aus. Halten schräg vor dem Autohaus Hahn. Mehrere Streifenwagen kommen an. Über dem Gelände kreist ein Hubschrauber.

Die Beamten aus Filderstadt steigen aus und ziehen sich grüne Westen mit der Aufschrift Polizei über. Vergeblich versuchen sie, Kontakt mit den Polizisten aufzunehmen. Sie warten darauf, eingewiesen zu werden, wollen wissen, wer den Einsatz leitet. Das Funksystem ist überlastet. Stimmen überlagern sich, es kratzt, es rauscht und pfeift, Durchsagen versacken, brechen ab.

Auszüge aus den Funkprotokollen:

12.10 Uhr: „Dauerpfeifen bis 12.12, 15 Sekunden“

12.15 Uhr, 15 Sekunden: „Funk wird überlagert, kein Funken mehr möglich…“

12.16 Uhr, 30 Sekunden: „… starkes Pfeifen am Funk…“

12.16 Uhr, 45 Sekunden: „Pfeifen… Autohaus Hahn geflüchtet… Pfeifen…“

12.18 Uhr: „Pfeifen… Pfeifen“

12.18 Uhr, 30 Sekunden: „Keine Aufzeichnung mehr“

Es soll also nicht eine bestimmte Frequenz oder ein Kanal kapituliert haben, sondern gleich das ganze „Funksystem“. Dies sogar vor dem Eintreffen der ersten Polizisten in Wendlingen. Nicht auszudenken, wenn es irgendwo brennen sollte.

Diese Geschichte ist und bleibt verlogen und wird auch durch die angeblichen „Funkzitate“ keinen Millimeter glaubwürdiger. Jeder Bürger ist in der Lage, diese angebliche Situation ganz anders in Erfahrung zu bringen.

Und was hatten wir zuvor gelesen? Von Polizisten, die vom Boden aus mit der Hubschrauber-Besatzung kommuniziert hatten? Ja, per Funk - nicht mit Flaggensignalen.

Das tut weh.

„In dem Wirrwarr fallen Schüsse. Sie hallen aus Richtung der Aluminiumfirma.“

Leider erfährt der Leser nicht, um welche Schüsse es sich gehandelt haben könnte. Schüsse auf den Vorbau der Firma Ritter, die 5 Schüsse jenes Beamten mit der MP5?

„Die beiden Polizisten aus Filderstadt beschließen dorthin zu fahren. Ein Beamter, der einer anderen Streifenwagenbesatzung angehört, bittet sie, kurz zu warten. Der Polizeihauptmeister holt seine Maschinenpistole und steigt rechts hinten ein. Beim Setzen schlägt sein Knie gegen den Lauf der Waffe. Der Schaft knallt ihm ans Kinn. Seine Unterlippe reißt auf. Der Beamte schmeckt Blut.

Der Wagen fährt knapp 50 Meter. Rollt vor die Firma Ritter-Aluminium, wo der Täter mit der Waffe im Anschlag wartet. Krachend zischt ein Geschoss durch durch die Seitenscheibe des Polizeiautos. Es trifft den Fahrer am Hals. Glassplitter schießen in seinem Arm. Seine Kollegin sitzt in dem Moment leicht nach vorn gebeugt auf dem Beifahrersitz. In der rechten Hand hält sie ihre Dienstwaffe, mit der linken streicht sie sich Haare aus dem Gesicht. Die Kugel zerstrümmert ihren Mittelfinger und durchschlägt ihren Unterkiefer. Das Geschoßteil kullert durch den Fußraum vor dem Beifahrersitz.

Nach ein paar Metern kommt das Auto zum Stehen. Der Fahrer läuft um den Wagen und hilft seiner Kollegin heraus. Sie blutet. Der Finger ist zerfetzt. Mehrere Zähne liegen am Boden. Sie hat starke Schmerzen. Sie muss an ihre Mutter und ihren Sohn denken. Im Hintegrund fallen Schüsse. Später wird sie operiert werden müssen, monatelang kann sie nicht arbeiten.

Während ihr Kollege über Funk die Lage schildert und einen Notarzt alarmiert, fällt ihm auf, dass der dritte Polizist noch immer auf der Rückbank sitzt. Der 48-Jährige gestikuliert. Ruft verzweifelt. Die ganze Zeit versucht er, die rechte hintere Tür zu öffnen, um aus dem Wagen zu springen und den Täter unter Feuer zu nehmen. Sie lässt sich nicht öffnen. Den Grund findet der Polizist schnell heraus: Die Kindersicherung ist aktiviert. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass Täter von der Rückbank aus die Türen öffnen und flüchten können. Doch heute sitzt dort kein Krimineller hinten. Anfangs ruft der Polizist seiner Kollegin zu, sie solle die Tür von außen öffnen. Die schwer verletzte Frau antwortet, sie könne ihm nicht helfen. Der Polizist muss warten, bis der Kollege, der draußen hektisch ins Funkgerät spricht, seine Rufe wahrnimmt. Dann erst kann er das Auto verlassen.“

Der Funk soll ausnahmsweise nun wieder funktioniert haben. Zur Posse um die Kindersicherung usw.: siehe oben. Angereichert wurde es mit dem Detail, dass der Polizist auf der Rückbank ausgerechnet die Kollegin mit dem Schuss ins Gesicht um Hilfe gebeten hätte. Und die soll ihm trotz zerschossenem Unterkiefer geantwortet haben. Die aber andererseits von dem Fahrer mit dem Halsschuss aus dem Fahrzeug gezogen wurde.

„Der Täter steht mittlerweile hinter einer Reihe Autos auf dem Parkplatz der Firma Ritter-Aluminium.“

Wo er sich, da wir Schattauers Polizeierzählung aufmerksam verfolgt haben, bereits vorher befunden haben muss. Wir erinnern uns noch an jene 5 aus der MP5 abgegebenen Schüsse.

„Der Geschäftsführer beobachtet ihn aus dem Fenster des ersten Obergeschosses. Er sieht, wie der Mann seinen rechten Arm hebt, die Pistole über seinen Kopf hält und mehrfach in die Luft schießt. Dann fingert er ein neues Magazin aus der Tasche und schiebt es in die Waffe. Wieder reckt Tim den Arm in die Höhe, als wolle er den Polizisten zeigen: Seht her, ich habe neue Munition! Der Ritter-Manager fühlt sich an ein Tennisspiel erinnert, bei dem jemand den Arm hebt und anzeigt: New balls!“

Das einzige, was an dieser Textpassage interessant ist, ist die Angabe, dass der vermeintliche Täter in die Luft geschossen haben soll. Denn dies ist auf dem bekannten Handy-Video nicht zu sehen. Nur sieben Schüsse sind zu hören. Was nicht erwähnt wird: die Person auf dem Video kommuniziert in Richtung des Filmers.

„Im Erdgeschoss der Aluminiumfirma stehen mehrere Mitarbeiter hinter ein Glasscheibe. Sie schauen auf den Parkplatz. Ein aus der Türkei stammender Werkzeugmacher zieht sein Mobiltelefon Samsung SGH-E250 aus der Hosentasche. Er drückt auf Video. Er ist aufgeregt. Die Hand des 41-Jährigen zittert. Er filmt zwei Minuten und 34 Sekunden. Die Aufnahme erfolgt seitenverkehrt. Nach 19 Sekunden sieht er im Display, wie der junge Mann sein Magazin nachlädt. Dann läuft er entlang der geparkten Autos auf und ab. Nach 38 Sekunden hebt er den rechten Arm in die Höhe. Er setzt sich auf den Boden und schießt sich in den Kopf - 47 Sekunden nach Beginn der Aufnahme. Die Männer hinter der Scheibe kommentieren ihre Beobachtungen in einem türkisch-deutsch-schwäbischen Sprachgemisch.“

Siehen oben unter "Wendlingen 2.5".

Schattauer zitiert in seinem Buch auch den Dialog zwischen den Männern. Das heißt, es wird das zitiert, was er und die Behörden glauben zu hören.

„Er feuert gleich auf uns, pass auf!“

(Es sind mehrere Schussgeräusche zu hören.)

„Da ist mein Auto.“

„Der Junge erschießt sich selbst!“

„Da ist mein Auto, da steht er.“

„Ich hab keine Angst, da vor zu wetzen.“

„Pass auf!“

(Gemeint ist der Mann mit der Handy-Kamera. - d. A.)

„Nimm auf, nimm auf!“

(An den Mann mit der Kamera gerichtet.)

„Siehst Du's? Hast Du's gesehen?“

„Das kann nicht sein, der hat Selbstmord gemacht, siehst du?“

(Stimmengewirr).

„Der hat Selbstmord gemacht.“

„Wo?“

„Ich schwör's dir, er hat sich selbst erschossen.“

„Beim Auto, beim Auto.“

„Da liegt er. Haben sie den erledigt?“

„Der hat sich selber erschossen.“

„Selber?“

„Ja, ja.“

„Hast Du das gesehen?“

„Ja, ja.“

(Stimmengewirr).

„Der ist fort, man. Mein Gott, dem kommt niemand mehr zu Hilfe.“

„Der geschossen hat, ist jetzt tot?“

„Umgekippt, jaja, genau. Von selber dahergeschossen. Guck, da ist der Einschlag.“

(Stimmengewirr, Geschrei).

„Selbstmord gemacht, mein Gott.“

„Warum?“

Hier sollte sich am besten jeder Interessierte ein eigenes Bild machen und herausfinden, was tatsächlich alles zu hören und vielleicht auch zu verstehen ist. Die im Buch abgedruckten Dialog-Zitate sind nicht vollständig. Und natürlich ist zumeist genau das interessant, was in den Schilderungen außen vor bleibt.

„Am Nachmittag des 12. März taucht der Reporter eines privaten Fersehsenders in der Aluminiumfirma auf. Er fragt, ob zufällig jemand die letzten Minuten des Amoklaufs fotografiert oder gefilmt habe. Der Werkzeugmacher führt dem Journalisten die Sequenz vor und überspielt sie ihm per Bluetooth - kostenlos, wie er später gegenüber der Polizei erklärt. Das Video wird am nächsten Tag - ohne die Selbstmordszene - in den Nachrichten zu sehen sein und im Internet kursieren, in vielen Zeitungen werden Standbilder erscheinen. Auf die Frage der Ermittler, warum die Aufnahme seitenverkehrt erfolgte, meint der Filmer, seine Kinder hätten es so eingestellt. Der Zeiteinblendung auf dem Handy zufolge erschoss sich Tim um 12:24:54 Uhr. Ein Datenexperte der Polizei vergleicht die Zeitangaben des Mobiltelefons mit einer Atomuhr. Er stellt fest, dass die Handyuhr exakt drei Minuten nachgeht.“

Eine schöne Geschichte. Vor allem eine schön falsche Geschichte. Nicht nur, dass RTL das Handy-Video bereits am Abend des 12. März ausgestrahlt hatte, BILD-Online hatte an diesem Tag sogar gegen 17.30 Uhr eine Sequenz dazu gezeigt und auf die RTL-Sendung verwiesen. Das bedeutet, dass RTL zuvor einen Ausschnitt aus dem Video an BILD verkauft haben musste.

Somit ist die von Schattauer geschilderte Geschichte falsch. Es kann keinen Journalisten zur besagten Zeit bei „Ritter Aluminium“ gegeben haben. Dies müsste am 11. März 2009 der Fall gewesen sein, allerdings kaum am Nachmittag. Der Bereich um die Firma war abgesperrt gewesen, die Journalisten-Meute hatte keinen Zugang. Die Spurensicherung war lange mit ihrer Arbeit beschäftigt gewesen, Zeugen wurden von der Polizei befragt.

Was will uns Schattauer eigentlich erzählen?

Er will uns erzählen, dass die Polizei dieses Handy-Video nicht eingesammelt hat. Dass sie es also nicht bemerkt habe, trotz Polizisten in unmittelbarer Nähe, und dass es auch niemand bei den Vernehmungen erzählt haben soll. Er will uns erzählen, dass demnach der Sender RTL für die Kürzung und die Nachbearbeitung verantwortlich sein soll - und nicht etwa die Polizei. Ist dies glaubwürdig? Oder schon wieder eine „Polizeipanne“? War auf dem Handy-Video nicht ein dicklicher Polizist mit Stahlhelm auf den Filmer zugelaufen?

Es wird also auf die Darstellung Wert gelegt, dass dieses Handy-Video nicht von der Polizei veröffentlicht worden ist. Um womöglich jeglichen Verdacht der Manipulation von sich zu weisen. Das geht natürlich nur, indem abermals die Ermittler als unfähig und der Filmer als vollkommen geschäftsuntüchtig hingestellt werden. Nicht auszudenkenken, wenn dieser noch mit verschiedenen Medien um den Preis dafür verhandelt hätte.

Handelt es sich hier nur um eine beiderseitige Unfähgkeit?

Oder funktioniert diese Geschichte nur, wenn der angebliche Privatmann beim Filmen und auch anschließend von der Polizei unentdeckt bleibt? Der aber anschließend das kleine Video via Medien sofort, d.h. ohne finanzielle Verhandlungen, in die Öffentlichkeit bringen muss, um die Legende von der Ahnungslosigkeit der Behörden aufrecht zu halten?

„Nach langer Suche fängt die Kamera des Hubschraubers den jungen Mann wieder ein, der schon mehrfach auf dem Monitor zu sehen war, ohne dass er als Amoktäter identifiziert worden wäre. Die Polizisten zoomen ihn heran. Seine Füße zeigen in Richtung des Autohauses Hahn, der Kopf liegt in einer Lache. 12:27:56 Uhr meldet die Crew an alle Einheiten:

„Hier ist der Bussard 803. Die Person ist am Boden, vermutlich tödlich getroffen.“

Hier soll der Öffentlichkeit erzählt werden, dass die Besatzung des Polizeihubschraubers nichts gesehen, nichts mitbekommen haben soll. Wir fragen uns, wo soll denn der Hubschrauber gewesen sein, wenn nicht über dem sehr begrenzten Tatort-Areal? Wo war der Hubschrauber gewesen? Und warum wird nie der zweite Polizeihubschrauber erwähnt, von denen uns mehrere Zeugen berichtet haben?

Hier erhält das Fluggerät nur noch die winzige Nebenrolle, um etwas festzustellen, was für alle anderen Anwesenden sichtbar war. Deswegen schlagen wir vor, zukünftig auf diese uneffektiven wie teuren Anschaffungen einschließlich des vollkommen inkompetenten Personals zu verzichten.

„Wie sich die Ereignisse von Tims Eintreffen im Gewerbegebiet Wendlingen bis zu seinem Suizid überstürzen, lassen die Funksprüche der Polizisten erahnen, die den Täter jagen. Viele sind außer Atem, keuchen.“

Wie sehr die Polizisten den vermeintlichen Täter „gejagt“ haben wollen, ohne dass dieser tatsächliche Anstalten zur Flucht gezeigt hatte, wurde bereits dargelegt.

„Täter im Bereich Wertstraße… Autohaus mit Schusswaffe. Müsste angeschossen sein.“

„Durchsage an die Kräfte: Täter befindet sich anscheinend im Autohaus Hahn und schießt.“

„Gerade ist einer hinten raus. Ist die Rückseite abgedeckt?“

„Täter braun gekleidet, trägt Kurzwaffe.“

„Durchsage: Es wird geschossen. Für alle erhöhte Eigensicherung. Es wird geschossen im rückwärtigen Bereich des Gebäudes.“

„Bitte durchgeben, welche Örtlichkeit!“

„Stopp, stopp, stopp! Zwischen Firma Hahn und Firma Ritter mehrfach geschossen. Mehrere Schüsse hinter dem Gebäude Hahn.“

„Kollege verletzt, Kollege verletzt! Brauchen DRK!“

„Kann mich jemand hören? Brauchen NAW (Notarztwagen - d. A.), Kollegin ist angeschossen!“

„NAW ist unterwegs.“

„Person steht frei auf dem Gelände von der Firma Hahn. Im Hof.“

„Der Täter ist hinter dem Gebäude von Aluminium Ritter. Er ist auf dem Parkplatz hinter irgendwelchen Autos.“

„… Bitte die Gespräche einstellen… Die Person liegt am Boden!“„… auf dem Boden vor der Firma Ritter.“

„Entgültige Durchsage: Täter ist gestellt und vermutlich getötet.“

„Zwei Kollegen sind verletzt! Eine hat im Bereich Unterkiefer eine Verletzung, der andere Kollege müsste im Bereich vom Hals verletzt sein.“

„Sind es Schussverletzungen?“

„Richtig.“

„Sind sie ansprechbar?“

„Noch - ja.“

„Veranlassen Sie bitte, dass keine Einsatzfahrzeuge mehr in Richtung Tatort fahren. Sind sicher 30 bis 40 Fahrzeuge da, nicht dass die den Notarzt noch blockieren!“

„Wir sind hinten bei dem verletzten Kollegen. Das DRK ist gerade eingetroffen.“

„Könnte das der Amokläufer von Winnenden sein oder eventuell eine andere Person?“

„Also nach bisherigen Erkenntnissen müsste es sich um diese Person handeln. Wir geben in Kürze noch Näheres durch.“

„Ja.“

Wir haben den Eindruck, dass dieser Abschnitt zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt wurde, um die dramatische Komponente etwas aufzuwerten. Leider hatte der Autor offensichtlich den zuvor geschilderten großartigen Zusammenbruch des Funkverkehrs vergessen.

Da uns keine derartigen Funkprotokolle vorliegen, können wir nicht nachweisen, inwieweit diese eine Erfindung sein könnten. Wir können aber feststellen, dass es sich nur um eine Auswahl von Funkfetzen handeln kann, die somit untauglich für die Ermittlungen sind.

„Täter im Bereich Wertstraße… Autohaus mit Schusswaffe. Müsste angeschossen sein.“

Dieser angebliche Funkspruch lässt sich immerhin zuordnen. Den kann nur der 52-jährige Hauptkomissar mit Vollbart an der Ecke des „Luxor“ abgegeben haben. Obwohl Schattauer bzw. seine Polizeiquelle in diesem Abschnitt geschildert haben, dass der Mann dazu nicht in der Lage gewesen wäre.

„Durchsage an die Kräfte: Täter befindet sich anscheinend im Autohaus Hahn und schießt.“

Wer kann dies durchgegeben haben? Der Hauptkommissar hat es ja genau gesehen. Und die Beamten im hinzugekommenen Streifenwagen sollen aus dem Autohaus beschossen worden sein. Anscheinend.

„Gerade ist einer hinten raus. Ist die Rückseite abgedeckt?“

Der ist auch nicht schlecht. Wenn jemand beobachtet, wie eine Person den Hinterausgang verlässt, dann muss er ja dort gewesen sein. Es sei denn, die Hubschrauberbesatzung hätte diesen Funkspruch durchgegeben. Aber die müsste erst recht in der Lage gewesen sein, den Überblick über die Personen zu haben. Und wenn jemand nach einer Schießerei das Autohaus verlässt, dann kann er als Verdächtiger nicht ausgeschlossen werden!

„Täter braun gekleidet, trägt Kurzwaffe.“

Das ist tatsächlich soetwas wie eine Täterbeschreibung. Sie ist unglaublich grob und schlecht, aber besser als nichts. Nur scheint es niemand von den Kollegen gehört zu haben. Weder der allein gelassene Volki auf der Straße und auch nicht die Hubschrauber-Besatzung, die entweder ebenfalls minderbemittelt war - oder aus Vorsatz gehandelt bzw. nicht gehandelt hat. Die hatte sich dann ebenfalls aus dem Staub gemacht, als es ernst werden schien. Unglaublich.

So viel Dummheit trauen wir allerdings den Beamten nicht zu, das soll hier einmal gesagt werden. Wir nehmen an, dass der ursprüngliche Autor dieser Schilderung seine Aufgabe, ein hübsches Szenario zu entwickeln, schlichtweg nicht gewachsen war. Denn wie kann es angehen, dass die vorherigen Angaben nur allein mit den dargestellten Funksprüchen ausgehebelt werden können?

Zugeordnet werden können auch folgende Funksprüche:

„Kollege verletzt, Kollege verletzt! Brauchen DRK!“

„Kann mich jemand hören? Brauchen NAW, Kollegin ist angeschossen!“

Dies kann nur der Beamte mit der Schusswunde am Hals aus dem Opel Astra Kombi gewesen sein. Der anschließende Funkspruch ist in diesem Zusammenhang allerdings viel interessanter.

„Person steht frei auf dem Gelände von der Firma Hahn. Im Hof.“

Ja, was haben wir denn da? Vorher war doch der vermeintliche Täter auf dem kleinen Parkplatz vor „Ritter Aluminium“ gewesen. Jetzt soll er wieder auf dem rückwärtigen Hof der Autohandlung gewesen sein? Um dann wieder zum Parkplatz zu gehen? Und wie soll dies gelungen sein, wenn sich doch Polizisten im Autohaus befunden haben sollen? Und nicht zu vergessen der Streifenwagen mit den beiden „Uniformierten“ neben dem Gebäude, auf die der vermeintliche Täter demnach zugegangen sein muss?

Was ist das für ein unglaublicher Ablauf? Wenn dem so wäre, müssten dann nicht alle anwesenden Polizisten beschuldigt werden, ihre Kollegen - mindestens - fahrlässig in diese Kugel fahren haben zu lassen? Oder war es gar Absicht?

Sollten diese Funksprüche nicht doch lieber einer vorsätzlichen Falschangabe zugeordnet werden?

Am Anfang seines Buches hat Schattauer das Ende von Tim Kretschmer vorangestellt. Hier ist folgendes zu lesen:

„Er geht in die Knie, hebt seinen rechten Arm und schießt sich in die Stirn. Das Geschoss tritt am Hinterkopf aus und schlägt in die Fassade einer Firma ein. Eine knappe Minute vergeht, bis sich ein Polizeibeamter dem Schützen nähert. Reglos liegt er auf dem Teer. Die silberne Pistole schräg auf der Brust. Auf der Pistole die Hand. Der 52 Jahre alte Polizist, der von einem Kollegen mit Maschinenpistole gesichert wird, schreit: „Waffe weg!“

Der Oberkommissar macht einen Schritt nach vorn. Mit der Schuhspitze kickt er die Pistole vom Körper. Sie schlittert zwei, drei Meter über den Asphalt. Dann streift er Handschuhe über und beugt sich über den Liegenden. Für einen Moment bildet er sich ein, dass der junge Mann noch lebt. Seine Augen sind geöffnet. Er scheint die Lippen zu bewegen. Worte sind nicht zu hören. Nein, er muss tot sein, denkt der Polizist, ganz sicher ist er tot. Er will nachschauen, ob in der Jacke ein Ausweis steckt. Er greift in die rechte Brusttasche. Er fischt mehrere goldglänzende Patronen heraus. In der linken Brusttasche und in der unteren rechten Tasche findet er weitere Munition. Er tastet Arme und Rumpf des Mannes ab, dann Beine und Füße. Papiere findet er nicht.“

Offenbar hatte man dem Oberkommissar (etwa jener vom „Luxor?) noch gar nicht über den grandiosen Rucksackfund mit dem Ausweis auf dem Schulklo informiert.

Im Text wird augenfällig herausgestellt, dass die Pistole „silbern“ ist. Weil sie „silbern“ sein muss? Und natürlich fand der Polizist in den Taschen die Munition dafür. Erstaunlicherweise werden hier nur drei Taschen genannt, in welchen sich Patronen befunden haben sollen. Wenn exakt die rechte untere Tasche genannt wird, bedeutet dies, dass sich links unten nichts von Belang befand. Sollen sich etwa die 171 unbenutzten Patronen (laut Polizei, 172 laut Schattauer) nur in diesen drei Taschen befunden haben, noch dazu lose?

Weitaus interessanter ist allerdings die Angabe, dass die „silberne“ Pistole auf der Brust der Leiche gelegen sein soll. Ja, die Hand von Tim Kretschmer soll sogar noch an dieser Waffe gewesen sein.

Nur: wie ist das überhaupt möglich?

Tim Kretschmer soll sich selber erschossen haben. Die Kugel soll in der Mitte der Stirn und dazu noch relativ gerade in den Kopf eingedrungen sein. Das kann jeder gerne mit einer entsprechenden - und ungeladenen - Waffe selbst versuchen. Es ist schon schwierig, die Waffe in diese Position zu bringen, ganz abgesehen von der Umständlichkeit. Vor allem ist das Handgelenk derartig verdreht, dass es den Rückstoß in keinster Weise auffangen kann. Und tot sicherlich noch weniger.

Dass heißt, dass die Waffe beim Rückstoß aus der Hand und vom Kopf weg geschleudert werden muss. Noch dazu soll Tim Kretschmer bei seinem angeblichen Selbstmord auch noch gesessen sein, was wiederum bedeutet, dass sich die Pistole auf Höhe seiner Hüfte bzw. Oberschenkel - je nach Neigung des Oberkörpers befunden haben muss!

Was sagt uns das nun?

Wenn dieser Polizist die Pistole an der von Schattauer beschriebenen Örtlichkeit vorgefunden haben sollte, kann sich Tim Kretschmer unmöglich selbst erschossen haben. Oder es war eine Platzpatrone im Magazin gewesen: der Tod erfolgte durch den Schreck und die Waffe plumpste rückstoßfrei nach unten. Aber das ist natürlich Unsinn, denn in der Schilderung von Schattauer muss sich die Waffe sogar trotz Schuss und Rückstoß in Richtung Brust vorwärtsbewegt haben.

Und um das Bild abzurunden, hat jemand auch noch die Hand auf die Waffe gelegt.

Das war sehr dumm. Allerdings gibt es für die Polizei immer noch die Möglichkeit zu sagen: Schattauer war sehr dumm und es war in Wirklichkeit ganz anders.


B. Winnenden/ARS.


Nachdem Schattauer unter anderem ausführlich den Weg des Tim K. nach Winnenden beschreibt, obwohl dieser von der Polizei nicht bewiesen werden konnte, folgt auf Seite 60 unter dem Titel „Schüsse in der dritten Stunde“ das Kapitel über die für ihn mutmaßlichen Geschehnisse in der Albertville-Realschule.

Das Kapitel beginnt mit einer vollkommen uninteressanten Information, dass sich neben dem Haupteingang der Schule der Hausmeister in seinem Büro, Zimmer 216, befindet.

„Ab 9.05 Uhr ist es still. Kein Vbrieren mehr. Keine Schritte.

Tim betritt wenige Minuten später die Schule durch eine Nebentür im Untergeschoss. Ohne nach links oder rechts zu sehen, läuft er zur Jungentoilette. Er stellt seinen Rucksack ab und geht in die Hocke. Er öffnet die Schnalle. Er zieht ein 29 Zentimeter langes Jagdmesser mit Ledergriff heraus und legt es neben sich auf die Fliesen. Er holt aus dem Rucksack eine Pistole, sie besteht aus rostfreiem Stahl, die Griffschalen sind aus schwarzem Kunststoff, und legt sie ebenfalls auf den Fußboden. Er weitet mit beiden Händen die Öffnung des Rucksacks, lässt seine hohle Rechte darin verschwinden, macht eine greifende Bewegung und zieht seine Hand heraus. Dies wiederholt er mehrfach. Die Patronen stopft er in seine Jackentaschen. Eine Munitionsschachtel der US-Firma Magtech steckt er in die Hose. Dann hebt er das Messer auf, das sein Vater vor Jahren auf der Internationalen Waffenbörse in Stuttgart gekauft hat und schiebt es in die Gesäßtasche. Tim nimmt die Pistole. Sie wiegt knapp 1.000 Gramm. Sie liegt gut in der Hand. Er hat mit ihr geübt, er kennt sie seit Langem. Auch die Gravur auf dem silbernenen Lauf hat er irgendwann überflogen: PIETRO BERETTA GARDONE V.T. - MADE IN ITALY steht da, darunter die Herstellungsnummer L 19746 Z. Auf der anderen Seite sind Typenbezeichnung und Patronengröße eingestanzt: MOD. 92FS - CAL. 9 Parabellum. Das Markenzeichen Parabellum leitet sich aus dem Lateinischen ab. Es ist der zweite Teil des Sprichworts „Si vis pacem, para bellum“. Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.“

Schattauer schmückt seinen Text aus, wie er in seinem Vorwort bekannt gegeben hat. Deswegen messen wir auch den Angaben wie das angebliche Einstecken eines Jagdmessers von 29 cm Länge in die Gesäßtasche keine Bedeutung zu. Erwähnenswert wäre das Detail, dass Tim nur eine Munitionsschachtel bei sich getragen haben soll und alle übrigen Patronen lose.

„Tim muss sich beeilen. Wenn jetzt jemand hereinkommen und ihn bemerken würde, wäre vielleicht alles vorbei. Er klemmt die Waffe in den Hosenbund, öffnet die Tür und wendet sich nach links auf den Flur. Er läuft ein paar Meter, schwenkt wieder nach links und benutzt die Haupttreppe, die über das Erd- ins Obergeschoss führt. Eine Schülerin sieht ihn. Es ist halb zehn. Die dritte Stunde läuft. Tim will in die 305, sein ehemaliges Klassenzimmer. Er biegt von der Treppe kommend nach rechts ab und passiert die links von ihm liegenden Zimmer 301 bis 304. Noch acht Schritte, vier, zwei… Er dreht den Knauf der braun lackierten Holztür. Die Tür geht auf. Er macht einen Schritt nach vorn. Im Türrahmen bleibt er stehen. Die Schüler der 9c sprechen gerade über Gewalt im Fersehen und bei Computerspielen. Sie sitzen mit dem Rücken zu ihm. Einige drehen sich um. Sie kennen den Jungen, manche mit Namen. Tim hebt wortlos den Arm mit der Waffe in der Hand. Mit starrem Gesichtsausdruck, ohne Gefühlsregung, beginnt er zu schießen. Er schießt nicht hektisch, eher kontinuierlich und gezielt. Die Lehrerin, die den Ernst der Situation nicht realisiert, stört der Krach. Sie nimmt an, der Junge macht einen Scherz mit Platzpatronen. Sie will ihn zur Rede stellen. Will sagen: Was fällt dir ein, so einen Radau zu machen? Verschwinde gefälligst!“

Wir wollen hier nicht monieren, wie Schattauer etwas erzählt. Wir wollen hier Informationen sammeln. Dazu gehört eine Schülerin, die „ihn“ oder irgendeine Person gesehen haben soll. Es wird nicht berichtet, wer was genau gesehen haben will. An anderer Stelle heißt es, dass eine Reihe von Schülern „ihn“ kennen, gleich einige sogar mit Namen, obwohl sie zu seiner Zeit zwei Klassen unter ihm gewesen sein müssen. Zu der Problematik bezüglich der Identifizierung: siehe oben im Teil 3.

„Die ersten Schüsse treffen zwei Schülerinnen, die direkt an der Tür sitzen. Sie sind sofort tot. Dann schwenkt er den Arm leicht nach links. Er trifft den Kopf einer Schülerin, die später im Krankenhaus ihren Verletzungen erliegt. Mehrere Kinder verwundet er. Alles geht sehr schnell. Keine halbe Minute ist seit seinem Eintreffen vergangen, zehn Schüsse hat er abgegeben. Er dreht sich um und macht die Tür zu. Die Deutschlehrerin schließt von innen ab. Zwei Schüler öffnen in Panik ein Fenster und springen aus dem Klassenzimmer.“

Der unglaublich feige wie heimtückische Mörder soll demnach zehn Schüsse abgegeben, also nicht sein ganzes Magazin verschossen haben. Die Trefferquote ist erstaunlich, selbst wenn man die Hinterhältigkeit in Betracht zieht. Ebenso das grauenhafte Vermögen, anderen Menschen in den Kopf zu schießen. Das ist für uns ohnehin nicht nachvollziehbar.

Hier soll ein Absatz eingeschoben werden, welcher an späterer Stelle im Buch zu finden ist, aber chronologisch betrachtet an diese Stelle gehört:

„Eine Schülerin der Klasse 9c im Raum 305 will, als sie den Jungen im Türrahmen sieht, an einen Abschlussscherz der 10. Klasse glauben. Sie weiß, dass frühere Jahrgänge sich einen Spaß daraus gemacht haben, mit Wasserpistolen in die Räume zu stürmen und alle nass zu spritzen. Die Schülerin schaut ins Rund und beobachtet, wie die anderen auf den vermeintlichen Scherz reagieren. Keiner lacht. Mädchen kippen stumm auf die Bänke. Schreie. Tische fallen um. Wie gebannt schaut die Schülerin, die in die Hocke geht und einen Stuhl vor ihren Körper zieht, dem Schützen ins Gesicht. Sie sieht einen „eiskalten Blick“. Er schwenkt seinen Arm in ihre Richtung. Es kracht. Er trifft sie am Kopf, an der rechten Halsseite. Es tut nicht sehr weh. Es fühlt sich an wie eine Art Backpfeife auf den Hals.“

Und nun die Fortsetzung des Textes wie im Buch abgedruckt.

„Der Lärm der Schüsse schreckt eine Lehrerin auf, die im Raum 311 eine siebte Klasse in Biologie unterrichtet. Es hört sich an, als schlage jemand mit einen Hammer auf Metall. In schneller Folge, ohne Pause. Der Hausmeister muss verrückt sein, während des Unterrichts so laute Arbeiten zu verrichten, denkt sie. Wo gibt's denn so etwas? Die Lehrerin geht auf den Flur. Sie biegt um die Ecke. Da steht er. Wie ein Polizist auf dem Schießstand sieht er aus. Beide Arme ausgesreckt und mittig vor dem Körper. Seine Pistole richtet er auf sie. Für einen Moment fühlt sich die 37 Jahre alte Frau wie gelähmt. Sie schaut ihn an. Er wirkt ganz ruhig, kalt und konzentriert. Sein Gesicht ist ausdruckslos. Er sagt nichts. Er drückt ab. Blitzschnell dreht sich die Lehrerin nach links, biegt den Oberkörper zur Seite, so, als weiche sie einem Ball aus. Sie ist sportlich. Sie rettet sich ins Klassenzimmer und spürt einen brennenden Schmerz am Rücken. Sie zieht ihren Pullover nach oben, verrenkt ihren Hals, kann kein Blut erkennen, nur kleine rote Flecken auf der Haut. An dem Pullover hängt ein Metallsplitter, messingfarben sieht er aus, vielleicht auch silbern, so genau kann sie es nicht erkennen.

Tim hat die Lehrerin mit zwei Schüssen knapp verfehlt. Ein Projektil zischt in einen Fensterrahmen. Das zweite schlägt in der Wand nahe der Toilette ein.“

Hier haben wir eine neue Information vorliegen. Der Raum 311 muss einer der auf der rechten Seite der folgenden Abbildung dargestellten Räume sein.

ars-grundriss-2.jpg

Der Täter wiederum muss sich der Schilderung zufolge vor dem schmalen Durchgang auf Höhe der Trennwand zwischen den Räumen 305 und 304 im Gang befunden haben. Ein Geschoß schlug in die Wand nahe der Toilette, die andere in den Fensterrahmen des Atriums.

„Durch den aufgewirbelten Betonstaub löst ein Rauchmelder um 9.34 Uhr Alarm aus. Unmittelbar danach feuert Tim zweimal durch die Verglasung des Atriums Richtung Eingang im Erdgeschoss. Womöglich gelten die Schüsse dem Hausmeister, der aus seinem Büro geeilt kommt. Der 47-Jährige sitzt am Schreibtisch, als er zwei oder drei Knallgeräusche wahrnimmt. Er glaubt, Schüler schlagen eine Tür kaputt. Diese Lumpensäcke!, denkt er. Beim Verlassen seines Zimmers kommt er an der elektonischen Meldeanlage vorbei. Sie zeigt an: „FSA bei WC OG“, Feueralarm bei den Toiletten im Obergeschoss. Der Hausmeister rennt hinaus, kann aber kein Feuer entdecken. Vielleicht ein Fehlalarm. Wenn jetzt die Feuerwehr ausrückt, fürchtet der Mann, kommen auf die Schule hohe Kosten zu. Er rennt zurück ins Büro und stellt den Alarm ab.“

Es ist sehr ungewöhnlich, dass etwas aufspritzender Betonstaub (!) einen Brandmelder aktivieren kann. Bei der Feuerwehr in Winnenden ist an diesem Tag allerdings kein Brandeinsatz verzeichnet. Die Geschichte von dem Hausemeister, der den Brandalarm deaktiviert haben soll, ist ein Märchen. Das hat er nämlich nicht in eigener Hand. Der Alarm erfolgt immer direkt bei der Feuerwehr, welche immer ausrücken muss und es auch macht. Es ist unmöglich, mal eben bei der Feuerwehr anzurufen, un diesen verpflichtenden Einsatz abzublasen. Das gibt es nicht! Die Feuerwehr muss sich persönlich von der Gefährdung vor Ort überzeugen und auch den aktivierten Rauchmelder überprüfen.

Und das ist auch gut. Der Hausmeister liefert - zumindest in der Textversion - das negative Beispiel: er schaut nur aus dem Bereich des Atriums flüchtig nach oben und sieht „keinen Rauch“. Wir nehmen hier aber gar nicht an, dass dieser Hausmeister derartig grob fahrlässig gehandelt hat, was eine fristlose Entlassung nach sich gezogen hätte.

Außerdem wird durch den Feueralarm ein akustisches und nicht zu überhörendes Signal ausgelöst. Sämtliche Lehrer und alle übrigen Verantwortlichen hätten in der gesamten Schule umgehend die Evakuierung einleiten müssen. Dies ist ebenfalls nicht geschehen.

Bleibt hier noch die Wahrnehmung des Hausmeisters zu erörtern. Welche Knallgeräusche soll er wahrgenommen haben? Nur zwei, drei von zehn, die alle etwa gleich laut waren? Oder hat er die zehn in Raum 305 überhaupt nicht wahrgenommen, sondern nur die beiden Schüsse im Flur? Und da außerdem zwei Schüsse auf ihn abgegeben worden sein sollen - auf wen sonst?, hat er diese bemerkt?

Diese Hausmeister-Geschichte ist äußerst kurios.

„9.34 Uhr klingelt das Telefon im Zimmer 212, dem Büro der Schulleiterin. Die Rektorin, eine große, schlanke Frau von 57 Jahren mit gelocktem graublondem Haar und goldumrandeter Brille, denkt, das wird wohl die Mutter sein, die sich heute noch einmal melden wollte. Sie nimmt den Hörer vom Apparat. „Hallo?“ Eine hektische Stimme ertönt. Die Frau, die atemlos spricht, ist die Lehrerin der 9c. Sie meldet sich aus dem Zimmer 305, dem Zimmer, in welchem Tim das Feuer eröffnet hatte. „Hier schießt einer rum!“, brüllt sie in den Hörer. Man braucht Hilfe. Die Rektorin weist die Lehrerin an, sofort das Klassenzimmer zu verriegeln.“

Auch hier keine Rede davon, dass die Rektorin, Frau Astrid Hahn, zuvor Schussgeräusche wahrgenommen hatte. Das hier auf 9.34 Uhr fixierte Telefonat fällt mit jener Minute zusammen, in welcher im Obergeschoß zwei weitere Schüsse abgegeben und der Brandalarm ausgelöst worden sein sollen. Diese Ereignisse finden hier nicht statt, auch nicht in der folgenden Textpassage.

„Der Sekretärin trägt sie auf, über Notruf die Polizei zu alarmieren. Der Polizist in der Leitstelle sagt der Sekretärin, kurz zuvor habe bereits ein Schüler angerufen und einen Amoklauf gemeldet. Die Rektorin reißt die Schublade auf und holt ein Mobiltelefon heraus. Es ist für Notfälle gedacht. Ein Mitarbeiter des Stuttgarter Regierungspräsidiums hebt ab. Die Stimme der Rektorin zittert, während sie das Drama in Worte zu fassen versucht. Sie ist die einzige Führungskraft. Ihr Stellvertreter ist heute nicht in der Schule. Sie allein trägt die Verantwortung. Schon wieder klingelt ihr Telefon. Ein Schüler ist dran. Er fragt: „Wann kommt endlich jemand?“ Mehrere Schüler lägen blutend am Boden. Sie seien von Schüssen getroffen.

Die Rektorin ruft ins benachbarte Sekretariat: „Schnell, schnell, abschließen!“ Durch die Sekretariatstür sind bedrohliche Geräusche zu hören. Jemand rüttelt von außen an der Klinke. Den Frauen stockt der Atem. Schritte vor der Tür. Sie werden leiser. Führen weg vom Sekretariat. Gott sei Dank. Es war der Hausmeister, der nun zurück in sein Büro eilt. Er will die Polizei rufen. Bevor er zum Hörer greifen kann, klingelt sein Telefon. Eine Mitarbeiterin aus dem Sekretariat sagt, irgendetwas stimme nicht. Der Hausmeister sagt, er werde nicht nachschauen, im Gebäude werde geschossen.“


Die Wahrnehmungen scheinen ein Kapitel für sich zu sein. Während der Hausmeister es mittlerweile begriffen hatte, scheint jene Dame aus dem Sekretariat weder die Schussgeräusche noch den Feueralarm realisiert zu haben.

„In Zimmer 301 haben 26 Schülerinnen und Schüler der Klasse 10d Mathematik. Ein Junge hört Knallgeräusche auf dem Flur. Es könnten Handwerker sein, denkt er zuerst. Der zweite Gedanke erschrickt ihn so, dass er ihn laut ins Klassenzimmer ruft: „Da läuft einer Amok!“ Während die anderen noch lachen, geht die Tür auf.“

Diese Knallgeräusche müssen alle Anwesenden wahrgenommen haben. Allerdings soll zuvor der Feueralarm ausgelöst worden sein. Es ist ebenso undenkbar, dass dieser hier überhört wurde. Der Reaktion nach bzw. der Nicht-Reaktion nach in der Schulklasse hat es diesen auch nicht gegeben.

„Tim feuert mit ausgestrecktem Arm in die Klasse. Drei Mädchen und einen Jungen trifft er tödlich, eine Schülerin verletzt er so schwer, dass sie später auf dem Weg in die Klinik verstirbt. Ein Junge wird leicht verletzt. Ein Geschoss streift seine Nasenspitze und den rechten Wangenknochen. Ein anderer Schüler, der gebannt in Richtung Tür schaut, hat den Eindruck, dass der Schütze einen Plan umsetzt. Er agiert eiskalt und schießt wie eine Maschine.

Nach der ersten Salve geht Tim aus dem Raum und schließt die Tür. Er muss nachladen. Zwei Magazine hat er dabei, sie fassen jeweils 15 Patronen. Während er draußen mit schnellen, routinierten Handgriffen Munition nachsteckt, tippt drinnen eine Schülerin 110 ins Handy. Ein Gespräch kommt nicht zustande. Der Eingang des Notrufs wird um 9:34:54 Uhr registriert. Nach etwa einer halben Minute macht der Täter erneut die Tür auf. Ein Schüler telefoniert gerade mit der Polizei. Der Beamte hört im Hintergrund sechs Schüsse, die kurz hintereinander fallen. Einer trifft ein Mädchen. Die 16-Jährige bricht zusammen. Mit letzter Kraft bedeutet sie ihren Klassenkameraden: Ich habe Durst! Sie nimmt einen Schluck aus der Trinkflasche einer Mitschülerin. Dann stirbt sie. 9:35:37 Uhr setzt der Lehrer der 10d einen Notruf ab. Er schreit ins Telefon, der Täter habe soeben zum zweiten Mal den Raum verlassen.“

Bemerkenswert ist - diesen Angaben zufolge - das sehr schmale Zeitfenster. Um 9.34 Uhr sollen im Gang die zwei Schüsse auf die Biologie-Lehrerin abgefeuert worden sein, welche wiederum angeblich den Feuermelder aktiviert haben sollen. Danach zwei Schüsse durch das Glas des Atriums und spätestens jetzt ein Magazinwechsel beim Täter. Dieser muss sich anschließend wirklich beeilt haben, um danach das Blutbad im Raum 301 bei der Klasse 10d anzurichten. Denn es soll noch 9.34 Uhr (und 54 Sekunden) gewesen sein, als der Notruf aus dieser Klasse bei der Polizei registriert wurde.

Das ist sehr erstaunlich.

Es fällt noch etwas anderes auf: der Täter war noch ein zweites Mal zum Raum 305 gegangen und hatte dort durch die mittlerweile von der Lehrerin verschlossene Tür geschossen, was auch von Schülern bestätigt wurde. Diese Episode findet hier nicht mehr statt.

Nachdem der Täter im Raum 301 sowie draußen im Gang insgesamt 14 Schuss abgegeben haben soll, wird nun die Anzahl der Schüsse nicht mehr genannt. Als der Täter ein zweites Mal in die Klasse kam, soll er laut dem Polizisten am Telefon wenigstens sechs (weitere) Schüsse abgegeben haben. Außerdem soll er zuvor mindestens eines seiner angeblich zwei Magazine draußen im Gang nachgefüllt haben.

Mehr als eines, wenn überhaupt, kann der Täter nach dieser Schilderung gar nicht aufmunitioniert haben, denn um 9.35 Uhr und 37 Sekunden soll ja sein zweiter mörderischer Auftritt bereits vorüber gewesen sein, da hier bereits der Notruf des Lehrers erfolgte.

„Während es im Obergeschoss mehrfach knallt, stehen drei Referendarinnen und eine Lehrerin im Erdgeschoss, im Kopierrraum gegenüber dem Lehrerzimmer. Eine weitere Lehrerin kommt hinzu. Sie ist aufgeregt. Fragt, was passiert sei. Es knallt schon wieder. Eine Lehrerinn und zwei Referendarinnen beschließen, nach dem Rechten zu sehen. Sie gehen die Treppe hoch ins Obergeschoss. Zwei der Frauen bleiben vor der Tür des Zimmers 305 stehen und lauschen. Die dritte steht daneben, schaut Richtung Flur.“

Hier wird das Knallen wahrgenommen, ohne das wir den genauen Zeitpunkt erfahren. Das Knallen in der Klasse 9c, im Gang oder etwa schon in der Klasse 10d? Der Feueralarm dagegen existiert abermals nicht in der Wahrnehmung. Zwei der Frauen lauschen an der Tür zum Raum 305, doch weiter wird anscheinend nichts festgestellt, keine Geräusche, keine Beschädigung an der Tür.

„Sie erkennt einen jungen Mann. Er schlendert scheinbar ziellos umher, zwischen den Räumen 301 und 317. In einer leichten Zick-Zack-Bewegung kommt er näher. Die Referendarin richtet den Blick auf ihre Kolleginnen, die noch immer an der Tür lauschen. Als sie kurz darauf wieder zu dem Mann sieht, steht er mit nach vorn gehaltenen Händen da. Die 28-Jährige kann nicht erkennen, was die Hände halten. Dann hört sie einen lauten Knall und sieht, wie sich im selben Moment um den Mann herum Rauch bildet. Sie schreit: „Rennt!“ Mit großen Sätzen springt sie die Treppe hinunter. Nach wenigen Stufen merkt sie, dass die Kolleginnen ihr nicht folgen. In ihrem Rücken knallt es. Sie spürt am rechten Ohr einen Luftzug. Sie hört etwas Metallisches auf den Boden fallen. Jetzt ist ihr klar, dass der Täter auf sie schießt. Insgesamt zehn Mal feuert Tim auf die Frauen. Die Polizei hört mit. Während dreier Notrufe sind die Schüsse im Hintergrund zu hören. Sie fallen innerhalb von zehn Sekunden - zwischen 9:36:13 Uhr und 9:36:23 Uhr.“

Ach diese Schilderung ist sehr erstaunlich. Der Mörder muss die Ruhe weg gehabt haben, obwohl er eben gerade erst den Raum 301 verlassen haben musste. Er muss auch auf der anderen Seite des Atriums abermals wenigstens ein Magazin erneut aufmunitioniert haben, wenn wir von nur zwei Magazinen ausgehen. Da er wiederum von der Lehrerin erst noch beobachtet wurde und der erste Schuss auf die Frauen bereits um 9.36 Uhr gefallen sein soll, haben wir auch hier ein bemerkenswert schmales Zeitfenster vorliegen.

Das Auffüllen eines Pistolenmagazins ist keine Sache von 5 Sekunden, erst recht nicht bei einem Magazin für 15 Patronen, die alle nacheinander in den Schacht und gegen den Widerstand der Feder hineingedrückt werden müssen.

Nach 10 Schüssen auf die flüchtenden Lehrerinnen hätte der Täter maximal noch 5 Patronen in der Pistole gehabt und sich ein abermaliges Nachladen zumindest überlegen müssen.

„Die 28-jährige Referendarin rennt am Kopierraum vorbei und schreit einer in der Nähe stehenden Kollegin zu: „Der schießt!“ Sie erreicht das Sekretariat, doch die Tür ist verschlossen. Die Referendarin rennt zurück in das Lehrerzimmer. Vom Festnetz will sie einen Notruf absetzen, bekommt aber keine Verbindung. Sie nimmt ihr Handy und rennt in Richtung Küche. Dort versteckt sie sich. Bevor sie 110 wählt, klingelt im Lehrerzimmer das Telefon. Sie geht zurück in das Zimmer und nimmt ab. Die Rektorin. Sie weiß, was im Fall einer Amoklage zu tun ist. Sie kennt die Vorschriften des Krisenplans, den Innen- und Kultusministerium 2006 aufgestellt haben. Wörtlich heißt es darin:

Versuchen Sie ruhig zu bleiben!

Suchen Sie sofort Deckung!

Verstecken Sie sich bzw. bringen Sie sich in Sicherheit; kommen Sie nicht zu früh aus der Deckung oder aus dem Versteck!

Flüchten Sie, sofern es die die Situation zulässt!

Absolute Lebensgefahr im Einwirkungsbereich des Täters!

Schließen Sie sich im Klassenzimmer ein und verbarrikadieren Sie sich!

Die Rektorin ruft in den Hörer: „Sofort alle Zimmer abschließen! Wir haben eine Amoklage!“ Die Referendarin verschließt die drei Türen des Lehrerzimmers. Bevor sie einen Notruf absetzt, nimmt sie weitere Schüsse wahr.

Der Lärm ist auch im Chemie- und Biologiesaal 317 zu hören. Der Lehrer geht gerade durch die Reihen und kontrolliert Hausaufgaben. Eine Referendarin bereitet einen Versuch mit Säuren vor. Die Schüler der Klasse 9b können den Krach zunächst nicht einordnen. Sie denken, vielleicht repariert der Hausmeister etwas. Ein Junge sagt zu seinem Banknachbarn: „Da schießt doch jemand!“

Der Lehrer geht aus dem Zimmer, läuft ein paar Schritte auf den Flur. Er bemerkt ein Loch in der Atriumsscheibe. Hinter dem zerschossenen Glas nimmt er die Umrisse einer dunkel gekleideten Person wahr, offenbar ein junger Mann. Der Lehrer sieht ihn drei Schüsse abgeben. Rauchwolken steigen auf. Er eilt zurück und ruft den Schülern der Klasse 9b zu, sie sollen in einen Nebenraum flüchten. Die Referendarin soll das Klassenzimmer von innen abschließen.

Eine halbe Minute später steht der Mörder vor der Tür. Zwei Kugeln schlagen krachend ins Holz, in einer Höhe von 135 und 178 Zentimetern. Ein Geschoss streift eine Schülerin. Das andere trifft die Referendarin.“

Die Wahrnehmung bleibt ein Phänomen. Mögen die Schussgeräusche im Raum 305 der Klasse 9c tatsächlich vorerst undefinierbar gewesen sein, aber draußen im Gang und nebenan im Klassenzimmer der 10d? Wie ist das möglich? Und übrigens auch hier keine Rede von einem Feueralarm, ausgelöst durch einen Brandmelder.

Es folgt hier nun der Abschnitt über die Schilderung von der Ankunft der Polizei.

Die Winnender Beamten, drei ganz normale Streifenpolizisten im Alter von 28, 41 und 49 Jahren, betreten die Schule. Sie gehen zwei, drei Schritte hinein, stehen nebeneinander, wollen sich gerade formieren. So, wie sie es beim Amok-Training gelernt haben. Zwei schauen nach vorn, der Dritte sichert nach hinten. Sie bemerken den Täter, der eine Etage höher steht, nicht. Er schaut den Treppenaufgang hinunter. Streckt die Arme durch. Drückt ab. Der in der Mitte stehende Polizist spürt am Kopf eine Druckwelle und hört hinter sich die Scheibe der Eingangstür zerspringen. Er duckt sich. Schaut nach oben. Für den Bruchteil einer Sekunde sieht er Kopf und Schulter des Schützen. Er ist schätzungsweise 20 Jahre alt, schlank, trägt eine eckige Brille, keine Maske. Tim dreht sich weg und verschwindet aus dem Blickfeld der Beamten. Schnell laufen sie die Stufen hoch.

Auf seiner Flucht kommt der Schütze erneut an der 305 vorbei. Noch immer ist kein Notarzt da. Die Lehrerin hält es nicht aus. Sie will Hilfe holen. Die Schüler schreien, sie solle die Tür zu lassen. Sie schließt die Tür auf und schaut vorsichtig den Gang entlang in Richtung Treppe. In diesem Moment läuft Tim vorbei und schießt. Das Geschoß streift ihren rechten Arm, durchschlägt das Türblatt und verletzt eine Schülerin. Erschrocken zieht die Lehrerin die Tür zu und dreht den Schlüssel um.

Die Polizisten hören den Schuss, während sie die Treppe hinaufrennen. Auf dem Flur, vor zwei reglos daliegenden Frauen, stoppen sie. „Zwei Personen vermutlich tot“, funkt einer nach draußen. Das Gebäude ist verwinkelt. Flur und Treppenaufgänge sind leer. Die Beamten haben den Kontakt zum Täter verloren. Sie wissen nicht, wohin er geflüchtet ist und ob er sich möglicherweise in einem Zimmer versteckt hält. Langsam entfernen sie sich von den beiden ermordeten Frauen und pirschen sich an eine Tür heran. Sie ist abgeschlossen. Auch die anderen Türen, an denen sie rütteln, lassen sich nicht öffnen. Plötzlich eine Stimme im Funkgerät. Ein Polizeibeamter gibt durch, dass außerhalb der Schule Schüsse zu hören waren. Der Täter muss das Haus verlassen haben.“

Soweit dieser Text.

Wir möchten erst einmal den drei Polizisten gegenüber unseren Respekt kundtun, da sie ihr Leben zumindest beim Betreten der Schule aufs Spiel gesetzt hatten. Dies sogar noch ohne qualifizierte Ausbildung, denn sie übersahen den Täter ja erst einmal. Sie schauten in alle möglichen Richtungen, nur nicht in seine, oberhalb der Treppe. Das hätte schief gehen können und wäre es sicherlich auch, wenn der beobachtende und alle Vorteile habende Täter mit der Pistole ein guter Schütze gewesen wäre und in diesem Moment nicht ganz so sparsam mit seinen Patronen. Respekt vor diesen Beamten für ihren großen Mut und Einsatz.

Der Täter konnte sogar noch gesehen werden. Eine Beschreibung wurde hier sogar gleich mitgeliefert. Und es wurde auch nicht vergessen, dabei ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass der Täter keine Maske trug.

Hatte jemand danach gefragt?

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Der Täter verschwindet, er läuft weg, flüchtet. Und die Beamten, immer noch sehr mutig, laufen schnell die Treppe hinauf.

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Jetzt erst kommt es zu jener Situation, in welcher der Täter vor dem Raum 305 erscheint, allerdings auf der Flucht. Die Lehrerin wird an der offenen Tür verletzt und die Tür beschädigt. Im März 2009 hatte es noch geheißen, dass der Täter ein zweites Mal gekommen wäre und versucht habe, die geschlossene Tür „aufzuschießen“. Dies hatte ein Schüler damals so im TV ausgesagt.

Wie dem auch sei. Die Polizisten sollen diesen Schuss zwar gehört haben, „rannten“ allerdings immer noch die Treppe hinauf. So lang ist die Treppe allerdings nicht, denn hätten sie es gemacht, wären sie bereits oben gewesen. Und dann hätten sie anhand dieses Schusses den Täter auch lokalisieren können.

Dem war aber nicht so. Wir können annehmen, dass sie sich ganz vorsichtig die Treppe hinauf bewegt haben, was auch vernünftiger ist. Oben angekommen waren sie dann auch desorientiert gewesen - und der Täter fort.

Doch was geschah dann?

Die Beamten wussten nicht, ob der Täter geflüchtet war. Richtig, aber dennoch ist der Hinterausgang hier kein Thema. Stattdessen wird an den Türen gerüttelt. Richtig, der Täter könnte sich in einem der Zimmer versteckt haben. Doch wird es nun grotesk. Die Beamten wollen also die Türen überprüft haben, aber es wird nicht berichtet, was sie dabei erfahren haben. Etwa nichts? Keine verbale Verständigung? Keine Ortung der Schulklassen, um diese zu beruhigen und gleichzeitig Räume für den Täter auszuschließen? Ist ihnen das Blutbad im nicht verschlossenen Raum 301 gar nicht aufgefallen?

Der angebliche Funkspruch mit der Meldung, dass außerhalb der Schule Schüsse gefallen wären, beschleunigte die Lage ebenfalls nicht. Nicht nur, dass die damals angeblich ab 9.43 Uhr eingetroffenen Beamten zweier seinerzeit hoch gelobter Interventionsteams in der aktuellen Geschichte nicht mehr existieren, auch über unsere drei Polizisten hier breitet sich der Mantel des Schweigens aus. Wir wissen nicht, was diese Beamten ab ca. 9.40 Uhr oben im Obergeschoss der Schule gemacht haben. Sie haben nicht den Täter verfolgt. Und sie haben nicht die Schüler gerettet. Die Klasse 9c im Raum 305 wurde erst gegen 10.00 Uhr aus ihrer Notlage befreit. Für eine schwer verletzte Schülerin war es nun zu spät. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Hätte sie noch gerettet werden können? Diese Frage darf gestellt werden, so lange dieses ominöse Zeitloch mit „Nichtstun“ existiert.

Wir klammern nun zwei Absätze aus und bleiben bei der Schule. Denn wir wollen ja erfahren, wer wann und wo den Täter als Tim Kretschmer identifiziert haben soll.

„Als die ersten Polizisten eintreffen, befinden sich auf dem Gelände des Freizeitbades bereits hunderte Schüler und Lehrer. Einige müssen wegen Kreislaufbeschwerden von Rotkreuz-Helfern betreut werden. Ein Beamter rennt zum Schwimmmeister und fordert ihn auf, über Lautsprecher eine Durchsage zu machen: Schüler und Lehrer, die Hinweise zum Tatablauf machen können, sollen in die Halle kommen, die anderen auf das Freigelände. Rund um das Becken halten sich viele Badegäste auf. Sie müssen die Halle verlassen. Im Schnelldurchlauf werden Zeugen gehört, ihre Beobachtungen in Notizblöcke eingetragen. Stichwortartig schreiben die Beamten: „Klasse 9c, Zimmer 305: 2 Schüler, namentlich nicht bekannt, Kopfschüsse, beide in Weiler zum Stein wohnend.“ Oder: 3 Schüler, namentlich nicht bekannt, durch Streifschüsse verletzt.“

Ja, fehlt da nicht etwas in der Geschichte?

Wir erfahren hier von keiner einzigen Zeitangabe. Ausgerechnet jetzt, wo es um die Zeugen geht. Zufall?

Von welchen „ersten Polizisten“ ist hier eigentlich die Rede? Die „allerersten“ können es nicht gewesen sein. Demnach die Verstärkung vom Revier Winnenden? Denn der Revierleiter hatte ja seiner eigenen Aussage nach insgesamt 8 Mann losgeschickt, von denen folglich 5 Mann etwas darauf eingetroffen sein mussten.

Aber kann dies tatsächlich so gewesen sein? Denn bei Ankuft dieser nachfolgenden Polizisten sollen sich laut Schattauer bereits hunderte Schüler und Lehrer auf dem Gelände des Freibades befunden haben. Waren sie alle von unseren drei „allerersten“ Polizisten alleine evakuiert worden? Dies ist aber nicht nur aufgrund des Personalmangels unmöglich, es wäre auch mehr als verantwortungslos gewesen, die Schule zu evakuieren, obwohl das Areal gar nicht gesichert gewesen ist. Denn der Täter war ja verschwunden. Und es erklärt nicht, warum ausgerechnet die Klasse 9c nicht geöffnet wurde.

Dieser Text ist ein nichtssagende Augenwischerei. Schattauer hinterlässt hier ein Loch in der Schilderung und formuliert den Rest äußerst unkonkret. Möglicherweise ist dies Absicht, weil ein anderer, weitaus kürzerer Zeitablauf vorgetäuscht werden sollte.

Die Evakuierung erfolgte erst später, nämlich erst nach dem Eintreffen der tatsächlichen Verstärkungen der Polizei ab 10.00 Uhr. Die Evakuierung begann erst entsprechend später und nahm mehrere Stunden in Anspruch. Wann die ersten Zeugen nach ihrer ärztlichen Versorgung befragt wurden, ist gar nicht so klar.

Außerdem werden hier ausgerechnet Schüler der 9c mit der Anhörung in Verbindung mit Eintragungen in Notizblöcke in Verbindung gebracht. Das verstärkt unseren Verdacht der Absichtlichkeit zusätzlich. Wie wir wissen, wurde die 9c erst gegen 10.00 Uhr aus ihrer Notlage befreit. Die Befragung der geschockten Schüler wird kaum augenblicklich und neben ihren toten Mitschülern erfolgt sein. Die Reihenfolge ist: Befreiung, Versorgung und Lebensrettung, Evakuierung und dann erst die ersten Befragung einschließlich der psychologischen Betreuung.

Sinnlos erscheint außerdem die angebliche Eintragung, zwei erschossene Schüler festgestellt zu haben, deren Wohnort bekannt ist, aber nicht der Name. Wer wurde hier befragt?

Wir überspringen abermals zwei Absätze, die uns her nicht weiterhelfen und kommen zu jenem, der uns von einer Identifizierung berichtet.

„Bevor ein am Fuß verletzter Junge in die Klinik gebracht wird, passen ihn zwei Beamte auf dem Schulhof ab. Von ihm erfahren sie den Namen des Schützen. Er habe ihn gleich erkannt, sagt der Schüler der 9c. Das sei der Tim gewesen. Mit dem habe er im vergangenen Jahr öfters Sport gehabt. Ein Kriminaloberkommissar geht zusammen mit der Rektorin ins Sekretariat und sucht die Schulakte heraus. Das aufgeklebte Foto zeigt Tim als Kind - und ist für Fahndungszwecke nicht geeignet. Wenig später befragen Polizisten den Neuntklässler erneut, jetzt im Krankenhaus Waiblingen. Noch im Klassenraum habe er wegen den Schmerzen den rechten Schuh ausziehen müssen, sagt der 16-Jährige. Doch es sei halb so wild. Er könne die Klinik wohl noch heute verlassen. Hinter ihm, so erzählt er, hätten zwei Schülerinnen mit dem Oberkörper auf dem Tisch gelegen. Ein anderes Mädchen habe am Boden gezappelt. Alles sei voller Blut gewesen. Er selbst habe einer Klassenkameradin den Arm abgebunden. Dann habe er seinen Vater angerufen.“

So wird eine derartig wichtige Information verpackt, dass sie fast beiläufig daherkommt. Das hat auch seinen Grund: sie ist entäuschend. Von diesem Jungen soll die Polizei angeblich den Namen des Täters erfahren haben. Nur dieser wird hier genannt, niemand anderer. Wann soll das gewesen sein? Nach seiner Befreiung aus dem Raum 305 gegen 10.00 Uhr, nach seinem Weg zum Schulhof mit einem verletzten Fuß, etwa auch noch nach seiner Erstversorgung?

Noch einmal: wann soll das gewesen sein? 10.10 Uhr? 10.15 Uhr? Das wird alles nicht gesagt. Und wir haben immer noch keine Erklärug für den Umstand, dass eine Polizeitruppe bereits gegen 10.20 Uhr in Weiler am Stein beim Elternhaus der Kretschmers erschien.

Der Text berichtet hier außerdem davon, dass die Polizei Einsicht in die Schulakte von Tim Kretschmer genommen habe. Natürlich war das Foto veraltet gewesen. Aber war dies das einzige Foto gewesen? Was ist mit den üblichen Klassenfotos, die jedes Jahr an jeder Schule angefertigt werden?

Offenbar soll der Leser erfahren, dass die Polizei sich kein geeignetes Fahndungsfoto hatte aneignen können. Jedenfalls noch nicht. Wenn überhaupt, nicht wahr?

Im übernächsten Absatz wird die halbe Ahnungslosigkeit weiter konkretisiert.

„In ihrer Todesangst haben die Jugendlichen nicht darauf geachtet, wie der Täter aussieht. Ihre Berichte weisen ihn mal als 1,90 Meter groß, mals als 1,65 Meter klein aus. Mal trägt er einen schwarzen Vollbart, dann einen Flaum um das Kinn, schließlich lange Koteletten sowie eine erdfarbene Schiebermütze auf dem Kopf. Seine Haare sind mal dunkelblond, mal braun. Mal ist sein Pulli hellgrau, mal dunkelgrün mit weißen Ärmeln. Manche Zeugen schwören, er trage eine Brille, andere behaupten das Gegenteil. Mal hat er einen schwarzen Kampfanzug, mal khakifarbene Cordhosen, mal helle Jeans.“

Die Unterschiedlichkeit von Zeugenaussagen zeigt ein bekanntes Phänomen auf. Das soll uns hier aber gar nicht weiter interessieren, weil die Polizei ja schon sehr bald den Namen des vermeintlichen Täters erfahren haben will. Außerdem wird hier deutlich, dass offenbar mehrere unterschiedliche Beschreibungen vorlagen, die Polizei allerdings sich bei ihrer Fahndung am 11. März 2009 ganz konkret auf den dunklen Kampfanzug festgelegt hatte. Stellt sich nun die Frage: warum?

„Eine der größten Fahndungen in der Geschichte Baden-Württembergs beginnt. Bewaffnete Polizisten patrouillieren auf Straßen, kontrollieren Autobahnen, suchen Bahnhöfe ab, beobachten Fußgängerzonen, durchkämmen Parks und Häuser. Hubschrauber steigen auf. Hundestaffeln werden in Marsch gesetzt. Die Polzei muss annehmen, dass der Täter weitere Menschen töten will. Beamte beziehen vor allen Schulen in Winnenden und Leutenbach Stellung. Drei Schulen nahe des Tatorts werden evakuiert. Nach und nach schieben Polizisten 903 Schüler und Lehrer in Busse und bringen sie zu Sammelstellen.

Wie der Gesuchte aussehen könnte, wird erstmals in einem 19 Sekunden langen Funkgespräch zwischen Polizisten erwähnt, das 9:47:50 Uhr beginnt.

„Jetzt eine Personenbeschreibung vom Täter: 1,80 Meter groß, trägt einen Tarnanzug, zuletzt gesehen am Teich im PLK.“

(gemeint ist das Psychiatrische Landeskrankenhaus Winnenden - d. A.)

9:55:11 Uhr funkt die Besatzung eines Streifenwagens:

„Hier ist eine Meldung, der Täter wurde zuletzt gesehen, wohl an der Pforte vom Krankenhaus Winnenden, Schlossstraße. Weiterer Fluchtweg unbekannt. Wir ergänzen Personenbeschreibung: männlich, zirka 25 Jahre, bekleidet dunkel, zirka 1,70 Meter mit schwarzem Vollbart.“

Hier haben wir den schwarzen Vollbart, der eben erst bei den Zeugenaussagen der Schüler erwähnt wurde. Offenbar ein Versehen des Autors. Ansonsten hätten wir an zwei Orten den auffälligen schwarzen Vollbart vorliegen.

10:07:34 Uhr geben Polizisten erstmals den mutmaßlichen Namen des Amokläufers durch.

„Zu den Personalien vom Täter ist bekannt, es handelt sich wahrscheinlich um einen Herrn Tim K., wohnhaft in Weiler zum Stein.“

Nun endlich haben wir eine konkrete Uhrzeit vorliegen. 10.07 Uhr. Nur 13 Minuten später befand sich zivile Polizei in zehn Fahrzeugen in der Kleiststraße in Weiler am Stein. 13 Minuten für die Organisation des Kommandos und die gemeinschaftliche Anfahrt. Von woher eigentlich?

„10:26:24 Uhr funken Polizisten die Besatzung eines Hubschraubers an:

„Also der Täter soll 1,70 bis 1,80 m groß sein, ein Tim K. Es sind Kräfte der Kriminalpolizei unterwegs zu seinem Wohnort. Dort werden neue Bilder erhoben und dann kommt nochmals eine Lagedurchsage. Dieser Täter soll einen Tarnanzug haben. Ob er den jetzt noch anhat, wissen wir nicht.“

Zugleich warnen die Beamten:

„Es ist absolut gesichert, dass das der Tim K. ist. Deshalb bitte Vorsicht!“

Leider erfahren wir nicht, warum sich die Beamten so sicher sind, dass der Täter als Tim Kretschmer identifiziert worden war. Und nicht etwa als ein möglicher Verdächtiger mit der Option auf weitere Verdächtige. Die Zeugenaussage eines einzigen Schülers wird es kaum gewesen sein. Die Rede ist hier allerdings auch von einem Tarnanzug. Außerdem wird erwähnt, dass es sich um Kriminalpolizei gehandelt haben soll, die unterwegs nach Weiler am Stein gewesen ist. Allerdings war sie zu dem benannten Zeitpunkt bereits dort.

„Tims früherer Klassenlehrer beschreibt Polizisten das Aussehen des Jungen.

10:39:47 Uhr spricht ein Beamter ins Funkgerät:

„Schalte mich kurz ein, habe Personenbeschreibung vom Tatverdächtigen. Allerdings von vor einem Jahr… Also Alter müsste jetzt 16 bis 17 Jahre alt sein. Kurze, braune Haare, 1,65 Meter groß, Brille, leicht kräftig, aber nicht dick.“

Offenbar stand das genaue Alter von Tim Kretschmer nicht in der Schulakte.

Von diesen drei Schülern aus der 10d, welche Tim Kretschmer als Täter erkannt haben wollen, ist in der Öffentlichkeit nichts bekannt.

Doch was war mit der Kripo beim Elternhaus Tim Kretschmers los? Leider zitiert Schattauer keinen einzigen Funkspruch aus diesem Polizeikommando.

„Die widersprüchlichen Zeugenangaben verunsichern die Fahnder. In Winnenden bemerken die Beamten der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit 523 einen Verdächtigen. Er ist zwischen 20 und 25 Jahre alt, trägt Jeans und eine schwarze Lederjacke. Er läuft an einem Blumenladen vorbei. Es könnte Tim sein.“

Es folgen im Text zwei Schilderungen über Festnahmen vermeintlich Verdächtiger, die sich aber als harmlose Passanten herausstellten. Die zweite dieser Schilderungen, welche die Festnahme des Vaters (!) eines Schülers beschreibt, wird auf 11.36 Uhr taxiert. Das ist bereits sehr spät und verwundert, befand sich doch bereits über einer Stunde die Polizei im Haus der Kretschmers.

Von Verunsicherung zu sprechen, ist ein kompletter Unsinn. Natürlich ist man sich nicht sicher, wenn man keine Ahnung hat. Die Ahnung soll aber bereits sehr früh gekommen sein, genauer: angeblich ab 10.07 Uhr, wie wir hier erfahren haben. Diese Fahnder habe ja nicht alle persönlich die Zeugenaussagen gehört, sondern bekamen sie per Funk durchgegeben. Insofern bleibt der Umstand bestehen, warum die Polizei nicht in der Lage gewesen sein soll, ab rund 10.30 Uhr die richtige Beschreibung an ihre Kollegen zu liefern und etwas darauf auch ein aktuelles Foto Tims aus dem Elternhaus.

Schattauer liefert allerdings eine Geschichte, mit welcher dieser Umstand offenbar belegt werden soll. Es ist eine erstaunliche Geschichte.


C. Weiler am Stein.


Erst einmal wird von Tim Kretschmers Schwester erzählt, die Schülerin im Lessing-Gymnasium neben der ARS ist. Es wird auch erzählt, wie sie ihre Mutter, Frau Kretschmer, um 10.24 Uhr angerufen habe, um über den Amoklauf zu berichten. Und dann heißt es weiter:

„Tims Mutter schaltet nach dem Anruf ihrer Tochter den Fernseher ein und fährt den Computer hoch. Sie will wissen, was passiert ist. An Tim denkt sie nicht. Gegen halb elf hört sie eine Polizeisirene. Sie schaut aus dem Fenster und sieht Männer mit Gewehren. Im Radio wird gemeldet, der Amokläufer sei auf der Flucht. Sie geht in die Küche, hebt einen Topf dampfender Pellkartoffeln vom Herd und bringt ihn zum Tisch im Esszimmer, auf dem drei Teller, eine ungeöffnete Flasche Mineralwasser und ein blauer Trinkbecher stehen. Sie setzt sich, nimmt ein Messer zur Hand und will zu Schälen beginnen. Sie bemerkt, wie unruhig sie ist. Es ist 10.47 Uhr. Sie ruft ihren Mann an. Sie mache sich Sorgen. Er soll Tim aus der Schule abholen. Sie werde dort anrufen und Bescheid geben.

Ausgerechnet jetzt findet sie die Nummer nicht. Sie holt das Telefonbuch für den Bereich Winnenden, Berglen, Leutenbach und Schwaikheim aus dem Regal. Sie schlägt die Seiten 104/105 auf, wo sie unter Waiblingen, Anschlüsse Pnis-Recy, die Rubrik Privatschulen sucht.

10.49 Uhr klingelt bei Donner & Kern das Telefon. Die Lehrerin ist überrascht. „Tim? Der war heute gar nicht in der Schule. Wussten Sie das nicht?“ Die Mutter schweigt. Ihr wird schwindelig. Sie geht zum Fenster. Immer mehr Polizisten kommen. In den nächsten Minuten telefoniert sie mehrmals mit ihrem Mann. Er soll nach Hause kommen. 10.55 Uhr versucht sie, Tim auf dem Handy zu erreichen. Er hat es nicht dabei, das Telefon liegt oben in seinem Nachtschränkchen. Sechs Minuten später wählt sie den Notruf 110. Sie sagt, vor ihrem Haus seien viele Polizisten. Sie habe Angst.“

Es ist schon erstaunlich, dass Frau Kretschmer gegen 10.30 Uhr zwar Männer mit Gewehren vor dem Haus bemerkt haben soll, dem aber nicht jene - neugierige - Aufmerksamkeit zukommen lässt, die zu vermuten wäre. Es scheint so, als wären die Bewaffneten nicht alltäglich, aber auch nicht ungewöhnlich genug. Erst ab etwa 10.50 Uhr, also nach 20 Minuten, scheint es sie zu irritieren.

Viel wichtiger ist innerhalb des Textes allerdings die Information, dass sich seit etwa 10.30 Uhr die Polizei vor ihrem Haus versammelte, aber erst einmal nichts weiter geschah. Die Polizei, die zuvor noch rasend schnell gewesen war, ließ sich nun aus unerfindlichen Gründen verblüffend viel Zeit. 40 Minuten lang! 40 Minuten lang wurde versammelt, aufgerüstet und das Haus umzingelt. Es wurde kein Kontakt mit Frau Kretschmer hergestellt, es wurde nicht einmal versucht. Niemand rief an, um sie nach ihrem Sohn zu fragen und sich über dessen Aufenthaltsort zu erkundigen. Die Polizei bewegte sich gleichzeitig mehr oder weniger offen beim Haus, so dass diese offensichtlich mit der Anwesenheit des mutmaßlichen Täters gar nicht gerechnet hatte. Und dennoch 40 Minuten lang Nichtstun. Trotz der gebotenen Eile, den mutmaßlichen Täter aufzuspüren und Informationen sowie aktuelle Fotos und Beschreibungen zu erlangen.

Ist dies nachzuvollziehen?

Sind wir hier, der aktuellen und inoffiziellen Polizeiversion folgend, abermals einer unglaublich groben Fahrlässigkeit auf der Spur?

In den folgenden Absätzen erfährt der Leser, dass seit 10.40 Uhr der Vater von Tim, Jörg Kretschmer, unter Beobachtung steht. Zwei Streifenwagen stehen nahe dessen Firma und observieren den Eingangsbereich. Weil Tim Kretschmer hier auftauchen könne, wie es heißt. Als Herr Kretschmer kurz vor 11.00 Uhr die Firma verlässt, folgen sie diesem auf dessen Weg nach Leutenbach. Wir wissen nicht, ob von einem oder von beiden Streifenwagen und ob die Firma nicht weiterhin unter Beobachtung gestanden haben mag. Oder ob dies anschließend nicht mehr so interessant gewesen war.

In Weiler am Stein trifft Jörg Kretschmer auf die ganze Polizeiansammlung.

„Er steigt aus. Beamte treten ihm entgegen. Sie eröffnen ihm, dass sein Sohn unter Verdacht stehe, bei einem Amoklauf mehrere Menschen erschossen zu haben. Man vermute, dass er sich zu Hause aufhalte. „Tim ist sicher nicht da“, sagt der Vater, „nur meine Frau ist da.“

Und etwas darauf:

„Mit Gewehren im Anschlag beobachten uniformierte Männer Türen und Fenster. Im Erdgeschoss bewegt sich etwas. Jemand huscht hinter der Scheibe vorbei, öffnet das Fenster, schließt es sofort wieder. Wer dieser jemand ist, wissen die Beamten nicht. Es könnte Tim sein. Oder ein Komplize.“

Wir wissen nicht, ob Schattauer diese Zeilen von der Polizei 1:1 übernommen hat oder ob er sich gedacht hatte, dass es so gewesen sein könnte. Wir wissen nicht, ob sich Schattauer dem bewusst ist, was er da verfasst hat. Mittlerweile kommen uns einige Zweifel.

Hier wird doch tatsächlich behauptet, dass die Polizei angenommen habe, dass sich Tim im Haus befinden würde. Vielleicht sollte damit 40 Minuten Nichtstun erklärt werden. Es erklärt aber nicht das Verhalten der Polizei, halbwegs offen vor dem Haus herumzulatschen, wenn in diesem ein gemeingefährlicher Mörder, ein irrer Killer, ein Super-Schütze, vermutet wurde. Es erklärt auch nicht die nicht stattgefundene Kontaktaufnahme per Telefon, Megaphon etc. Es erklärt nicht, dass auch nicht versucht worden ist, andere Bewohner oder Besucher aus dem Haus zu dirigieren oder zu locken, um diese in Sicherheit zu bringen.

Sprechen wir hier tatsächlich von unserer Polizei?

Mit seiner Version der Ereignisse belastet Schattauer die Polizei erheblich, denn er schildert, dass die Polizei nicht nur 40 Minuten - in seiner Version 30 Minuten - mit Nichtstun vergeudete und nichts unternahm, was zwingend notwendig gewesen wäre, sondern diese für vollkommen unfähig erklärt, sich von der tatsächlichen Anwesenheit des vermeintlichen Täters zu überzeugen.

Schon wieder Unvermögen gepaart mit in mehrfacher Hinsicht grober Fahrlässigkeit? Gibt es hier nicht irgendwo ein Ereignis, in welchem die Polizei weniger desaströs erscheint?

Was meinen Sie?

„Jörg K. wird angewiesen, mit dem Mobiltelefon seine Frau anzurufen. Sie soll das Haus verlassen. Fünf nach elf öffnet sich die Tür. Frau K. tritt stumm heraus. Auf ihrem Gesicht liegt Angst. Sie fällt ihrem Mann in die Arme, der steif und orientierungslos zwischen all den Polizisten steht.

Eine knarzige Stimme im Funkgerät, Schritte, Bewegung. Mehrere vermummte SEK-Männer stürmen ins Haus. Etage für Etage, Raum für Raum schreiten sie ab, öffnen Tür für Tür, leuchten jeden Winkel aus. Nach ein paar Minuten kommt ein Beamter aus dem Haus und meldet, der Gesuchte sei „nicht im Objekt“. Er hält ein Passbild in der Hand. Er wird abfotografiert und per MMS an die Polizeiführung verschickt.“

Erst gegen 11.00 Uhr wird demnach mit der bis dahin völlig verängstigten Frau Kretschmer Kontakt aufgenommen, allerdings über Herrn Kretschmer, dem dies von der Polizei angeordnet wurde. Zwischenfälle gab es keine. Offenbar wurden auch keine weiteren möglichen Personen aufgefordert, das Haus doch bitte zu verlassen.

Es wird hier erzählt, dass somit in Gestalt einiger SEK-Leute die Polizei erst nach 11.05 Uhr das Haus der Kretschmers betrat. Um dann festzustellen, dass der Sohn der Kretschmers dort nicht aufzufinden war. Aber ein Passbild konnte sichergestellt werden. Ausgerechnet ein kleines Passbild, welches anscheinend sichtbar herumgelegen sein soll, aber kein anderes Foto. Da die Fahnder offenbar nicht in der Lage gewesen waren, ein anderes, vielleicht besseres Foto sicher zu stellen, wurde dieses kleine Passbild gar abfotografiert und via MMS verschickt.

Wie lange mag ein derartiges Tun angedauert haben? Danach, nach dem Verschwenden von guten 40 Minuten, sollte es dank moderner Elektronik ganz schnell verteilt worden sein.

Doch merkwürdigerweise nicht zu jenen Polizisten, denen wir in unserer Geschichte in Wendlingen begegneten.

„11:26:11 Uhr setzt ein Beamter folgenden Funkspruch ab:

„Ich habe eine kurze Durchsage, der Täter Tim K. ist 1,80 Meter groß und hat braune Augen. Er ist 1991 geboren. So, wie es aussieht, ist er Brillenträger und hat dunkle Haarfarbe. Der Täter ist nicht in der Wohnung und immer noch auf der Flucht.“

Wenn es jetzt auch noch eine Viertelstunde gedauert haben soll, das auf dem Passbild Abgebildete in Worte zu fassen, fällt uns dazu nicht mehr viel ein.

Da wir aber nicht wissen, wer diesen Funkspruch an wen gerichtet haben soll und wir keine Kenntnis darüber besitzen, welche Informationen außerdem und zu welchen Zeitpunkten durchgegeben worden sind, erübrigt sich hier jeder weitere Kommentar.


D. Notärzte und Retter in der Schule.


Hier soll uns nun beschäftigen, was Schattauer in seinem Buch über die Rettungskräfte berichtet, wobei wir uns aber nur auf die erste halbe Stunde konzentrieren.

Um 9.40 Uhr soll der erste Krankenwagen vor der Albertville-Realschule eingetroffen sein.

„Zwei Rettungsassistenten springen aus dem Auto, ein junger Mann und eine junge Frau. Sie schauen hoch zur Fensterfront. Sehen Schüler und Lehrer mit entsetzten Gesichtern. Jemand schreit: „Hilfe! Helfen Sie uns! Im Chemiesaal!“ Vor der Schule stehen Polizisten. Ein Hauptkommissar rennt mit den Helfern durch den Haupteingang in die Schule. Sie gehen ein hohes Risiko ein. Niemand weiß, wo sich der Täter gerade befindet.“

Es ist kaum zu fassen, was da zu lesen ist. 9.40 Uhr die Ankunft des Krankenwagens plus vielleicht eine Minute, also 9.41 Uhr, um die beiden Rettungskräfte neben ihrem Fahrzeug mit ihren Notfall-Taschen zu sehen. Vor der Schule sollen Polizisten gestanden sein.

Die Frage ist nur: welche Polizisten? Welche Polizisten zu diesem Zeitpunkt? Die Verstärkung soll ja laut Polizeiangabe erst 9.43 Uhr eingetroffen sein. Und die ersten drei Beamten, die 9.36/9.37 Uhr eingetroffen waren, waren ja angeblich sofort in die Schule eingedrungen und sollen sich schließlich im Obergeschoß des Gebäudes befunden und ergebnislos Türklinken gedrückt haben. Und über deren anschließende Tätigkeit herrscht Stillschweigen.

Ist die Verstärkung vielleicht doch schon eher vor der Schule gewesen und die koportierte Angabe von 9.43 Uhr falsch, weil die Polizei ohnehin ein Problem zu haben scheint, überall auch nur eine richtige - quasi entgültige - Zahl anzugeben? Und dass sie vielleicht schon um 9.40 Uhr vor der Schule gewesen waren? Dann müsste man sich natürlich fragen: warum standen diese Beamten zu diesem Zeitpunkt (!) vor der Schule herum, anstatt den Mörder zu suchen und zu verfolgen bzw. andere Bereiche vor dessen Zugriff zu schützen?

Ansonsten kann es sich nämlich nur um unsere ersten drei Polizeibeamten gehandelt haben, die allerdings im Obergeschoß - ohne Ergebnisse - die Türen überprüft haben wollen. Die müssten sich damit aber sehr beeilt haben. Haben wir hier nun eine Erklärung für den Umstand vorliegen, warum der Täter durch diese Beamten nicht verfolgt wurde? Haben wir nun eine Erklärung, warum die Schulklassen im Obergeschoß nicht aus ihrer Notlage befreit wurden?

Weil diese drei Polizisten das Obergeschoß verlassen haben und dann am Haupteingang gestanden waren? War es wirklich so, dass das Obergeschoß ungeschützt zurückgelassen wurde?

Wir denken, dass diese Situation äußerst gründlich überprüft werden sollte. Schattauer bringt in seinem Buch, wahrscheinlich ungewollt, weitere Details, welche eine unabhängige Untersuchung zu klären hat.

Wobei festgestellt werden soll, dass Schattauer seine Informationen aus zweiter Hand erhalten hat und diese zwecks Lesbarkeit auch etwas verändert widergegeben haben könnte. Sollten die beiden Rettungskräfte um 9.40 Uhr vor der Schule tatsächlich Polizisten herumstehen gesehen haben, werden wir hier abermals mit einer rätselhaften wie erschreckenden Situation konfrontiert.

„Sie hasten die Treppe hinauf ins Obergeschoss, wo es nach abgefeuerten Patronen riecht. Schauen nach links. Stehen vor dem Raum 317, dem Chemie-/Biologiesaal. Der Sanitäter klopft. Niemand antwortet. Er rüttelt am Knauf. Die Tür öffnet sich nicht. Ratlos schauen sich die Helfer an. Dann fällt ihr Blick auf den Gang. Dort liegen zwei Frauen. der 28 Jahre alte Rettungsassistent und seine sechs Jahre jüngere Kollegin laufen zu ihnen. Beugen sich über die toten Körper. Sie wollen zurück zum Chemiesaal, merken, dass sie in dem verwinkelten Gebäude die Orientierung verloren haben. Sie beginnen zu suchen, und als sie den Raum endlich finden, öffnet jemand von innen.“

Auch das ist eine unglaubliche Geschichte, die uns Schattauer hier präsentiert. Die beiden ersten Rettungskräfte sollen seiner Angabe nach etwas unterbemittelt gewesen sein. Sie sollen den fast geraden Weg zurück nicht mehr gefunden haben. War wohl zu kompliziert gewesen.

Warum haben die beiden Helfer nicht die Polizisten gefragt? Waren dort etwa keine, so dass sie selber suchen mussten? Haben wir hier ganz nebenbei ein Indiz vermittelt bekommen, dass die drei Polizisten, die als erste vor Ort gewesen waren, das Gebäude tatsächlich trotz angeblicher Gefahr für alle anderen verlassen hatten? Und wo ist der freundliche Hauptkommissar nun abgeblieben, welcher die beiden Helfer in das Obergeschoss dirigiert hatte. War diese gar noch minderbemittelter gewesen, weil er sich den Weg auch nach dem zeiten Mal nicht hatte merken können? Oder war er schon wieder fort gewesen, um das ausdrücklich benannte Risiko doch lieber auf die beiden unbewaffneten Helfer abzuladen?

„Vor der Tafel stehen Schüler und deuten auf eine am Boden liegende Frau. Sie hat einen provisorischen Verband am linken Oberarm. Vor ihr kniet eine Schülerin und spricht beruhigend auf sie ein. Die Sanitäter drehen die Frau auf den Rücken, kontrollieren Puls und Pupillen, stellen fest, dass sie tot ist.

Die Rettungsassistentin geht durch die Verbundtür in den Nebenraum, wohin die meisten Schüler der 9b nach den Schüssen geflüchtet waren, und versorgt ein verletztes Mädchen. Ihr Kollege sieht durch das offene Fenster den ersten Notarztwagen kommen. Er will etwas hinausschreien. Es ist zu laut. Er versucht, mit der Leitstelle zu telefonieren. Er kommt nicht durch. Er verlässt das Zimmer 317 und läuft aus der Schule, um den Notarzt und dessen Begleiter zu suchen. Schnell berichtet er ihnen, was er gesehen hat und rennt zurück ins Haus. Er nimmt zwei Helfer mit, die gerade angekommen sind. Die junge Frau trägt einen Notfallrucksack, der junge Mann eine Liege. Oben treffen sie den Hausmeister. Er berichtet, im Raum 305 hätten sich Schüler eingeschlossen. Sie gehen vor die Tür. Der Hausmeister rüttelt an der Klinke und wummert mit der Faust gegen das Türblatt. Drinnen schreien Kinder vor Angst. Als die Schreie lauter und lauter werden, brüllen die Helfer: „Rettungsdienst, Rettungsdienst, DRK!“ Sie trommeln gegen das Holz. Der Hausmeister schreit seinen Namen.

Endlich, nach quälenden Minuten, eine drehende Bewegung im Schloss. Jemand will aufmachen. Die Tür klemmt. Im Spalt erscheint das bleiche Gesicht einer Frau, die Lehrerin der Klasse 9c. Mit einem kräftigen Ruck öffnet der Hausmeister die Tür. Die Sanitäter schlucken. Sie sehen zitternde, sich an den Händen haltende Schülerinnen und Schüler, die vorn an der Tafel Schutz suchen. Nahe der Tür drei Mädchen, die keine Deckung fanden.“

Schattauer hatte zuvor berichtet, dass der zweite Krankenwagen um 9.44 Uhr vor der Schule eingetroffen sei. Vielleicht handelt es sich um jenes Fahrzeug, welches von dem Rettungsassistenten aus dem Fenster beobachtet wurde. Danach dürften allerdings im Minutentakt die Rettungskräfte eingetroffen sein.

In diesem Textabschnitt ist von der Polizei nicht die Rede. Sie sind auch nicht das Thema. Dennoch verwundert es, dass es der Hausmeister gewesen sein soll, der sich im Obergeschoss befunden und die Rettungskräfte auf die Schüler im Raum 305 aufmerksam gemacht hat.

Genaue Uhrzeiten werden hier nicht mehr angegeben. So bleibt es immer noch nicht nachvollziehbar, warum die Klasse 9c erst gegen 10.00 Uhr aus ihrer Notlage befreit wurde. Immerhin wird aber ein Grund genannt, warum es sich zumindest verzögert hatte.

„Eine Schülerin sitzt auf ihrem Stuhl in der letzten Bankreihe, direkt an der Wand. Ihr Oberkörper ist nach vorn gebeugt, der Kopf liegt auf dem Tisch. Ihr Rücken weist zwei Einschüsse auf, der linke Oberarm einen. An sie gelehnt, halb zu Boden gesunken, mit zwei Löchern im Rücken, ihre Banknachbarin. Bei beiden stellen die Rettungsassisstenten den Tod fest.

Das dritte Mädchen liegt unter einer Bank der mittleren Tischreihe. Sie atmet. Ihr Herz schlägt. Hinter dem rechten Ohr tritt Blut aus. Ein Notarzt betritt den Raum. Er und der Sanitäter versuchen das Kind zu retten. Versetzen es in Narkose…“

Das sind grausige Details. Die beiden ersten Mädchen wurden mit Schüssen in den Rücken getötet, erst die dritte bekam eine Kugel in den Kopf. Bemerkenswert ist außerdem, dass auf die erste Schülerin sogar dreimal geschossen worden ist. Von den angegebenen 10 Schuss, die der Täter in Raum 305 abgegeben haben soll, wurden demnach allein 6 Schuss auf drei Schülerinnen abgegeben.

Die offizielle Pressemitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft von Mai 2009 hatte zwar nichts von der Anzahl der in dem Klassenzimmern abgefeuerten Schüssen berichtet, sehr wohl aber von der Anzahl der Toten und Verletzten. Neben den drei getöteten Mädchen wären vier Schüler und zwei Schülerinnen verletzt worden. Ziehen wir eine Schülerin ab, die etwas darauf zusammen mit der Lehrerin verletzt wurde, bleiben somit noch insgesamt 5 Schüler übrig, welche der Täter mit den restlichen 4 Schuss getroffen haben soll. Doch müssen wir davon ausgehen, dass in dieser Rechnung auch jene zwei Schüler inbegriffen sind, welche sich bei ihrem Sprung aus dem Fenster verletzt hatten.

Eines kann man aber dennoch feststellen: der Täter scheint kaum einmal danebengeschossen zu haben. Dies ist höchst erstaunlich für einen ungeübten 17-Jährigen.

Was berichtet Göran Schattauer zur Situation in Raum 301, dem Klassenzimmer der 10d?

„Dröhnend senkt sich der Rettungshubschrauber Christoph 41 auf eine Wiese der benachbarten Psychiatrie. Eine Notärztin und ein Rettungsassisstent springen heraus, über ihren Köpfen kreisen die Rotorblätter. Die Zeiger der klobigen Uhr am Haupteingang der Schule stehen auf neun Minuten vor zehn. Noch immer rennen Kinder aus dem Gebäude. Die Ärztin entdeckt ein rotes Gesicht. Sie sucht nach der Wunde, findet keine. Der Schülerin klebt fremdes Blut an den Wangen. „Wohin sollen wir?“, ruft die Ärztin. Ein Polizist begleitet sie und den Helfer ins Obergeschoss. Auf der Treppe begegnen sie einer Schülerin, die von einem Polizisten begleitet wird. Sie schluchzt. Sie sagt „dieses Arschloch“. Für die Ärztin klingt es, als würde das Mädchen den Täter kennen.“

Die Wiese der benachbarten Psychiatrie bedeutet nichts anderes, als dass der Hubschrauber im Park des Klinikums gelandet war. Das heißt, dass der Hubschrauberbesatzung der reglose Körper des Herrn Just aufgefallen sein sollte. Von dessen Versorgung wird hier noch nichts berichtet.

„Sie öffnen die Tür zu Zimmer 301. Stille.

Ein Mädchen sitzt auf ihrem Stuhl. Es wurde drei Mal getroffen. Im Nacken, in der Rückenmitte, am rechten Schulterblatt.

Ihre Banknachbarin liegt mit dem Rücken auf dem Boden. Sie hat Einschusslöcher am Hinterkopf und in der linken Schulter.

Eine weitere Schülerin kauert auf dem Stuhl. Ihr Kopf liegt auf dem Knie. In der rechten Hand hält sie einen Stift. Drei Schüsse trafen sie. Einer in den Hinterkopf.

Ein Mädchen liegt auf dem Bauch, zwischen Schultaschen, mit dem Kopf zum Fenster. Der linke Arm klemmt unter dem mehrfach getroffenen Körper.

Ein Junge sitzt auf seinem Stuhl. An der Tischplatte sind zwei Krücken angelehnt. Vier Mal wurde er getroffen. Zwei Mal in den Hinterkopf, zweimal ins rechte Schulterblatt.

Der Rettungsassisstent und die Notärztin finden keinerlei Anzeichen, dass ein Opfer noch leben könnte. Sie packen ihre Sachen und laufen weiter. Sie sind fast draußen, da hören sie ein leises Wimmern. Sie drehen sich um. Sie entdecken ein am Boden liegendes Mädchen. Sie atmet flach. Hastig schieben die Retter Bänke und Stühle zur Seite und heben die Verwundete auf den frei gewordenen Platz…“

Von dem erschreckenden Umstand abgesehen, dass die Rettungskräfte die Opfer als tot feststellen, eines aber doch noch lebt, fällt auf, dass in diesem Klassenzimmer die Schüler vor allem mit Schüssen in den Kopf ermordet worden sind. Auch hier scheint der Täter weniger möglichst viele Schüler als Ziel vor Augen gehabt haben, als vielmehr die in seiner Nähe befindlichen konsequent umzubringen. Der Junge, bei dem es sich um Ibrahim handelt, soll gar zwei Kugeln in den Hinterkopf bekommen haben. Das alles ist für uns nicht vorstellbar, so grauenhaft ist es.

Jene Schüler, welche in den Kopf geschossen wurden, dürften bei dem ersten Auftreten des Killers ermordert worden sein. Dem Text von Schattauer zufolge waren es wenigstens vier Schüler, auf welche anscheinend zwölf Schüsse abgegeben wurden. Möglicherweise hatten weitere drei ihr Ziel verfehlt oder bei anderen Schülern Verletzungen verursacht.


E. Im Park der Psychiatrischen Klinik.


Schattauer hatte zuvor an anderer Stelle die Beobachtungen einer 77-jährigen Frau geschildert, welche die Flucht der als „Tim“ bezeichneten Person beobachtet haben soll. Allerdings hatte diese Zeugin den Mann beim Verlassen der ARS nur von hinten gesehen. Er soll dunkel gekleidet gewesen sein und den Zaun zum Klinikpark erst im zweiten Anlauf überwunden haben.

„Das Zentrum für Psychiatrie liegt nur wenige hundert Meter von der Albertvielle-Realschule entfernt. Gegen 9.40 Uhr leert ein Angestellter am Ententeich die Mülleimer. Nebenbei unterhält er sich mit einem Handwerker, der gerade den Abfluss des knietiefen Teichs sauber machen will. Den Männern fällt ein junger Mann auf, der durchs Gelände hastet. Er kommt aus Richtung Albertville-Realschule. „Warum rennt der denn so?“, fragt der eine Mann. „Ich weiß auch nicht“, antwortet der andere. Der Mann mit dem Abfallbeutel in der Hand läuft langsam einen Hügel hoch. Als er sich auf Höhe eines kreuzenden Weges befindet, schaut er nochmal nach unten. Er sieht den Burschen, der eben noch gerannt war, neben dem Handwerker stehen - mit einer Waffe in der Hand. Mehrere Zeugen beobachten das Geschehen.

Ein Patient sitzt im Zimmer 316 neben dem Fenster. Er schaut hinaus und sieht zwei Männer. Einer treibt den anderen vor sich her und gibt dabei Schüsse ab. Enten fliegen vom Teich. Der Zeuge sieht den Getriebenen hinfallen. Der Mann mit der Waffe in der Hand steht nun neben ihm - und drückt mehrere Male ab. Anschließend dreht er sich um und geht seelenruhig von seinem Opfer weg. Der Patient, der die Körperhaltung des Schützen zu deuten versucht, denkt: Der sieht aus wie einer, der mit sich und der Welt zufrieden ist. Wie einer, der etwas erledigen wollte und es nun erledigt hat.

Eine Putzfrau, die auf der Feuertreppe der Station B2 steht und eine Zigarettenpause macht, erlebt die Situation so: Ein älterer Mann arbeitet am Teich. Von rechts nähert sich ein jüngerer Mann. Er hat einen dunklen Gegenstand in der Hand, was genau es ist, kann sie nicht erkennen. Er spricht den Älteren an, der gerade mit gesenktem Kopf vom Teich weggeht. Der Alte schaut zu dem Jüngeren auf. Sie stehen etwa 15 Meter auseinander. Es knallt. Der Körper des Arbeiters kippt leicht nach vorn. Nach einem weiteren Knall fällt er um. Der Schütze geht zu dem am Boden liegenden Mann und schießt mehrmals auf ihn. Danach läuft er gemächlich weg. Die Putzfrau schreit um Hilfe. Sie rennt dem Täter ein kurzes Stück hinterher. Dann bekommt sie Angst, dass er auf sie schießen könnte und geht zurück ins Haus.“

Die beiden zuletzt geschilderten Zeugen weisen einige beträchtliche Unterschiede in ihren Wahrnehmungen auf. Der erste geschilderte Zeuge wiederum, der Angestellte mit dem Mülleimer, hat hier aber kaum etwas zu berichten bzw. erhält hier eigenartigerweise überhaupt keinen Raum, obwohl er der beste Zeuge hätte sein müssen. Denn dieser soll ja den Täter beim Laufen gesehen haben, ist selbst dann aber langsam weggegangen. Weit kann er demnach gar nicht gekommen sein, als der erste Schuss gefallen sein muss. Er soll aber gerade zuvor schon die Waffe in der Hand des Täters gesehen haben, also noch vor dem ersten Schuss. Und das war es auch schon, Ende der Mitteilung.

Über das Verhalten des Täters: siehe oben, Abschnitt 3, Winnenden.

Hatte der Täter bei seiner Flucht die Pistole in der Hand? Dem Angestellten mit dem Mülleimer war dies nicht aufgefallen. Die müsste er aber dann, noch in einer gewissen Entfernung befindlich, gezogen haben. Womit auch die Tötungsabsicht vorgelegen haben dürfte. Wir erfahren außerdem das Detail, dass der Täter die ersten zwei Schüsse aus etwa 15 Metern abgegeben haben soll. Alle weiteren Schüssen sollen danach aus kurzer Distanz auf das liegende Opfer abgegeben worden sein.

In diesem Beitrag wird außerdem noch genannt, dass der Täter laut zweier Zeugen nach seinem Mord gemächlich weggegangen sein soll.

Jene Putzfrau soll danach ins Haus zurückgekehrt sein und ist demnach nicht zu dem sterbenden Handwerker gegangen. Vielleicht ist sie aber erst einmal zum Telefon gestürtzt und hat den Notruf gewählt.

„Auf dem Weg zum Parkplatz der Klinik verliert der Täter sein Jagdmesser. Er läuft, im Abstand von zwei Metern, an einer 40 Jahre alten Frau vorbei. Er lächelt sie an. Die Frau hört bei jedem Schritt des jungen Mannes ein schepperndes Geräusch. Für sie klingt es, als flögen Murmeln in einer Metallbox umher.“

Der Täter, der anfangs gelaufen war, dann sich extrem auffällig verhalten hatte und danach wiederum gemächlich weggegangen war, schien anschließend wieder zu laufen. Darauf deutet auch dieses „Scheppern“ hin. Dieser hier geschilderte Täter suchte einerseits ein Opfer im Park förmlich auf, um es zu töten, legte die selbe Absicht dann aber nicht gegenüber der hier präsentierten Zeugin an den Tag.

Zur Situation im Park: siehe Abschnitt 3, Winnenden.

Es wird in dieser Passage außerdem erzählt, dass der als Tim Kretschmer bezeichnete Täter sein 28 cm großes Jagdmesser verloren haben soll. Das ist zwar ein großes und auch recht schweres Teil, kann aber vielleicht in der Eile passieren. Allerdings soll er es ohne die Messerscheide verloren haben, was insofern bemerkenswert ist, weil dies normalerweise gar nicht geschehen kann. Selbst wenn man die Scheiden auf den Kopf stellt, da fällt gar nichts heraus. Dazu später noch.

„Der Handwerker, Tims dreizehntes Opfer, liegt drei Meter vom Ufer des Teiches entfernt. Zwei Mitarbeiterinnen der Klinik, eine von ihnen Ärztin, rennen zu ihm, um Erste Hilfe zu leisten. Sie legen einen Defibrillator an und drücken die Wunden ab. Ein Rettungswagen hält. Daneben ein Notarztauto. Das Opfer wird beatmet. Eine Helferin kniet neben den Mann und beginnt mit der Herzdruckmassage. Ihre Knie werden feucht. Sie glaubt, dass komme vom nassen Gras. Als sie nach unten schaut, sind ihre Knie rot. Das Blut tritt immer dann aus einer Wunde, wenn sie auf den Brustkorb drück. Eine Viertelstunde versuchen die Helfer, den Mann zu reanimieren. Zehn Minuten nach zehn geben sie auf. Sie legen Binden, Zellstoff, Zweige auf den Rasen. Anhand der Markierungen sollen Polizisten später die Patronenhülsen leichter finden. 15 Schusswunden werden Rechtsmediziner im Kopf und im Oberkörper des 56-jährigen Klinik-Angestellten finden.“

Hier erfahren wir, dass die Rettungsdienste von 9.55 bis 10.10 Uhr versucht hatten, das niedergeschossene Opfer zu reanimieren. Es wird zwar nicht erzählt, aber wir müssen davon ausgehen, dass zu diesem Zeitpunkt auch Polizei im Park gewesen sein muss. Da der Täter eine unübersehbare Spur hinterlassen hatte, einschließlich der Richtung seines Weges, müsste etwas darauf die Frau von Igor Wolf, Oksana, ins Spiel gekommen sein, die angeblich von ihrem Mann vor dem Haupteingang des Klinikums abgeholt werden sollte. Nur ein kleiner Schritt für die Polizei, um auf die „sitzen gelassene“ Oksana Wolf zu stoßen. Und schon hätte man die Fahndung nach deren Mann und dessen Fahrzeug herausgeben können.

Dieser Schritt erfolgte nicht. Und es wird auch nirgends erklärt, warum die Geschichte hier ein großes Loch aufweist.

Der Text bietet uns noch eine Neuigkeit. Der erschossene Just soll 15 Schusswunden davongetragen haben. Wie ist das zu verstehen? 15 Wunden insgesamt, also einschließlich der Austrittswunden? Dies wurde bislang noch nie berichtet und wäre auch nicht interessant. Also war 15x auf den Menschen geschossen worden. Dabei hatte die Presseerklärung der Polizei und der Staatsanwaltschaft im Mai 2009 noch ganz konkret von 9 Schüssen berichtet. Schon wieder verzählt?

Bemerkenswert ist außerdem der Umstand, dass der Mörder abermals ein ganzes Magazin verschossen haben soll. Wo hatte er die vollen alle her, wo er doch nur zwei Magazine besessen haben soll? Wann hatte er zuvor wieder einzeln nachladen können? Und da der Mörder anschließend in das Fahrzeug von Igor Wolf gestiegen sein soll, dürfte er ein weiteres volles Magazin besessen haben. Oder soll er Wolf tatsächlich mit einer leeren Waffe bedroht haben?


F. Igor Wolf.


Zu Igor Wolf und dessen angeblicher Geiselnahme bzw. Fluchtfahrt des Täters hat Schattauer nichts neues zu berichten. Die zentrale Behauptung der Polizei, der Täter habe von dem Suchen einer weiteren Schule gesprochen, kommt hier ebenfalls nich mehr vor. Mit anderen Worten, die Polizei hat hier einen Rückzieher gemacht. Stattdessen der Satz, den Wolf bereits bei „Beckmann“ im TV geäußert hatte: „Was meinst Du, werden die Schulen heute nachmittag geschlossen oder bleiben sie offen?“

Ansonsten die bekannte Geschichte mit dem Nachladen eines Magazines, das Radio, die Clementinen, die Feststellung des Täters, dass er sein Messer verloren habe, die Geschichte mit der Tankstelle bis hin zu dem angeblichen Sprung aus dem Fahrzeug an der Auffahrt zur A8, gleich neben dem IG Wert in Wendlingen.

Und schlußendlich die bereits zuvor veröffentlichte Episode, welche den verlogenen Dreck kaschieren soll. Es soll hier noch einmal wiederholt werden, weil es im Kontext zu den vorherigen Kommentaren nun besonders augenfällig und unpassend daherkommt:

„Eine Frage stellen die Beamten nicht. Obwohl sie so nahe liegt. Obwohl sie sehr wichtig ist. Sie fragen Igor nicht, wie der Täter eigentlich aussieht. Sie halten die Frage für verzichtbar. Die Polizisten verlassen sich auf die sehr markante Personenbeschreibung, die am Vormittag per Funk ausgegeben worden war: männliche Person mit Vollbart, Anfang 20, bekleidet mit einem dunklen Camouflage-Anzug. Igor hätte ihnen etwas anderes erzählt…“

Dass es sich hierbei um einen ausgemachten Schwachsinn handelt, hat Schattauer sogar in seinen eigenen, vorherigen Texten dargestellt und entlarvt ihn abermals als eine Person, die sich auf der Gehaltsliste der Initiatoren befindet.

Schattauer bzw. seine Auftraggeber bringen am Ende dieses Abschnitts aber noch eine Neuigkeit. Zum einen wird berichtet, dass der Motor des VW-Sharans noch gelaufen sei und die Räder durchgedreht wären. Nahe des Fahrzeuges wäre das Mobiltelefon von Igor Wolf gefunden worden. Vor allem aber will die Polizei in Igors Fahrzeug eine leere Munitionsschachtel sowie in der Türablage hinten rechts die lederne Hülle eines Messers gefunden haben - natürlich dem Messer von Tim Kretschmer.

Wie diese Fundstücke, diese „Beweise“, an diese Stellen gekommen waren, ist natürlich ein Rätsel. Denn am 11. März 2009 hatte die Spurensicherung in dem Fahrzeug von Igor Wolf nichts gefunden, wie ein Beamter gegenüber „SPIEGEL-TV“ berichtet hatte. Keine Erkenntnisse auch nach Wiederholung der Frage an den Beamten. Ebenso undurchsichtig bleibt das angebliche Täterverhalten, welcher die Munition angeblich unbedingt aus der Schachtel genommen habe, obwohl er unzählige Patronen lose bei sich getragen haben soll. Auffällig ist es ebenfalls, die angebliche Feststellung des Täters wähend der Fahrt, er habe sein Messer verloren, genau diesen Ort mit dem entsprechenden Fundstück zu garnieren. Oder besser gesagt: nachzuschieben.


G. Die Obduktion von Tim Kretschmer.


Wie wir wissen, wurden sämtliche Opfer nicht obduziert. Wohl aber der vermeintliche Täter. Schattauer berichtet von der Obduktion des jungen Mannes, auch von dem Befund, dass keine Rückstände von Alkohol, Drogen oder Medikamente gefunden worden wären. Eine Neuigkeit soll er uns aber wieder präsentieren, dazu einige kuriose Umschreibungen.

„Der Tote liegt entkleidet und mit Fingern, die durch erkennungsdienstliche Behandlungen schwarz sind, in einem gekachelten Raum. Um ihn herum versammeln sich Gerichtsmedizinier und Präparatoren. Jemand hält ein Protokoll in der Hand, auf dessen Rand links oben die Nummer LS 74/09 steht, LS bedeutet Leichensache.

Der Körper wird vermessen, gewogen (86 Kilogramm, 179 Zentimeter) und im Computertomografen geröntgt. Anschließend beginnen die Spezialisten, das Äußere des Leichnams zu untersuchen. Unter der durchtrennten Haut in der Mitte der Stirn finden sie schwärzliche Anhaftungen, eine für aufgesetzte Nahschüsse typische Schmauchhöhle. Darunter ein kreisrundes Loch im Schädelknochen, Durchmesser 1,5 Zentimeter. Die Austrittswunde am Hinterkopf befindet sich vier Zentimeter links der Körpermittellinie. In der rechten Wade eine Delle, ebenso an der linken Achillessehne. Es handelt sich um Schussverletzungen. Die Mediziner präparieren die Projektile heraus und übregeben sie einem anwesenden Polizisten…“

Wir haben hier mal wieder den „aufgesetzten Nahschuss“, wie von der Polizei und Staatsanwaltschaft immer wieder gerne so bezeichnet. Das klingt ähnlich, wie bei Schilderungen unbedingt die Farbe der Pistole erwähnt werden musste. Die Vorgaben bzw. die Schattauer angewiesene „Meinung“ zu einem Befund mit dem Versuch einer Beeinflussung interessiert uns hier allerdings nicht.

Uns interessiert erst einmal, warum die Schilderung von Schattauer unvollständig bleibt. Er will sie ja uns, den Lesern, schließlich mitteilen. Doch warum nur in Bruchstücken?

Wir erfahren hier von einem Einschuss mitten in die Stirn, was für einen Selbstmord ungewöhnlich genug ist. Wir erfahren auch etwas von den Schmauchsuren, die ja so typisch sein sollen - und auch sind. Wir erfahren aber nichts von den starken Verbrennungen der Haut, die in diesem Fall äußerlich nicht zu übersehen sein dürften. Und die ebenfalls typisch sind. Von Einschüssen in den Beinen ist kurioserweise auch nicht die Rede, stattdessen von „Dellen“, also dem Gegenteil von Beulen. Beulen dürften sich an jenen Orten befunden haben, wo sich die Projektile befanden, ebenso die Schwellungen. Aber „Dellen“?

Da Schattauer hier offensichtlich die Einschüsse als „Dellen“ im Hautgewebe bezeichnet, ergibt sich daraus ein weiterer Umstand. Denn jeder Mensch, der wenigstens grob über die Anatomie des menschlichen Körpers informiert ist, weiß, dass sich die Achillessehne am hinteren Teil des Knöchels befindet. Da es sich zudem angeblich um einen Steckschuss handeln soll, muss demzufolge das Geschoss von hinten in den Knöchel eingedrungen sein.

Hier scheinen nun ebenfalls dringende Fragen angebracht zu sein. Nicht nur, dass ein Schuss von hinten auf Tim Kretschmer eine vollkommen andere Situation zeichnen würde, auch die Pluralnennung vom Entfernen der Projektile ist zu hinterfragen. Denn dies würde wiederum bedeuten, dass die Polizeikugel nicht die Wade von Tim Kretschme durchschlagen hat, sondern in den Knochen eingedrungen sein muss. Und wir erinnern uns daran, wie sichtlich ungehindert der angebliche Täter hatte durch die Gegend spazieren können.

Von höchsten Interesse sollte für uns auch die Feststellung sein, dass die Gerichtsmediziner in der Stirn von Tim Kretschmer ein 15mm großes Einschussloch vorgefunden haben sollen. Da die Polizei angibt, dass dieser Schuss mit der angeblichen Tatwaffe, Kaliber 9mm, abgegeben worden sein soll, dürfte sie hier ein weiteres Problem haben. Keine Frage, Schattauer ist der erste Mensch, der davon berichtet, sich aber auf die Unterlagen der Polizei beruft. Allerdings scheint er daran nichts ungewöhnlich zu finden.

Dummerweise hinterlässt das mit Überschallgeschwindigkeit fliegende Geschoss auf kurze Distanz ein Loch entsprechend dem Kaliber. Die Gerichtsmediziner hätten demnach ein 9mm-Loch ohne Ausfransungen im Stirnknochen von Tim Kretschmer vorfinden müssen. Das ist auch für jeden Laien in den entsprechenden gerichtsmedizinschen Fachbüchern nachlesbar.

Vorausgesetzt, dass Schattauer richtig abgeschrieben hat, sollte die Frage lauten: was hat ein 15mm-Loch in der Stirn von Tim Kretschmer verursacht?

(Literaturhinweis: z.B. Praxis Rechtsmedizin von Burkhart Madea, Springer-Verlag, Berlin 2003).


H. Die Frage nach der Anfahrt des Tim Kretschmer zur ARS und von dieser wieder fort.


Schattauer schreibt zu diesem Thema folgendes:

„Tausend Antworten brauchen die Ermittler, doch vorerst haben sie nur Fragen. Eine der wichtigsten lautet: Auf welchem Weg gelangte Tim am 11. März in seine alte Schule? Zwei Zeugen berichten, er habe sich bereits am frühen Morgen in Winnenden herumgetrieben.

Ein Mädchen sagt, sie sei sicher, ihm zehn nach sieben begegnet zu sein, an der Bushaltestelle Schorndorfer Straße. Er kam aus Richtung Stadtmitte. Am vorderen Friedhofstor blieb erstehen. Er war komplett schwarz gekleidet. Seine Jacke reichte bis zur Hüfte. Sie sah aus wie eine Bomberjacke. Er hatte eine Sturmfrisur und trug keine Brille. So zumindest erzählt es das Mädchen später der Polizei. Sie sei zu ihm gegangen und habe kurz mit ihm gesprochen. Als ihre Freundin hinzu­kam, sei Tim gegangen.

Ein 16-Jähriger, der jeden Morgen mit dem Bus nach Winnenden kommt, will Tim an der Bushaltestelle vor der Albertville-Schule gese­hen haben, und zwar kurz vor halb acht. Er sei sich absolut sicher, schließlich kenne er ihn vom Pokern. Tim habe eine schwarze Hose und eine blau-schwarze Jacke angehabt, ohne Kapuze, ohne Aufdruck. Eine Tasche oder ein Rucksack sei ihm nicht aufgefallen, nur an die Brille könne er sich erinnern. Er sei an Tim vorbei gegangen, habe »Hallo« gesagt und gefragt, wie es ihm gehe. Tim habe geantwortet: »Gut, und wie geht es dir?«

Den Angaben der beiden Zeugen zufolge müsste sich Tim bereits zwei Stunden vor Beginn des Amoklaufs nahe der Schule aufgehalten haben. Tims Mutter dagegen behauptet, ihr Sohn sei erst kurz vor neun aus dem Haus gegangen. Um diese Zeit fuhr ein Bus nach Win­nenden. Vielleicht erinnert sich jemand an ihn, hoffen die Fahnder. An mehreren Tagen mischen sie sich unter die Wartenden an Halte­stellen der Linie Weiler zum Stein - Winnenden. Sie fragen, ob jemand den jungen Mann kennt, dessen Foto sie dabei haben, und ob jemand ihn am 11. März gegen neun gesehen hat. Eine Frau schwört, dass Tim im Bus war.

An einem Sonntag klingeln zwei Polizisten den Inhaber eines Busunternehmens aus der Wohnung. Man trifft sich auf dem Firmengelände. Dort steht der Liniengelenkbus mit dem Kennzeichen WN-RR 185. Er war am 11. März um 8.59 Uhr an der Haltestelle Stuttgarter Straße in Weiler zum Stein losgefahren. Die Ermittler vermuten, dass Tim an der siebten Station, Winnenden Ringstraße, ausgestiegen ist, das müsste etwa zehn nach neun gewesen sein. Der Bus ist mit zwei Videokameras ausgestattet. Aufgezeichnet werden Bilder nur vom hinteren Teil des Busses, ab dem hinteren Einstieg bis zur letzten Sitzreihe. Der Unternehmer übergibt den Beamten die Videokassette mit den Aufnahmen vom 11. März. Auch den Film aus dem zweiten Bus, der am Tatmorgen die Strecke fuhr, händigt er aus. Auf den Bändern ist Tim nicht zu sehen. Vielleicht ist er vorne zugestiegen. Die Befragung der Busfahrer führt die Ermittler nicht weiter. Beide können sich nicht daran erinnern, dass Tim am Tattag mitgefahren ist.

Die Beamten fordern von der Schweizer Kantonspolizei Basel vier Mantrailer-Hunde an. Mantrailer-Hunde sind in der Lage, auch bei widrigsten Bedingungen individuelle Geruchsspuren von Menschen zu verfolgen. Die Hunde suchen den Weg von Bushaltestellen, an denen Tim ausgestiegen sein könnte, bis zur Albertville-Realschule ab. Die Fährte des Täters verfolgen sie auch innerhalb des Hauses. Viel finden die Hunde nicht heraus. In dem Spuren-Wirrwarr, das Schüler, Notfallmediziner und Polizisten hinterlassen haben, können sie den Laufweg nur bruchstückhaft rekonstruieren.“

Mit anderen Worten: die Polizei kann auch hier nach wie vor nicht beweisen, dass Tim Kretschmer von Weiler am Stein nach Winnenden gefahren ist. Die Zeugen sind widersprüchlich, die Busfahrer können sich nicht erinnern, eine Aufzeichnung gibt nichts her und diese Maintrailer-Hunde konnten angeblich nur „Bruchstücke“ erschnüffeln, was Quatsch ist. Entweder haben sie eine Fährte entdeckt oder nicht.

Und jene im letzten Herbst als (die) „Zeugenaussage“ von den Behörden in den Medien platzierte Frau an einer Bushaltestelle scheint wieder ausgedient zu haben, da sie hier keine Rolle mehr spielt.

Über den Weg von der Schule durch den Park des Klinikums bis auf dessen andere Seite erzählt Schattauer, dass viele übereinstimmende Zeugenaussagen vorliegen würden. Von diesen berichtet er allerdings nicht, auch nicht davon, was konkret übereinstimmend gewesen sein soll. Stattdessen schildert er ausführlich eine abweichende Aussage, die er am Ende als eine darstellt, welche der polizeilichen Prüfung nicht standgehalten habe.

Dann heißt es, dass diese Zeugin mit der abweichenden Aussage wiederum in anderer Hinsicht mit jenen anderer Aussagen übereinstimmen würde.

„Demnach soll der Täter von Winnenden eine schwarze Bomberjacke getragen haben. Am Ende seines Amoklaufs in Wendlingen hatte Tim keine schwarze Bomberjacke an. Zwei Möglichkeiten diskutieren die Fahnder. Entweder hatte er einen Komplizen, und die Tat wäre von zwei Männern verübt worden. Oder aber, er hat die Jacke im Laufe des Tages ausgezogen und weggeworfen. Die Polizei konnte sie nirgends finden. Aber was heißt das schon?“

Ja, was heißt das schon? Das heißt, dass Schattauer ein Idiot ist. Doch nein, er ist es nicht, denn er schreibt ja nur das, was er für seine Auftraggeber zu schreiben hat.

Wenn die Polizei etwas nicht finden kann, dann existiert es für die Beweisführung auch nicht - das steht fest und es gibt daran auch rhetorisch nichts zu manipulieren. Noch dazu ist es zum Schreien, hier von „im Laufe des Tages“ zu brabbeln, wenn die in Frage kommende Zeit ganz konkret einzugrenzen ist. Die aber ist äußerst knapp. Vielleicht 50 Meter Zeit und Strecke um das Hauptgebäude des Klinikums herum. Denn danach soll der Täter im Fahrzeug von Igor Wolf gesessen sein. Und dieser Mann weiß von einer schwarzen Bomberjacke nichts zu berichten, die auch in Wendlingen nicht in Erscheinung trat.

„Im Laufe des Tages“ existiert also nicht, alles andere ist Augenwischerei. Es reicht schon die halbe Aufmerksamkeit, um dieses Geschreibsel zu entlarven. Dazu wird der Frage nach einem zweiten Täter gar nicht weiter nachgegangen. Stattdessen gibt Schattauer uns unfreiwillig einen Hinweis auf das Problem, dass die von ihm benannten Zeugenaussagen und die schwarze Bomberjacke mit Tim Kretschmer bzw. der angeblich folgenden Situation nicht deckungsgleich zu bringen sind. Dies ist ein Umstand, den Schattauer mit dem dummen „Was heißt das schon?“ zu verschleiern versucht. Eine weitere Frage wird hier ebenfalls erst gar nicht ins Spiel gebracht: gibt es unter den Schülern in der ARS Aussagen, die ebenfalls konkret von einer schwarzen Bomberjacke berichten? Diese Frage ist in diesem Zusammenhang äußerst wesentlich. Eine Antwort darauf wird nicht einmal gestreift, es wird ja nicht einmal die für diese Ermittlungen entscheidende Frage gestellt.

Und weiter:

„Tagelang sucht ein Kriminalkommissar nach Spur Nr. 374, wie die Jacke in den Akten heißt. Er ruft in Fundbüros an, in Firmen und bei Grünanlagen-Pflegern, ohne Erfolg. Nach dem 11. März wurden lediglich eine Babyjacke, ein rot-schwarzer Anorak, Handschuhe und Schals gefunden. Bei einem seiner letzten Versuche spricht der Polizist den Hausmeister eines Gymnasiums an, das sich ganz in der Nähe der Albertville-Realschule befindet. Der Hausmeister sagt, er habe seit längerem eine schwarze Jacke bei sich im Büro hängen. Er wisse nicht mehr genau, wann er die Jacke bekommen hat. Er glaubt, dass es kurz nach dem Amoklauf war. Er habe bislang nicht einmal in die Jacke reingeschaut.“

Es ist interessant zu erfahren, dass - nach Schattauer - die Polizei vermeintliche Spuren bereits nummeriert, die sie noch gar nicht hat. Doch sollten wir davon ausgehen, dass hier etwas unglücklich formuliert wurde. Ebenso möchten wir hier feststellen, dass die Polizei und deren Spurensicherung am Tattag, am 11. März 2009, die Strecke des Täters abgesucht hatte. Und da es eine Reihe von Zeugen gegeben haben soll, wird diese Strecke auch fast exakt zu bestimmen gewesen sein. Weil des Weiteren der Park etwas später von der Polizei kontrolliert worden ist, scheint es zudem äußerst unwahrscheinlich, dass in der kurzen Zeitspanne zuvor ein Unbekannter diese Jacke gefunden und entwendet haben soll.

Kurz gesagt: kurze Strecke und kurzes Zeitfenster, aber keine Jacke. Oder anders: die Zeugen sollen „übereinstimmend“ den Täter in einer schwarzen Bomberjacke gesehen haben, Tim Kretschmer in dieser aber nirgendwo. Somit sollte der Verdacht, dass es einen weiteren Täter geben könnte, in den Ermittlungen Bestand haben. Sollte.

Dazu noch einen Hausmeister, der sich nicht genau erinnern kann, wann er die Jacke bekommen haben will, und einen Polizisten, der offenbar die Frage vergaß: von wem? Und: wo war der Fundort?

Ist dies etwa nicht wichtig?

„Der Polizist fährt in die Schule und lässt sich die Jacke Marke Tom Tailor, Größe L, zeigen. Aus der linken Brusttasche zieht er einen zerknüllten Streifen Aluminiumpapier. Aus der rechten zwei Bonbons der Marke Wick Blau. Man werde alles genau untersuchen, verspricht er. Er nimmt die Jacke, das Papier und die Bonbons mit auf das Revier. Kriminaltechniker finden an der Jacke insgesamt fünf verwertbare DNA-Spuren - am Kragen, an den Bündchen der Ärmel, an beiden Taschen. Es sind Mischspuren. Sie stammen von mindestens drei Verursachern. Einer von ihnen: Tim. Bei einer Spur kann er sogar als Hauptverursacher identifiziert werden. Spezialisten des LKA vergleichen die schwarze Jacke mit der olivfarbenen, die Tim am 11. März getragen hatte. Anhand von Mikrofasern wollen sie feststellen, ob er während der Tat die schwarze Jacke über die olivfarbene gezogen hatte. Die Faserprobe schließt diese Möglichkeit zweifelsfrei aus. Bleibt nur die Variante, dass Tim irgendwann einmal mit der schwarzen Jacke in Berührung gekommen war. Aber wohl nicht am 11. März.“

Da hat uns Schattauer viel Text für ein Nullergebnis serviert, bei gleichzeitiger Ignoranz der sich förmlich aufdrängenden Fragen. Sollte dieser Text etwa nur dazu dienen, die damaligen Zeugenaussagen, Medienmeldungen und Fahndungskriterien, in denen von einem zumeist schwarzen Kampfanzug die Rede gewesen war, in den Hirnen der Leser in Richtung schwarze Bomberjacke zu lenken? Die aber dummerweise „irgendwie“ verschwand?

Und wie der Zufall es will, gleich nebenan der ARS, im Lessing-Gymnasium, soll sich beim dortigen Hausmeister eine herrenlose schwarze Bomberjacke befunden haben, die natürlich, so der Glaube dieses Hausmeisters, hier völlig anonym von irgendjemanden „kurz nach dem Amoklauf“ dort abgegeben worden wäre? An welcher sich - was für ein weiterer Zufall! - DNA-Spuren eines gewissen Tim Kretschmer finden ließen? An einer Jacke - noch ein Zufall - , die Tim Kretschmer gar nicht gehörte?

Klingelt es? Klingelt es nicht ganz stark?

Wie hoch mag wohl die Wahrscheinlichkeit für jene Geschichte sein, die Schattauer der Öffentlichkeit als real verkaufen versucht? 1:100.000? 1:1 Million.? 1:10 Millionen? 1:100 Millionen?

Und wie hoch mag die Wahrscheinlichkeit sein, dass irgendeine ausgesuchte schwarze Bomberjacke mit DNA-Spuren von Tim Kretschmer versehen und kurz nach dem Massenmord nahe dem Tatort deponiert wurde? (Auch wenn dieser Versuch scheiterte, weil Spezialisten - möglicherweise von einer anderen Dienststelle - keine Spuren der olivfarbenen Jacke fanden).

Die Antwort überlassen wir Ihnen.


I. Die Darstellung des Tim Kretschmer.


Schattauer erzählt in seinem Buch, wie Tim Kretschmer aufwuchs. Der Leser bekommt dabei im Verlauf dieser Erzählung den Eindruck, als wenn der junge Mann schlußendlich gar nicht anders gekonnt hätte, als zu einem Psychopathen zu mutieren, Amok zu laufen und zuletzt tot auf einem Parkplatz zu liegen.

Der psychologische Backround, bei dem wir Schwierigkeiten haben, diesen nachzuvollziehen, weil uns noch die entsprechenden Informationen und glaubwürdigen Quellen fehlen (die Polizei ist unserer Ansicht nach keine glaubwürdige Quelle), soll uns hier aber nicht weiter interessieren. Darunter fällt auch der Schulverlauf, die familiäre Situation sowie die schulpsychologische Beratungsstelle wegen Lernschwäche, der Selbsterkenntnis einer angeblichen manischen Depression und die Termine im Klinikum „Am Weissenhof“ mit der Diagnose „soziale Phobie“. Ein schriftlicher Bericht wurde bis zum 11. März 2009 den Eltern nie ausgehändigt, auch nicht nach dem Ersuchen der Mutter am 17. Dezember 2008, doch bitte die Unterlagen zuzusenden, weil sie diese wegen dem Musterungsbescheid ihres Sohnes bräuchte. Denn Tim wollte nicht zur Bundeswehr, wie an anderer Stelle, laut Frau Kretschmer, ausdrücklich gesagt wird.

Wir konzentrieren uns hier auf den Kern des Kriminalfalls, auf die Tat selbst, auf den Verlauf der Tat, auf die Beweise für die Täterschaft und die Angaben sowie Reaktionen durch die Behörden.

Dazu gehört auch das Konstrukt, anhand von angeblichen Pornobildern mit devoten, gefesselten Frauen auf dem PC von Tim K. einen möglichen Hass auf Frauen in den öffentlichen Raum zu stellen. Und danach, ein halbes Jahr später, im Rahmen eines Gefälligkeitsgutachtens eines Psychaters plötzlich von devoten und gequälten Männern zu sprechen, die man vorgefunden haben will. Schattauer berichtet in seinem Buch von einer Internet-Domina und deren umfangreichem Foto- und Filmmaterial, welches Tim „ab und an“ konsumiert haben soll. Dieses Auswechseln der Inhalte muss jedem, der sich näher mit diesem Fall beschäftigt, das Gefühl vermitteln, dass die Polizei auch noch ganz andere Fotos vorgefunden hätte oder auch nicht - ganz nach dem eigenen Bedarf, ganz nach den Wünschen.

In diese Kategorie fällt auch die damalige Polizeiinformation, dass Tim K. am Vorabend der Tat von 19.30 bis 21.40 Uhr „Far Cry 2“ gespielt habe. Das hätte die Auswertung seines Computers ergeben. Dies war medienwirksam in die Welt penetriert worden und hatte eine regelrechte „Killerspiel-Phobie“ ausgelöst. Die spätere Polizeiangabe, welcher der vorangegangen widersprach, dass Tim K. zuletzt am 8. März 2009 ein Ego-Shooter-Spiel gespielt habe, wurde dagegen nicht mehr lautstark transportiert. Kein Wunder.

Schattauer erzählt in dem entsprechenden Kapitel nun recht ausführlich, was Tim K. am Vorabend der Tat vor und mit seinem PC gemacht haben soll. Um 17.35 Uhr habe er seinen Computer hochgefahren, Google bemüht, kurz auf BILD.de gelesen, danach Dominasex-Fotos angeschaut und ab 17.42 Uhr bis etwa 18.30 Uhr auf einer anderen Webseite 18 Pornovideos. Dies nicht gerade ungewöhnlich und auch nicht aufregend. Ab 19.01 soll Tim ein Wirtschaftssimulationsspiel („RollerCoaster Tycoon 2“) gespielt haben, allerdings auch nur bis 19.39 Uhr, weil er sich danach lieber Poker-Videos angeschaut haben soll. Gegen 23.30 Uhr soll sich Tim ein zweites Mal an den Computer gesetzt und etwas „gegoogelt“ haben. Erstaunlicherweise erfährt der Leser nun aber nicht, nach was eigentlich. Passte es nicht ins Bild?

Nach Schattauer soll Tim K. insgesamt viermal im Schützenverein mit echten Faustfeuerwaffen geschossen haben. Und zwar am 6. Mai 2008, am 27. Oktober 2008, am 20. Januar 2009 sowie am 24. Februar 2009. Nur einmal, entgegen den Vorschriften, soll Tim K. ins Schießbuch eingetragen worden sein. Hinzu kam laut Schattauer eine Schießveranstaltung mit Gewehren zusammen mit dem Vater und zwei Angestellten am 29. Januar 2009.

Tim K. hat also selten mit einer echten Pistole geschossen. Schattauer selbst berichtet zudem vom 20. Januar 2009, dass Tim K. wie ein Laie geschossen und auch den Eindruck erweckt habe, als wenn es ihn nicht sonderlich interessieren würde.

Und dann gibt es ja noch die angebliche Polizeipanne bezüglich der Amokdrohung aus dem Internet. Diese Episode ist der Polizei heikel genug, dass sie ihrem Autor dafür ein eigenes Kapitel zubilligt. So berichtet Schattauer erst einmal von dem Anrufer aus Mittelfranken, der um 19.50 Uhr am 11. März angerufen haben soll und der gleich den Text auf der krautchan-Seite vorgelesen haben soll. Und von dem zweiten Anrufer aus dem Raum Bielefeld, dessen Sohn diese Amokdrohung in einem Internet-Chat entdeckt haben soll. Dieser Anruf soll gegen 20.10 Uhr am 11. März 2009 bei der Polizei eingegangen sein.

Dann heißt es weiter:

„Das LKA, Abteilung 1460 (Internetrecherche), nimmt Ermittlungen auf. Schnell keimt der Verdacht, die angeblich wenige Stunden vor dem Amoklauf verfasste Nachricht könnte gefälscht sein. Die Internetseite krautchan.net ist bekannt für manipulierte Inhalte.“

Ja, nachher ist man immer klüger. Davon einmal abgesehen, möchte uns Schattauer mal wieder dummes Zeug unterschieben. Wir erfahren nicht, wie schnell der Verdacht aufgekeimt sein soll. Auch Schnelligkeit ist relativ. Wenn ein Verdacht auftaucht, heißt es noch nicht, dass man es weiß - so ganz ohne Beweis. Insofern ist der Verdacht erst einmal nicht viel wert, weil man ihm noch nachgehen muss. Die Begründung allerdings, warum dieser Verdacht so schnell aufgetaucht sein soll, ist aber geradezu dumm-dreist. Denn bekannt für manipulierte Inhalte ist das gesamte Internet, sind die Medien, ist die Politik, einfach alles und auch die Polizei selbst, wie wir wissen. Das weiß auch Schattauer, denn er selbst manipuliert. Hier allerdings wieder einmal erfolglos.

Offenbar war er es sich durchaus bewusst, als er seinen Text für die Polizei konstruierte. Denn anstatt nun mit der gefälschten Amokdrohung im Internet fortzufahren, schwenkt er auf den seinerzeitigen Polizeipräsidenten Erwin Hetger um, über den er rührige Geschichten zu berichten weiß und alles mit Details garniert, die niemanden interessieren. Er zeichnet gründlich einen emotionalen Background um diese Figur, macht ihn persönlich und menschlich, umgibt ihn mit tragischen Umständen, um ihn schlußendlich einerseits als einen Verfechter der Fälschung auch ohne Beweise hinzustellen und andererseits als Opfer eines anonymen Polizeioffiziers, welcher die „Bedenken“, dass es sich um eine Fälschung handeln könnte, als „ausgeräumt“ erklärt haben soll. Dieser anonyme Polizeioffizier wiederum soll mit der Aussage gedeckt werden, dass es sich angeblich lediglich um den Stand der Ermittlungen zur Zeit der Pressekonferenz am 12. März 2009 gehandelt haben soll.

Schattauer erwähnt nicht die unmißverständliche Falschaussage, dass die entsprechenden Daten auf dem PC von Tim K. gefunden worden wären. Und er erwähnt mit keinem Wort die damaligen Meldungen der Polizei, dass dieser Foreneintrag in der Nacht zuvor von zwei Zeugen entdeckt worden sei.


J. Die Munition.


Anhand des Buches von Schattauer erfährt der Leser einiges über die Schussabgaben laut Polizeiquelle, die nicht unbedingt mit den vorherigen Meldungen und auch Erkenntnissen übereinstimmen, der Leser erfährt auch etwas über die benutzten Munitionstypen. Ebenfalls ging Schattauer der Frage nach, woher diese Munition stammte bzw. stammen könnte.

Der Vater von Tim habe bei der Vernehmung angegeben, dass er im Schlafzimmer ein Magazin (in einem Handschuh versteckt, mit ca. 10 Patronen) sowie ein angebrochenes Päckchen mit „wenigen“ Patronen aufbewahrt habe. Das sollen nicht mehr als rund 50 Patronen gewesen sein. Nach den polizeilichen Erkenntnissen sollen neben den beiden verwendeten Magazinen aber weitaus mehr Patronen im Haus verteilt herumgelegen sein, so dass Tim sich hätte - nach und nach - davon nehmen können, ohne in den Waffenschrank hineinkommen zu müssen. An diesem wären auch keine DNA-Spuren von Tim gefunden worden.

Außerdem soll es der Polizei sehr wohl gelungen sein, von den verwendeten drei Munitionstypen wenigstens zwei dem Vater von Tim zuzuordnen und dies auch zu belegen. Von der einen Munitionssorte, CBC9 Millimeter Luger von der US-Firma Magtech, will die Polizei die oben erwähnte Schachtel im Fahrzeug von Igor Wolf gefunden haben, welche die selbe Losnummer aufweist, wie zwei weitere Schachteln im Besitz von Jörg Kretschmer. Dazu noch DNA-Mischspuren von Jörg und Tim K. Bei der zweiten Sorte, dem tschechischen Patronentyp der Firma S&B 9×19 08, soll es sich um einen Teil jener Munition handeln, welche Tim seinem Vater am 23. Januar 2009 in Stuttgart zum Geburtstag gekauft hatte.

Von der dritten Munitionssorte erfährt der Leser leider nichts, obwohl es interessant gewesen wäre. Denn warum gelingt hier der Nachweis nicht?

Natürlich wurde auch der Frage nachgegangen, ob tatsächlich alle 113 verfeuerten Patronen von ein und derselben Waffe abgegeben worden waren. Laut Polizei soll dies der Fall gewesen sein.

Schattauer schreibt hierzu:

„Unter dem Mikroskop werden die beim Abfeuern entstandenen Spuren analysiert. Es sind die gleichen Muster wie auf vielen Geschossen, die in Winnenden und Wendlingen gesichert worden waren. Der Sachverständige bilanziert: Alle 113 Patronenhülsen wurden mit der Beretta 92 FS gezündet.

Eine Waffe - und mit ziemlicher Sicherheit nur ein Schütze. Denn auf der Pistole finden sich ausschließlich DNA-Kontaktspuren von Tim.“

Für uns klingt diese Erzählung wie ein Bericht über eine schlampige Arbeit. Denn viele Geschosse sind nicht alle, und wir erinnern uns immer noch an die nicht erfolgten Obduktionen. Und so ist die Sicherheit auch nur „ziemlich_ckgedit_QUOT_, wie hier richtig steht, aber sicherlich nicht 100%ig gewiß.

Deswegen müssen auch die DNA-Spuren eines Tim K. auf der Waffe bemüht werden, doch hat dies überhaupt nichts mit dem vorherigen Befund zu tun, sagt es doch gar nichts über eine theoretisch mögliche zweite Waffe aus.

Stattdessen wirft diese Erwähnung eine ganz andere Frage auf: warum sollen an der Beretta nur die DNA-Spuren von Tim K. gewesen sein, das heißt: ausschließlich? Warum gibt es, wie anderswo, keine DNA-Mischspuren? Wo doch die Waffe Jörg Kretschmer gehörte und sie sich sein Sohn angeblich erst am Morgen des 11. März beschafft haben soll!

Warum also waren die DNA-Spuren und Fingerabdrücke von Jörg K. an der Waffe verschwunden?

Gibt es dafür eine Erklärung? Denn wir möchten schließlich nicht annehmen, dass die Waffe vorher gereinigt wurde, weil sie noch jemand anderes in der Hand gehabt haben könnte.

Im Folgenden soll noch einmal versucht werden, die bei Schattauer dargestellten Schussabgaben zusammenzufassen und gleichzeitig die vorherigen Angaben und auch Befunde gegenüber zu stellen.

Erst einmal stellen wir fest, dass sich die Anzahl der unbenutzten Patronen um ein Stück erhöht hat. Gesamtmenge der Patronen folglich nun 285 Stück statt 284. Da nach wie vor 113 Patronen verschossen und 156 Stück bei der Leiche von Tim K. aufgefunden worden sein sollen, beträgt die Anzahl der verlorenen Patronen 16.

Betrachten wir uns übersichtshalber die drei Schauplätze.

In Wendlingen soll der Täter 46 Schuss abgegeben haben. Diese Angabe hat sich (bislang) nicht verändert.

Dagegen soll das Opfer im Klinikpark, Herr Just, 15 Schusswunden davongetragen haben. Zuvor hatte es laut Polizei geheißen, dass der Täter 9 Schüsse auf sein Opfer abgegeben habe.

Somit würden nach dieser neuen Berechnung für die Schule nur noch 52 Schuss (statt 58) in Betracht kommen.

Danach die Übersicht über die erwähnten Munitionstypen, gekoppelt mit der Anzahl der Verbrauchs, laut Schattauer natürlich.

Von insgesamt 74 Patronen des Typs CBC 9mm Luger sollen genau 20 Stück abgeschossen worden sein. Und 54 Stück nicht.

Von insgesamt 90 Patronen des Typs S&B 9×19 08“ sollen genau 50 Stück verbraucht worden sein. Und 40 nicht.

Somit bilden die restlichen 121 Patronen den größten Einzelposten, doch ausgerechnet bei diesem wird weder der Typ genannt noch die Antwort auf das Problem gegeben, dass der vorherige Besitz nicht nachgewiesen werden kann. Von diesem unbekannten Patronentyp wurden 43 Stück abgeschossen. Und 78 nicht.

Wieder von hinten mit Wendlingen beginnend, möchten wir folgende Gegenüberstellung tätigen, was die „Tätermunition“ anbelangt. Links befindet sich der Wert der vorherigen Polizeiangaben sowie die Kennzeichen der Spurensicherung, rechts gemäß der aktuellen Polizeiversion laut Schattauer.

Überquerung Wertstraße: 1/0

Beim Zaun (Spuren): 3/0 (nicht ausdrücklich genannt)

Beim Haenger (neu): 0/3

Hinter der Blutlache: 3 Kringel/Huelsen / 0 (da nun „verlorene Patronen“)

Vor der Blutlache: 3/2 (plus eine hier verlorene Patrone)

Kreuzung: 1 Kringel/keine Erwähnung

Puljic und Wilk: 13/12

Aus dem Autohaus heraus: 12/12

Im Autohaus weitere Schuesse ungeklärt und unbekannt, aber: 0/6

Vorbau Alu-Ritter: 3/3 (nicht ausdrücklich genannt)

Zivilfahrzeug der Polizei: 2/2

Loch in einer Scheibe bei Festtool: 1/keine Angabe

In die Luft: 7/7 (keine Zahlenangabe)

Suizid: 1/1

Waren wir zuvor mit der linksseitigen Rechnung - ohne dem Kringel an der Kreuzung - auf 45 Patronen gekommen, so werden die angegebenen 46 Patronen bei Schattauer entgegen der vorherigen Polizeiversion nun tatsächlich erreicht. Der Schuss, den der Täter beim Überqueren der Wertstraße angeblich abgegeben haben soll, fiel ebenso weg wie ein Schuss bei dem Doppelmord im Autohaus. Dazu bleiben die drei Kringel hinter dem Blutfleck (Spur 18) auf dem Gehsteig gegenüber dem Autohaus Hahn äußerst fragwürdig. Was für uns nach 3 Patronenhülsen ausgesehen hatte, die möglicherweise ausgestreut worden waren, soll es sich laut Schattauer um 4 verlorene Patronen gehandelt haben, die nicht aufgehen, erst recht nicht mit mindestens einer Hülse für die angebliche Wiederaufnahme des Schusswechsels. Um die zuvor weggefallenen Schüsse auszugleichen, könnten sie an diese Stelle hinzuaddiert werden. Es bleibt sich aber gleich: ob drei oder ein Schuss sowie vier verlorene Hülsen. Fakt ist, dass die Spurensicherung nur drei Kringel gezeichnet hatte. Somit stimmt die Angabe bei Schattauer ohnehin nicht. Denn ansonsten müsste sich der vermeintliche Täter gleich zweimal an zwei verschiedenen Stellen gebueckt haben. Und, ja, bei der angebliche erneuten Aufnahme des Schusswechsels gar nach vorne gestuermt sein - siehe Fotos der Markierungen.

Das ist ein absoluter Schwachsinn. Die fehlenden 6 Patronen tauchen dafür nun an einer ganz anderen Stelle auf: im Autohaus. Davon war bislang aber nichts bekannt, es war auch nach dem Doppelmord niemand mehr da gewesen, es gibt auch keinen Hinweis und keine Spur, dass der Täter an anderer Stelle aus dem Autohaus geschossen haben könnte. Und natürlich können wir diese 6 angeblichen und neuen Schüsse innerhalb des Autohauses auch nicht beweisen.

Außerdem entfällt auch bei Schattauer nach wie vor - und sicherlich aus gutem Grund - die Szene bei dem VW-Touran am Straßenrand bei „Ritter-Aluminium“, wo die Spurensicherung nach neuester Erkenntnis 5 (!) Hülsen von Pistolenmunition aufgefunden hatte.

Das Groteske hierbei ist auch noch, dass es zufällig die gleiche Anzahl an Patronen ist, wie der eine Polizist an Schüssen aus seiner MP in Richtung des Parkplatzes und des Täters abgegeben haben soll. Ist dies wirklich nur ein Zufall, zumal dessen Hülsenspuren nicht mehr eruiert werden konnten? Oder hat man es sich mit dieser Geschichte doch etwas zu einfach gemacht? Denn die Schüsse in den VW-Touran kann er von dort aus nun wirklich nicht verursacht haben.

Somit bleibt das bisherige Fazit bezüglich der Hülsenspuren in Wendlingen bestehen: Teile der polizeilichen Angaben sind falsch. Und es ändert nichts an dem Umstand, dass der vermeintliche Täter vom Parkplatz aus während einer relativ langen Zeit kaum geschossen hat.

Zu den Ereignissen im Klinikpark in Winnenden kann in diesem Zusammenhang nur festgestellt werden, dass die Polizei - bislang - immer angegeben hatte, dass Franz-Josef Just mit 9 Schüssen ermordet wurde. Erst Schattauer schreibt hier von 15 „Schusswunden“. Die tatsächliche Anzahl der Schüsse anhand der Hülsenmarkierungen festzustellen, war uns im Nachhinein nicht mehr möglich gewesen. Nur noch einige wenige Markierungen hatten später lokalisiert werden können.

Womit wir nun zur Albertville-Realschule kommen. Wir werden versuchen, anhand der Angaben von Schattauer zu rekonstruieren, wo der Täter mit welcher Munition und wie oft geschossen haben soll.

Das Morden begann in Raum 305 bei der Klasse 9c, wo der Täter 10 Schüsse abgegeben haben soll. Der Munitionstyp wird leider nicht genannt. Es folgten anschließend 2 Schüsse auf die Lehrerin im Flur sowie 2 Schüsse durch das Atrium. Die Gesamtzahl der Schüsse im Raum 301 soll vorerst ausgeklammert werden. Es geht weiter mit 10 Schüssen auf die drei hinzukommenden Lehrerinnen im hinteren Flur, 2 Schüsse durch die Tür des Physik-/Chemie-Raumes, 1 Schuss auf die Polizisten und 1 Schuss, welcher die Frau Braun verletzte. Ohne die Schüsse in der 10d kommen wir bislang auf 28 Schuss bzw. Patronen.

Ausgehend von der neuen Berechnung mit dem Schluß, dass in der Schule 52 Patronen (statt der vorherigen 58) abgefeuert worden sein sollen, bleiben folglich noch 24 Patronen (möglicherweise 11+13) bei zwei Auftritten für den Raum 305 der Klasse 10d übrig.

Schattauer bringt leider einzig bei der tschechischen S&B-Munition konkrete Informationen. Von den genannten 50 verbrauchten Patronen berichtet er von 48 Stück, von denen er 19 Hülsen in den Fluren der Schule als aufgefunden angibt. Allerdings können es anhand seiner eigenen Schilderung nur 18 Stück gewesen sein. Oder er hat eine nicht verbrauchte, aber verlorene Patrone hinzugezählt. 15 Patronen der S&B-Munition sollen im Raum 301 abgeschossen worden sein, 2 auf den Arbeiter im Park und 14 in Wendlingen.

Die 20 verschossenen Patronen des US-Herstellers Magtech sollten - wir wissen es nicht - in Wendlingen aufzufinden sein, würden wir voraussetzen, dass die Geschichte mit der plötzlich aufgefundenen Patronenschachtel im Fahrzeug von Igor Wolf der Richtigkeit entspricht.

So unvollständig diese Informationen auch sind, welcher Rückschluß lässt sich daraus ziehen? Wir müssen erst einmal die zuvor präsentierten Informationen um weitere ergänzen. Schattauer selbst erzählt in seinem Buch, dass Tim K. die Patronen lose tranportiert haben soll. Zuerst in seinem Rucksack, dann in den Jackentaschen. Mit Ausnahme einer (angebrochenen) Schachtel der Firma Magtech und deren Patronentyp, deren Anzahl mit 74 angegeben wird. Diese Schachtel will man später angeblich in dem VW-Sharan gefunden haben - leer.

Mit diesen zusätzlichen Informationen machen wir uns ans Werk.

1. 10 Schüsse in Raum 305: unbekannter Munitionstyp.

2. Magazinwechsel, da anschliessend ein anderer Munitionstyp verwendet wurde. Da sich keine weitere Patrone des unbekannten Typus mehr im Lauf befunden haben kann, muss das Magazin nach den 10 Schuss leer gewesen sein. Das neue Magazin ist ausschliesslich mit S&B-Munition bestückt.

3. 2 Schüsse auf die Lehrerin im Flur: S&B-Munition.

4. 2 Schüsse durch das Glas des Atriums: S&B-Munition.

5. Bei zwei Auftritten insgesamt 24 Schüsse, davon 15 Patronen der Marke S&B, was auf ein entsprechend aufgefülltes Magazin hindeutet.

5a. Erster Auftritt in Raum 301. Entweder 11 Schuss mit S&B-Munition.(Wahrscheinlicher).

5b. Oder 13 Schuss mit unbekannter und S&B-Munition.(Unwahrscheinlicher).

6. Magazinwechsel bzw. Nachladevorgang. Sollte der Täter tatsächlich nur zwei Magazine besessen haben, müsste nun das Nachladen der einzelnen Patronen in die Magazine vollzogen worden sein. Es sei denn, er hätte zuvor das eine verschossene Magazin vor dem Mordanschlag in Raum 301 aufgefüllt. Wie auch immer.

7a. Der zweite Auftritt in Raum 301. Entweder 13 Schuss mit unbekannter und S&B-Munition. (Wahrscheinlicher).

7b. Oder 11 Schuss mit S&B-Munition. (Unwahrscheinlicher).

8. Magazinwechsel bzw. Nachladevorgang. Denn:

9. 10 Schüsse auf die drei Lehrerinnen im hinteren Flur, von denen zwei starben: S&B-Munition.

10. 2 Schüsse durch die Tür, welche die Referendarin trafen: S&B-Munition.

11. 1 Schuss in Richtung der Polizisten: S&B-Munition.

12. 1 Schuss, welcher zum Schluss die Frau Braun traf und verletzte: S&B-Munition.

Und nun haben wir ein Problem mit den Angaben feststellen müssen.

Denn wie ist es mit nur zwei Magazinen möglich, nach deren Verschuß eines wieder mit Patronen zu füllen, die exakt einer einzigen Marke angehören?

Was hatte uns Schattauer zuvor erzählt? Von der angebrochenen Schachtel Magtech abgesehen, hätten sich die 121 Patronen uns unbekannter Herkunft und die 90 Stück der Firma S&B lose im Rucksack befunden, aus denen sie abermals lose und vermengt in die Jackentaschen des Täters geschaufelt worden wären.

Wir haben somit den Beleg, dass entweder die Geschichte mit den losen Patronen usw. ein völliger Unsinn ist oder es gab ein drittes, vorbereitetes Magazin. So oder so, ein Teil der Geschichte stimmt auch hier nicht. Ein klassisches Eigentor. Erzielt bei dem Versuch, den Leser mit „glaubwürdigen Daten und Informationen“ zu überzeugen. Und dann doch noch der Lüge und Fehlinformation überführt zu werden, schlimm.

Für uns kaum nachvollziehbar ist der weitere Verlauf bezüglich des Munitionstyps.

14. Wechseln des Magazins. Denn während seiner Flucht wird er kaum ein Magazin bestückt haben können. Also hat der Täter zuvor ein volles Magazin besessen, wobei allein hier sich die Frage aufdrängen muss: wann hat der Täter nicht nur die Nerven, sondern auch die Zeit gehabt, seine Magazine Patrone für Patrone aufzufüllen? Und dann auch noch:

15. Der Mord mit 15 „Schusswunden“ an dem Handwerker Just im Park des Klinikums. Davon 2 Patronen der Marke S&B. Opfer tot, Magazin wieder leer. Dann wieder Flucht, kein Nachladen möglich, wurde auch nicht berichtet. Und nun?

16. Entführung des Igor Wolf mit einer fast leergeschossenen Waffe. Nur noch eine Patrone im Lauf. (15 auf Just verschossen, doch muss sich vorher noch eine Patrone in der Kammer befunden haben).

Und was bedeutet dies? Nehmen wir einmal an, dass Wolf kein Lügner ist. Ein Magazin muss der Täter während der Fahrt nachgeladen haben. Dann muss er das Magazin seiner Pistole ausgetauscht haben, wovon Igor allerdings nie berichtet hat, um dieses ebenfalls nachzufüllen.

Ein Magazin, zwei oder drei - wer weiss das schon genau.

Wir sind überzeugt, bei nächster Gelegenheit wieder von 9 Schüssen/Schusswunden bei Herrn Just zu hören.

Aber wen interessiert es nach diesen Erkenntnissen noch, was aus den 74 US-Patronen wurde, von denen aber nur 30 in zwei Magazine passen. Oder war die Schachtel überraschend frühzeitig leer gewesen?

Weiter zu: Teil 6.1 - Desinformationskampagne IIa

Zuletzt geändert: 03/05/2016 03:28