Teil 2.2 - Wendlingen

(Autor: Rüdiger Rohde)

B. Das Autohaus Hahn. Teil 1.

Dem angeblichen Täter soll es also gelungen sein, mit seiner Beinwunde ins Autohaus Hahn zu flüchten. Dort soll er sogleich einen Verkäufer mit seiner Waffe bedroht haben, um die Herausgabe eines Autoschlüssels zu erzwingen. Der angesprochene Verkäufer soll dann gesagt haben, dass er einen Autoschlüssel holen müsse und sei daraufhin Richtung Betriebsbüro weggegangen und geflüchtet.

Womit der vermeintliche Täter offenbar nicht gerechnet zu haben scheint.

Offensichtlich muss der angebliche Täter dann sehr sauer gewesen sein, denn er ging daraufhin laut Polizeibericht in den hinteren Verkaufsraum, um dort den Autoverkäufer Denis Puljic sowie dessen Kunden Sigurt Wilk, die da gerade ein Verkaufsgespräch führten, schussgewaltig niederzustrecken. Der Täter soll auf kurze Distanz gleich 13 Schüsse auf die beiden Männer abgefeuert haben. Der Schrank hinter ihnen soll anschließend ganz durchlöchert gewesen sein, so berichtete ein Mitarbeiter später im TV.

Soweit die offizielle Geschichte durch die Behörden.

Das Autohaus Hahn.

Man stellt nun fest, dass es sich bei dem Autohaus Hahn um eine ganz besondere Firma handeln muss, mit ganz besonderen Mitarbeitern.

Während draußen, gegenüber und fast vor der Tür nach den Angaben der Polizei eine ganze Weile wüst herum geschossen wurde, hat sich offenbar im Autohaus Hahn niemand dafür interessiert. Hätte jemand mit Hilfe der dortigen Vollverglasung nachgeschaut, nur ein einziger, dann hätte die Schießerei beobachtet werden und die anscheinend stocktauben Mitarbeiter (und Kunden) informiert werden können. Und nicht nur das, man hätte einen blutverschmierten Mann mit einer Waffe in der Hand auf die Firma heranhumpeln sehen können.

Nein, stattdessen befanden sich alle ordnungsgemäß auf ihren Plätzen, wo offenbar nichts zu hören und zu sehen war. Verkäufer wickelten gelassen ihre Verkaufsgespräche ab und ein Mann am Schalter soll ungezwungen den Pistolenmann empfangen haben. Und das alles auch noch während der Mittagspause.

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Autohaus Hahn von vorne.

Ist dies nicht eigenartig?

Bei der gegenüber befindlichen Paketdienst-Firma DPD hatten Angestellte nicht nur über das Schulmassaker in Winnenden gesprochen, man war laut Zeugen nach dem Vernehmen des Schusswechsels auch nachschauen gegangen. Auch wenn diese Mitarbeiter nichts Wesentliches gesehen haben, doch hat es eine Reaktion gegeben, eine ganz normale Reaktion. Überall. In allen Firmen.

Nur nicht im Autohaus Hahn.

Dieser Umstand müsste auch dem oberflächlichsten Beobachter aufgefallen sein. Und er lässt nur einen einzigen Schluss zu.

(Als wir gegenüber dem Autohaus fotografiert und vermessen hatten, hatten wir auch ohne Lärm die Aufmerksamkeit von gleich drei Mitarbeitern zugezogen, die uns durch das Glas beobachteten).

13 Schüsse aus naher Distanz auf zwei sitzende und unbewaffnete Männer. Das erinnert an den Toten im Park der psychiatrischen Klinik in Winnenden.

Ausgehend davon, dass der Mörder zuvor wieder nachgeladen haben musste, was aber nur noch im Gehen und direkt beim Eingang gewesen sein kann, muss er sich ja bei dieser Gelegenheit abermals fast verschossen haben. Nur noch 2 Schuss im Magazin, aber die Polizei draußen und der andere Autoverkäufer mit einem Kunden in seiner unmittelbaren Nähe. Offenbar war es ein wütender, impulsiver Doppelmord gewesen, aber wieder einmal kein intelligenter.

Warum der angebliche Täter gleich dreizehn mal auf kurze Distanz auf die beiden Männer geschossen hat, bleibt ungeklärt.

Um zu demonstrieren, wie wütend er, der Täter, gewesen war?

Um zu demonstrieren, dass er, der Täter, Amok lief?

Und falls ja, wem wollte er es demonstrieren?

Warum wurde sonst niemand erschossen?

Und warum waren Autoschlüssel danach offenbar kein Thema mehr?

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Autohaus Hahn, Innenansicht.

Der Mörder hatte also die beiden wehrlosen Männer aus nächster Nähe gleich mit 13 Schüssen erschossen und daher das Magazin seiner Waffe wechseln müssen.

Gleich nebenan, nur wenig durch eine Blende abgetrennt, hatte sich ein anderer Verkäufer befunden, der sich zuvor ebenfalls ganz gelassen mit einem Kunden in einem Verkaufsgespräch befunden hatte.

Auch sie hatten vorher offenbar nichts mitbekommen und scheinen erst von den Schüssen 6 Meter nebenan aufgeschreckt worden zu sein.

Deswegen waren sie - offensichtlich - auch nicht geflohen, sondern hatten sich in Deckung begeben und erst in dem Moment, als der Täter das Magazin wechseln musste – und das muss man aus der Deckung ja auch erst einmal wahrnehmen oder beobachten, die Gelegenheit zur Flucht durch den Hinterausgang (zum Parkplatz für die Gebrauchtfahrzeuge) ergriffen.

Dabei hatte der angebliche Täter ja noch großes Glück, dass die beiden Polizisten, mit denen er zuvor noch so eifrig geschossen hatte, freundlicherweise auf eine direkte, schnelle Verfolgung verzichtet hatten. Wir erinnern uns: laut Polizei soll der Täter irgendwelche Autoschlüssel verlangt haben. Er muss demnach herumgestanden sein und ein wenig gewartet haben. Denn schließlich sei ein Holen der Schlüssel von einem Mitarbeiter vorgetäuscht worden.

Man kann also zusammenfassend feststellen, dass die Angestellten des Autohauses Hahn und die Kunden bei bester Aussicht alle Vorgänge draußen vor der Tür ignoriert haben, sie haben es sogar ignoriert, als der Täter mit der Waffe in der Hand von einem Mitarbeiter die Autoschlüssel verlangt hatte, andere sollen erst durch die Schüsse in unmittelbarer Nähe aufmerksam geworden sein.

Nichts sehen und nichts hören? Nichts sagen sowieso.

Der überlebende Autoverkäufer Leonardo Borazio ist für das Fernsehen interviewt worden – an seinem Arbeitsplatz übrigens, und dennoch seltsam unaufgeregt.

Er schilderte dem Reporter, was sich an jenem Tag nur wenige Meter von ihm entfernt ereignet haben soll. Dies schaffte er, ohne auf den Täter einzugehen, ohne ihn zu benennen oder zu beschreiben, Verletzungen zu bemerken, keine Erwähnung der Schießerei vor dem Autohaus, keine Erwähnung der Polizei, nicht einmal eine Story um die Herausgabe eines Autoschlüssels.

Unbeantwortet blieb auch die Frage, wie lange der - offenbar - dümmliche Täter seine Waffe nachgeladen und warum er den Flüchtenden nicht nachgeschossen hatte.

Dieses Interview blieb in bemerkenswerter Weise alles andere als informativ.

Andere Zeugen vom Autohaus sind bedauerlicherweise nie öffentlich geworden.

Der FOCUS gab in einem Artikel vom 16. März 2009 an, dass sich etwa zehn Personen im Verkaufsraum des Autohauses aufgehalten haben sollen: zwei Kundendienstmitarbeiter, zwei Mitarbeiterinnen im Betriebsbüro, ein weiterer Angestellter an der Kasse, drei Autoverkäufer und zwei Kunden.

Es ist aber nicht geklärt, wer von diesen Personen tatsächlich anwesend gewesen war. Denn zu dem beschriebenen Zeitpunkt war Mittagspause. Es ist somit auch nicht geklärt, wer den Täter tatsächlich zu Gesicht bekommen hat.

Fazit:

Die Situation im Autohaus kann sich so niemals ereignet haben, jedenfalls nicht in dem offiziell geschilderten Kontext zur vorherigen Situation mit der Schießerei.

Es kommen nur folgende Möglichkeiten in Betracht:

1. Die Geschichte von der Überraschung im Autohaus ist komplett gelogen und es hat sich alles ganz anders dort abgespielt.

Problem: es gibt Zeugen, die nicht umgekommen sind.

2. Die vorherige Schießerei ist eine Erfindung.

Problem: es gibt eine Reihe von Spuren, sofern diese nicht nachträglich gelegt worden sind, es gibt Zeugen, welche die Schüsse zumindest gehört und teilweise gesehen haben, es gibt einen Zeugen, der zumindest einen Teil dieser Situation beobachtet hat, und es existiert jene vom SPIEGEL gezeigte kurze Video-Sequenz, welche zumindest die „Belagerung“ des Autohauses anzeigt, aber auch das an der Ecke stehende Polizeifahrzeug nahe dem Luxor.

3. Da die Situation mit der Schießerei auf der Straße die Situation im Autohaus ausschließt, andersherum aber auch die Situation im Autohaus jene der Schießerei ausschließt, bleibt als einzige Erklärung für diese beiden Situationen nur noch jene übrig, dass beide Ereignisse in etwa parallel stattgefunden haben müssen. Zuerst im Autohaus und einen Tick später die Schiesserei auf der Straße.

Es gibt keine andere Möglichkeit, um diese beiden Ereignisse zu verknüpfen, ohne dass sie sich gegenseitig ausschließen.

Und es liefert uns den Nachweis, dass mindestens zwei Personen involviert gewesen sein müssen – ein echter und ein falscher Täter. Wobei die Person auf dem Gehweg nicht als der Mörder im Autohaus in Betracht kommen kann! Da es sich laut Polizei bei dieser Person um Tim Kretschmer gehandelt haben soll, besitzt dieser somit ein Alibi für die Morde bei Hahn.

Der tatsächliche und uns unbekannte Mörder muss sich bereits im Autohaus befunden oder es gerade betreten haben. Dort startete er seinen Überfall und ermordete Denis Puljic und Sigurt Wilk mit aggressiven 13 Schuss. Er beschränkte das Töten nur auf diese beiden Männer.

Die Schüsse im Autohaus müssen das Signal gewesen sein, um sofort auf der Straße den Schusswechsel zu beginnen.

Wir wissen nicht, ob es sich bei der Person auf dem Gehweg um Tim Kretschmer gehandelt hat oder nicht.

Aber eines stellen wir hier ganz sicher fest: die vorgestellten Erkenntnisse ergeben nun einen Sinn, die Lügen der Polizei und der Staatsanwaltschaft ergeben keinen Sinn…

Die Rolle des Tim Kretschmer bleibt dennoch ungeklärt , ebenso wie auch seine Beziehung zu dem Mörder im Autohaus.


C. Das Autohaus Hahn. Teil 2.

Die Situation soll sich nach dem Doppelmord im Autohaus wie folgt dargestellt haben:

Der Täter habe seine Waffe nachladen müssen, woraufhin der noch anwesende Verkäufer Borazio und sein Kunde die Gelegenheit zur Flucht ergriffen hatten.

Laut DPD-Mitarbeitern sollen die Angestellten des Autohauses Hahn zu DPD geflüchtet sein. DPD befindet sich gegenüber dem Haupteingang des Autohauses. Demnach müssen diese Mitarbeiter durch die Werkstatt nach vorne heraus geflohen sein. Dies ist insofern nicht uninteressant, weil es die Frage erlaubt, warum sie nicht durch die Hintertüren Richtung des Firmengeländes von „Ritter-Aluminium“ geflüchtet sind. Außerdem wird die Belegschaft kaum geschlossen geflohen sein. Hier besteht noch Klärungsbedarf.

Doch zurück zum Täter im Autohaus. Dieser hatte natürlich ganz eilig das Magazin wechseln müssen, waren doch schließlich Polizisten auf seinen Fersen, um nicht zusagen: sie befanden sich in unmittelbarer Nähe. Schließlich hätte der Täter nicht wissen können, dass die beiden Polizisten ihm gar nicht nachsetzten.

Normalerweise nicht.

Wir wissen nicht, wie die beiden eingangs erwähnten PHK Rehm und PHK Schäfer weiter vorgegangen sein sollen. Oder was sie sonst noch zu tun hatten. Sollte sich vielleicht einer von ihnen dem Autohaus über den Werkstattbereich angenähert haben? Ein Polizist war jedenfalls vor dem Autohaus nahe dem Gehweg hinter einem Fahrzeug in Deckung gegangen - laut einer Videosequenz von SPIEGEL-TV.

Es passierte aber nichts. Trotz der Schüsse im Autohaus, die angeblich erst wenig später gefallen sein sollen.

Die Polizisten verlegten sich interessanterweise auf eine mittelalterlich anmutende Belagerung der Vorderseite des Autohauses.

Nur: welche Polizisten? PHK Rehm und PHK Schäfer sollen angeblich uniformiert gewesen sein; der Polizist, der bei SPIEGEL-TV auf dem Gehweg vor dem Autohaus hockte, war aber eindeutig zivil gekleidet.

Was wurde aus den beiden Beamten, PHK Rehm und PHK Schäfer? Was unternahmen sie? Ihre Geschichte endet hier.

Doch dann, es soll angeblich etwa gegen 12.15 Uhr gewesen sein, soll ein weiterer Streifenwagen der Polizei Esslingen eingetroffen sein. Dieser soll erstaunlicherweise direkt vor dem Haupteingang vorgefahren sein, um dort rund zehn Meter vor dem Eingang zum Stehen zu kommen. Dort stand er auch später noch, als die Spurensicherung ihrer Arbeit nachging und die ersten TV-Leute ihre Kameras aufgebaut hatten.

Amoklauf an Schule in Winnenden

Autohaus Hahn mit dem Streifenwagen nahe dem Eingang.

Laut der offiziellen Erklärung sei dieses Polizeifahrzeug daraufhin vom innerhalb des Gebäudes befindlichen Täter mit insgesamt 12 Schüssen beschossen worden, jedoch soll dabei so gut wie kein Schaden angerichtet worden sein.

Links am Bildrand der Streifenwagen. Unter dem Schild „Hahn Automobile“ die Glasscheibe mit den Schusslöchern.

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Auch hier sehen wir uns einer absurden Situation gegenüber.

Die neu eingetroffenen Kollegen von der Polizei sollen gleich direkt vor die Tür der Autohandlung gefahren sein. Da sie sich somit einem äußerst hohen Risiko ausgesetzt haben müssen, würde man der Polizeidarstellung folgen, ist dieses Verhalten als unglaublich dumm und fahrlässig zu bewerten. Unwissenheit kann es nicht gewesen sein.

Und es erstaunt noch etwas ganz anderes:

Laut BILD vom 12. März hatte der Polizeidirektor von Esslingen, Hans-Dieter Wagner, gesagt, dass der Täter in ein Firmengebäude geflüchtet sei. Und dass er dort mindestens 12 Schüsse durch die Scheibe auf einen Streifenwagen abgegeben habe.

In der ZDF-Reportage (Teil 3, auf youtube) sagte er folgendes:

„Er hat ganz offensichtlich aus dem Autohaus nach draußen gefeuert, als er die heranfahrenden Polizeikräfte bemerkt hatte. Unter anderem – Sie sehen hier im Hof noch einen Streifenwagen, der eine… äh… Streifspur aufweist. Also, für uns ein eindeutiges Indiz, dass er auf die herannahenden Polizeikräfte gezielt und geschossen hat.“

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Der Polizeidirektor von Esslingen war im März 2009 ein gefragter Mann. Nur an den Antworten hatte es leider „gehapert“.

Wir folgen dem großartigen Kenntnisstand des Herrn Wagner mit Entzücken. 12 Löcher in der Scheibe, von denen auf Fotos (nur) 9 ersichtlich sind. Offensichtlich. Und was die Richtung der Schüsse anbelangt: es gibt nur zwei. Offensichtlich.

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Die Durchschüsse im Glas der Autohandlung Hahn.

Ansonsten scheint sich der Herr Wagner offensichtlich nicht ganz so sicher gewesen zu sein. Doch zum Glück hatte er vor dem Autohaus mit dem direkt vor dem Eingang abgestellten Polizeiwagen ein „Indiz“ stehen gehabt. Weil die Aussagen seiner Untergebenen offensichtlich wenig erhellend gewesen sind.

Was war aber aus den todesmutigen Polizisten geworden, welche den Wagen vor den Eingang gefahren haben müssen? Die hätte man doch fragen können?

Aber: wo sind sie denn abgeblieben? Hatten diese etwa das Weite gesucht?

Sie waren verschwunden. Zumindest für die Öffentlichkeit, denn eine weitere Aktivität ist auch hier nicht bekannt.

Eine ganz merkwürdige Situation. Vielleicht waren auch dem Polizeidirektor Wagner innere Zweifel gekommen, so dass er sich lieber nur auf das „Indiz“ vor der Tür berufen wollte.

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Ein Beamter der Spurensicherung vor den Durchschüssen.

Betrachten wir uns die Löcher in der Scheibe. Erst einmal kann man feststellen, dass nur 9 von den 12 Durchschusslöchern auf veröffentlichten Fotos dokumentiert sind. Auf einem privaten Video wurde der Verbleib des zehnten Geschosses offensichtlich: es steckte von innen in dem Metallrahmen zwischen der großen oberen und der kleinen unteren Glasscheibe.

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Es gibt bedauerlicherweise kein Fotomaterial von der unteren kleinen und verdeckten Scheibe. Da diese aber nachweislich herausgenommen und ausgewechselt wurde, müssen wir an dieser die Beschussschäden der übrigen beiden Kugeln vermuten.

Die 9 sichtbaren Durchschüsse scheinen, soweit ersichtlich, tatsächlich von innen nach außen abgegeben worden zu sein, weil sich die Löcher nach außen wie Trichter öffnen, wie es bei Durchschüssen üblich ist. Schuss 10 erfolgte ebenfalls von innen.

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Schusswirkung von vier Geschossen durch das dicke Glas.

Auffällig ist hier das Schussbild. Während sechs Durchschüsse relativ nah zueinander angeordnet sind und somit einen präzisen Waffengebrauch aufzeigen, fallen drei Durchschüsse aus dem Rahmen. Diese sind viel zu weit oben und dürften in den Himmel gegangen sein. Die drei restlichen müssen sehr flach abgegeben worden sein, einer in den Rahmen, zwei durch das untere Glas.

Somit haben wir ein Schussbild mit sechs präzisen (evtl. Richtung Polizeifahrzeug), drei flachen (welche den Polizeiwagen oder noch eher den dort abgestellten alten VW-Golf zwischen den Reifen beschädigt hätten,) und drei scheinbar unmotiviert nach oben ins Nichts abgegebenen Geschossen (Himmel oder Hubschrauber?).

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Das Schussbild der 9 von 12 Geschossen.

Die sechs präzise abgegebenen Schüsse sollen ja auf den Streifenwagen vor der Tür abgegeben worden sein. In der Tat zeigt eine TV-Aufnahme bei Regio-TV in einer Einstellung, dass sich der Streifenwagen genau in der Schusslinie gemäß den Löchern in der Scheibe befunden hatte.

Sechs präzise Schüsse und nur ein Streifschuss rechts hinten am Fahrzeug?

War der Polizeiwagen nicht groß genug gewesen, um ihn zu treffen? Auf wen oder was soll dort geschossen worden sein? Der davor befindliche weiße Kombi wurde nicht ein einziges Mal getroffen!

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Der Streifenwagen vor dem Autohaus.

Auf dem Screenshot von Regio-TV wird zudem deutlich, dass sich das Polizeifahrzeug zwar in Schussrichtung befunden hat, doch der Winkel dürfte nicht so recht passen. Der Wagen steht nicht parallel zur Schussbahn, sondern in einem spitzen Winkel zu diesem. Das macht einen Streifschuss unmöglich. Das Geschoss hätte in das Fahrzeug einschlagen müssen.

Da dem nicht so ist, ist dieser Polizeiwagen niemals aus dem Autohaus heraus beschossen worden.

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Hier ist die Markierung deutlich zu sehen. Eine Spurennummerierung ist nicht ersichtlich. Der Vergleich mit dem obigen Bild macht es deutlich: ein Streifschuss durch eine aus dem Autohaus abgegebene Kugel ist nicht möglich.

Als einziges Fahrzeug mit Beschädigungen wurde ein alter VW-Golf markiert, welcher sich zusammen mit dem oben erwähnten weißen Kombi in etwa zwischen Glasfassade und dem Polizeiwagen befunden hatte. Dieser VW-Golf hatte zwei von der Spurensicherung markierte Bereiche an der Frontscheibe, die gemeinschaftlich mit der Spur Nr. 29 gekennzeichnet worden sind. Es handelt sich dabei nicht um Einschüsse ins Glas, sondern um eher oberflächliche Beschädigungen, wie sie durch Splitter entstehen.

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Vollkommen ungeklärt sind die von der Spurensicherung großflächig markierte Spur Nr. 27 außen vor der kleineren Scheibe der Fassade (Glassplitter?) und daneben ein einzelner Kringel als Spur Nr. 28, der auf Blut oder eine Patronenhülse hinweisen könnte. Allerdings hatte sich hier allen bisherigen Ermittlungen zufolge niemand aufgehalten. Von der Polizei bzw. von der Staatsanwaltschaft gibt es dazu keinerlei Informationen.

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Noch einmal kurz zurück zu dem Verbleib der 12 durch die Scheibe abgegebenen Schüsse.

Gegenüber waren die Spuren 15 bis 21 markiert worden. Ein Stück weiter haben wir die Spuren 22 und 23. Das Loch in der Fassade der Logistik-Firma wurde mit 24 nummeriert, die beiden Löcher im schwarzen Van mit 25 und 26. Vor dem Autohaus wiederum die Spuren Nr. 27-29, wobei die Herkunft von Nr. 27 und vor allem 28 unklar sind. Der Polizeiwagen könnte demzufolge Nr. 30 erhalten haben, doch ist dies nirgendwo belegt.

Die Schüsse durch das Glas vom Autohaus hat es aber definitiv gegeben. Doch wo sind diese in weiterer Folge abgeblieben? Sie scheinen nicht dokumentiert worden zu sein. (Selbst bei verminderter Energie der deformierten Geschosse).

Besonders auffällig an der Spurennummerierung ist der Umstand, dass der Streifschuss am Polizeifahrzeug zwar hübsch eingekringelt wurde, aber keine Spurenziffer erhielt, zum Beispiel mit der Nummer 30.

Ein Pappschild mit einer Nummer war ebenfalls nicht zu erkennen gewesen.

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Skizze zur Spurenlage vor dem Autohaus Hahn.


Hollywood.

SPIEGEL-TV (Amoklauf in Winnenden, 4. Teil auf Youtube) hatte eine kurze Videosequenz ausgestrahlt, welche etwa aus Richtung Festtool gefilmt worden ist. Offensichtlich war man auch dort aufmerksam geworden.

Diese kurze Sequenz zeigt in ihrem Ausschnitt eine Situation vor dem Autohaus Hahn. Zu sehen ist ein Polizist in Zivilkleidung, weißer Kapuzenpulli, der neben dem Gehweg vor dem Autohaus hockt, gedeckt durch ein Fahrzeug. Zu erkennen ist auch der Polizeiwagen hinten beim Casino „Luxor“ sowie jener auf dem Vorhof der Autohandlung nahe dem Eingang. Akustisch wahrzunehmen sind bei dieser Videosequenz drei Schüsse sowie drei Schüsse in einer anderen Tonlage.

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Der Polizist auf dem Gehweg in Deckung. Screenshot aus dem von SPIEGEL-TV ausgestrahlten Video.

Es ist nicht ersichtlich, wer diese Schüsse abgegeben hat. Da es sich um zwei Waffen handeln muss, kann es sich zum einen um Polizei- und Täterwaffen oder um zwei Polizeiwaffen gehandelt haben. Auf jeden Fall schoss auch die Polizei, was der SPIEGEL-Redakteur übrigens ebenso empfand.

Nun kann man, muss man fragen, worauf die Polizei geschossen haben will. Hat sie den Täter im Autohaus genau erkennen können? Hatte die Glasfassade von außen nicht gespiegelt, wie bei den meisten der späteren TV-Bilder? Hatte die Polizei vorne schon gewusst, dass sämtliche Mitarbeiter aus der Autohandlung geflohen waren? Und hat sie demnach schon gewusst oder etwa nur geahnt, dass der angebliche Täter auf eine Geiselnahme verzichten würde?

Was für einen Eindruck muss man hier bekommen?

Dass wir eine Western-Szene vor uns haben?

Nicht nur das: auch zu dieser Situation konnten später keine Markierungen der Spurensicherung vorgefunden werden. Das betrifft einerseits weitere Hülsen an Polizeimunition vor dem Autohaus, andererseits aber auch der unerklärliche Verbleib der Schusswirkung der Polizeipistolen.

Wie ist das möglich? Wie ist das die ganze Zeit möglich?

Kann sich der angebliche Täter möglicherweise auch kurz im Werkstattbereich aufgehalten und sich dort den Polizisten gezeigt haben? Von dieser Örtlichkeit gibt es keinerlei Bildmaterial. Beschädigungen an der Fassade konnten dort im Nachhinein jedenfalls nicht vorgefunden werden. Und im dicken Glas des Schauraumes außer den erwähnten 12 Löchern, von denen alle zehn sichtbaren alle von innen abgeschossen worden sind, kein einziges weiteres Loch.

Die Spurensicherung hätte diesen Befund sicherstellen, markieren und nummerieren müssen. Dafür gibt es allerdings keinen einzigen Hinweis.

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Eine Schiesserei beim Autohaus, aber keine Schusswirkung und keine Markierungen für die Patronenhülsen.

Was stimmt nun hier wieder nicht?

Ist das vorhandene Spurenbild falsch, keine Hülsen und keine Schusswirkung, oder sind die durch die Polizei abgegebenen Schüsse falsch?

Bestand das Spurensicherungsteam aus einer Bande von unfähigen Schwachköpfen? Und hatte sie abermals nichts markieren können, weil sie schlichtweg rein gar nichts vorgefunden haben?

Was mag nun naheliegender sein?

Dieses Filmmaterial wirft neue Fragen auf.

Die gezeigte Vorgehensweise der Polizei entspricht nicht den Vorstellungen, dass Unbeteiligte geschützt werden sollen. Es sei denn, sie hätten bereits gewusst, dass es im Autohaus keine Unbeteiligten mehr gegeben hat. Aber woher? Vor allem aber zeigt es eine Situation, die mit der Spurenlage nicht vereinbar ist.

Von der Situation im Autohaus haben wir keinerlei Kenntnis. Weder sind uns die Spuren im Inneren bekannt, noch die Handlungen der beteiligten Personen.

Klar ist, dass nichts klar ist. Weder die genaue Ankunft des Polizeiwagens direkt vor dem Eingang des Autohauses, noch – und erst recht – der Verbleib der Besatzung. Unklar ist, ob sich der Mörder noch im Autohaus aufgehalten hat oder nicht. Eher nicht, möchte man annehmen. Auch ist nicht klar, wann genau tatsächlich die 12 Schüsse von innen durch die Glasscheiben abgegeben worden sind. Nur eines ist deutlich geworden: zuerst die 12 Schüsse durch die Scheibe, dann das Polizeifahrzeug davor auf den Hof gestellt - mit der Schramme am Seitenfenster.

Die Polizisten vorne machten keine Anstalten, in das Gebäude einzudringen oder mit Annäherungen in günstige Schusspositionen Druck auf den angeblichen Täter auszuüben. Stattdessen belagerten sie das Gebäude, und dies erstaunlicherweise nur auf der Vorderseite.

Und sie hinterließen dabei keine Spuren.

Update:

Diese bei SPIEGEL-TV ausgestrahlte Videosequenz suggeriert vielleicht nur einen Schusswechsel zwischen in Deckung befindlichen Polizisten und einem Täter im Autohaus, doch mag dieser Eindruck möglicherweise trügen. Einen Beweis dafür gibt es auch nicht. Zwar hielt die Kamera in einer sehr schlechten Bildqualität eine Situation vor Hahn fest, doch gibt es mittlerweile starke Anzeichen, dass die Schüsse auf der Rückseite des Autohauses fielen.

Dazu konnte einiges Bemerkenswerte festgestellt werden, was aber zu einem späteren Zeitpunkt in einem eigenen Kapitel dargelegt werden soll.

Siehe dann das Kapitel Wendlingen 2.6 (noch in Arbeit).

Weiter zu:

Teil 2.3 - Wendlingen

Zuletzt geändert: 13/04/2016 20:25