Teil 1.0 - Die Darstellung des Tim Kretschmer

(Autor: Rüdiger Rohde)

Die öffentliche Darstellung des Tim Kretschmer durch die Behörden und die Massenmedien im März 2009

Dieser junge Mann, der angebliche Täter, der nach einigen Schusswechseln in Wendlingen tot auf einem Parkplatz „aufgefunden“ (Polizeiangabe) wurde, bekam schnell die Kleidung eines hoffnungslosen Psychopathen übergezogen. Dieses Gewand erwies sich allerdings recht bald als sehr löchrig.

Wie wurde Tim Kretschmer nach dem Massenmord nun dargestellt?

  1. Er habe seinen Amoklauf im Internet angekündigt.
  2. Er habe „Killerspiele“ gespielt, und zwar noch am Vorabend der Tat, wie die Polizei behauptete. So auch noch SPIEGEL-Online am 14. März 2009, nach welchem laut Polizeiangaben die Auswertung von Tims Computer das Spielen von „Far Cry 2“ von 19.30 bis gegen 21.40 Uhr ergeben habe.
  3. Auffinden von rund 200 Sex- oder Pornobildern auf seinem PC, davon 120 Bilder mit Darstellungen von gefesselten Frauen.
  4. Der Vater sei ein Waffennarr und Mitglied in einem Schützenverein, sein Sohn, der angebliche Täter, ebenfalls und noch dazu ein guter Schütze.
  5. Depressionen und fünf (ambulante) Termine in einer Jugendpsychiatrie (Klinik am Weissenhof in Weinsberg) bei gleichzeitigem Bericht von Gewaltphantasien innerhalb eines vertraulichen Gesprächs.
  6. Liebeskummer?, wie zeitweise gemeldet wurde.
  7. Mobbing in der alten Schule.
  8. Einzelgänger.
  9. Habe sich im Internet über vergangene Amokläufe informiert, wobei er unter anderem das Pseudonym „JawsPredator1“ benutzt habe. (Diskussionsforen zu den Schulmassakern in Erfurt und Emsdetten). „Als Autor vermuten die Ermittler den späteren Täter“, so SPIEGEL-Online am 14. März. Nach einigen Wochen blieb von dieser Darstellung nicht mehr viel übrig.


Zu 1)
Die Ankündigung im Internet war eine Fälschung gewesen. Von wem auch immer, denn der Urheber wurde nie festgestellt, zumindest der Öfentlichkeit gegenüber. Tatsache bleibt aber hierbei, dass die Staatsanwaltschaft (Sprecherin: Claudia Krauth), der Innenminister Heribert Rech, der Polizeipräsident Erwin Hetger etc. behauptet haben, entsprechende Daten und Beweise auf dem PC von Tim Kretschmer vorgefunden zu haben.

Das war schlichtweg gelogen. (Spiegel, Tagesspiegel).

Gleichgültig, welche Polizeidienststellen bzw. Polizeioffiziere ihnen von den angeblichen Daten berichtet hatten. Fest steht, wer immer diese Fälschung platziert hatte, die Polizei hatte mit ihrer Lüge diese Fälschung zu unterstützen versucht. Dies ist gravierend genug und lässt die Frage gerechtferigt erscheinen, ob sie nicht auch hinter dem gefälschten Forumeintrag stehen könnte.

Es wurde auch behauptet, dass ein Junge aus Bayern und ein Junge aus Nordrhein-Westfalen sich an diesem Chat in der Nacht auf den 11. März 2009 beteiligt hätten, der Eintrag also existiert haben würde. Dies hatte der Waiblinger Polizeisprecher Klaus Hinderer öffentlich bekannt gemacht.

Wenn dieser Eintrag zur genannten Uhrzeit getätigt wurde, nicht aber von Tim Kretschmer stammte - von wem dann?

Denn dann muss es eine Person geben, die wusste, was am Tag geschehen würde.

Innenminister Recht hatte angekündigt, dieser Sache nachgehen zu wollen und aufzuklären und auch auf die Verbindungsdaten des Servers aus den USA zu warten.

Dies ist aber bis zum heutigen Tag nicht geschehen! Warum nicht? Dieses angebliche Missgeschick verschwand schließlich vollkommen aus der Diskussion.

Update: ein Jahr später, im März 2010, wurde über die Medien mitgeteilt, dass der Urheber dieser Fälschung nicht eruiert werden konnte, da die Verbindungsdaten angeblich nicht mehr zur Verfügung gestanden hätten. Die Fälschung sei angeblich erst am Nachmittag des 11. März 2009 eingestellt worden.

Ehrlich gesagt: diese Mitteilung war keine Überraschung. Denn man hatte nicht nur wegen angeblicher Daten auf dem PC von Tim Kretschmer gelogen, sondern auch noch behauptet, dass zwei Zeugen den Eintrag im Forum und den Chat-Verkehr in der Nacht vor dem Massenmord gesehen bzw. daran teilgenommen hatten.

Wo sind diese Zeugen nun geblieben?

Es war eine doppelte Lüge gewesen. Das kann kein Versehen gewesen sein.

zu 2)
Die Darstellung mit den „Killerspielen“ beweist gar nichts. Zuerst hatte es laut Polizei zudem geheißen, Tim habe am Vorabend etwa zwei Stunden „Far Cry“ gespielt, was wenig später wieder von derselben Polizei dementiert wurde, obwohl diese es gewesen war, die diese (angebliche) Information verbreitet hatte. Schlussendlich soll er zuletzt am 8. März ein Ego-Shooter-Spiel gespielt haben.

Mit anderen Worten: ein exzessiver Spieler schien Tim Kretschmer doch nicht gewesen zu sein. Somit waren zuvor von der Polizei Falschinformationen gestreut worden.

Nachtrag:

Nach Informationen aus der Spieler-Szene aus zweierlei Richtung (mit Screen-Shots als Beleg), hat Tim Kretschmer zwar einen STEAM-Account besessen, doch hat er dieses so gut wie gar nicht in Anspruch genommen.

zu 3)
Sex-Bilder/Pornos: Es ist schwieriger, derartiges auf dem PC eines 17jährigen nicht zu finden als umgekehrt. Seine Eltern hätten sich wohl eher Sorgen machen müssen, wenn sich Tim dafür nicht interessiert hätte. Später hatte es dann geheißen, dass er sich am Vorabend bis rund 0.20 Uhr Pornos angeschaut habe.

Offenbar hatte Tim Kretschmer seine Freude daran gehabt.
Stattdessen wird hier aber etwas ganz anderes deutlich: die polizeiliche Veröffentlichung des Details, dass es sich auch um Bilder von gefesselten Frauen gehandelt habe, lässt den Schluss zu, dass die Polizei bzw. ihre Auftraggeber zu manipulieren versuchten! Denn offensichtlich sollte hier ebenfalls eine belastende Verbindung zu dem Umstand geschaffen werden, dass fast alle Opfer in der Schule weiblich gewesen sind.


zu 4)
Tim Kretschmer war allein schon wegen seines Vaters mit Waffen in gewisser Hinsicht vertraut, hatte selbst mit Softair-Waffen und Paintball gespielt. Mit einer richtigen Waffe allerdings nur dreimal. Im Schützenverein seines Vaters, wo er, Tim, allerdings nur ein passives Mitglied gewesen ist.

Womit sich die Darstellung eines Waffennarrs mit echten Waffen und jene des angeblich geübten Schützen in Luft aufgelöst haben dürfte. Die Darstellung des Michael Veit im TV über einen Schießstand im Haus der Kretschmers konnte von der Polizei auch nicht bestätigt werden. (Zumindest kein „richtiger“ Schießstand. Ein improvisierter kann ja mal irgendwann möglich gewesen sein, es ist durchaus anzunehmen).


zu 5)
Keine Erkenntnisse über Depressionen. Die 5 ambulanten Termine in einer Jugendpsychiatrie in Weinsberg stehen im direkten Zusammenhang mit einem zuvor erhaltenen Musterungsbescheid des Kreiswehrersatzamtes.

Wer nicht zur Bundeswehr eingezogen werden wollte, weiß aus eigener Erfahrung, was überlegt und diskutiert und ggf. unternommen worden ist, um dies zu verhindern.

zu 6)
Liebeskummer: keine polizeilichen Erkenntnisse – laut Polizei.


zu 7)
Mobbing: keine polizeilichen Erkenntnisse, dafür aber Hinweise, dass es sich bei dieser Behauptung um gekaufte Filmware handeln könnte. Laut „Werben und Verkaufen (.de)“ vom 16. März soll den Schülern gegen Cash diktiert worden sein, was sie vor laufender Kamera sagen sollten.

zu 8)
Einzelgänger: keine polizeilichen Erkenntnisse – laut Polizei.


zu 9)

noch im Mai 2009 hatte es in der gemeinsamen Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Stuttgart und der Polizeidirektion Waiblingen geheißen: „Eine Auswertung der Internetaktivität (von Tim Kretschmer) erbrachte Erkenntnisse, dass der Täter in der Vergangenheit zu Amokläufen in den USA an der Columbine-Highschool und in Deutschland am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt recherchiert hatte.“

Da hatte es die „Süddeutsche“ bereits am 13. März 2009 besser gewusst. In diesem Artikel, der sich auf die Winnender Zeitung bezog, hatte Theresia Zurhorst, Lehrerin an der kaufmännischen Schule in Waiblingen für die Fächer Ethik und Deutsch sowie Lehrerin von Tim Kretschmer, erklärt, dass sie der Klasse einen Aufsatz über das Thema „Verschärfung der Waffengesetze, ja oder nein?“ nur wenige Wochen zuvor hatte schreiben lassen. Eine ganze Unterrichtseinheit, so wurde Frau Zurhorst zitiert, habe sie dem Themen-Komplex Computerspiele, Amoklauf in Erfurt und der Reaktion des Staates gewidmet.

Den Behörden war eine derartige Information offenbar völlig gleichgültig.

(Vielen Dank an „Grübel“ für den Hinweis!).

Tim Kretschmer hatte die Albertville-Realschule mit einem ungefähren Schnitt von 3 abgeschlossen, besuchte ein Berufskolleg, war dank seiner wohlhabenden Eltern sozial abgesichert und hatte außerdem wenigstens eine Zukunftsoption mit der Firma des Vaters.

FOCUS, 16. März 2009:

„Karl-Heinz Donner, Geschäftsführer der Privatschule, beschreibt (Tim) Kretschmer als in die Klassengemeinschaft durchaus integrierten Jugendlichen. Er habe des Öfteren erzählt, dass er nach dem Fachabitur studieren und dann in die Firma seines Vaters einsteigen wolle.“

Aber natürlich besagt derartiges auch nichts.

Die Ermittlungsbehörden haben am Ende eingestehen müssen, dass sie absolut kein Motiv für die Tat haben feststellen können.

Allerdings sollte diese Erkenntnis sie in der Folgezeit nicht davon abhalten, obiges immer wieder medial einzustreuen.

Fazit:

Der Leiter der Staatsanwaltschaft Stuttgart, Mahler, hatte zumindest auf der Pressekonferenz vom 12. März 2009 die Fundstücke auf dem PC von Tim wenig spektakulär präsentiert. Bei der ersten Auswertung des Computers von Tim, so hieß es, wären Pornobilder gefunden worden, allerdings nicht in einem ungewöhnlichen Umfang und auch nicht in einer Art, die eine außergewöhnliche Bewertung zulassen würde. Auch das Beschäftigen mit Gewaltspielen, wie es Tim getan habe, würde nicht außergewöhnlich sein, weil dies viele Jugendliche in diesem Alter täten.

Von dieser allerdings kaum verbreiteten moderaten Bewertung blieb in den darauf folgenden Wochen nichts mehr übrig, erst recht nicht bei den Medien.

Die verantwortlichen Behörden sollten nach der Tat in Zusammenarbeit mit den unkritischen und hilfswilligen Massenmedien sehr zügig der Öffentlichkeit ein geeignetes Täterprofil präsentieren. Dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn die Ermittlungsbehörden bei dieser Gelegenheit nicht zu manipulieren versucht („Killerspiel“, „Pornos„, Informationen unterschlagen (Amokläufe als Unterrichtsstoff in der Schule) und in einem Fall nachweislich gleich doppelt gelogen hätten

Es stellt sich für uns die Frage nach dem Grund.

Dieses Bild des angeblichen Täters konnte dann nicht mehr aufrecht erhalten werden, es erwies sich als falsch oder als nichtig.

Ebenso waren bislang die Ermittlungsbehörden nicht in der Lage gewesen, ein Motiv für eine derartige Tat zu finden bzw. festzustellen.

Denn auch wir fragen uns: wenn ein 17jähriger beschließen sollte, getrieben von Hassgefühlen „Amok zu laufen“, auf wen oder was soll sich dieser Hass bezogen haben? Welche Beziehungen gab es hier zwischen Täter und Opfern in der Schule? Warum soll ein 17jähriger in seiner alten Schule morden wollen, wo seine alte Klasse nicht mehr existierte, und dort in zwei Klassen, zu denen er keinen Bezug besaß? Warum dann nicht in seiner aktuellen Klasse auf dem Berufskolleg in Waiblingen? Hass gegenüber alten Lehrern? Die waren definitiv nicht das Ziel.

Es gibt keinen einzigen Hinweis auf eine Beziehungstat.

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Teil 2 - Wendlingen

Zuletzt geändert: 29/04/2016 03:05