24. Prozesstag am Di., 21.12.2010 - Verlesung von Polizeivernehmungen

Rechtlicher Hinweis:

Anonymisierungsangebot


Jede der in diesem Artikel mit vollem Namen genannte Person, die eine Anonymisierung wünscht, möge sich bitte auf dem kurzen Dienstweg mit den Seitenbetreibern in Verbindung setzen.

Es handelt sich hierbei um Mitschriften eines öffentlichen Prozesses und einem entsprechenden öffentlichen Interesse an der Sache an sich.
Mit dem Anonymisierungsangebot erkennen wir jedoch an, dass wir evtl. Persönlichkeitsrechte als vorrangig behandeln und uns auch keinesfalls die im Prozess benannten Abläufe und Zitate zu eigen machen, sondern gerade eben die mögliche Unzulänglichkeit der dort getroffenen Aussagen ausstellen wollen.


Formalitäten


Zunächst ergeht ein Beschluss:

Da die Gutachter Prof. Dr. Haller und Dr. Winckler nach Ansicht der Kammer der Aufklärung dienlich gewesen seien, wird deren Entschädigung aus der Staatskasse gewährt.


Vernehmung der Schülerin Janine Hering, Klasse 9c


Es erfolgt die Verlesung der Vernehmungen von Janine Hering, geb. 01.02.1992, wohnhaft in Winnenden, zunächst vom 11.03.09 um 11:20 Uhr im Kreiskrankenhaus Backnang durch einen Beamten namens Brenner.


(Anmerkung des Verfassers:
Da diese Vernehmungen sehr schnell verlesen werden, kann ich leider nur die Essenzen daraus wiedergeben, eine wörtliche Rede ist aufgrund des hohen Lesetempos nicht möglich gewesen).


Anmerkung des Vernehmungsbeamten:

Die Zeugin wurde mit einem Rettungswagen in die Notaufnahme gebracht und nach der Erstversorgung befragt, dabei brach diese immer wieder in Weinkrämpfe aus.

Die Z. sei Schülerin der Kl. 9c mit dem Klassenlehrer Herrn Wilhelm.

Janine Hering wohne bei ihrer Großmutter mit Familiennamen „Keskutti“.

Es wird eine Telefonnummer verlesen: XXXXXXX/XXXXXXXXX.

Es sei in der 3. Stunde gewesen, im Deutsch-Unterricht, als um 09:30 Uhr der Tim hereinkam.

Janine habe diesen sofort erkannt.

Er habe letztes Jahr seinen Abschluß gemacht.

Bis zur 6. Klasse seien beide zusammen in einer Klasse gewesen, dann sei
Janine nicht versetzt worden.


Die Waffe könne Janine nicht beschreiben.

Den Täter nur wie folgt: dunkle Brille, ca. 1,70 m, kurze, blond-braune Haare.

Es sei dann überall Blut gewesen.

Tim sei rausgegangen und Fr. Braun habe die Türe verschlossen.

Es sei durchs Türblatt geschossen worden und Janine sei am Hals verletzt worden.

Janine habe weitere Schüsse gehört.

Später sei sie von einem Polizisten zum Krankenwagen gebracht worden.


An dieser Stelle wird um 11:35 Uhr die Vernehmung abgebrochen, weil die Patientin zum Röntgen gebracht werde.


Am Mittwoch, den 18.03.09 wird Janine erneut vernommen. Diesmal telefonisch von einem Beamten namens Mohabi.


Es sei die Mutter Andrea Keskutti anwesend.

Die Zeugin wirke emotional sehr angeschlagen.

Janine habe im Klassenzimmer vorne rechts mit der Elena auf dem Boden gesessen.

Sie hätten ca. 1m entfernt vom Waschbecken gesessen.

Die Türe sei zu gewesen.

Es seien dann mehrere Schüsse gefallen und Janine sei hinter dem rechten Ohr getroffen worden.

Janine habe beim Eingang der Stadthalle den xxx gesehen, dessen eiskalter Blick sie an den Blick von Tim erinnert habe während des Schiessens.


Offenbar wurde die Vernehmung hier wieder unterbrochen.


Es folgt eine Tonbandvernehmung der PD Waiblingen vom 19.03.09 durch KHK Mohabi und KOK Kapan.


Janine wird gebeten, nochmals den Ablauf im Klassenzimmer zu schildern.

Es hätte in der 2. Std. eine Mathearbeit gegeben, schon in „dem Zimmer, in dem es dann passiert ist“

In der 3. Stunde habe man Unterricht bei Frau Braun gehabt.

Die Tür sei aufgegangen und Tim sei 1 bis 1,5 Schritte in den Raum getreten.

Er hätte seinen rechten Arm gehoben und angefangen zu schießen.

Janine habe zuerst an einen Abschlußscherz der 10. Klassen gedacht.

Sie habe anfangs nicht realisiert, was da wirklich passiert.

Dann hätten alle geschrien.

Busra und Felix hätten sich beim Computertisch versteckt und Janine wollte auch dort hin.

Sie hätte dabei zur Tür geschaut und den starren und ausdruckslosen Blick von Tim bemerkt.

Dieser aber hätte gar nicht in ihre Richtung geschaut, sondern nach vorne Richtung Pult.

Janine habe dann einen Stuhl als Schutz benutzt.

Die Chantal sei nach vorne auf den Tisch gefallen.

Die Jana hätte sich auf ihrem Stuhl sitzend umgedreht, sie sei mitten in die Stirn getroffen worden.

Die Krissi habe sie nicht gesehen und habe bis dahin nicht gewußt, ob sie eigentlich in der Schule war.

Die Jana habe gezittert, als wenn sie unter Strom stand.

Jana sei dann irgendwie auf den Boden gefallen.

In der Birkmannsweiler Halle habe der Marcel der Janine erzählt, er habe die Jana aufgefangen.

Der Tim sei dann raus und Frau Braun habe die Türe abgeschlossen.

Janine wollte sich eigentlich um die Jana kümmern, doch die Busra habe sie nach vorne gezogen.

Sie habe sich dann um Elena gekümmert, die im Bereich des Waschbeckens saß.

Dort sei auch der Nick gewesen, der am Fuß verletzt war.

Alle hätten große Schmerzen gehabt.

Janine wollte Elenas Arm versorgen und mit einem Schal von Denise verbinden, was aber nicht geklappt hatte.

Sie habe dann einen Stuhl herangezogen, um Elenas Arm daraufzulegen.

Janine hätte ständig weiter Schüsse gehört, die aber weiter weg gewesen seien.

Dann seien die Schüsse wieder näher gekommen und Janine sei am Hals getroffen worden.


Sie hätten dann ihren Standort geändert und sich hinter dem Pult versteckt.

Das Blut an ihrem Hals hätte der Cornelius versucht, mit Papiertüchern abzuwischen.

Der Jan sei neben ihr gewesen und hätte ihr gezeigt, dass er am Bauch getroffen war.

Jan habe sich dann entschuldigt für eine vergangene Auseinandersetzung.

Elena habe gefragt, ob ihr Arm absterben könne.

Janine habe da noch nicht bemerkt, dass Elena auch an der Schulter getroffen war.

Sie habe nur das Loch am Unterarm bemerkt.

Der Felix sei dann aus dem Fenster weg.

Es habe sehr großes Geschrei gegeben.

Jan habe mit seinem Handy den Notruf gewählt.

Die Busra hätte Angst um ihren kleinen Bruder gehabt, der auch auf diese Schule geht.

Janine habe nun die Schüsse wieder weiter weg gehört.

Der Fabian habe gelacht, dann hätten ihn die Mädchen angeschrien, dann habe er Tränen in den Augen gehabt.

Patrick habe dann gefragt, ob der Täter die Türe aufschießen kann.

Der Patrick sei auch verletzt gewesen, das habe aber Janine da noch nicht gesehen.

Frau Braun - so glaubt Janine - hätte ebenfalls die Polizei verständigt.

Frau Braun habe dann die Türe einen Spalt aufgemacht.

Alle hätten aus Angst geschrien, sie solle diese wieder zu machen.

Dann kamen die Schüsse wieder näher und Frau Braun hätte die Türe wieder zu gemacht.


Janine hätte dann mit einem Handy daheim angerufen.

Sie hätte Angst gehabt, der Täter könne wieder zurückkehren.

Vorher hätte Janine ihrem Opa schon eine SMS geschickt.

Sie hätte mitgeteilt, dass ein Amoklauf stattfindet und dass sie den Opa lieb hat.

Dann habe Janine einen Hubschrauber gehört.

Karo habe gezittert und Busra sei beunruhigt gewesen.

Janine habe dann versucht, alle zu beruhigen.

Frau Braun sei in der Mitte des Zimmers gewesen, und dann hätte es an der Türe geklopft.

Frau Braun habe gesagt, alle sollen ruhig sein.

Frau Braun sei von der Klasse gebeten worden, keinesfalls zu öffnen.

Frau Braun sei dann zur Türe hin und habe gehorcht.

Dann wäre die Polizei da gewesen und es seien alle raus.

Busra sei zusammengebrochen und wäre von einem Polizisten gestützt worden.

Krissy sei zusammengeigelt auf dem Boden gelegen und Sanitäter hätten die Jana umgedreht.

Draußen habe Janine 2 abgedeckte Leichen gesehen.

An den Schuhen habe Sie erkannt, dass es Lehrerinnen sind.

Janine sei dann aus Schreck zurück ins Klassenzimmer gegangen, wo sie ein Polizist dann herausgeführt habe.

An der Haupttreppe habe man dann die Rektorin Hahn getroffen.

Die Polizei habe diese gebeten, die Schüler herauszubringen.

Dies habe Frau Hahn abgelehnt mit der Begründung, sie müsse noch die anderen Klassenzimmer aufschließen.


Dann sei Janine zu einem Krankenwagen gebracht worden, wo ihre Personalien aufgenommen wurden.

Danach sei sie zu einem anderen Krankenwagen gebracht worden.

Dort habe sie die „Issy“ gesehen, auf einer Trage liegend mit Halskrause.

Diese sei aus der 10. Klasse „aus dem 3. Stock geflogen“.

Janine habe dann einen Sanitäter gefragt, ob Tim tot sei.

Der Sanitäter habe geantwortet, er wisse nicht, wo der Täter sei, er vermute im Schulgebäude.

Jemand habe die Janine gefragt, ob sie den Täter erkannt habe.

Janine habe geantwortet:

„Ich weiß keinen Namen, aber ich kenne den.“


Man sagte dann, dass es Tim gewesen sein soll, der in der Schule wäre.

Janine:

„Das ist derselbe Tim, den ich kenne. Wir waren in der 5. und 6. gemeinsam in einer Klasse.“


Im Krankenhaus habe Janine dann auch die Busra wieder getroffen.

Beide seien im 1. Stock behandelt worden.

F:

„Wo waren Sie in der Klasse gesessen?“


A:

„Ganz hinten links neben der Busra. Rechts von uns waren Krissy und Chantal. Vor mir die Jana und vor der Busra die Elena.“


F:

„Wann kam der Tim in die Klasse?“


A:

„Die 3. Stunde geht von 09:05 - 09:55 Uhr.

Es waren vielleicht 10 - 15 Minuten Unterricht.“


F:

„Wie oft wurde geschossen?“


A:

„Kann ich nicht sagen. Mein Onkel hat der Oma erzählt, dass so eine Waffe 15-16 Schuss hat.

Deshalb vermute ich, dass so oft geschossen wurde und dann der Tim zum Nachladen raus ist.“


F:

„In welche Richtung wurde geschossen?“


A:

„Weiß nicht genau. Eher im rechten Bereich vielleicht leicht diagonal links.

Nicht Richtung Fenster.

Die Jana wurde ja später getroffen und saß vor mir, also muss er auch nach links geschossen haben.“


F:

„Wie schnell wurde geschossen?“


A:

„Mir kam das vor wie Stunden… Ich weiß ganz genau, wie er langsam den rechten Arm gehoben hat…“


F:

„Können Sie die Waffe beschreiben?“


A:

„Die Waffe kann ich nicht beschreiben. Später habe ich ein Bild in der Zeitung gesehen, und ich denke, so sah die aus.“


F:

„Sie sagten, Jana sei später getroffen worden. In welcher Reihenfolge wurde jemand getroffen?“


A:

„Ich glaube erst Chantal, dann Krissy und Jana später, also als ich und Busra schon nach hinten waren.“


F:

„Als der Täter den Raum verlassen hatte, haben Sie da noch weitere Schüsse gehört?“


A:

„Also bevor er reinkam habe ich nichts gehört, danach weitere Schüsse und Schreie.

Ich weiß aber nicht wie oft. Es gab auch so Schläge, als ob Tische und Bänke umgeworfen wurden.“


F:

„Wieviel Zeit verging, bevor wieder auf die Türe geschossen wurde?“


A:

„Ich weiß nicht genau. Vielleicht 3-4 Minuten. Die Türe war ja noch zu.“


F:

„Komplett zu?“


A:

„Ja.“


F:

„Wo genau haben Sie sich da befunden?“


A:

„Vor dem Waschbecken auf dem Boden. Da haben auch noch Tische zwischen uns und der Türe gestanden.“


F:

„Waren es mehrere Schüsse?“


A:

„Ja, mehrere. Wieviele genau weiß ich nicht mehr.

Ich glaub 1-2 bevor ich getroffen wurde, insgesamt vielleicht 4-5.“


F

„Waren die Schüsse laut, also nah oder eher weiter weg?“


A

„Nicht so laut wie zuvor, aber auch nicht so leise, irgendwie aber schon in der Nähe.“


F:

„Wurde zu diesem Zeitpunkt noch jemand getroffen?“


A:

„Nein.“


F:

„Was haben Sie wahrgenommen, als die Lehrerin die Türe geöffnet hat?“


A:

„Sie hat die Türe einen Spalt aufgemacht, vielleicht 10-15 cm.

Den Kopf hat sie nicht rausgestreckt.

Dann hat sie die Türe wieder zu gemacht.“


F:

„Können Sie den Täter beschreiben?“


A:

„Sein Blick war kalt wie Eis. Von der Statur her so 1- 1,5 Köpfe größer als ich.

3-4 Tage Bart und eine Brille leicht oval und getönt.

Zur Kleidung kann ich nichts sagen. Ich habe dann aber Bilder vom Autohaus gesehen.

Er war so angezogen wie dort.


Ich habe den xxx gesehen.

Der hatte genauso einen eiskalten Blick wie der Tim.“


F:

„Wann haben Sie ihn gesehen?“


A:

„Ich war mit meiner Oma in der Stadthalle. Da stand er davor und hat geraucht.“


F:

„Haben Sie mit ihm gesprochen?“


A:

„Nein.“


F:

„Woher kennen Sie xxx?“


A:

„Wir waren zusammen mit dem Tim in der 5. und 6. Klasse.“


Um 11:35 wird diese Vernehmung beendet.

Aus der Krankenakte wird verlesen:

Schnittverletzungen Hals rechts, fragliche Schussverletzung.



Vernehmung von Fr. Marion Bauer, Lehrerin der Klasse 7b


Nun folgt die Verlesung der Polizeivernehmung von Frau Marion Bauer, geb. 14.08.1971, wohnhaft in Stuttgart.

Vernehmung vom 11.03.09 im Wunnebad durch einen Beamten namens „Männich“ um 10:55 Uhr.


Frau Bauer gibt an, im Raum 311 die Klasse 7b unterrichtet zu haben.

Sie begann ihren Unterricht um 09:10 Uhr.

Kurz danach (!!!) hätte sie mehrere laute „Schläge“ gehört und zunächst an den Hausmeister gedacht.

Es sei so laut gewesen, dass kein Unterricht mehr möglich gewesen sei.

Sie habe sich also entschlossen, draußen nachsehen zu gehen.

Dort sei ihr der Täter entgegengekommen und habe auf sie geschossen.

Das Geschoss sei hinter ihr in die Wand bei Raum 311 eingeschlagen.

Fr. Bauer habe leichte Verletzungen, aber eher Rötungen von den Gipsstückchen aus der Wand an ihrem Rücken erlitten.

Eine medizinische Behandlung habe sie abgelehnt.

Den Täter beschreibt Frau Bauer wie folgt:

dunkle, ovale Hornbrille, graue Jacke, keine Militärjacke, keine Bomberjacke.


Frau Bauer gab an, diese Person nicht gekannt zu haben.

Sie sei in die Klasse zurück, habe abgeschlossen und zum Schutz Tische umwerfen lassen.

Sie habe weitere Schüsse gehört, könne aber nicht sagen aus welcher Richtung.

Dann wollte sie Frau Hahn anrufen und habe im Sekretariat die Frau Franzke erreicht.

Die Waffe beschreibt Fr. Bauer als kleine Waffe, Pistole, kein Gewehr.

Es wird ihr angeraten, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben.

Frau Christine Franzke bestätigt den Anruf von Frau Bauer gegen 09:20 Uhr (!!!)


Die Vernehmung endet nach 10 Minuten um 11.05 Uhr.


Am 16.03.09 wird Frau Bauer erneut vernommen, diesmal in Winnenden, in der Wohnung des Lehrers Wilhelm um 17:20 Uhr.

Sie gab an, 6-7 laute Schläge gehört zu haben, in schneller Folge ohne Pause.

Zunächst habe sie an den Hausmeister gedacht, der etwas repariert.

Frau Bauer habe nochmals intensiv nachgedacht über die Waffe:

Es sei eine Waffe ohne Trommel gewesen.

Es sei eine dunkle Waffe gewesen, keine (!!!) verchromte.

Der Täter habe da gestanden wie ein Polizist auf dem Schießstand.

Beide Arme ausgestreckt und die Beine etwa schulterbreit auseinander.

Er habe ganz ruhig und konzentriert geschossen, ohne Ausdruck.

Fr. Bauer habe sich „an der Hüfte abgeknickt“, um auszuweichen.

Gefragt, ob Sie einen Alarm gehört habe, antwortet sie:

„Nein. Kann sein, dass da einer war, aber ich habe nichts gehört.“


Sonst seien alle anderen leeren Räume abgeschlossen gewesen, also 302-304, ebenso EDV-Raum und Musiksaal.

Gefragt, ob ihr an der Atriumsverglasung etwas aufgefallen sei, antwortete Fr. Bauer, dass Sie darauf nicht geachtet habe.

Zum Telefonieren habe sie das Handy des Schülers Nick Zerrer (laut Schülerliste geb. 03.03.96) benutzt.

Fr. Bauer wurde ebenfalls eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert.



Vernehmung des Schülers Günther Just jun., Klasse 10d


Nun kommt die recht schlanke Vernehmung des Schülers Günther Just jun. zur Verlesung.


Dieser ist der Neffe des erschossenen Franz Just sowie der Sohn des Nebenklägers Günther just sen. und gleichzeitig auch Schüler der Klasse 10d am 11.03.09.

Geboren am 06.08.1992 und wohnhaft in Leutenbach - Weiler zum Stein, wird er am 11.03.09 um 12:30 Uhr von einem KHK Schneider von der Kripo Waiblingen befragt.



Um 09:10 habe der Unterricht bei Herrn Wilhelm angefangen.

Ca. 20 Minuten später hätte er dann so laute Geräusche gehört und jemand hätte noch gescherzt.

„Da macht wohl jemand einen Amoklauf.“


Dann sei die Tür aufgegangen und Günther sagte aus:

„Ein Junge, den ich vom Sehen kenne, stand da“.


Er habe mit einem silbernen Revolver geschossen.

Günther sei daraufhin mit dem Osama zusammen nach vorne zum Pult geflüchtet.

Dann sei der Täter raus und der Lehrer habe die Polizei angerufen.

Dann sei der Täter wieder rein gekommen und habe die Steffi Kleisch erschossen.

Danach sei die Klasse über die Feuerleiter geflüchtet.

Günther sei nicht zum Wunnebad, sondern mit dem Winnie nach Hause.

Dort habe dieser Winnie seine Oma angerufen.

Diese sei gekommen und habe beide Jungen nach Waiblingen zur Polizei gefahren.



F:

„Haben Sie den Täter erkannt?“


A:

„Ja. Der hat an der Schule seinen Abschluß gemacht.

Ich kenne ihn vom Bus her und habe ihn gleich erkannt.

Den Namen wußte ich nicht, aber dann habe ich ihn erfahren. Tim Kretschmann.“


F:

„Hatten Sie Kontakt zu dieser Person?“


A:

„Nein.“


F:

„Können Sie den Täter beschreiben?“


A:

„Dunkle Haare, ca. 1,80m, Brille, kein Bart.“



Die Vernehmung soll angeblich um 13:06 beendet worden sein.


Vernehmung des PHM B., angeblich in Wendlingen verletzter Polizeibeamter


Es folgt nun die Vernehmung des Beamten B. vom Revier Filderstadt, vernommen am 07.05.09 von dem uns schon bekannten KHK Lottmann von der PD Esslingen um 09:40 Uhr.


Der Z. habe um 08.00 Uhr seinen Dienst als Jugendsachbearbeiter angetreten.

Gegen 09:45 erfuhr man auf der Wache von dem Amoklauf und dass es 2 Tote gegeben habe.

Er habe sich mit weiteren Kollegen in den Funkraum begeben, wo man den Funk mitgehört haben will.

Die Zahl der Toten sei schnell auf 9 erhöht worden.

Es sei sofort ein Ringalarm nach dem Täter ausgelöst worden.

Dann habe er den Auftrag bekommen, zusammen mit seiner Kollegin Geiger, die S-Bahn in Leinfelden-Echterdingen zu überwachen.

Es habe eine Täterbeschreibung mit Camouflagehose vorgelegen.

An die Oberbekleidung könne sich der Z. nicht mehr erinnern.

Man habe sich dann Schutzwesten angezogen und sei im Zivilfahrzeug Opel Astra zunächst ohne aufgesetztes Blaulicht nach Echterdingen gefahren, wo man ab ca. 10 Uhr die Auf- und Abgänge der S-Bahn beobachtet haben will.

Unterdessen habe man den Funkkanal Winnenden mitgehört, um aktuelle Infos zu bekommen.

Zudem sei man über ein Diensthandy zu erreichen gewesen.

Die Anzahl der Toten sei nach oben bis auf 12 korrigiert worden.

An eine genaue Zeit könne sich der Z. nicht mehr erinnern, aber zwischen 12 Uhr und 12:30 Uhr soll es gewesen sein, dass man erfahren habe, dass sich bei der Polizei bei Wendlingen eine Geisel gemeldet hätte und der Täter mit dem Fahrzeug der Geisel flüchtig sei.

Man habe nachgefragt, in welche Richtung der Täter gefahren sei, bekam jedoch keine Rückmeldung.

Der Z. habe daraufhin beschlossen, seinen Standort bei der S-Bahn aufzugeben und „nach Wendlingen zu verlagern“.

Der Z. habe das Blaulicht auf das Dach gesetzt und sei über die A8 Richtung Wendlingen gefahren.

Unterdessen sei die Meldung eingetroffen, dass das Fahrzeug Sharan verlassen und der Täter zu Fuß flüchtig sei.

Als der Z. bei Wendlingen die A8 verlassen habe, habe er dann dort an der Seite eine Streife und eine Zivilperson gesehen, von der er angenommen habe, es handele sich um die Geisel.

Über Funk will der Z. erfahren haben, dass der Täter ins IG Wert geflüchtet sei.

Man sei gerade auf der B313 unterwegs gewesen, als die Meldung über Schüsse im Autohaus Hahn gekommen sei.

Man habe dann die B313 an der Ausfahrt Köngen verlassen.

Der Z. habe im Rückspiegel ein weiteres Zivilfahrzeug wahrgenommen, das schneller fahren wollte.

Er habe die Kollegen vorbeigelassen, weil er dachte, diese seien ortskundig, und sei diesen hinterhergefahren.

Der Z. will dann 2 mal links abgebogen sein.

Dann habe ihn ein PHK Kreppel ins Industriegebiet gewunken.

Er sei dann links, anschließend rechts abgebogen und sei zum Autohaus Hahn gelangt.

Dort habe man das Fahrzeug vor der abknickenden Vorfahrt am linken Fahrbahnrand abgestellt.

Man sei das 2. Fahrzeug in dieser Reihe gewesen.

Es habe bereits 1 Hubschrauber über dem Gelände gekreist.

Der Z. habe dann versucht, den Hubschrauber anzufunken, damit man ihn von dort einweise.

Beide (Z. und Kollegin) seien nun ausgestiegen und hätten sich Westen mit Aufschrift „Polizei“ angezogen.

Der Z. hätte den Kollegen POM Garriano/Hilmers zugerufen, sie sollen ebenfalls Westen anziehen.

Diese hätten mit gezogener Waffe hinter ihrem Fahrzeug gestanden, mit Blick Richtung Hahn.

Man habe gerade das weitere Vorgehen absprechen wollen, als der Z. Schüsse wahrgenommen haben will.

Diese seien außerhalb des Autohauses im Verlauf hinten links zu orten gewesen.

Es wären ca. 2-4 Schüsse gewesen.

„Jetzt geht er auf die Kollegen los!“

sei geschrien worden.

Dort hinten hätte die Streife Dürr/Graf gestanden, diese wären

„jetzt in der Bredullie“.


Der Z. habe zu diesem Zeitpunkt nicht gewußt, dass es Dürr/Graf seien, dies habe er erst später erfahren.

Die Entfernung sei zu groß gewesen.

Ihm sei nur klar geworden, dass die Uniformierten dort Hilfe bräuchten.

Der Z. habe keine MP dabeigehabt.

Daher sei hinten rechts der Kollege Metz mit seiner MP eingestiegen.

Dann sei man geradeaus losgefahren, das Blaulicht sei aus gewesen.

Unmittelbar dahinter sei ein weiteres Fahrzeug losgefahren, der Z. vermutet, es sei die Zivilstreife aus Nürtingen gewesen.

Dann sei noch ein Fahrzeug gefolgt.

Nach ca. 50 m habe der Z. bemerkt, dass die Seitenscheibe beschädigt war,

„als ob sie mit einem Hammer eingeschlagen wurde“


Sandra habe gesagt, sie sei von einem Schuß getroffen worden.

Der Z. habe daraufhin das Fahrzeug nach rechts auf den Bordstein

„hinter diesen LKW-Anhänger“

gelenkt.

Der Z. habe daraufhin das Fahrzeug verlassen und der Kollegin herausgeholfen.

Er habe zwar bemerkt, dass sein „Hals etwas kratzt“, sich aber weiter keine Gedanken gemacht.

Er habe dann über Funk durchgegeben

„Kollegin verletzt“.


Dann habe er gehört, dass der Kollege Metz auf dem Rücksitz geschrien hat:

„Lass mich raus!“


Da habe der Z. realisiert, dass ja die Kindersicherung aktiv war.

Er habe den Kollegen befreit, dieser sei mit der Waffe im Anschlag in Deckung gegangen.

In dem Moment habe der Z. nicht gewußt, ob er sich um die Kollegin oder den Täter kümmern soll.

Da habe seine Kollegin gerufen:

„Ich kann nicht mehr!“


Nach ca. 1 Minute sei die Meldung gekommen, dass der Täter tot sei.


F

„Bist Du geradeausgefahren oder hast Du einen Schlenker nach links gemacht?“


A

„Geradeaus. Ich habe nur bemerkt, dass die Scheibe kaputt war.

Den Täter habe ich nicht gesehen.“


F

„Warst Du leicht nach vorne gebeugt?“


A

„Ich war sehr angespannt, sicher war ich etwas nach vorn gebeugt.“


F

„Hast Du noch weitere Schüsse gehört?“


A

„Nein. Den Schuss habe ich auch nicht wahrgenommen. Vielleicht hat das Fahrgeräusch den Schuss überlagert.“


F

„Wie groß war die Entfernung der Streife Nürtingen zu euch?“


A

„Ca. 200m, beim Schuss vielleicht noch 150 - 100m.“

„Ich hatte nicht gewußt, dass es schon einen Täterkontakt gab.

Ich hatte auch nicht gewußt, dass bei Hahn schon 2 Personen getötet wurden.

Wir hatten zwar durchgehend den Funk an, aber es war totales Funkchaos.

Ich habe jeden Standortwechsel durchgegeben.

Ich habe einen Halsdurchschuss erlitten und war 9 Tage stationär in Behandlung.

Heute habe ich noch manchmal Probleme mit den Stimmbändern.

In der rechten Hand hatte ich auch Glassplitter.

Heute gibt es keine Einschränkungen mehr.

Ich bin in psychologischer Betreuung.

Ich war noch nie so nahe am Tod.

Ich leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.“


Ende der Vernehmung um 10:45 Uhr.


Krankenakte:

submentale(?) Durchschussverletzung, Einschuss links, Ausschuss rechts.

Durchmesser 3-4 cm.


Vernehmung der PHMin Sandra Geiger, angeblich in Wendlingen verletzte Polizeibeamtin


Nun noch die Vernehmung der PHMin Sandra Geiger, geb. 28.10.71, geschieden, am 21.04.09 um 09:45 in Echterdingen.


Die Z. gibt an, am 11.03.09 gegen 07:45 Uhr normal zum Dienst erschienen zu sein.

Es sei irgendwann die Durchsage gekommen wegen des Amoklaufs.

Kollege B. und sie hätten sich ins EG in die Wache begeben, wo sie über Funk gehört hätten, dass ein Ringalarm ausgelöst worden sei.

Sie hätten nun den Auftrag bekommen, sich bereit zu machen.

Sie hätten sich Schutzwesten angezogen und seien gegen 10:30 an der S-Bahn in Echterdingen eingetroffen.

Gegen 12 Uhr sei die Meldung aus Wendlingen gekommen.

Man habe sich dann entschlossen, Richtung Wendlingen zu fahren.

Unterwegs kam die Info, der Täter sei ins IG-Wert geflohen.

Dort seien sowohl die Z. als auch der Kollege ortsunkundig gewesen.

Nach 2-3 Querstrassen habe man eine andere Streife überholen lassen, um dieser hinterher zu fahren.

Im Bereich der abknickenden Vorfahrt hätten sich die Kräfte gesammelt.

Es seien noch weitere Kräfte eingetroffen.

Man sei ausgestiegen und habe sich diese Westen angezogen.

Der Kollege habe die anderen Kollegen auch angewiesen, diese anzuziehen.

Es sei ein Hubschrauber in der Luft gewesen.

Der Kollege habe diese Besatzung angefunkt und um Führung gebeten.

Trotz Überlagerungen im Funk schien dies auch angekommen zu sein.

Daraufhin sei es im Funkverkehr allerdings chaotisch zugegangen und man habe wohl nicht mehr funken können bzw. nichts mehr verstanden.

Man habe dann mehrere Schüsse von der Rückseite des Autohauses wahrgenommen.

In Verlängerung von Alu-Ritter sei die Strasse von einer Streife gesperrt gewesen.

Ob die Schüsse aus einer oder mehreren Waffen stammten, kann die Z. nicht angeben.

Irgendjemand - nicht der Kollege B. - habe gesagt, da müsse man jetzt „vorfahren“.

Hinten rechts sei der Kollege Metz mit einer MP eingestiegen.

Dann sei man in Richtung der Streife hinten bei Alu-Ritter gefahren.

Man sei ohne Signal mit nur mäßiger Geschwindigkeit gefahren, da man ja nach dem Täter Ausschau gehalten habe.

Der Z. seien rechts bei Festool Personen aufgefallen, die mit dem Handy gefilmt hätten.

Plötzlich sei sie getroffen gewesen.

Dies sei im Bereich des Hofes von Alu-Ritter gewesen.

Die Z. sei - ebenso wie der Kollege - nicht angeschnallt und leicht nach vorn gebeugt gewesen.

Die Pistole habe sie im Fußraum griffbereit gehabt.

Sie habe einen Durchschuss am linken Mittelfinger und am Unterkiefer erhalten.

Der Kollege sei schräg rechts auf den Gehsteig aufgefahren.

Sie habe sich dann neben das Fahrzeug auf den Boden gesetzt.

Sie hätte sehr strake Schmerzen gehabt und habe ihre Zähne noch vom Boden aufgesammelt, da sie nicht wollte, dass diese dort zurückbleiben.

Die Z. gibt an, sehr stark geblutet zu haben, ihre Kleidung und der Boden seien blutgetränkt (!!!) gewesen.

Später sei sie dann auf einer Trage in den Krankenwagen und von dort aus nach Tübingen gebracht worden.

Im Krankenwagen will die Z. mit dem Handy ihre Mutter angerufen und ihr von den Vorfällen berichtet haben.(!!!)


F

„Wie groß war die Entfernung zwischen euch und der Streife aus Nürtingen?“


A

„ca. 150 - 200m.“


F

„Haben Sie den Täter gesehen?“


A

„Nein, ich habe nur die Schüsse gehört.“


Die Z. gibt unter Tränen Zukunftsängste an. Ihr 8jähriger Sohn sei wegen der Ereignisse beim Traumapsychologen in Behandlung.


Krankenakte:

Stationäre Behandlung vom 11.03. - 20.03.09

Durchschuss Mittelfinger

Unterkieferdurchschuss mit Trümmer-Defektfraktur

Posttraumatische Belastungsstörung


Formalitäten II


Jetzt wird noch die waffen- und sprengstoffrechtliche Verfügung des LRA Rems-Murr vom 23.03.09 gegen Jörg K. verlesen.

Mehrere Seiten schönstes Beamtendeutsch mit 10maliger Wiederholung der Tatsache, dass man Jörg K. nicht mehr für geeignet hält, mit Waffen u.ä. verantwortungsvoll umzugehen.

Daher werden sämtliche Erlaubnisse widerrufen.

Doch nicht nur dies:

Jörg K. darf sich nicht einmal mehr eine Softair oder Böllerpistole (beides erlaubnisfrei!!!) besorgen, denn

es wird ihm untersagt, erlaubnisfreie(!!!) Waffen zu erwerben.


Nun verliest der R. noch 2 Kammerbeschlüsse:


1. Der Widerspruch der Verteidigung vom 16.12.10 gegen die Verwertung der Aussagen der Frau Loy wird zurückgewiesen:

Es handle sich hierbei um zulässig erlangte Angaben.

Das Fragerecht der Verteidigung sei nicht untergraben worden, da die STA dem Legalitätsprinzip verpflichtet sei und daher ein Ermittlungsverfahren einleiten musste.

Tatsächlich habe sich ergeben, dass die Verteidigung keine Fragen an die Zeugin mehr stellen konnte.

Diese Einschränkung des Fragerechts werde bei der Urteilsfindung entsprechend berücksichtigt.


2. Der Widerspruch der Verteidigung gegen die Verwertung der von der STA im Ermittlungsverfahren gegen Frau Loy vorgelegten Unterlagen wird zurückgewiesen.

Auch dies bliebe der Urteilsberatung vorbehalten.


Hiermit endet der 24. Prozesstag.


Rechtlicher Hinweis:

Anonymisierungsangebot


Jede der in diesem Artikel mit vollem Namen genannte Person, die eine Anonymisierung wünscht, möge sich bitte auf dem kurzen Dienstweg mit den Seitenbetreibern in Verbindung setzen.

Es handelt sich hierbei um Mitschriften eines öffentlichen Prozesses und einem entsprechenden öffentlichen Interesse an der Sache an sich.
Mit dem Anonymisierungsangebot erkennen wir jedoch an, dass wir evtl. Persönlichkeitsrechte als vorrangig behandeln und uns auch keinesfalls die im Prozess benannten Abläufe und Zitate zu eigen machen, sondern gerade eben die mögliche Unzulänglichkeit der dort getroffenen Aussagen ausstellen wollen.

Zuletzt geändert: 23/02/2017 02:09