20. Prozesstag am Di., 07.12.2010 - Kretschmar - Brunkow - Zurhorst

Rechtlicher Hinweis:

Anonymisierungsangebot


Jede der in diesem Artikel mit vollem Namen genannte Person, die eine Anonymisierung wünscht, möge sich bitte auf dem kurzen Dienstweg mit den Seitenbetreibern in Verbindung setzen.

Es handelt sich hierbei um Mitschriften eines öffentlichen Prozesses und einem entsprechenden öffentlichen Interesse an der Sache an sich.
Mit dem Anonymisierungsangebot erkennen wir jedoch an, dass wir evtl. Persönlichkeitsrechte als vorrangig behandeln und uns auch keinesfalls die im Prozess benannten Abläufe und Zitate zu eigen machen, sondern gerade eben die mögliche Unzulänglichkeit der dort getroffenen Aussagen ausstellen wollen.


Formalitäten


Zunächst setzt RA Rabe seinen Antrag betreffs Caroline Schneider vom letzten Prozesstag fort und fordert u.a. ein Schmerzensgeld von 15 TSD Euro bei einem Gegenstandswert von 22.500,- Euro.


Der Zeuge Marco Kretschmar über Tim (Klassenkamerad ARS)


Es erscheint nun als Z. der 20jährige Marco Kretschmar, Azubi, nicht verwandt oder verschwägert mit Tim.

Dieser gibt an, vom Gymnasium auf die ARS gewechselt zu sein, in die Klasse 9d.



R

War das Ihr erster Kontakt mit Tim?


Z

Ja. Der 1. Kontakt. Ich habe ihn nie vorher gesehen.


R

Was war das für eine Klasse?


Z

Ganz normal eigentlich so, kann man sagen.


R

Und bestand da ein gefestigter Klassenverband?


Z

Es gab da so kleinere Grüppchen.


R

Und wie beschreiben Sie den Tim?


Z

Er war eher ruhig…ein Einzelgänger….


R

Saßen Sie mit ihm zusammen?


Z

Er war eine Reihe hinter mir.


R

Und haben Sie auch mal gemeinsam Dinge unternommen?


Z

Wir haben Poker gespielt bei ihm und in der Firma.


R

Und wie kam es dazu?


Z

Wir haben für eine Prüfungsvorbereitung zusammengesessen.


R

Wann war diese Prüfungsvorbereitung?


Z

Weiß net mehr genau wann….


R

War das in der 9. Klasse oder etwa schon früher?


Z

Soweit ich mich erinnern kann 9. - 10. Klasse.


R

Bei der Polizei hatten Sie aber angegeben, dass Sie in der „8. und 9. Klasse nur oberflächlichen Kontakt“ hatten. Wieso haben Sie das gesagt?


Z

Das hatte ich halt nicht richtig gewußt…


R

Wissen Sie etwa nicht mehr, wie lange Sie aufs Gymnasium gegangen sind?


Z

So, wie ich es wußte, hab ich es ausgesagt.


R

Aber Sie sind 20 Jahre alt und nicht 60 oder 70?!


Z

Ich meine, es war die neunte, kann aber sein die achte. Wird wohl 2008 gewesen sein, früher auf keinen Fall…ist doch nicht so relevant….


R (erzürnt)

Wenn ich Sie frage, ist das relevant! Ist etwa alles mit Vorbehalt zu behandeln, was Sie sagen? Es ist schon ein Unterschied, ob Sie 3 Jahre auf der ARS waren oder 2!


Z

Weiß es echt nicht mehr….


R

Was für eine Ausbildung machen Sie?


Z

Industriemechaniker.


R

Und bei diesen Treffen für die Prüfungsvorbereitung wurde gepokert?


Z

Ja.


R

Mehr als gelernt?


Z

Teils, teils…


R

Wie oft hat man sich da getroffen?


Z

Genau weiß ich's nicht mehr..schätze mal so 5-6 mal.


R

Und waren da immer alle da?


Z

Kann sein, dass da mal einer gefehlt hat oder so…


R

Hatten Sie mit dem Tim eine engere Freundschaft?


Z

Nicht wirklich…es ging eher ums Lernen und ums Pokern.


R

Und in der Schule? In den Pausen?


Z

Da hat man schon mal das eine oder andere Wort gewechselt.


R

Gab es da einen Unterschied von Tim zuhause und in der Schule?


Z

Zuhause hat der schon mehr gechwätzt als in der Schule.


R

Stand Tim im Mittelpunkt?


Z

Eher abseits.


R

Wieso? War der irgendwie seltsam?


Z

Seltsam nicht wirklich…. Hat halt nicht viel geschwätzt.


R

Hat man sich über den Tim lustig gemacht?


Z

Wurde schon manchmal ein Späßle gemacht, aber nix Schlimmes.


R

Und worüber?


Z

Weiß nicht mehr…so normaler Alltagsspaß oder so….


R

Hat er dann selber Sprüche gemacht oder mitgelacht?


Z

Eher mitgelacht.


R

War Tim isoliert?


Z

Hat halt wenig selber gesagt, aber isoliert nicht.


R

Und wie war das mit Mädchen?


Z

Da war gar nichts.


R

Woran lag's?


Z

War wohl zu schüchtern. Ich hab ihn nie mit Mädchen reden sehen.


R

Hatte der Tim Probleme mit irgendwelchen Lehrern?


Z

Nicht dass ich mitbekommen hätte.


R

Ist Ihnen in Tims Zimmer was aufgefallen?


Z

Ja. Die Softairs.


R

Und hat Sie das interessiert?


Z

Ich hab die halt angeguckt, aber da hatte ich kein wirkliches Interesse dran.


R

Und im Keller? Gab es da einen Raum, wo man sitzen konnte?


Z

Ja, ein Raum mit Tisch, Fernseher und Sofa. Da gab es auch noch andere Räume: Garage, Getränkekeller und Bastelkeller mit Tresor. In dem Bastelkeller waren wir zum Rauchen.


R

Hat der Tim auch geraucht?


Z

Nee.


R

Was haben Sie im Keller gesehen?


Z

Den Tresor, als der Vater uns die Waffen gezeigt hat.


R

War das am Anfang, Mitte oder Ende der Treffen?


Z

Mitte glaub ich.


R

Kannten Sie den Vater?


Z

Der war beim Pokern auch mit dabei und hat auch mitgeraucht.


R

Und wer hat dann was wegen der Waffen gesagt?


Z

Der Tim hat vorgeschlagen, dass wir die Waffen anschauen.


R

Wurde denn vorher schon über die Waffen gesprochen?


Z

Nur über Softairs, sonst eigentlich nicht.


R

Und was für Waffen sollten da gezeigt werden?

Z

Die vom Tresor.


R

Wußten Sie denn, was da für Waffen drin sind?


Z

Nein, nur dass es Waffen sind und dass der Vater im Schützenverein ist - das wurde drin im Raum besprochen.


R

Und der Vater hat dann gesagt, dass er die Waffen zeigt?


Z

Ja, der sagte, er zeigt sie uns.


R

Und wie war das dann ganz konkret?


Z

Also ich bin der Meinung, ich und der Matia waren drin….


R

Und wo waren die anderen?


Z

Weiß nicht genau….


R

Und der Tim?


Z

Der war auch drin.


R

Und wie wurde der Tresor aufgemacht?


Z

Der hat so ne Kombination eingegeben….


R

Was hat er da eingegeben?


Z

Ich glaube, das war auch mit Schlüssel und so ner PIN.


R

Was jetzt?


Z

Beides.


R

Aber Sie haben das schon gesehen?


Z

Nicht, wie er es eingegeben hat, aber ich war schon in dem Raum. Ich meine, da war eine Tastatur.


R

Und wo war das Schloß für den Schlüssel?


Z

So mittig links unten.


R

Wo hatte er den Schlüssel her?


Z

Weiß ich nicht genau.


R

Haben Sie nun gesehen, dass was eingegeben wurde?


Z

Die Zahlenkombi nicht, aber er hat es aufgemacht.


R

Wie kann das sein? Wurden Sie zu irgendwas aufgefordert?


Z

Ich hab nicht hingeguckt, aber wir mussten uns nicht umdrehen.


R

In welchem Abstand standen Sie vom Tresor?


Z

Kann ich mich nicht erinnern.


R

Wir haben jetzt verschiedene Versionen. Sie mussten sich also nicht umdrehen und nicht wegsehen. Sie sagen, dass Sie nicht gesehen haben, wie etwas eingetippt wurde. Sie schließen nicht aus, dass ein Schlüssel benutzt wurde. Wer hat die Tür geöffnet?


Z

Der Vater.


R

Und dann?


Z

Dann hat er jeweils eine Waffe raus. Es waren so 3-4. Eine mit Zielfernrohr, eine kleinere, ein Luftgewehr und noch eine.


R

Kennen Sie sich mit Waffen aus?


Z

Ich weiß nicht, wie man die nennt.


R

Aber Gewehre und Pistolen können Sie unterscheiden?


Z

Ja.


R

Kennen Sie den Unterschied zwischen Pistole und Revolver?


Z

Beim Revolver muss man so Kapseln einsetzen glaub ich…


R

Wie hat die kleinere Waffe ausgesehen?


Z

Weiß ich nicht mehr.


R

War da auch ein Gewehr dabei?


Z

Ja.


R

Und dann?


Z

Haben wir die angeguckt.


R

Wurde auch über Munition geredet?


Z

Hat er uns gezeigt…die stand im Tresor obendrin.


R

Und wie sah die aus?


Z

So kleinere und größere Kapseln in kleinen viereckigen Kisten.


R

Hat er da eine ganze Kiste raus oder die Patronen einzeln raus?


Z

Ich glaub, er hat einzelne raus und uns gezeigt.


R

Wurden die auch rumgegeben?


Z

Ja.


R

Und dann wieder zurück gelegt?


Z

Ja.


R

Wie lange hat das Ganze gedauert?


Z

So 10-15 Minuten.


R

Gab es dann eine Diskussion, weil Sie beeindruckt waren?


Z

Nein.


R

Hatten Sie vorher schonmal eine Waffe in der Hand?


Z

Außer Softair nicht.


R

Und was war dann?


Z

Das wurde zurück gestellt, dann sind wir raus.


R

Und dann haben sie weiter gepokert?


Z

Glaube ja…


R

Hatte Tim eine Lieblingswaffe?


Z

Weiß ich nicht.


R

Gab es da eine spezielle Pistole? Ein spezielles Kaliber?


Z

Das sagt mir nix.


R

Wie bezeichnet man denn ein Kaliber? Da gibt es eine Zahl - eine Längenangabe.


Z

9 Millimeter - oder?


R

Wie kommen Sie darauf?


Z

Hab ich irgendwie gehört…


R

Bei der Polizei haben Sie 2009 von einer 9mm Pistole gesprochen!


Z

Kann mich nicht erinnern. Ich kenne mich da nicht aus.


R

Und Sie haben auch mal in der Firma gepokert?


Z

Der Tim hat mich eingeladen. Es gab Pizza und es wurde gepokert. Ich glaub nur einmal.


R

Wer war da noch dabei?


Z

Weiß ich nicht mehr.


R

Beim Schießen auf die Zielscheibe im Keller - womit wurde da geschossen?


Z

Mit den Softairs aus Tims Zimmer.


Der Z. gibt weiter an, dass nach der Abschlußprüfung der Kontakt mit Tim „so gut wie weg“ war. Wenn man sich mal gesehen habe, sei nur mal „Hallo“ gesagt worden. Wie es mit dem Tim weitergegangen sei, habe der Z. nicht mitbekommen.

Vom Geschehen am 11.03. habe der Z. durch eine SMS von einem Kumpel um ca. 10:30 erfahren. Später erst habe er erfahren, dass Tim erkannt worden sei. Der Z. gibt an, er habe das nicht glauben können, evtl. habe sich jemand „verguckt“. Er konnte sich das nicht vorstellen.

Dem Z. sei nicht bekannt, dass Tim gedemütigt wurde. Einen Kontakt mit Mädchen habe er nicht gesehen.

Er könne sich nicht erklären, wieso Tim nochmal die ARS aufgesucht hätte. Der einzige Grund könne sein, dass er sich dort am besten ausgekannt habe.

Der R. hält dem Z. eine Polizeivernehmung vor, in der dieser noch berichtet hatte, dass „Tim immer gesagt“ habe, dass er den Safecode kennt. Der Z. könne sich nicht mehr erinnern.

Weiter gab der Z. bei der Polizei an, er habe Tim „3 Jahre, von der 8.- 10. Klasse, kennengelernt“.

Als engste Kontakte gab der Z. bei der Polizei „Dustin Schlehauf“ und „Dennis Röhrich“ an. Einen „richtigen“ Freund habe Tim nicht gehabt.

Der R. hält dem Z. weitere Widersprüchlichkeiten aus seinen diversen Polizeivernehmungen vor, u.a., dass er damals mal ausgesagt habe, dass Tim den Tresor geöffnet habe.


Eine Zäsur wird eingeleitet.



STA

Haben Sie mit Matia Scoric oder den anderen seit dem 11.03. gesprochen?


Z

Kurz danach mal, aber eher, warum er das gemacht hat….


STA

Außer der Polizei sonst noch mit jemandem?


Z

Mit dem ganzen Fernsehen…


STA

Und mit Zeitungen?


Z

Nein.



RA Gorka fragt den Z. , ob er damals bei der Polizei gelogen habe, als er am 01.04.09 auf 12 Zeilen umfangreich ausgesagt hatte, dass Tim den Code kenne.
Dieser betont, dass er damals so ausgesagt habe, wie er es noch wußte. RA Gorka zieht daraus das Fazit, dass die Aussagen von damals die verläßlicheren seien.



Prof. Haller:

Haben Sie von den Vernehmungen Ihrer Kollegen gehört? Waren es harte Vernehmungen?


Z

Ich hab mit denen nicht gesprochen, wie es war.


Prof. Haller:

Hatten Sie Angst vor der Vernehmung?


Z

Nein. Ich sag das, was ich weiß.


Der Z. wir nun entlassen.


Formalitäten II


Nun folgt eine Diskussion des R. mit der Verteidigung über die gestellten Attessionsanträge.

Die Verteidigung möchte dazu noch nicht Stellung nehmen, da sie zunächst Kontakt mit einem Zivilrechtler aufnehmen wolle. Dies würde einige Zeit beanspruchen.

Der R. betont, dass es nun nicht ganz einfach sei, mit diesen Ansprüchen umzugehen, weil z.B. Schmerzensgeldforderungen sehr strenge Anforderungen an die Beweisaufnahme stellten und diese dadurch erheblich ausgedehnt würde.

Die Verteidigung gibt an, dass es sich nun um völlig neuen Streitstoff handele. RA Gorka habe alleine schon 15 - 20 Streitpunkte gefunden. Daher sei es nicht vertretbar, innerhalb von 2 Tagen eine Entscheidung zu treffen.

Der R. betont, dass es durch die Abwesenheit des Angeklagten nicht zu einer Verzögerung kommen dürfe.

RA Rabe regt an, im Januar noch weiter zu verhandeln.

Der R. erwidert, dass im Januar mehrere Großverfahren anstünden und es nicht klar sei, wie der Saal 1 belegbar sei. Es sei mit einer Taktverringerung auf 1 mal pro Woche zu rechnen.

Alsdann stellt RA Rabe noch einen Antrag auf Prozesskostenhilfe bezüglich Elena Altmann mit deren Verletzungsverlauf und Krankheitsbild. Gegenstandswert: 30.000,- Euro.


Der Zeuge KOK Brunkow über die Vernehmung des Dennis Röhrich


Nun erscheint der 39jährige KOK Brunkow von der PD Waiblingen als Z.

Er gibt an, dass Dennis R. das erste Mal einen Tag nach der Tat vernommen wurde, nachdem es einen Hinweis gab, dass dieser ein „guter Kumpel“ des Tim gewesen sein soll.
Die Vernehmung sei vom Kollegen Zeller durchgeführt und vom Z. auf Tonband aufgezeichnet worden.
D.R. habe den schulischen Werdegang beschrieben, der bei ihm und Tim seit der 2. Klasse in Weiler gleich gewesen sei.
D.R. habe sich als „bester Freund“ bezeichnet. Man habe von der 7.-10. Klasse einen intensiven Kontakt gehabt und sich nachmittags zu PC-Spielen und zum Fußball getroffen.
Man habe sich bis zu 3 mal pro Woche und auch an Wochenenden getroffen. Nach der ARS sollen sich die Wege allerdings getrennt haben.



R

Wir mussten dem Herrn Röhrich bei seiner Vernehmung viele Vorhaltungen machen, da er große Probleme mit der Erinnerung hatte.
Die Vernehmung vom 12.03. hatte so stattgefunden wie berichtet?


Z

Ja. Das wurde ja auf Tonband aufgenommen.


R

Die Vernehmung trägt keine Unterschrift!?


Z

In unseren Akten ist auch keine.


R

Wie war die Vernehmungssituation damals?


Z

An die 1. kann ich mich erinnern: D.R. war sehr verschüchtert….ich meine irgendwie zurückgeblieben. Wir mussten häufig nachfragen.


R

Und wie war seine Artikulation?


Z

Ganz sicher sehr einfach gestrickt.


R

Wurden ihm Fragen gestellt?


Z

Er hat von sich aus Angaben gemacht, aber man musste immer wieder nachhaken.


R

Softairs waren ja ein breites Thema. Tim habe dem Dennis in der 7. Klasse die Softairwaffe AK 47 gezeigt. Damals sprach er von einem Tresor im Wohnzimmer oder Keller, wo Tim ihm DIE Waffen gezeigt habe. Wir haben versucht zu eruieren, wie das war. War für Sie klar, welche Waffen er meinte?


Z

Echte Waffen, soweit ich mich erinnern kann.


R

Hat er das genauer beschrieben?


Z

Da muss ich nachsehen.


R

Das soll sich im Wohnzimmer im Erdgeschoss zugetragen haben.


Z

Das Thema waren echte Waffen. Er konnte den Ort aber nicht mehr beschreiben… hat auch alles sehr oberflächlich gehalten.
Er ist auf unsere Fragen nicht richtig eingegangen. Es war sehr schwierig. Wir haben alles übernommen, was er gesagt hat.


Der Z. gibt weiter an, dass D.R. den Tim in der Klasse als schüchternen Einzelgänger gesehen habe, der nicht gemobbt wurde.
Es sei jedoch zu normalen Hänseleien unter Jugendlichen gekommen.
Außerhalb des Hauses K. habe es einmal eine Softairschlacht mit mehreren Beteiligten gegeben.



R

Hat er denn bei der 1. Vernehmung angegeben, wo der Tresor genau gewesen sein soll?


Z

Nein. Nur Wohnzimmer oder Keller.


R

Wie war das mit der Pausenaufsicht?


Z

Tim und der Dennis haben öfter Pausenaufsicht gemacht. Das haben wir aus anderen Ermittlungen rausbekommen.
Sie hätten sich freiwillig gemeldet, damit sie in der Kälte nicht im Freien stehen müssten. Somit hatten sie auch Kontakt zu jüngeren Klassen der ARS.


R

Das war aber schon eine Zeit zurück? 5.- 6. Klasse mit einer Armbinde für „Ordner“ ?


Z

Ja.


Der Z. führt weiter aus, D.R. habe angegeben, den Tim ab und an am Bahnhof in Waiblingen gesehen zu haben. Gelegentlich hätte es einen Kontakt gegeben, der jedoch nicht so intensiv gewesen sei. Dennis hätte eher den Kontakt gesucht als der Tim.



R

Das Thema Counterstrike wurde sehr ausführlich behandelt. Hat er da von sich aus erzählt?


Z

Es habe öfters LAN-Partys gegeben in Weiler bei dem Herrn Krauther. Dann hat man aber Dennis immer wieder fragen müssen… von sich aus hat er nicht viel erzählt; die Fragen teilweise nicht beantwortet.


R

Wollte oder konnte er nicht?


Z

Er wollte wohl Tim nicht weiter in den Dreck ziehen, weil er ein guter Freund war, andererseits ist der Dennis sehr einfach gestrickt. Er hat sich da sehr zurückgezogen.


Beisitzender R:

Wurde denn die Art des Tresors - in der Wand, im Schrank oder freistehend - thematisiert?


Z

Nein.


RA Gorka

In der Vernehmung vom 12.03., S. 5 oben gibt Dennis R. 15 Zeilen als Antwort. Kamen die hintereinander oder wurde da Satz für Satz nachgehakt?


Z

Das wurde ja auf Tonband diktiert. Kollege Zeller hat sehr oft nachgefragt. Erst dann wurden die Antworten diktiert.


RA Gorka:

Herr Röhrich soll ja einfach strukturiert sein. Wäre er damals am 12.03. - einen Tag nach der Tat - in der Lage gewesen, eine längere Geschichte zu erfinden oder handelt es sich dabei um eine historische Begebenheit?


Z

Schwer zu sagen. Er war wohl auch geschockt und hat um seinen besten Freund getrauert. Er war sich vorher sicherlich bewußt, was er angibt.


Der Z. gibt auf Nachfrage von RA Gorka weiter an, mit den Kollegen Hofer und Zeller im Hause K. Durchsuchungen durchgeführt zu haben.



Z

Einmal haben ich mit dem Kollegen Hofer weitere CDs mitgenommen und einmal den Keller durchsucht mit dem Kollegen Zeller.


RA Gorka:

War da auch der Herr Feigle dabei?


Z

Nein…nur Hofer und Zeller.


RA Gorka:

Am 12.03. haben Sie dann die Vernehmung des Herrn R. durchgeführt. Vormittags?


Z

Muss ich nachsehen.


RA Gorka:

Welcher Auftrag lag dem zugrunde?


Z

Es gab viele Aufträge…das ist schwierig…die Vernehmung ehemaliger Klassenkameraden.


RA Gorka :

Mit welchem Ziel?


Z

Das Ziel ergibt sich ja aus der Vernehmung.


RA Gorka:

Tim war tot. Das hat man am 12.03. schon gewußt. Das Ermittlungsverfahren war also wegen dieses Verfolgungshindernisses einzustellen. Oder haben Sie gegen den Vater ermittelt?


Z

Nein.


RA Gorka:

Haben Sie wegen Waffen ermittelt?


Z

Nicht gezielt…es ging nur darum, ehemalige Klassenkameraden des Tim zu vernehmen.


RA Gorka:

Aber mit welchem Ziel???


Z (verteidigend)

SICHER NICHT, weil Jörg K. ein Beschuldigter war.


RA Gorka:

Sie wußten, dass Tim tot war. Wußten Sie auch, welche Waffe bei ihm aufgefunden wurde?


Z

Eine Pistole…genau kann ich das nicht mehr sagen. Am Tattag hatten wir noch wenige Infos. Da wurden ja erst die Leichen abtransportiert aus der Schule.


RA Gorka:

Wer hat Ihnen die Aufträge erteilt?


Z

Der Sachbearbeiter der Ermittlungsgruppe, Herr Neumann und jemand von der Landespolizeidirektion…von der Führungsgruppe.
Man hat sich morgens getroffen und eine Spur zugeteilt bekommen.


RA Gorka:

Wann haben Sie erfahren, dass die Waffe von Herrn Kretschmer verschwunden war?


Z

Im Laufe der Zeit erst…es gab da mal eine Besprechung.


RA Gorka:

Und wann war die?


Z

Tut mir leid. Da ist nichts schriftlich niedergelegt.


Der R. geht nun dazwischen. Der Z. sei zum Beweisthema „Vernehmung des Dennis R.“ geladen. Der Sinn dieser Fragen erschließe sich ihm nicht.

RA Gorka betont zum wiederholten Male, dass alles darauf hindeute, dass Jörg K. seit Anbeginn als Beschuldigter geführt wurde, da gegen einen Toten nicht ermittelt werden kann.

Der R. gibt an, dass dieser Umstand evtl. rechtlich gewürdigt werde.



R

Sie geben also Gewähr, dass das, was erhoben wurde, sich so abgespielt hat?


Z

Ja.


Der Z. wird nun entlassen.


Die Zeugin Theresia Zurhorst über Tim (Lehrerin Donner&Kern)


Nun erscheint als Z. Frau Theresia Zurhorst, 50 Jahre, Lehrerin für Deutsch und Ethik bei Donner und Kern.


R

Können Sie sich erinnern, wann Tim dort begann?


Z

Der hat im September 08 angefangen.


R

Und wie lange ging das?


Z

Bis zu dem Tag, bevor er losgezogen ist - die haben in der Aula gespielt, so um 4, halb 5. Ich habe noch kurz überlegt, ob ich mitspielen soll…. Der Tim war immer recht ruhig und zurückgezogen.


R

Und was wurde gespielt?


Z

Karten - ich meine es wurde gepokert….


R

Um Geld?


Z

Nein, um Chips.


R

Gab es irgendwelche Auffälligkeiten?


Z

Überhaupt nicht. Es wurde wie immer laut gelacht, er auch, glaub ich.


Die Z. gibt weiter an, es sei im November des Jahres das Thema „Tod aus Spaß“ im Deutschunterricht behandelt worden, wobei es um das Verbot des Nachbaus von Originalwaffen gegangen sei. Tim habe nur wenige Male im Unterricht überhaupt etwas gesagt. Bei diesem Thema hätten die beiden Jungs - Tim und ein anderer, der im Schützenverein war - eben erzählt, was dort so los sei.



R

Und was hat Tim da gesagt?


Z

Dass man dabei nicht auf Menschen schießen darf und beim Reinigen der Waffen vorsichtig sein müsse.


R

Wurden da Spezialkenntnisse deutlich? War er da anders als sonst?


Z

Im Nachhinein: ja. Er war aber vorher schon besonders… war schwer zu bewegen…. Als ich ihn mal direkt angesprochen habe, sagte er schon mal „Ich möchte nicht!“ Er hat nur wenige Male was gesagt und war super still.


R

War er denn bei dem Waffen-Thema in seinem Element?


Z

Kann man nicht so deutlich sagen, denn der andere Schüler, der auch im Schützenverein war, ist extrovertierter gewesen. Der hat da mehr erzählt.


R

Wurde da vielleicht insgesamt wenig geredet?


Z

Die Gruppe hinten links waren alles sehr stille, spätpubertierende Schüler. Ich glaub', es war Ihnen peinlich und Sie hatten Angst, irgendwie festgelegt zu werden….
Da hat zum Beispiel einer bei der Studienfahrt nach Prag 3 Tage in seinem Hotelzimmer verbracht und hat PC gespielt. Der wollte sich von allem fernhalten und nirgends mitmachen.
Ich habe ja selber Söhne. Bei einem war es auch so, der war auch mal so. Jungs in dieser Phase muss man vorsichtig ansprechen.


R

Sie sind also an Tim gar nicht rangekommen und bis zum Vorgang mit den Waffen war er ruhig?


Z

Er hatte auch nur mäßige Noten und speziell Ethik lebt von der Mitarbeit.


R

Was wissen Sie über das Elternhaus?


Z

Da erschien uns alles ok.


R

Hatten Sie mit den Eltern mal Kontakt?


Z

Ich nicht. An den Elternabend kann ich mich nicht mehr erinnern.


R

Gab es noch weitere schulische Themen mit Bezug zum Geschehen?


Z

Nein, nicht mehr mit Waffen und Amok.


R

Sind Sie da sicher? In der Polizeivernehmung haben Sie noch von Erfurt gesprochen….


Z

Kann ich mich nicht mehr genau erinnern…


R

Sie beschrieben Tim als „verklemmt… bockig… jemand mit 2 Gesichtern“. Haben Sie das 2. gekannt oder vermutet?


Z

Im Nachhinein vermutet.


R

Worauf bezogen Sie „Waffennarr“?


Z

Ja…eh… weil er spontan bei dem Thema zu Wort kam. Er ging mehr aus sich heraus als vorher. Sonst hat er ja fast nie geredet.


R

Haben Sie da eigene Erkenntnisse? Privates usw.?


Z

Nein…ist nur eine Schlußfolgerung.


R

Wissen Sie, wie oft er in den Schützenverein ging?


Z

Nein.


R

Gab es da Auffälligkeiten in Bezug auf Mädchen?


Z

Die Jungs waren immer unter sich.


R

Alle? Oder nur diese spezielle Gruppe?


Z

Ja, die, die mir eher spätpubertär vorkamen.


R

Gab es da nicht gewisse Berührungsängste mit Helena und Sophia?


Z

Ja. Tim hat da mal gesagt „Lassen Sie mich in Ruhe!“.


R

Fühlte er sich da irgendwie erniedrigt im Umgang und wieso?


Z

Weiß ich nicht… die sind halt sehr dominant… redeten sehr viel und zogen viel Aufmerksamkeit auf sich.


R

Die Schule sei „nicht sein 1. Hobby“ gewesen und Hilfe habe er strikt abgelehnt?


Z

Ja.


R

Ist er denn die letzten Tage offener geworden gegenüber früher?


Z

Dass er den Anschluß zur Gruppe überhaupt gefunden hat, fand ich schon positiv. Weil beim Kartenspiel am letzten Nachmittag Lachen und Fröhlichkeit da war, hat es mich noch mehr geschockt.


R

An Ihrer Schule läßt sich also kein Ereignis finden?


Z

Nein.


R

Es soll da zum Amoklauf von Erfurt eine Diskussion zum privaten Waffenbesitz zuhause gegeben haben?


Z

Den Text hab ich mal mit den Schülern gelesen.


R

Am 30.04.09 wurde Ihre Vernehmung von einem Herrn Eisele auf Tonträger aufgenommen.
Sie wurden gefragt, ob das Thema Erfurt „behandelt worden sei“. Sie sagten „Ja. Das wurde Mitte Januar 09 durchgenommen.“
Dann soll es da auch noch diesen Spiegel - Artikel aus 2000 geben, der als Prüfungsaufsatz verwendet wurde.
Hieraus habe sich das Thema Amoklauf von Erfurt ergeben. Ist Ihre Erinnerung heute besser?


Z

Den Spiegel-Artikel und den Prüfungsaufsatz gibt es.


R

Bringen Sie da auch nichts durcheinander?


Z

„Tod aus Spaß“ wurde bei der Vernehmung dazugelegt…


R

Aber es sind schon 2 verschiedene Sachen?


Z (verwundert)

Oh Gott, ich denke ja….


R

Denn im Januar 09 gab es offenbar nochmal das Thema!


Z

Wenn ich es da gesagt hab', muss es wohl stimmen…wenn ich mir nichts zusammenfantasiert habe….(!!!)


R

Tim habe „eine kurze Antwort zu dem Thema“ gegeben - dann war es beendet?


Z

Richtig.


R

Waren Todesstrafe und Suizid im Lehrplan von Bedeutung?


Z

Ja, aber das war Stoff vom BK 2 und wurde noch nicht durchgenommen.


R

Wurde die Tat später in der Schule aufgearbeitet?


Z

Ja, so gut es eben ging.


R

Hatten Sie sehr darunter gelitten, dass Sie da nichts erkannt haben?


Z

Ja, es gab ja auch psychische Betreuung. Ich selber habe mehrfach davon geträumt und Tims Namen gerufen, um ihn aufzuhalten.


Beisitzende R:

Was wissen Sie über die Julia G.?


Z

Tim soll bekannt gewesen sein mit der Jule. Das hat sie mir erzählt.


Beisitzende R:

Und passt das ins Bild?


Z

Nein. Es gibt da viele Dinge, die ich nicht bestätigen kann.


Beisitzende R:

Und wie ordnen Sie das ein?


Z

Ich glaub', die Jule hat sich da reingesteigert. Ich hab die beiden nie zusammen gesehen.


RA Bagin:

Sie sprachen in Ihrer Vernehmung von den Mädchen Helena und Sophia und dass Tim sich erniedrigt gefühlt habe.
Sie verwenden die Worte „des Öfteren“ Was gibt es da für Anhaltspunkte?


Z

Immer dann, wenn die Mädchen sich eingeschaltet haben, hat er das Gesicht verzogen.


Ra Gorka:

Waren Sie von der Tat geschockt?


Z

Ja, dass ich nichts gemerkt habe.


RA Gorka:

Sie kannten den Tim seit September 08 ein halbes Jahr - wußten, dass der Tim mit seinem Vater in den Schützenverein geht und dort geschossen hat. Haben Sie sich denn Sorgen gemacht deswegen?


Z

Kein bisschen.


RA Gorka (feststellend):

Es war also auch für Sie völlig überraschend, obwohl er mit Waffen in Kontakt und im Schützenverein war!


Prof. Haller

Es gibt ja beim Thema Amok 2 Zugangsweisen: Einmal die Sicht des Täters und einmal die Sichtweise der Opfer.
Welche Sichtweise stand in Ihrem Unterricht im Fokus?


Z

Die Sicht, zu vermeiden - also die Sicht der Opfer. Die Struktur des Textes bezog sich auf Vermeidung.


Prof. Haller

Und hatte Tim da eine andere Richtung?


Z

Der hatte da gar kein Interesse gezeigt.


Prof. Haller

In welcher Stimmung war der Tim?


Z

Ich würde sagen pubertär, zurückhaltend und etwas verklemmt.


Prof. Haller

Es ist ja eine brisante Mischung: psychische Auffälligkeiten und Waffen. Mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit muss man unter diesen Umständen mit einem reinen Suizid rechnen. Haben Sie sich diesbezüglich Gedanken gemacht?


Z

Überhaupt nicht… gut… bei so stillen Jugendlichen müsste man immer Angst haben. Ich hätte das aber nicht für möglich gehalten und auch nicht in Verbindung mit einem Schützenverein, weil er dort ja nach sportlichen Regeln geschossen hat, wie jeder andere auch.


OPR Wiczorek

Das Thema Erfurt hatten Sie wann behandelt?


Z

Ich denke nicht nach Januar 09.


OPR Wiczorek

Sollten zu diesen Themen Internetrecherchen durchgeführt werden?


Z

Nein.


RA Bölter

Wieviele Stunden pro Woche hatte Tim bei Ihnen Unterricht?


Z

Ich glaube es waren 5 - 4 mal Deutsch und 1 mal Ethik.


RA Bölter:

Ist Ihnen bekannt, ob Schüler Paintball gespielt haben?


Z

Ich glaube, wenn ja, wäre es erzählt worden.


RAin Spandau:

Wenn Sie gewußt hätten, dass Tim wegen manischer Depressivität in therapeutischer Behandlung war, würden Sie dann bei Ihren Aussagen bleiben?


Z

Das ist eine schwere Frage….


R (helfend)

Ist ja auch eine hypothetische Frage: Sie HABEN es nicht gewußt!


RA Gorka:

Mal anders herum: Wenn Sie gewußt hätten, es war eine Falschdiagnose…hätten Sie sich dann weniger Gedanken gemacht?


Z

Richtig.



Die Z. wir nun entlassen.


Formalitäten III


Nach kurzen formalen Einlässen der Kammer wird noch ein Fax der Kammer an die PD Waiblingen verlesen.
Dies war deshalb nötig geworden, weil die Verteidiger nach Einsicht der vom Gericht angeforderten Spurenakten in diesen Unstimmigkeiten gefunden und in einem Schriftsatz hier eine Klärung gefordert hatten.


1. Es wird nachgefragt, ob die Spur 193 nach der Anforderung der Beiziehung am 21.10.10 nochmals verarbeitet wurde. (Weil nach Ansicht der Verteidigung alles darauf hindeuten würde.)


2. Weshalb die Spuren 12, 13, 14 „systembedingt nicht vergeben wurden“ und wann dies festgestellt worden sei und ob es sich hierbei um Vernehmungen des Angeklagten handele.


Hiermit endet dieser 20. Prozesstag.


Rechtlicher Hinweis:

Anonymisierungsangebot


Jede der in diesem Artikel mit vollem Namen genannte Person, die eine Anonymisierung wünscht, möge sich bitte auf dem kurzen Dienstweg mit den Seitenbetreibern in Verbindung setzen.

Es handelt sich hierbei um Mitschriften eines öffentlichen Prozesses und einem entsprechenden öffentlichen Interesse an der Sache an sich.
Mit dem Anonymisierungsangebot erkennen wir jedoch an, dass wir evtl. Persönlichkeitsrechte als vorrangig behandeln und uns auch keinesfalls die im Prozess benannten Abläufe und Zitate zu eigen machen, sondern gerade eben die mögliche Unzulänglichkeit der dort getroffenen Aussagen ausstellen wollen.

Zuletzt geändert: 15/02/2017 01:10